Friedrich II. (Preußen)-Der Alte Fritz

Friedrich der Große und die Musik Friedrich der Große und Voltaire Friedrich der Grosse als Volkswirt Friedrich der Grosse als Kronprinz Friedrich der Grosse, eine Einleitung


Mit dem Beinamen des Großen begrüßte den jugendlichen Feldherm, als er sieggekrönt aus seinem zweiten Feldzuge heimkehrte, sein dankbares Volk. Aber vor der Nachwelt sollte er sich diesen Namen erst durch sieben furchtbare Kampfesjahre verdienen. Durch sie wurde er für sein Volk erst „der alte Fritz“, durch sie wurde er auch erst für die Welt einer der größten Feldherren aller Zeiten.

Vieles von dem, wofür er unermüdlich seine Führer und Truppen erzog, ist mit ihm dahin gegangen, aber als auf den Feldern von Jena sein ganzes in langer Lebensarbeit gebildetes Instrument zerbrach, da zeigte sich auch, was echt an seinem Werke gewesen, und was für alle Zeiten Bestand haben sollte. Da konnten sich alle jene Männer mit warmem preußischen Herzen und klarem Kopfe, jene Scharnhorst, Gneisenau, Blücher, Yorck und andere, um ihren König scharen und mit ihm an der Wiedergeburt des Heeres arbeiten. Und echt friderizianisch war diese Wiedergeburt. Es war der Geist der Pflichttreue und Hingabe bis zum äußersten, der alle durchdrang, den einst in sechsundvierzig Kriegs- und Friedensjahren, in zwölf gewonnenen Schlachten und unzähligen Gefechten, in der stolzen Unbeugsamkeit nach den schlimmsten Niederlagen der alte Fritz seinem Heere und Volke eingehaucht hatte.

Am 26. Oktober 1740 starb Kaiser Karl VI. ohne männliche Erben, und damit war die Frage der österreichischen Erbschaft aufgerollt. Sofort war der junge König entschlossen, die alten Rechte seines Hauses auf die schlesischen Besitzungen geltend zu machen. Schon am 16. Dezember überschritten seine Truppen die schlesische Grenze. Die Würfel über das Schicksal seines Lebens waren gefallen. Auf zahlreichen Schlachtfeldern hatte das recht eigentlich von seinem Vater geschaffene Heer seine Probe bestanden, aber meist nur in fremden Diensten, noch nicht für große Zwecke des eigenen Staates. Nun sollte es ihm beschieden sein, dem jungen Königreich, auf das die alten Staaten Europas hochmütig herabsahen, eine ebenbürtige Stellung unter ihnen zu erkämpfen.

Der erste Waffengang, bei Mollwitz am 10. April 1741, war ein Sieg, den der junge König der von seinem Vater und dem alten Dessauer unübertrefflich geschulten Infanterie verdankte. Noch fehlte ihm selbst jede Kriegserfahrung, .denn was er in dem tatenlosen Rheinfeldzug 1734 an der Seite des Prinzen Eugen gesehen hatte, konnte ihm nichts von den Lehren des großen Krieges geben. Nur in theoretischen Studien hatte er sich bisher in seinen idyllischen Rheinsberger Tagen eine Grundlage zu verschaffen gesucht. Aber nun bewies er sofort seinen klaren Blick und seine Tatkraft.

„Unsere Infanterie Seindt lauter Cesars, und die Officiers davon lauter Helden, aber die Kavallerie ist nicht wehrt, daß sie der Teufel holet“, so berichtete er über seine erste Schlacht. Und in der Tat, nur die Infanterie war es gewesen, die den Sieg gebracht, dieKavallerie hatte sich stehenden Fußes attak-kieren lassen, war völlig geworfen worden und hatte dadurch lange Zeit das Schicksal des Tages in Frage gestellt. Hier setzte nun Friedrich mit aller Kraft ein, und der französische Marschall Belle-Isle, der im Sommer 1741 im preußischen Lager weilte, fand nicht genug anerkennende Worte für die rastlose Tätigkeit, mit der der junge König von früh bis spät seine Kavallerie übte. So konnte sie sich schon in der zweiten Schlacht bei Chotusitz, am 17. Mai 1742, aufs vortrefflichste bewähren. „Wie Kartenhäuser“, schreibt ein Augenzeuge, „sanken die bewährten österreichischen Reiterregimenter vor ihr hin.“ Der Friede von Breslau brachte dem König nach zwei siegreichen Schlachten den Besitz von Schlesien, aber schon zwei Jahre darauf mußte er ihn aufs neue verteidigen. Er hatte die kurze Friedenszeit trefflich benutzt zur Weiterbildung seiner Offiziere und Truppen, was sich nun aufs glänzendste zeigen sollte. Einen solchen Siegesmörgeü wie den des 4. Juni 1745 bei Hohenfriedeberg hatte die preußische Armee noch nicht gesehen. Nach einem kühnen Nachtmarsch war die verbündete österreichische Armee in wenigen Stunden geschlagen. Da brachte der einzige Siegesritt der Bayreuth-Dragoner Sechsundsechzig feindliche Fahnen und zweitausendfünfhundert Gefangene, und als der König im weiteren Verlaufe des Feldzuges selbst im Morgengrauen des 30. September bei Soor überraschend angegriffen wurde, da bewies er bereits eine seltene Entschlußkraft, indem er mit unglaublicher Schnelligkeit sein Heer ordnete und selbst zum Angriff überging. Nach fünfstündigem harten Ringen war der Feind geworfen. Waren so die preußischen Truppen unter den Augen ihres Königs in vier Schlachten siegreich gewesen, so bewiesen sie sich gleich tapfer auch unter ihrem früheren Schlachtenmeister, dem alten Dessauer, bei Kesselsdorf am 15. Dezember 1745. Der sofort folgende Friede von Dresden bestätigte die Errungenschaften des ersten Krieges.

Überblickt man die Ergebnisse dieser beiden ersten Feldzüge des jungen Königs, so muß man sagen,, daß nie ein. Feldherr vor oder nach ihm es verstanden hat, eine ganze Waffe in den Grundbedingungen ihrer Erfolge so umzugestalten wie Friedrich seine Reiterei. Aber auch seinem ganzen Heere hatte er Vertrauen auf seine Führung einzuflößen vermocht. Der jugendliche Sieger wußte auch gar wohl, daß ihm neue Kämpfe bevorständen, daß ihm der alte Kaiserstaat das Errungene noch nicht ruhig lassen werde; er wußte, daß es nur sein kriegsbereites Heer sei und sein werde, was ihm die Gewähr gebe für dauernden Besitz des Errungenen. So setzte denn auch seine umfassende Tätigkeit für Weiterbildung seines Heeres nach den gewonnenen Erfahrungen sofort nach dem Frieden ein, und nie vor und nach ihm hat ein Herrscher nach großen Erfolgen sein Heer so zielbewußt weiter erzogen wie König Friedrich in den Jahren zwischen dem Zweiten Schlesischen und dem Siebenjährigen Kriege.

Als dann die Wolken sich immer drohender zusammenzogen, da spielte der König selbst „das Prävenire“, um seinen Feinden, ehe sie den Ring um ihn geschmiedet hatten, zuvorzukommen. Zuerst war es ja nur Österreich allein, aber nicht lange dauerte es, und die alten Großmächte Rußland und Frankreich sandten ihre Heere auch gegen ihn, dazu Schweden und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, und bald stand er einer gegen fünf. Es wurde ein Kampf um das Sein oder Nichtsein des preußischen Staates, eine Kraftprobe, wie sie noch nie über ihn gekommen war.

Mit schnellen Schlägen hatte Friedrich seinen Hauptgegner Österreich nieder-zuwerfen gedacht, ehe seine anderen Feinde auftreten könnten. Die Übergabe der Sachsen bei Pirna und der Sieg von Lobositz am 1. Oktober 1756 hatten keine Entscheidung zu bringen vermocht. Von verschiedenen Seiten rückten die preußischen Heere im Frühjahr 1756, ähnlich wie über hundert Jahre später 1866, überraschend in Böhmen ein. Der glänzende Sieg von Prag am 6. Mai 1756 aber brachte auch keine Entscheidung, dagegen hatte er „die Säulen der preußischen Infanterie dahingerafft“, und als Daun zum Entsatz des belagerten Prag heranzog und der König ihm entgegenging, da kam am 18. Juni der Unglückstag von Kolin, die erste Niederlage des Königs. Der Zauber seiner Unbesiegbarkeit war dahin, aber nun zeigte sich auch zum erstenmal seine wirkliche Größe, indem er, ohne zu zögern, sein Heer aus Böhmen zurückführte und seinem neuen Gegner, den Franzosen, entgegenzog. „Wahrlich, dieser König ist groß im Glück, aber größer im Unglück“, konnte bereits in jener Zeit bewundernd der im Lager befindliche englische Gesandte auf dem Rückzüge von Kolin schreiben.

Lange wichen die Franzosen dem König aus, aber endlich überraschte er sie am 5. November 1757 bei Roßbach. Da brauste zum erstenmal der Genius der preußischen Reiterei, der erst sechsunddreißigjährige Seydlitz, mit seinen Geschwadern über sie dahin, und die wie auf dem Exerzierplatz vorrückende Infanterie wetteiferte mit ihnen; In kaum zwei Stunden waren die Franzosen samt den Reichstruppen in wilder Flucht, und der Tag von Roßbach wurde schon damals trotz der schmachvollen Flucht der Reichsarmee als ein nationaler Ehrentag betrachtet.

Ganz Deutschland jubelte über diesen deutschen Sieg über die alten Reichsfeinde, die Franzosen, und selbst auf die besiegten „Reicher“ fiel ein Abglanz des preußischen Ruhmes, dennauchinihrer Heimat freute man sich über Friedrichs Sieg.

Aber der König konnte sich der Siegesfreude nicht, hin geben; schon riefen ihn die Fortschritte der Österreicher in Schlesien wieder in dieses Land, und in dreizehn Tagen legte er mit seinem kleinenHeere vierzig Meilen bis dorthin zurück. Es war das erste Vorspiel seiner späteren Strategie, daß er, kaum mit einem Feinde fertig, sich nach einer andern Seite einem neuen entgegen wenden mußte. Bei Leuthen traf er am Morgen des 5. Dezember seine Gegner, und hier war es, wo er nun sein im Frieden so mühsam eingeübtes Schlachtmittel, die schräge Schlachtordnung, zur glänzendsten Anwendung brachte. Nur ein zuerst vorrückender Flügel der Schlachtlinie sollte den gegenüberstehenden feindlichen mit aller Kraft, womöglich von der Flanke her, anpacken und so die feindliche Schlachtlinie von hier aufrollen, während die übrigen zurückgehaltenen eigenen Truppen dann den Sieg vollenden sollten. Es ist derselbe Grundgedanke, der auch später in größeren Schlachtverhältnissen durch Moltke als Flankenangriff angestrebt und oft glänzend durchgeführt worden ist. „Die Schlacht bei Leuthen ist ein Meisterstück an Bewegungen und Entschlossenheit; sie allein würde genügen, um Friedrich unsterblich zu machen und ihm einen Platz unter den größten Feldherren zu geben“, so hat später Napoleon diesen Sieg beurteilt.

Noch einmal konnte Friedrich nach diesen Siegen den Feldzug des Jahres 1758 mit einer strategischen Offensive eröffnen und den Krieg in Feindesland nach Mähren trägen, aber als dann der große Fehlschlag der Belagerung von Olmütz eintrat, mußte er ihr ein für allemal entsagen und zur strategischen Defensive übergehen. Aber auch diese wollte er nur „im Gewände der Offensive“ führen, d. h. dem nächsten Feinde kühn entgegengehen und ihn angreifen, denn „es gehören Bataillen dazu, um zu decidiren“.

Wie schwer aber haben es ihm dann oft seine Gegner gemacht, sie zu fassen, vor allem der „Zauderer“ Daun. „Die dicke Exzellenz von Kolin“ wollte so oft nicht „ihren Kragen hergeben“, wie der König es ersehnte. Und wie wenig verstanden es seine Unterführer, in seinem Geiste zu handeln. Seine besten Generale hatte der Krieg dahingerafft, und sein eigener Bruder Prinz Heinrich neigte auch einer Kriegführung der Stellungskunst zu. Ihm mußte der König noch 1761 schreiben: „Ich kenne die Kunst nicht, viele Feinde sich vom Halse zu schaffen, ohne sich von dem einen mit Gewalt loszumachen. Ich kenne alle Gefahren der Schlachten; trotzdem können Sie versichert sein, daß ich dem Feinde nie erlauben werde, nach Gefallen mit mir zu verfahren, sondern daß ich im Gegenteil ihn aufsuchen werde, wo ich ihn finde.“

Nach diesen Grundsätzen handelte Friedrich unbeirrt weiter. Auch seine furchtbarste Niederlage, die von Kunersdorf, machte ihn darin nicht wankend. Und so kamen wieder die glänzenden Siegestage von Liegnitz und Torgau 1760.

Endlich erschlafften auch die Kräfte seiner Gegner, und in unangreifbaren Stellungen suchten sie nur den Krieg weiter hinzuziehen. Da brachte das Jahr 1762 den Frieden mit Rußland, schnell ging Friedrich den Österreichern wieder zu Leibe und schlug sie noch einmal bei Burkersdorf. Als dann Prinz Heinrich noch bei Freiberg in Sachsen am 29. Oktober seinen ersten und einzigen Sieg, zugleich den letzten des Krieges, erfocht, da folgten bald die Friedensunterhandlungen, die in Hubertusburg am 15.Februar 1763 dem siebenjährigen Ringen ein Ende setzten.

Selbst nach den glänzenden Erfolgen der ersten beiden Feldzüge war Friedrich immer noch ein werdender Feldherr, als er in den großen Kampf hinauszog. Erst hier, gegenüber den von allen Seiten auf ihn eindringenden Heeren seiner Gegner, wächst er zu seiner vollen Größe heran. Und nicht, daß er seine kühne Strategie und sein taktisches Verfahren der Lage und seinem Gegner anzupassen weiß, macht seine Größe. Nein, seine nie versagende Entschlußkraft auch in den schwersten Lagen ist es, was ihn vor allem zu einem großen Feldherrn macht; es ist die Fähigkeit, die auch ein Moltke an ihm bewunderte, den Entschluß immer bei sich selbst zu finden, „alles aus sich selbst zu nehmen“. Auch er hat fehlgegriffen und sich geirrt, aber seine Entschlossenheit und Standhaftigkeit wuchsen mit den Gefahren, und ein Heer nach Niederlagen wieder zum Siege zu führen, das ist das Größte, was ein Feldherr zu tun vermag. Das hat Friedrich sechs Jahre hindurch immer aufs neue getan, und das sichert ihm auch für immer einen Platz unter den großen Feldherren aller Zeiten.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.
Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.
Im Weltkrieg unbesiegt.
Die Schmach von Versailles und die Republik.