Galileis Werdegang

Galilei und der schiefe Turm zu Pisa.

Vincenzo Galilei, der Vater des berühmten Physikers, war ein florentinischer Patrizier mit einer ungewöhnlich guten wissenschaftlichen Bildung. Es scheint, daß er zumindest zeitweise das Gewerbe eines Tuchhändlers sowie den Beruf eines Musiklehrers ausgeübt hat. Daneben sind von ihm literarische Arbeiten erhalten, die als bedeutsam für die Musikgeschichte bezeichnet werden. Jedenfalls war Vincenzo Galilei keineswegs mit Glücksgütern gesegnet. Sein ältester Sohn Galileo wurde am 18. 2.1564 geboren. Ihm folgte später ein Bruder Michelangelo und drei Schwestern Virginia, Helena und Livia. Die beiden Brüder waren hervorragend musikalisch begabt und Michelangelo wirkte von 1607—31 als Hofmusiker im Dienste des Kurfürsten Maximilian I. zu München. Michelangelos Sohn Vincenzo Alberto war noch 1662 dort als Lautenspieler tätig.

Galileo Galilei hat eine sorgfältige Erziehung genossen, obgleich sich die Armut der Vaters wiederholt störend bemerklich machte. Es war ein Glück, daß Galileo im Kloster Vallombrosa nahe bei Florenz Aufnahme und Unterricht fand. Er lernte dort Dichtkunst und Musik, Zeichnen und praktische Mechanik. Es wird berichtet, daß sich der junge Galilei im Kloster so sehr wohl fühlte, daß er gerne dort geblieben wäre. Der Vater aber wünschte, daß sich sein Sohn dem Studium der Medizin widme. So kam Galileo im 18. Lebensjahr nach Pisa, zum großen Mißvergnügen der Mönche zu. Vallombrosa, die ihren begabten Zögling sehr ungern scheiden sahen.

Über die Kindheit und Jugend des Galileo Galilei sind wir leider nur sehr ungenügend unterrichtet. Vieles von dem, was sein erster Biograph Viviani berichtet, hat sich bei genauer Nachforschung als Irrtum erwiesen. Dabei muß bedacht werden, daß Viviani den großen Physiker erst im Jahre 1639 kennenlernte und sonach vieles von dem, was vielleicht Galilei wirklich selbst erzählt haben mag, durch den verdunkelnden Zeitraum eines halben Jahrhunderts hindurchgeschaut war. So wird beispielsweise von Viviani berichtet, daß der junge Galilei als Student in Pisa in der Domkirche eine in Bewegung geratene Ampel betrachtete und seinen Sinn und Verstand auf die pendelnde Bewegung der Lampe konzentrierte. Er soll gesehen haben, wie die Schwingungen immer kleiner und kleiner wurden, ohne daß dabei die Schwingungsdauer sich verändert hätte. Diese unveränderliche Größe der Schwingungsdauer soll der junge Student an seinem Pulsschlage festgestellt haben. Die Erzählung wird auf das Jahr 1583 verlegt. Emil Wohlwill hat genau nachgewiesen, daß es sich hier um ein historisches Märchen handelt. Von allen von Wohlwill angeführten Gründen heben wir nur den einen hervor: Galilei selbst spricht niemals von seinen Pisaner Beobachtungen.

Die wirtschaftliche Lage des Vaters verschlechterte sich. Vergebens machte dieser ein Gesuch beim Großherzog, um für seinen Sohn ein Stipendium zu erwirken: das Gesuch wurde abgewiesen.

Galilei war zwar sicherlich von frühester Jugend an ein vielversprechender Mensch, aber er scheint nicht im geringsten so geartet gewesen zu sein, daß man ihn als frühreif hätte bezeichnen können. Seine Kollegienhefte aus der Pisaner Studentenzeit sind saubere Reinschriften über die herrschende aristotelische Physik und über das ptolomäische Weltsystem. Nicht einmal ein eingestreutes Fragezeichen oder eine Randbemerkung deuten einen Zweifel oder einen inneren Kampf an. Die Erzählungen Vivianis, denen zufolge schon der Student sich gegen die Lehren des Aristoteles aufgebäumt hätte, müssen als Fabel erklärt werden, gleich dem Bericht von der schwingenden Ampel. Aber dennoch ist sicher, daß Galilei schon als Student Ansätze zu originellen Leistungen zeigte. Er verfaßte eine kleine Schrift über die Bestimmung der Dichte durch Eintauchen in Wasser, die„Bilanzetta“, und er löste verschiedene selbstgestellte Probleme über Schwerpunktsbestimmungen. Die letztere Schrift versandte er an mehrere zu jener Zeit bekannte hervorragende Mathematiker: den Pater Clavius in Rom, Guidubaldo del Monte, an Moletti in Pisa u. a. Damals war er 23 Jahre alt. Wir würden heute seine Leistung als „ganz nett“ bezeichnen. Der mittellose Student suchte Gönner. Indessen blieben die väterlichen Geldsendungen aus und Galileo mußte nach Florenz zurückkehren, ohne eine akademische Würde erlangt zu haben. Er teilt mit Goethe das Schicksal, es nicht einmal zum regulären Doktor gebracht zu haben. In Florenz mag ihn der Vater nicht gerade sehr freundlich empfangen haben. War doch das Umsatteln von der Medizin auf die Mathematik, also von einem Broterwerb auf ein Neigungsstudium, wenig nach dem Wunsch des schwer mit den Sorgen des Alltags ringenden Vincenzo Galilei gewesen. In Florenz setzte Galileo seine Studien eifrig fort.

Indessen hatten seine stummen Werbeschriften doch eine Wirkung ausgeübt. Der Marchese Guidubaldo del Monte in Pesaro bemühte sich für den jungen Mann, den er als einen vielversprechenden Gelehrten kennengelernt hatte. Del Monte ist selbst einer der hervorragendsten Vorläufer und Zeitgenossen des Galilei gewesen. Er war ähnlich wie Benedetti ein Gegner der aristotelischen Lehren und ein Gegner der peripatetischen Schule überhaupt. Del Monte knüpfte an die Mechanik des Archimedes an, ganz so wie es Galilei selbst in seiner Bilanzetta tat. Del Monte, der von 1545 bis 1607 lebte, gab eine italienische Übersetzung des Archimedes heraus und Galilei hat nachher ausdrücklich bekannt, daß er durch Del Monte zu seinen Untersuchungen über die Schwerpunkte angeregt worden sei. Es scheint, daß dieser als Generalinspektor der toskanischen Festungen mit Galilei schon frühzeitig in Berührung gekommen ist. Der feinsinnige Mann vermochte im Jahre 1589 seinem Schützling Galilei eine Professur in Pisa zu verschaffen. Freilich war es eine armselige Anstellung, indessen mag es wohl für den Vater ein Trost gewesen sein, seinen Sohn noch wenigstens am Anfang einer ehrenvollen Laufbahn zu sehen.

Der junge Dozent erhielt 60 Skudi jährlich, was man mit etwa 600 Mark heutiger Kaufkraft bewerten kann. So wenig man heute mit 50 Mark im Monat ein angenehmes Leben führen kann, oder gar ein standesgemäßes, ebensowenig war das damals der Fall. Galilei hatte in Pisa schwer mit den Sorgen des täglichen Lebens zu kämpfen. Auch jetzt noch sehen wir nichts Übermenschliches in dem jungen Pisaner Dozenten. Im Jahre 1590 schreibt er einen Kommentar zum Almagest des Ptolomaeus. Nichts deutet auf den großen kommenden Reformator der Physik hin. Der schon erwähnte Maz-zone, ein Freund des Vaters Vincenzo Galilei, ist um die gleiche Zeit in Pisa Lehrer. Galilei, der ohne Zweifel von seinem Vater die Anregung empfangen hat, sich von dem älteren Kollegen Belehrung zu holen, debattiert und spricht viel mit Mazzone. Dieser seinerseits verweist Galilei auf das Studium Benedettis und des Philiponos. In diese Zeit verlegt der Bericht Vivianis die berühmten Fallversuche am schiefen Turm zu Pisa. Der schiefe Turm zu Pisa eignet sich naturgemäß ausgezeichnet zur Vornahme von öffentlichen Fallversuchen. Der Tradition zufolge fanden diese im Jahre 1590 statt. Galilei soll dabei gezeigt haben, daß alle Körper gleich schnell fallen, ob sie schwer oder leicht seien. „Trotzdem,“ sagt Rosenberger in seiner Geschichte der Physik,

„hatten die Versuche nicht den gewünschten Erfolg. Die peripatetischen Kollegen vertrauten Aristoteles mehr als der Naturbeobachtung. Sie ignorierten die Bemühungen des Anfängers oder sie wiesen auf kleine Fehler in den Beobachtungsergebnissen hin, um ihre peripatetische Dynamik zu konservieren. Schließlich empfingen die Anhänger des alten Schlendrians ihren Gegner mit Pfeifen und als Galilei noch, mehr aufrichtig als klug, eine Baggermaschine des Johanns von Medici, eines natürlichen Sohnes von Cosimo I., Großherzog von Toskana, ungünstig beurteilt hatte, war es Zeit für ihn sich zu entfernen, wenn er nicht entfernt werden wollte“.

Dazu ist folgendes zu sagen. Die berühmten Fallversuche am schiefen Turm zu Pisa sind tatsächlich von Galilei niemals gemacht worden. Auch für die andere eben angedeutete Angelegenheit ergab sich nach den genauen Untersuchungen von Wohlwill kein Anhaltspunkt. Aber der schiefe Turm zu Pisa ist für uns ein Symbol des galileischen Lebens. Schon zu seinen Lebzeiten, noch mehr in den Jahrhunderten nach ihm bil-

dete sich eine Gloriole um das Haupt des Märtyrers. Das ungeheure Ansehen und der nachhaltige Erfolg, den Galilei bei den Zeitgenossen und den Nachfahren errang, beruht zu einem nicht geringen Teil auf Illusion. Wie diese Illusion, die natürlich nur neben den tatsächlichen Verdiensten wirksam werden kann, sich entwickelt, soll hier angedeutet werden, ohne daß wir uns dabei allzusehr in die Frage nach dem Werdegang des Genies im allgemeinen vertiefen wollen.

Wer eine neue Wahrheit findet, kann sie entweder für sich behalten, oder aber er kann, um Ruhm, Ehre, Erfolg und äußeres Ansehen zu erlangen, sie seinen Zeitgenossen mitteilen. Die Wirkung einer derartigen Mitteilung ist nun außerordentlich verschieden. Sie hängt von einer Reihe von Nebenumständen ab, die an und für sich mit dem wissenschaftlichen Fortschritt, um den es sich handelt, in keiner Weise Zusammenhängen. In erster Linie kommen die allgemeinen Zeitverhältnisse, namentlich das, was man als „Strömung der Zeit“ bezeichnen könnte, in Betracht. Des Galilei „Sternenbote“ vom Jahre 1610 traf eine aufgeregte nervöse Zeit (Gegenreformation und Inquisition in vollem „Betrieb“; Vorabend des 30jährigen Krieges; moderne Strömungen) und schlug wie eine Bombe ein. Nicht anders als etwa „Werthers Leiden“ oder Spenglers „Untergang des Abendlandes“ zu ihrer Zeit es taten. Es braucht für den Menschen des 20. Jahrhunderts wohl nicht viel Worte, um die Richtigkeit und Wichtigkeit dieser zeitgenössischen Stimmung für die Bewertung einer Leistung zu begreifen.

Weiter kommt aber noch die Art und Weise der Darstellung hinzu. Man kann eine sehr wichtige Sache so darstellen, daß kaum irgend jemand die Tragweite des Gedankens begreift. Man kann aber auch, umgekehrt, unbedeutende Fragen in geistreicher oder dialektisch kunstvoller Weise so aufkrempeln, daß der Leser den Eindruck hat: hier liegt eine epochemachende Entdeckung vor. Die mehr oder minder große schriftstellerische Begabung, die bei der Darstellung des Werkes zutage tritt, spielt erfahrungsgemäß eine recht bedeutende Rolle bei dem „Sich-Bahn-Brechen“ des Genies. Gerade in dieser Hinsicht hat nun Galileo Galilei als einer der damaligen Meister des italienischen Stils einen ungeheuren Vorsprung vor seinen zeitgenössischen Konkurrenten wie Benedetti in Turin, Baliani in Genua u. a. gehabt. Galilei ist eben nicht bloß ein hervorragender Wissenschaftler, sondern er ist auch der glänzendste Schriftsteller jener Zeit. Außer diesen beiden für den Durchbruch eines Genies bedeutsamen Umständen, die wir gewissermaßen als „rationale“ bezeichnen können, kommt noch ein Faktor hinzu, den wir um seiner Unsicherheit willen einen irrationalen nennen müssen: es ist jenes Erlebnis oder Ereignis, das gleich einem blinden Zufall wie eine Auslösung ins Leben des Genies tritt. Eine Auslösung, die bestehende Hemmungen zum Verschwinden bringt und die das „Bahnbrechen“ erzeugt. Ein besonderer Fall dieser Auslösung ist das, was man im gewöhnlichen Leben Protektion nennt. Protektion kann natürlich ebensogut einen Würdigen wie einen Unwürdigen fördern und sie ist darum nicht als etwas anderes zu betrachten, als die sonstigen Schicksale, die uns beherrschen.

Oft genug ist dieser entscheidende Akt, der dem Genie zum Durchbruch verhilft, für unsere menschliche Betrachtungsweise nichts anderes als ein blinder Zufall. Rekonstruieren wir ihn für den Fall Galilei, so kommen wir etwa zu folgendem Bilde. Der junge Student geht eines Tages in der Umgebung von Pisa spazieren. Er trifft einen Offizier, der die alten Festungsanlagen inspiziert. Student und Offizier geraten ins Gespräch. Man kommt auf den „Schwerpunkt“ zu sprechen. Del Monte ist darin bewandert, Galilei ist sehr interessiert. Der ältere Mann findet an dem liebenswürdigen und heiteren jungen Galilei Gefallen. Eine flüchtige Begegnung, ein anregendes Gespräch von einer halben Stunde entscheidet hier den Lauf des Schicksals: Del Monte macht seinen Schützling zum Professor der Mathematik in Pisa.

Und dann, als er sieht daß die florentinische Universität für den von ihm hochgeschätzten jungen Gelehrten zu wenig Spielraum hat, tut er ein weiteres: er schreibt seinem Bruder, dem Kardinal del Monte, der mit einflußreichen venezianischen Kreisen in Verbindung steht. Die Protektion hat Erfolg. Galileo Galilei reist, um sich den venezianischen Behörden vorzustellen, nach der Lagunenstadt. Alle Wege sind ihm geebnet. Er wird empfangen, als ob er schon ein berühmter Mann wäre —-und soll doch erst einer werden! — Er erhält die Professur der Mathematik in Padua, ein unerhörter und glänzender Beginn. Nicht wenige mögen den jungen florentinischen Edelmann um diese gute Leiter beneidet haben. Das war im Jahre 1592. Leider hat der Vater Vincenzo Galilei diesen Umschwung nicht erlebt, er starb schon 1591.

Wir gedenken wieder des irrationalen Faktors im Werdegang des Genies. Hier war das was man „Glück“ nennt, einem genialen Mann hold, dem Stern Italiens, einem überragenden Geist. Wieviele Genies sind aber den Völkern verlorengegangen, weil die Auslösung fehlte — wie viele Galileis mögen allein dem glänzend begabten italienischen Volk in jenen Zeiten verlorengegangen sein, da nur eine dünne Oberschicht teilnahm am kulturellen Leben und gleichwohl der Mutationen schaffende Zeitgeist offenbar hochwertige Menschen erzeugte? Galilei ist sehr knapp am Tuchhandel vorbeigegangen, den auch sein Vater, der sehr begabte Vincenzo, ausüben mußte, da ihn das Lautenspiel allein nicht ernährte. Und mehr noch: da alle Kraft aus der Scholle stammt — vom Volk der Bauern —- das Genie aber zu seiner genetischen Vorbereitung mehrerer Generationen bedarf: wieviel herrliche Anlage mag in die finstere Zeit nach Galilei gefallen und in den Kutten der Mönche verkümmert sein — wie wenige Männer haben ihr Padua finden können!

Freilich war die Stellung in Padua zunächst auch nicht viel einträglicher als die in Pisa. Aber Galilei hatte in Padua, das damals etwa 5000 Studenten zählte, die Möglichkeit nach Belieben Privatunterricht zu geben und Zöglinge in sein Haus aufzunehnen. Auch zeigte sich, daß Padua ein günstigerer Boden für das Lehrtalent Galileis war als Pisa. Der florentinische Gelehrte, dem kraft der ungewöhnlichen Empfehlungen auch in Padua der Weg mit Teppichen belegt wurde, hatte sofort ungeheuren Zulauf und zuletzt, so wird berichtet, war kein Saal groß .genug für die Zahl der Zuhörer und ihrer sollen oft 2000 gewesen sein !*) Wir sehen wie sich die Legendenbildung über das historische Leben Galileis lagert, wie ihm die Nachwelt, ja schon die Mitwelt der späteren Lebensjahre Großes und Ungeheures andichtet und wie man es mit Verehrung und Inbrunst nacherzählt. Der schiefe Turm tritt immer wieder in Galileis Leben, wenn wir es vom 20. Jahrhundert aus betrachten, in Erscheinung. So sehr ist der Meister in den 300 Jahren, die zwischen ihm und uns liegen, vergöttert worden, daß es eine mühevolle Arbeit kostet, der Wahrheit die Ehre geben zu können. Außerdem ist es natürlich eine sehr wenig beliebte und gar nicht angesehene Arbeit, wenn man den Nymbus zerstört, der einen Helden umgibt.

*) Auch für die einzelnen Vorträge über die Nova von 1604 kann man an solche Zahlen nicht glauben. Es mögen damals 1000 Studenten versammelt gewesen sein, nach der Entdeckung der Jupitermonde 1610 vielleicht 1200, für mehr kann man keinen Raum in Padua nachweisenl

Die Menschen haben zu allen Zeiten Sehnsucht nach Heldenverehrung gehabt. Ein Schriftsteller, der wie etwa Emil Ludwig, die Menschen, die er beschreibt, als heldische, als halbgöttliche Wesen hinzustellen vermag, die mit dämonischer oder anderweitiger Kraft auf die Mitwelt einwirken, findet immer Anklang. Ein Mann aber, der etwa wie Emil Wohlwill ein ganzes Leben lang sich beschäftigt, die schönen Märchen zu zerstören, die Dutzende vor ihm ersonnen haben, findet kaum Beachtung und noch weniger Anerkennung. Dafür also ist uns der „schiefe Turm“ das Symbol, daß unser Held in der üblich gewordenen Betrachtung gar oft mit einem Nymbus umkleidet ist, für den kein realer Nachweis erbracht werden kann.

Galilei verlebte 18 Jahre in Padua. Er hat selbst später bekannt, daß dies die glücklichsten Jahre seines Lebens gewesen waren und der Biograph kann dem nur beipflichten. Die ersten 10 Jahre seines Daseins verbrachte er in Pisa, häufig vom Vater getrennt, der zwischenhinein gelegentlich nach Florenz verzog. Vom 10. bis 17. Lebensjahr war Galileo in der Familie und im Kloster Vallombrosa. Vom 17. bis zum 20. Lebensjahr sehen wir ihn in Pisa als Studenten. Dann lebte er 5 Jahre wieder bei den Seinen in Florenz, wo er in inniger Liebe namentlich seinen Schwestern und seinem Bruder zugetan, sonst aber ein nicht ganz erwünschter Esser im kargen Hause ist. Nachher ist er 3 Jahre lang Mathematiker in Pisa, wo er auch kaum jemals zuviel gegessen haben mag. Endlich in seinem 28. Lebensjahre, früh genug, um noch alle in ihm schlummernden Kräfte entwickeln zu können, erreicht ihn die Wende. Erfindet in Padua genau das, was er braucht: ein Feld für seine Kräfte und genügend Einnahmen, um sowohl ein gut bürgerliches, als auch gelegentlich ein sehr flottes Leben führen zu können. Und er tut beides. Er arbeitet an den Wochentagen und fährt an den Sonntagen hinüber, um in der Beherrscherin der Adria, damals das Paris Italiens, einige vergnügte Stunden zu verleben. Der junge Professor war eine elegante schlanke Erscheinung, wenngleich er in den ersten Zeiten im weltmännischen Verkehr ein wenig hinter den Venezianern nachstehen mochte. Er fand bald Freunde und offenbar auch Freundinnen. Er liebte, wie ein frömmelnder Schriftsteller berichtet, das schöne Geschlecht mehr als recht war. Wir wollen ihm daraus mitnichten einen Vorwurf machen. Er liebte auch den guten Wein in den venezianischen Wirtsstuben und mehr als einmal gab er die Kunst seines Lautenschlagens zum besten. Noch viele Jahre später erinnerten ihn gelegentlich vertraute Freunde jener Zeiten an die schönen Tage von Venedig, wo sie in einer gewissen Schenke am Canal Grande lustig gewesen seien.

Noch 1613, als sich über Galilei bereits das römische Unwetter zusammenzog, schreibt ein Freund an ihn:

„Ich sitze hier im bewußten Kasino am Canal Grande mit Herrn Traian Boccalino, dem würdigen Vertreter des Parnaso und wir stoßen oft, oft auf das Wohl von Euer Hochwohlgeboren an, daher Sie sich in letzter Zeit unbedingt einer vortrefflichen Gesundheit erfreuen müssen, denn das Anstoßen geschieht vom Herzen“.

Und 1617 schreibt ein anderer Freund von den vielen Gläsern gekühlten Liqueurs, die in „suo casino“ auf das Wohl Galileis getrunken würden.

Aus Venedig stammte auch seine ihm nicht kirchlich angetraute Gemahlin Marina Gamba, die ihm drei Kinder gebar. Wir wissen nicht genau, warum er sie nicht geheiratet hat. Einige Biographen berichten, daß sie aus edlem Geschlechte gewesen sei. Das können wir nicht glauben, sonst hätte sich die Mutter Galileis, die ziemlich zanksüchtige Witwe des Vincenzo, nicht so sehr der Heirat widersetzt.

Unserer Meinung nach fallen alle bedeutenden Entdeckungen und geistigen Konzeptionen Galileis in seine Paduaner Zeit, da er die Epoche vom 28. bis zum 46. Lebensjahr durchlebte. Es ist eine allgemeine fast ausnahmslos gültige Erfahrung, daß wer immer Großes und Originelles schafft, damit nichts anderes leistet, als daß er etwas zur Ausführung bringt, was ihm angeboren ist. Dieses Angeborene kommt meist früh zu klarem Bewußtsein, häufig schon in einem Alter, da der Gebrauch der Vernunft einsetzt, also zur Zeit der Geschlechtsreife und in den darauffolgenden Jahren. Alles spätere ist Entwicklung aus diesem Komplex heraus, der in das Jünglingsalter fällt, ist Ausarbeitung und Umarbeitung. Freilich kann es viele Jahre dauern, ehe die Saat reift, und im Falle unseres Galilei haben sicherlich die unglücklichen äußeren Lebensverhältnisse in Florenz und Pisa verhindert, daß die Auslösung eher stattfand.

Ohne uns darauf einzulassen, dies an einer Anzahl von Beispielen nachzuweisen, wollen wir eines genauer verfolgen. Wir stellen die Frage: wann hat Galilei sein erstes berühmtes Fallgesetz gefunden, nämlich die Erkenntnis, daß alle Körper gleich schnell fallen, unabhängig von ihrem Gewicht? — Im Jahre 1604 schreibt er, als 40jähriger, an seinen Freund Sagredo in Venedig: er habe nun das Grundprinzip gefunden, aus dem sich die Fallgesetze ableiten ließen, nämlich die Erkenntnis, daß die Geschwindigkeit beim freien Fall im Verhältnis des Weges wachse! — Das war ein Irrtum, den er erst 3 Jahre später erkannte: die Geschwindigkeit wächst im Verhältnis der Zeit! — Es ist dies eine Angelegenheit, die auch heute noch jedem gebildeten Laien Kopfzerbrechen machen könnte! In diesem Jahre, alsc 1607, hat Galilei als 43jähriger Mann die Wahrheit erfaßt. Aber noch nicht die ganze: denn die besondere Natur des Körpers schien ihm den Fallvorgang spezifisch zu beeinflussen. Es mag sein, daß er Experimente über diese Frage angestellt hat, allein weder in Pisa noch in Padua waren es öffentliche Experimente und überdies war das, was diese Experimente hätten zeigen können, bereits bekannt. So hat Stevin (1548—1620) schon im Jahre 1590 folgendes Beispiel gebracht: Wenn ein Ziegelstein mit einer bestimmten Geschwindigkeit fällt, so liegt kein Anlaß vor, zu glauben, daß 10 Ziegelsteine zehnmal so schnell fallen. Denkt man sich zunächst die Ziegelsteine aufeinandergelegt, ohne daß sie miteinander verbunden sind und läßt man sie in diesem Zustand fallen, so ist klar, daß jeder Ziegelstein für sich fällt und einer so schnell wie der andere. Denkt man sich weiter die Steine durch Fäden, die gewichtslos sind, miteinander verknüpft, so ist nicht einzusehen, warum durch diese Verknüpfung am Fallvorgang irgend etwas geändert werden sollte. Das gleiche Beispiel bringt Galilei viele Jahre später in seinem „Discorsi“: wenn ein Reiter von einer Stadt in die andere eine bestimmte Zeit braucht, so werden 3 Reiter eben die gleiche Zeit brauchen und nicht etwa ein Drittel der Zeit! —

Mehr als diese Überlegungen, die ja auch schon bei Benedetti vorliegen, lehren können, läßt sich auch aus den Versuchen nicht entnehmen. Die Frage blieb: welcher gesetzmäßige Zusammenhang zwischen Weg, Geschwindigkeit und Zeit beim freien Fall gilt? — Die erwähnte erste Annahme, die Geschwindigkeit wachse mit dem Weg, führt, da die Geschwindigkeit selber das Verhältnis vom Weg zur Zeit ist, zu einem unmöglichen Ergebnis. In moderner Ausdrucksweise folgt hierauf nämlich, daß der beim freien Fall durchlaufene Weg eine Exponential-Funktion der Zeit sein müsse, woraus unter anderm zu folgern ist, daß unter diesen Umständen schon für unendlich kleine Zeiten ein endlicher Weg da sein muß. Galilei, der übrigens gar kein genialer mathematischer Denker war, hat denn auch Jahre gebraucht, ehe er die Unrichtigkeit dieser Annahme erkannte. Er steht darin in keiner Weise Kepler nach, der sich jahrelang bemühte, bei seinen Planetenbahnen den wahren Zusammenhang zwischen Umlaufszeit und Entfernung von der Sonne herauszufinden.

Die erste Nachricht über Fallversuche am schiefen Turm zu Pisa stammt von Giorgio Coresio aus dem Jahre 1612. Dieser Peripatetiker berichtet ausführlich über seine Erfahrungen dabei. Es muß aber ein Unstern am schiefen Turm hängen — denn der verblendete Aristoteliker findet die Sätze des alten griechischen Weisen bestätigt und glaubt danach, die von Benedetti behauptete neuere Auffassung widerlegt zu haben! — Was uns an dieser Sache besonders interessiert, das ist: erstens gedenkt der Pisaner Philosoph mit keinem Wort der angeblichen Fallversuche Galileis am gleichen schiefen Turm, obschon er Galilei erwähnt, dessen Priorität in dieser Sache er bestreitet und Mazzone zuschiebt. Zweitens geht auch Galilei in einer Erwiderung (Brief an einen Freund) zwar auf die Sache ein, erwähnt aber ebenfalls mit keinem Wort seine eigenen angeblichen Versuche am schiefen Turm!

Sein ganzes Leben lang forscht Galilei den Grundlagen nach, aus denen sich alle Erscheinungen beim freien Fall erklären lassen. Es ist entwicklungsgeschicht-lich bemerkenswert, zuzusehen, wie sich der große Italiener um 1602 bemüht, den Nachweis zu führen, daß beim freien Fall von gleicher Höhe herab aber auf verschiedenen schiefen Ebenen sich die Fallzeitcn geradeso verhalten wie die Längen dieser schiefen Ebenen. Heute muß jeder Realschüler von 17 Jahren die Richtigkeit des Satzes beweisen können. Sehr interessant ist, wie bei Galilei der Trägheitssatz aus einem Grenzübergang folgt: je geringer die Neigung der schiefen Ebene, desto langsamer vermehrt sich beim Fallen die Geschwindigkeit. Also wird eine gar nicht geneigte, d. h. eine wagrechte Ebene gar keine Geschwindigkeitsvermehrung erzeugen, der Körper bewegt sich dann nur mit jenei Geschwindigkeit, die er sonstwoher hat und er behält diese Geschwindigkeit der Größe und Richtung nach bei. Letztere Folgerung scheint schon das ganze Prinzip zu umfassen. Galilei kam aber erst spät zu dieser Erkenntnis und er begriff sie nur für wagrechte Bewegungen.

Galilei findet, daß der fallende Körper längs eines gebrochenen Linienzuges A—B—C rascher fällt als wenn er nur den letzten Teil B—C fallen würde. Das stimmt, obgleich es damals (1602) aus der Annahme abgeleitet war, die Geschwindigkeit wachse wie der Weg. Dann findet Galilei den Satz, daß der Fall längs des Kreisbogens rascher ist als auf irgendwelchen Sehnen A—B—C und auch rascher als auf dem kürzesten Weg A—C.

Dies war ein Irrtum, der erst ein Jahrhundert nachher aufgeklärt wurde: die Cykloide gibt die kürzeste Fallzeit.

Padua war in jenen Zeiten eine der angesehensten Universitäten Europas. Die von uns schon erwähnte weitgehende religiöse Toleranz brachte es mit sich, daß nicht nur ein buntgemischtes Studentenvolk die Hörsäle belegte, sondern auch unter den Professoren sich selbständige Geister entwickeln konnten. So lehrte beispielsweise der berühmte Pomponatius um 1516 in Padua die menschliche Seele als sterblich zu betrachten und zu Galileis Zeiten durfte Caesar Cremonini es wagen, der römischen Inquisition unter dem Schutze der Republik Venedig zu trotzen. Cremonini hatte die Lehre des Aristoteles, daß das Universum ewig sei, als Wahrheit vorgetragen. Die Scholastiker pflegten aber mit Rücksicht auf die biblische Lehre vom jüngsten Tag die Endlichkeit der Welt als bewiesen hinzustellen. Cremonini gab in diesem Punkt auch einer ernsten Mahnung von Rom nicht nach und die Republik beschützte ihn, ja sie bewilligte ihm unmittelbar nach diesem Konflikt eine erhebliche Gehaltserhöhung. Wir führen diesen Cremonini nicht etwa deswegen an, weil er ein Freidenker und Vorläufer Galileis gewesen wäre — das war durchaus nicht. Er war ein gemütlicher Herr, der als Verkörperung der beschränkten aber doch abgeklärten und gelegentlich vornehmen Gesinnung seines Staates in diesem Zeitalter gelten kann. An ihn hat sich auch Galilei wenden können, als er einen Bürgen brauchte, um einen Vorschuß auf seinen Gehalt zu beziehen. Philosophie und Mathematik waren in Padua wie überhaupt in jenen Zeiten fast überall durchaus nicht wichtige Lehrgegenstände. Als solche galten vielmehr nächst der Theologie nur Jus und Medizin. Auch das zwanzigste Jahrhundert ist über diesen Standpunkt noch nicht hinaus, wenn man die fabrikmäßige Herstellung des Oberlehrertyps auf unseren Universitäten beiseite läßt. Galilei erhielt in Padua zunächst 185 Gulden jährlich, während zu gleicher Zeit der erste Mediziner, nämlich Girolamo Fabrizio ab Aquapendente, 2000 Gulden erhielt. Das ist ein Verhältnis von 9 Prozent. Galileis Gehalt stieg dann bis zum Jahre 1606 auf 520 Gulden, was einem Betrag von 1800 Mark der gegenwärtigen Kaufkraft entspricht. Man muß aber bedenken, daß sich seine Verpflichtungen nur auf 2 Stunden wöchentlich beliefen. Alle anderen Vorträge konnte er als Privatunterricht sich von den Studenten direkt bezahlen lassen. Zudem nahm er der Sitte jener Zeit entsprechend vornehme Jünglinge zu sich ins Haus und gab ihnen für gute Bezahlung Unterkunft und Verpflegung. Er stellte auch jedem der es wünschte das Horoskop, und wir können sein gesamtes Einkommen in der späteren Paduaner Zeit auf etwa 2000 Gulden schätzen.

Er hatte allerdings nicht nur für seine Frau und die drei Kinder die sie ihm schenkte zu sorgen, sondern auch für die Mutter, eine Schwester und einen Bruder. Man begreift daher, daß er, der doch persönlich noch Ansprüche ans Leben stellte und gelegentlich wohl auch in Venedig viel Geld brauchte, eigentlich ständig in Verlegenheit war.

Weiter erwähnen wir noch, daß der philosophische Kollege Galileis in Padua, Giuseppe Moletti, Vorlesungen über Bewegungslehre hielt, wobei er die von Philiponos und Benedetti vertretenen Anschauungen über den freien Fall als richtig hinstellte. Man darf sonach annehmen, daß Galilei, wenn er um jene Zeit in seinen Vorlesungen den Satz aufgestellt hätte: „Alle Körper fallen gleich schnell, wie schwer oder wie leicht sie auch seien“, keineswegs etwas unerhörtes behauptet hätte. Vermutlich hat er aber nur im engsten Kreise der Vertrauten über seine eigenen Forschungen gesprochen. Im übrigen hielt er sich, obgleich im Herzen Kopernikaner, doch an die üblichen Vorlesungsthemen und Lehrmethoden. Daß er bereits vor 1600 von der Richtigkeit des kopernikanischen Systems überzeugt war, wissen wir aus einem Brief, den er an Kepler im Jahre 1597 schrieb. Im übrigen aber hat er sich bis zum Jahre 1609 in keiner Weise mit praktischer Astronomie beschäftigt.

Fragen wir nach den wissenschaftlichen Leistungen Galileis in den 18 Jahren des Arbeitens und Genießens zu Padua. Die Antwort ist durchaus nicht leicht zu geben. Während sein Vorgänger Zabarella etwa 18 Bücher über Logik und ungefähr 30 Bücher über „Die natürlichen Dinge“ geschrieben hat, können wir von Galilei aus den Lebensjahren, in denen andere Wissenschaftler am heftigsten produzieren, beinahe gar nichts melden. Es gibt nur Entwürfe zu Manuskripten, die offenbar für den Unterricht bestimmt waren, wie beispielsweise die Schrift: „Delle Machine“ ungefähr aus dem Jahre 1594. Dann eine giftige Verteidigungsschrift wegen der Erfindung des „Proportionalzirkels“ gegen Balthasar Capra vom Jahre 1607. Man weiß, daß er im Jahre 1609 an einer „Wurflehre“ sowie auch an den Fallgesetzen arbeitete. Auch über die Festigkeitslehre sowie über militärisch-mathematische Fragen finden sich Aufzeichnungen. Es scheint, daß die aufreibende Arbeit der zahlreichen Privatstunden, die er zur Aufrechterhaltung seines großen Haushaltes geben mußte, ihn verhinderten, mit Konsequenz an einem bestimmten Problem bis zum Abschluß zu arbeiten.

So wurde Galileo Galilei 45 Jahre alt. Sein Ruhm war groß als Lehrer, als gefeierter Professor. Die ungewöhnliche pädagogische Begabung die er beim Unterricht bewies, die gefällige und unterhaltsame Methode, wie er den sprödesten Stoff durch heitere Bemerkung oder praktische Nutzanwendung verdaulich und angenehm gestaltete, sicherten ihm nicht nur einen ungewöhnlichen Erfolg, sondern sie eroberten ihm auch die Herzen seiner Hörer. Ein großer Teil der Forscher, die im späteren Alter seine Zeitgenossen waren, hatte einst in Padua zu seinen Füßen gesessen. So erwarb sich der seltene Mann Freunde in Italien, Frankreich, Holland und Deutschland, die seinen Ruhm in ganz Europa verbreiteten. Außer dem französischen Edelmann Peiresc, der später für Galilei sehr wirksam tätig war, erwähnen wir jene beiden Gestalten, die der Meister selbst in seinen Werken verewigt hat: Giovanni Franzesco Sagredo aus Venedig und Filipo Salviati aus Florenz. Aber auch außerhalb des Kreises der Schüler erwarb sich der liebenswürdige und scharfsinnige Mathematiker Freunde. Wir erwähnten schon die Professoren Fabricio und Cremonini in Padua, müssen aber noch zwei sehr bedeutende venetianische Priester anführen: Paolo Sarpi und Fra Fulgenzio Micanzio. Der erstere war Staatstheologe in Venedig, der zweite sein Freund und Nachfolger. Sarpi war außerordentlich gelehrt. Wäre er nicht aus einem vornehmen venetianischen Patriziergeschlecht gewesen, so hätte er sicher die akademische Laufbahn ergriffen. Damals aber hatte der Lehrerberuf auch in seiner akademischen Schattierung einen Stich ins Unvornehme, und dies mag wohl der Grund gewesen sein, warum Sarpi sich für Theologie und Diplomatie entschied. Sein Biograph (Micanzio) schreibt ihm sehr bedeutsame wissenschaftliche Leistungen, unter anderem auch die selbständige Erfindung des Fernrohres zu.*) Was daran stimmt, können wir heute nicht mehr entscheiden, sicher aber ist, daß Sarpi ein liberaler Mann war, der die Interessen der Republik Venedig auch gegen über dem päpstlichen Stuhl zu vertreten verstand.

*) Sarpis eigene zahlreiche Aufzeichnungen und Notizen sind verlorengegangen.

Als nämlich um politischer Streitigkeiten willen der Papst das Interdikt über die Republik verhängte, verbot der venetianische Senat den Priestern, sich an das Interdikt zu kehren. Alle gehorchten, nur die Jesuiten nicht, die sofort aufhörten Messe zu lesen, Beichte zu hören, das Abendmahl abzuhalten. Daraufhin wurden alle Jesuiten in einer Nacht über die Grenze gebracht. Galilei, der sich in jener Nacht gerade in Venedig aufhielt, schreibt darüber seinem Bruder Michelangelo:

„Über diese Austreibung werden die venetianischen Damen sehr wenig erfreut sein, da bei ihnen die Väter der Gesellschaft Jesu sehr beliebt sind.“

Jedenfalls war die Curie klug genug, das Interdikt bald aufzuheben, aber Paolo Sarpi, der über den Vatikan triumphiert hatte, war seither „der böse Mann“ für Rom. Beispielsweise wurden später dem Galilei seine innige Freundschaft und sein Briefwechsel mit Paolo Sarpi übel angekreidet.

Das Ruhmesjahr 1610. (Fernrohr.)

Wie jeder große Mensch seine kritische Epoche der inneren Auslösung hat und seinen entscheidenden Moment der Wende, da seine Lebensbahn nach aufwärts steigt, so gibt es in jedem begnadeten Menschenleben einen Zeitpunkt, da Kraft und Licht am hellsten strahlen. Das Genie steht dann auf der Höhe seiner suggestiven Macht, es verknüpft sich damit in der Regel eine mehr oder minder große Berühmtheit, die aber nicht immer in jenem Zeitpunkt einsetzt, wo das wirklich überlebende große Werk geschaffen wurde. Beispielsweise wurde Kepler nach 1596 durch seine Spekulationen über Planetendistanzen und reguläre Körper berühmt. Wir Heutigen schätzen den frommen Mann wegen seiner einer viel späteren Zeit angehörenden, nach ihm benannten „Planetengesetze“. Newton anderseits wurde durch seine Arbeit über Farbe und Licht zu einer europäischen Berühmtheit und in diesem Beispiel stimmt das Urteil der Nachwelt mit dem der Zeitgenossen überein. Galilei aber wurde durch das Fernrohr berühmt, und durch die Beobachtungen, die er damit am Himmel zu machen das Glück hatte. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch Europa, daß der Paduaner Mathematiker wundervolle Neuheiten am Himmel entdeckt hätte. In Italien war man stolz auf diesen Landsmann, der den Ruhm der ungeeinten Nation bei den Männern „jenseits der Berge“ so sichtbar hob. Im Licht des 20. Jahrhunderts betrachtet sind aber jenes Galileische Fernrohr und die damit entschleierten kosmischen Wunder wenig wichtige Stationen im Werdegang der Abendländer — denn wir wissen, daß Fernrohr und Himmelswunder auch ohne Galilei den genau gleichen Gang gegangen wären — vielleicht um höchstens zwei Jahrzehnte verspätet! —

Im Sommer des Jahres 1609 wurden in Oberitalien die holländischen Fernrohre verkauft, die, wie es scheint, im Jahre zuvor in Holland erfunden worden waren.

Man hatte der Regierung in Venedig ein Fernrohr für 1000 Zechinen angeboten. Der Preis schien hoch und die Signoria beauftragte Sarpi mit der Prüfung des Instrumentes. Auf diese Weise mag die Angelegenheit Galilei zur Kenntnis gebracht worden sein. Obgleich der Mathematiker zu Padua sich bisher kaum jemals mit Optik befaßt hatte, so war es ihm als einem gelehrten und geschickten Manne doch ein geringes, nach dem Anblick des Instrumentes oder auch nur nach einer Beschreibung selbst ein solches „Cannocchiale“ zu konstruieren. Dabei hatte er den besonderen Vorteil, daß er über das vortreffliche venetianische Glas verfügen konnte. Man darf annehmen, daß er das Instrument binnen wenigen Tagen fertig hatte. Glaslinsen aller Art waren ja bei den Brillenmachern in Venedig erhältlich und theoretische Anweisungen über die Möglichkeit, mit Hilfe von zwei Linsen das Ferne nah zu sehen, hat schon der Neapolitaner Porta 1591 gegeben.

Am 21. August 1609 zeigte Galilei sieben venetiani-schen Patriziern, die mit ihm den Campanile von San Marco bestiegen, „die Wunder und merkwürdigen Wirkungen des Fernrohres“. — „Hielt man das Rohr an das eine Auge und schloß das andere, so sah man bis nach Treviso, und man erkannte die Fassade der Kirche von S. Giustina in Padua. Bei der Kirche von S. Gia-como in Murano konnte man die heraustretenden Personen erkennen. Diese und viele andere staunenswerte Einzelheiten“ berichtet uns die Chronik des Prokurators Antonio Priuli.

Drei Tage darnach überreichte Galilei sein Fernrohr der Signoria von Venedig als Geschenk. Offenbar war dies zwischen ihm und Sarpi so vereinbart worden. In einem Begleitschreiben an Leonardo Donato, den Dogen von Venedig, spricht der Professor der Republik in ziemlich hochtönenden Worten zum Regenten. Er habe, so sagt Galilei, nicht nur seiner Aufgabe als Mathematiklehrer genügen wollen, sondern er wollte auch noch „durch eine nützliche und bedeutungsvolle Erfindung der Regierung der Republik einen außergewöhnlichen Vorteil verschaffen“. Soweit könnte man das Schreiben als harmlose Übertreibung ansehen. Weiter meint aber Galilei, er habe die Konstruktion seines Augenglases den tiefsten theoretischen Erwägungen der Optik entnommen — und er bringe mit dem vorliegenden Geschenk als Frucht der Wissenschaft dar, was er seit 17 Jahren in Padua lehre. Das ist gelinde gesagt, zu stark übertrieben, und es stimmt schon gar nicht mit Galileis eigenen späteren Erzählungen überein, denen zufolge er auf die Nachricht von der Erfindung des Fernrohres durch Nachdenken und Ausprobieren in einer einzigen Nacht das Fernrohr selbständig erfunden habe! So lautet der 1623 im „Saggiatore“ gegebene Bericht.

Heute wissen wir, daß die Regierung vonVenedig ganz so wie im Jahre zuvor die Generalstaaten der Meinung waren, die Erfindung würde sich geheimhalten lassen können und sie würde für die Schiffahrt und namentlich die Kriegführung zur See von größter Bedeutung werden. Galilei erhielt lebenslängliche Bestätigung seiner Stellung und Erhöhung des Gehaltes auf 1000 Gulden. Aber schon wenige Tage nach diesem großen Erfolg begann man in Venedig davon zu sprechen, daß der schlaue Florentiner die Signoria an der Nase herum geführt hätte, indem er als seine Erfindung ausgebe, was schon seit längerer Zeit in Holland und Frankreich bekannt sei. Doch nicht nur dies, sondern der Umstand, daß man das Fernrohr in den Straßen Venedigs bald nachher für wenige Zechinen kaufen konnte, ließ ein starkes Mißtrauen gegen die Ehrlichkeit Galileis aufkommen. „Jeder Brillenmacher behauptet, er selber hätte das Fernrohr erfunden und jeder macht es auch selber“ heißt es in einem Briefe des Toskanischen Konsuls in Venedig, Giovanni Bartolo. „Ein Franzose“, fährt Bartolo fort, „verkauft die Occhiali zu 3 und 4 Zechinen und auch zu zweien, je nach der Vollkommenheit. Die aus Bergkristall sind teurer und dieser Franzose behauptet seines sei das wahre Geheimnis, ähnlich dem des Galilei oder besser.“

Emil Wohlwill, der das Leben Galileis in seinem zweibändigen Werk aufs genaueste schildert, hat auch diese Angelegenheit erschöpfend aufgehellt. Es mag wohl gerade die etwas peinliche Fernrohrangelegenheit sein, um derentwillen der Biograph Galileis zu Keplern schielt, an dessen Bild „kein Makel“ hänge. Wir unserseits wollen Galilei keineswegs beschuldigen. Zu allen Zeiten haben die Gelehrten mit ihrer Gelehrsamkeit selten anders gehandelt als die Kaufleute mit ihrer Ware: sie haben alles nach Kräften persönlich verwertet, und wo es irgend angängig war, die Gedanken eines anderen ohne Nennung dieses anderen als Frucht des eigenen Denkens hinzustellen — da tat man es und tut man es noch heute häufig genug. Das hat Galilei getan, Newton und hundert andere bis auf Helmholtz, der Robert Mayer zu zitieren vergaß. Gerade von diesem kühlen Standpnukt einer „neuen Sachlichkeit“ aus werden wir Galileis Vorgehen weder als ungewöhnlich noch als unmoralisch*) bezeichnen können. Es ist eben das Hinübertragen des Kampfes ums tägliche Brot in das Leben des Gelehrten.

Nur sehr wenige Gelehrte bilden, wie z. B. Kepler, eine rühmliche Ausnahme von dieser Regel. Außerdem ist zu beachten, daß ja die unbewußten Entlehnungen viel umfangreicher sind, bedeutungsvoller und geradezu unvermeidlich. Wirklich originelle, nie dagewesene und nie angedeutete Gedanken hat weder Galilei noch Kepler oder Newton gehabt, auch nicht Einstein oder Planck in neuerer Zeit. In dieser Hinsicht sind besonders Galilei und Newton als Vertreter eines genialen Typs zu nennen, dessen Stärke gar nicht in der Originalität liegt, sondern in der genialen Verarbeitung jener Gedanken, mit denen das Zeitalter schwanger geht. In Newtons Kopf flössen Anregungen zusammen, die von Hooke, Stevin, Galilei, Kepler, Gassendi und Huygens stammten und die bei jedem einzelnen von diesen nur gelegentliche Apercus waren. Man denke etwa an den Gedanken der kosmisch wirksamen Schwere.

*) Was alle tun, ist nicht unmoralisch, auch wenn es als häßlich anzusehen ist!

Das Fernrohr spielt im Leben Galileis eine entscheidende Rolle. Es ermöglicht ihm die Erfüllung seines Herzenswunsches, als Hofphilosoph nach Florenz zu kommen. Es verschafft ihm binnen wenigen Wochen europäischen Ruhm. Aber es ist auch der Auslöser jener dramatischen Konflikte mit dem römischen Stuhl, die die letzten 12 Jahre seines Lebens mit Bitternis und Gram erfüllen sollten.

Wir dürfen uns das Galileische Fernrohr nicht als etwas sehr großartiges vorstellen. Da war noch kein Stativ, keine Winkelmeßvorrichtung und kein Fadenkreuz vorhanden. Das Fernrohr war nichts weiter als eine sonderbare Brille und damit hängt es auch zusammen, daß man mit diesem Instrument zunächst nur irdische Dinge betrachtete und keineswegs auf den Gedanken kam, das Sehrohr auf den Himmel zu richten. Galilei selbst hat drei Monate mit dem von ihm erfundenen Fernrohr experimentiert ehe er das bewaffnete Auge zum Himmel wendete. — Bei einem Besuch in Florenz wird die erste Beobachtung des Mondes gemeldet, und diese Mitteilung eröffnet eine neue Epoche in der Astronomie. „Der Mond ist ein der Erde durchaus ähnlicher Körper“, meldet Galilei. Freilich hat das schon Plutarch gewußt und ausgesprochen. Giordano Bruno hält den Mond ohne weiteres für bewohnbar und er beschreibt, wie die Erde, wenn man sich von ihr entfernt, sich immer mehr verkleinert und schließlich zu einer strahlenden Scheibe wird, wobei die Gewässer hell und das Land dunkel erscheinen. Das letztere ist ein merkwürdiger Irrtum des großen Bruno und beweist, daß auch die kühnsten Denker jener Zeit nicht imstande waren, die einfachsten Experimente selber anzustellen oder die alltäglichsten Erfahrungen vorurteilslos auszulegen, denn das Land erscheint natürlich hell und das Meer dunkel. — Auch Gilbert, der die erste Mondkarte schon vor Erfindung des Fernrohres herstellte, und Kepler waren von der Erdähnlichkeit des Mondes fest überzeugt. Galilei aber war der erste Sterbliche, der die Berge und Krater, die Höhlen und Schluchten auf dem Monde mit Hilfe des Fernrohres wirklich sah. Er konnte aus scharfsinnigen Betrachtungen sogar die Höhe der Mondberge auf 4 Meilen (30 km) berechnen. Das schwache aschfarbene Licht, das vor und nach Neumond neben der stark leuchtenden Sichel zu sehen ist und das Galilei schon seit langem als reflektiertes Erdenlicht angesehen hatte, glaubte Galilei nunmehr mit voller Bestimmtheit so deuten zu können. Das hat freilich vor ihm schon Mästlin gesagt. Galilei hält den Mond für den kleineren Bruder der Erde und setzt ausführlich auseinander, wie der Mondbewohner die wechselnden Lichtgestalten der Erde sieht. An dieser Stelle findet sich in dem Bericht Galileis, auf den wir gleich zu sprechen kommen werden, das erste offene Wort für Kopemikus:

„Die Erde ist ein Planet und nicht der Bodensatz der Welt, das werden wir in unserem ,System der Welt“ mit Beweisen und natürlichen Gründen bekräftigen“.

Dieses „System der Welt“ erschien erst 22 Jahre später. Am Abend des 6. Januar 1610 richtete Galilei sein Rohr auf den Jupiter. Dabei sah er zwei kleine Sterne im Osten und einen im Westen, die zusammen mit dem Planeten selbst nahe auf einer Geraden und zwar ungefähr parallel zur Ekliptik lagen. Am 8. Januar standen alle drei Sterne westlich, er nahm also an, daß sich der Jupiter nach Osten bewegt habe, daß er nicht „rückläufig“ sei, wie die Kalender für jene Zeit an-gaben, sondern „rechtläufig“. Am 11. Januar war sich der große Mann darüber klar, daß er eine epochale Entdeckung gemacht hatte: es waren keine Fixsterne, die sich nahe beim Jupiter zeigten, sondern „drei neue Planeten“, die um den Jupiter herumliefen! — Am 13. Januar wurde der vierte Stern gleicher Art entdeckt. Nun wurde der Mathematiker der Paduaner Universität vollends zum Astronomen. Jede Nacht verbrachte er am Fernrohr, notierte die Stellung der Sterne und versuchte die Umlaufsdauer herauszufinden. Die Methoden, die Galilei dabei verwendete, waren, verglichen mit der Kunst des (1601 verstorbenen) Tycho Brahe oder gemessen an den Kenntnissen des kaiserlichen Mathematikers Johannes Kepler geradezu laienhaft zu nennen. Aber der Gegenstand dieser Beobachtungen war eine grandiose Entdeckung, und schon die Wirkung, die diese Beobachtungen auf Galilei selbst ausübten, nämlich die elementare Erweckung eines kosmischen Gefühls, erweist den großen Italiener als ein Genie, das seiner Entdeckung, obgleich diese zufällig gemacht wurde, wert war. „Unendliches Staunen erfüllt mich“ so schreibt der glückliche Mann nach Florenz, „und unendlicher Dank gegen Gott, daß es ihm gefallen hat, gerade mich zum alleinigen und ersten Beobachter dieser wunderbaren Erscheinungen, die bisher allen Jahrhunderten verborgen geblieben waren, zu machen“. Wohlwill meint, diese Entdeckung der Jupitermonde sei Galileis größte Leistung. Wir sind nicht dieser Meinung. Freilich war nach der Art der Ankündigung, die vorerst in privaten Briefen erfolgte, etwas ganz Umwälzendes zu erwarten. Galilei hat in dem zuletzt erwähnten Schreiben, das an den: florentinischen Minister Vinta gerichtet war, auch noch vom Mond gesprochen, von der mehr als zehnfach vermehrten Zahl der sichtbaren Sterne, von der in zahllose Fixsterne aufgelösten Milchstraße, und schließlich kommt er auf „das, was alle Wunder übersteigt, nämlich die Entdeckung von 4 Planeten, die sich um einen anderen sehr großen Stern in der gleichen Weise bewegen wie Venus und Merkur und vielleicht auch die übrigen bekannten Planeten um die Sonne.“

In ähnlichen Wendungen dringt das Gerücht der Galileischen Entdeckungen nach Prag, nach Paris und Leiden. Man kann sich vorstellen, in was für eine Aufregung der gute Kepler geriet, als er diese Nachricht vernahm! Mußte er doch annehmen, Galilei hätte ein neues Planetensystem entdeckt, in welchem um einen Fixstern herum vier Planeten kreisen! Denn gerade dadurch, daß Galilei so unbestimmt von einem „sehr großen Stern“ spricht, wobei er die scheinbare Größe des strahlenden Jupiter, unbewußt für den Empfänger der Nachricht, zur wirklichen Größe stempelt, zwingt er die Gedanken in die Vorstellungswelt des Bruno hinein. Nun war freilich Kepler durchaus kein Freund der Anschauungen des Giordano Bruno von der Vielheit der Welten, und der kaiserliche Mathematiker mag erleichtert aufgeatmet haben, als endlich der Mitte März erschienene „Sternenbote“ in seine Hände gelangte. Im „Nunzius Sidereus“ teilt Galilei seinen Zeitgenossen alle Einzelheiten der Entdeckungen mit, die er seit seiner Nacherfindung des Fernrohres gemacht hat. Die kleine Schrift wurde vom Publikum geradezu verschlungen. Eine Ausgabe von 550 Exemplaren war in wenigen Tagen verkauft, was für die damaligen Verhältnisse auf ein ungewöhnliches Interesse hinweist. Ein Gemisch von Staunen und freudiger Aufregung ergriff vor allem den gebildeten Laien, „dem kein gelehrtes Wissen den unbefangenen Glauben erschwerte“, wie Wohlwill sehr richtig bemerkt. Noch im März erfährt Deila Porta in Neapel die Nachricht von den neuen Entdeckungen, und zwar durch einen Mitarbeiter Galileis, einem Helfer bei den vielen nächtlichen Beobachtungen, dessen der „Sternenbote“ freilich mit keinem Worte gedenkt. Es ist dies Galileis Kollege Paolo Beni in Padua, der an seinen Freund Manso in Neapel berichtet. Die Antwort Mansos ist uns erhalten. Es wird darin gemeldet, daß die meisten, denen man diese Nachricht in Neapel mitteilte, „erschreckt waren über das Neue und die Schwierigkeit der Dinge; aber die Gelehrtesten halten sie nicht für unmöglich und ich, vermöge Eurer und des Herrn Galilei Autorität halte sie nicht allein für möglich, sondern für völlig wahr, weil Dinge die wirklich sein können nicht geleugnet werden dürfen, wenn sie von zwei Männern beobachtet werden, die so ausgezeichnet sind durch Gelehrsamkeit und Charakter wie sie beide. Wie das verflossene Jahrhundert mit Recht sich rühmt, neue und zuvor nicht gekannte Erdteile entdeckt zu haben, so wird sich das gegenwärtige Jahrhundert zum Ruhme rechnen, neue Himmel aufgefunden zu haben“.

Der Sitte der Zeit entsprechend gab Galilei dem „Nuntius Sidereus“ einen langatmigen Titel:

„Botschaft von den Sternen, welche große und höchst wunderbare Erscheinungen offenbart und für jedermann, insbesondere aber für die Philosophen und Astronomen zum Beschauen darbietet, wie sie von Galileo Galilei mit Hilfe des kürzlich von ihm erfundenen Perspicills beobachtet worden sind am Antlitz des Mondes, an unzähligen Fixsternen der Milchstraße, den Nebelsternen, insbesonders aber an vier den Jupiter in ungleichen Abständen und Perioden mit wunderbarer Geschwindigkeit umkreisenden, von niemanden bis auf diesen Tag gekannten Planeten, welche der Autor vor kurzem als erster entdeckt und mediceische Sterne zu nennen beschlossen hat.“

Gleich nach dem Erscheinen erhoben sich von allen Seiten Zweifel und Widersprüche. Die Wenigen, die wirklich ein Fernrohr besaßen, konnten die neuen Trabanten nicht sehen, darunter war auch Kepler, der durch die Vermittlung des Kaisers ein Fernrohr von Galilei erhalten hatte. Die meisten Gelehrten jener Zeit aber nahmen sich nicht die Mühe, durch ein Instrument hindurch auf den Himmel zu schauen; ihnen genügten die Schriften der Alten, und da in diesen von den neuen Planeten (wie man die Trabanten damals nannte) keine Spur zu finden war, so konnten sie eben nicht vorhanden sein. Um so größer ist das Verdienst des Johannes Kepler, der Mitte April einen Brief an Galilei im Druck erscheinen ließ, worin er die Entdeckungen des Paduaner Professors aufs gründlichste besprach und sie in uneigennützigster Weise als eine wahre wissenschaftliche Heldentat begrüßte, Kepler war über ein Jahr lang der einzige Gelehrte von Ruf, der Galileis Entdeckungen nicht anzweifelte. Dafür sind ihm die Italiener heute noch dankbar. „Johannes Kepler“, sagt Nunzio Vaccaluzzo 1924 in seinem Buch über Galilei, „unterrichtete junge Leute in Graz und dann in Prag in der Mathematik. Er wurde von dem berühmten dänischen Astronomen Tycho Brahe nach Prag berufen. Die Werke Keplers sind voll von unnützen Spekulationen, mystischen und phantastischen Ideen, von leeren Prophezeiungen etc.“ Dann wird gesagt, daß heute Keplers Ruhm auf der Entdeckung der drei Gesetze beruhe und daß ihm die Italiener die große Liebe hoch anrechnen, die ihn mit Galilei verband. Wir wollen aber gleich bemerken, daß Kepler und Galilei zwei grundverschiedene Naturen waren und daß aus dieser Verschiedenheit die betrübliche Tatsache stammt: Kepler konnte Galileis wie auch anderer großer Männer Verdienste gebührend anerkennen — während umgekehrt Galilei nicht in der Lage war, sich in Keplers Geist hineinzudenken. Die Gegensätze betrafen durchaus nicht das, was man heute als Weltanschauung bezeichnen würde, sondern sie gingen viel tiefer, sie waren psychologischer Natur. Galilei ging in seinen Forschungen schrittweise vor und vermied alle letzten Fragen. Kepler aber blickte von jeder Einzelaufgabe sofort aufs Ganze und Allgemeine und kam daher alle Augenblicke auf letzte Fragen. Und diesen wich er keineswegs aus, sondern er behandelte sie sachgemäß, setzte dabei nur an die Stelle der Wissenschaft die Intuition. Wir werden beim Gezeitenproblem darauf noch zurückkommen.

Keplers freundlich zustimmende „Dissertatio cum Nunzio Sidereo“ war für Galilei, der bis dahin von allen Seiten mit Ausnahme seiner engeren Freunde nur Zweifel und Spott geerntet hatte, ein großer Trost. Im Collegium Romanum zu Rom hatte Pater Lembo, wenn die späteren Mitteilungen des Pater Grienberger richtig sind, auf das Gerücht von den Galileischen Entdeckungen hin das Fernrohr nachkonstruiert und bemühte sich vergebens, die „Mediceischen Sterne“ am Himmel zu finden. Erst am 22. Januar 1611 war es mit dem von Pater Lembo konstruierten Fernrohr möglich, die Trabanten zu sehen. Was bis dahin die allgemeine gelehrte Meinung von Galileis Entdeckungen am Himmel war, mag aus einem Brief des deutschen Gesandten in Rom an Kepler ersehen werden. Fugger, aus der berühmten Augsburger Fuggerfamilie, schreibt am 16. April: „Was Galileis Nuncius Aethereus(I) betrifft, so ist er mir längst in die Hände gekommen, und weil er vielen in der Mathematik Bewanderten ein trockener Diskurs scheint oder eine philosophischen Wissens bare ausstaffierte Prahlerei, habe ich nicht gewagt, ihn Sr. Kaiserlichen Majestät zu schicken. Es versteht und pflegt dieser Mensch sich wie der Rabe bei Aesop mit fremden Federn, die er hier und dort hernimmt, zu schmücken, sowie er auch für den Erfinder jenes kunstvollen Prespicills gehalten werden will … usw.“ Noch giftiger äußert sich der Astronom Magini in Bologna, der in einer Reihe von Briefen an hervorragende Mathematiker in ganz Europa erklärt, daß das Instrument des Galilei und seine Beobachtungen ein Trug wären. Trotz des bedeutenden Ansehens Keplers vermochte seine unbedingte Zustimmung jene zahlreichen und gewichtigen Gegenstimmen nicht zu übertönen. Erst als man auch im Collegium Romanum die Wahrheit mit eigenen Augen gesehen hatte, begannen wenigstens einige vorurteilsfreiere Forscher die Möglichkeit der neuen Entdeckungen zuzugeben.

Guilio Libri, der Philosoph von Pisa, hat sich bis an sein Lebensende geweigert, durch ein Fernrohr zu sehen, um den Anblick jener Sterne zu genießen, die doch den Namen seines Landesherrn trugen. „Vielleicht wird er sie sehen,“ sagte Galilei auf die Nachricht vom Tode dieses Gelehrten, „wenn er gen Himmel fährt!“ — Noch im Jahre 1613 schrieb Galileis Kollege Cremonini in Padua ein gelehrtes Buch „Über den Himmel“, worin weder der Name des Galilei noch die zu jener Zeit längst bekannten und in ganz Europa berühmten Entdeckungen am Himmel besprochen wurden. Dieses „echt menschliche“ Verhältnis zweier Forscher muß leider als die Normalform der Beziehungen gelten, während der gegenteilige Fall, nämlich die echte Freundschaft zwischen zwei gleichzeitig arbeitenden Wissenschaftlern sehr selten ist. Wir kennen aus älteren Zeiten überhaupt gar kein Beispiel; aus neuerer Zeit wäre zu nennen: Gauß und Weber, Elster und Geitel, Kirchhoff und Bunsen. Dagegen ist natürlich der Fall, daß eine Freundschaft zweier Männer ungleicher Genialität lange besteht, ein oft vorkommender, und gerade das Leben des Galilei zeigt eine nicht geringe Anzahl solcher tiefer Freundschaften. Am meisten scheint Galilei den Sagredo geliebt zu haben und dann, am Abend seines Lebens, den genialen Toricelli.

Galilei als Hofmathematiker in Florenz.

Galilei war durchaus kein Republikaner. Der Glanz des florentinischen Hofes übte beständig eine große Anziehungskraft auf ihn aus. Schon bald nach 1600 versuchte er Anknüpfungen mit Florenz herbeizuführen. Wir bringen hier einen Brief des großen Mannes an den damals 12 jährigen Erbprinzen, aus dem die für heutige Begriffe wenig würdevolle Stimmung und Gesinnung Galileis gegenüber seinem Fürstenhause zu sehen ist. Solche geistige Verfassung war auch damals, ein Jahrhundert nach Macchiavelli, keineswegs der wahren und inneren Denkart eines gebildeten Italieners völlig gemäß, und wir müssen annehmen, daß Galilei, wenn er so devote Briefe schreibt, einen besonderen Zweck im Auge hat. So war es auch: Galilei hat sich mehr und mehr während seiner Paduaner Tätigkeit in die Idee hineingelebt, er müsse früher oder später als Hofgelehrter in seine Heimatstadt kommen können. Der Großherzog Ferdinand I. von Medici hatte wohl ein gewisses Verständnis für Kunst, zeigte aber sehr wenig für die Wissenschaft. Aus diesem Grunde hat Galilei schon frühzeitig sein Augenmerk auf den mutmaßlichen Nachfolger gerichtet.

Als Ferdinand von Medici anfangs 1609 starb, richtete Galilei sofort ein Schreiben an den neu gekrönten Großherzog Cosimo II., den er seit 1605 in den Sommerferien in Florenz unterrichtet hatte. Es scheint, daß sich die Lage Galileis in Padua um jene Zeit in krisenhafter Weise zugespitzt hatte. Man darf vermuten, daß der Konflikt zwischen Galileis Mutter Giulia und Galileis Frau, die ihm jedoch nicht angetraut war, hierbei eine große Rolle spielte. Offenbar mochte Frau Giulia die Marina Gamba aus Venedig nicht leiden. Nun scheint es, als ob auch Galileis Mutter den Plan ihres Sohne, nach Florenz zu ziehen, aufs eifrigste förderte, um eine Trennung von Marina Gamba zu ermöglichen.

Zudem gab es in Venedig viel übles Gerede wegen der von Galilei durch das Fernrohr erlangten Vorteile — da doch Galilei dieses neue Instrument nur nachgemacht, keineswegs erfunden hätte.

Anderseits wird man die im nachfolgenden Briefe angegebenen offiziellen Gründe in ihrem Gewicht auch nicht unterschätzen dürfen. Galilei hatte ja tatsächlich bis zu seinem 45. Lebensjahre noch gar keine nennenswerte Veröffentlichung zuwege gebracht. Um so größere Pläne waren es, mit denen er sich in seinem Innern trug, und wir haben schon einmal darauf hingewiesen, daß die Art des Lebens in Padua der Durchführung gründlicher Studien und der Ausarbeitung wirklich origineller Werke hinderlich war. So kamen allerlei Umstände zusammen, die das nachfolgende Schreiben verständlich erscheinen lassen.

(Brief Galileis an den soeben gekrönten Großherzog Cosimo II. von Medici. Februar 1609).

„Zwanzig Jahre, und die besten meines Lebens, habe ich nunmehr damit hingebracht, das bescheidene Talent, das mir von Gott und kraft meines Bemühens in meinem Berufe zuteil geworden ist, auf jedermanns Verlangen, wie man sagt, im Kleinhandel auszugeben; wenn daher der Großherzog in seinem gütigen und edlen Sinne mir außer dem Glück, ihm dienen zu dürfen, gewähren wollte, was ich sonst noch wünschen kann, so gestehe ich, daß mein Gedanke dahin gehen würde, so viel Muße und Ruhe zu gewinnen, daß ich vor meinem Lebensende drei große Werke, die ich unter Händen habe, zum Abschluß bringen könnte, um sie zu veröffentlichen, vielleicht zu einigem Ruhme für mich und für den, der mich bei solchen Unternehmungen förderte, und möglicherweise für die Jünger der Wissenschaft von größerem, universellerem und dauern dem Nutzen als das, was ich in denjahren, die mir noch übrigbleiben, zu leisten vermöchte.

Größere Muße, als die mir hier zuteil wird, glaube ich nicht irgendwo sonst finden zu können, wo ich immer genötigt wäre, durch öffentliche und Privatvorlesungen den Unterhalt meines Hauses zu erlangen; auch würde ich diese Art der Tätigkeit nicht gern in einer anderen als in dieser Stadt obliegen, aus verschiedenen Gründen, die sich nicht in der Kürze aufzählen lassen; und doch genügt mir auch die Freiheit, die ich hier habe, nicht, da ich genötigt bin, auf Verlangen von diesem oder jenem manche Stunden des Tages und häufig genug die besten herzugeben. Von einer Republik, so glänzend und großgesinnt sie sei, Besoldung in Anspruch zu nehmen, ohne der Öffentlichkeit Dienste zu leisten, läuft den Gewohnheiten zuwider, weil, wer von der Öffentlichkeit Nutzen ziehen will, der Öffentlichkeit und nicht nur einem einzelnen Genüge leisten muß. Solange ich imstande bin zu lesen und Dienste zu leisten, kann niemand in der Republik mich von dieser Pflicht entbinden, und mir die Einkünfte belassen; kurz gesagt, einen so erwünschten Zustand kann ich von niemand anders zu erlangen hoffen als von einem absoluten Fürsten.

Aber ich möchte nicht, Signor, daß Ihr aus dem, was ich gesagt, die Meinung entnehmt, ich erhebe unvernünftige Ansprüche, indem ich Besoldung ohne Verdienst oder Dienstleistung begehrte, denn das ist nicht mein Gedanke. Vielmehr was das Verdienst betrifft, so stehen mir mancherlei Erfindungen zu Gebote, von denen eine einzige, wenn sie einen großen Fürsten trifft, der an ihr Wohlgefallen findet, ausreichen kann, um mich fürs Leben gegen Not zu schützen; denn die Erfahrung zeigt mir, daß Dinge, die vielleicht weit weniger schätzbar waren, ihren Erfindern große Vorteile gebracht haben; und es ist immer mein Gedanke gewesen, sie eher als jedem anderen meinem angestammten Fürsten und Herren darzubieten, damit es in seinem Willen stehe, über sie und den Erfinder nach seinem Gutdünken zu verfügen, und wenn es ihm so gefiele, nicht nur das Erz zu nehmen, sondern auch den Schacht, denn täglich erfinde ich neues und würde weit mehr noch finden, wenn ich mehr Muße hätte und mehr Handwerker zur Verfügung, deren ich mich zu verschiedenen Versuchen bedienen könnte.

Was den täglichen Dienst betrifft, so scheue ich nur eine Dienstbarkeit, bei der ich nach Art der Dirnen meine Bemühungen dem willkürlichen Preis des ersten besten hingeben muß; aber einem Fürsten oder großen Herren zu dienen und denen, die ihm angehören, wird mir nicht zuwider sein, vielmehr erwünscht und lieb.

Und weil Ihr, Signor, auch die Einkünfte berührt, die ich hier beziehe, so sage ich Euch, daß mein Gehalt von Staatswegen 520 Gulden beträgt, deren Erhöhung auf ebensoviel Skudi ich in wenigen Monaten bei Erneuerung meiner Anstellung mit Sicherheit erwarten darf. Und diesen Betrag kann ich erheblich vermehren, da ich für den Bedarf des Hauses einen ansehnlichen Zuschuß aus der Aufnahme von Studenten und dem Ertrag von Privatvorlesungen beziehe ..(Wir folgen hier der Übersetzung von Wohl will.)

Galilei stellt also dem Großherzog die Sachlage so vor, als ob lediglich der Wunsch, neue Werke zu verfassen und dafür die nötige Muße zu gewinnen, nebst der Liebe zur Vaterstadt die Ursache für seine Bitte gewesen wäre. Allein wir wissen, daß er sich von Marina Gamba trennen wollte, und wir müssen vermuten, daß ihm die Fernrohrangelegenheit unangenehm zu werden begann. Zu alledem trat natürlich die feste Überzeugung, daß er am Hof zu Florenz eine ganz andere Rolle spielen würde als in Padua, wo viele berühmte Professoren lehrten und wo, über die republikanische Staatsform hinaus, eine etwas demokratische Luft wehte. Galilei war kein Demokrat wie Bruno, sondern durchaus Fürstendiener wie etwa Campanella oder Bodin, die zu jedem Staat von Natur aus einen Fürsten als nötig ansahen. Seine eigene Tätigkeit würde, so mag Galilei gedacht haben, durch den Glanz der Medicäerkrone um so heller ins Licht gesetzt werden. Freilich war solches Denken zu jener Zeit und noch lange nachher a ltäglich und naheliegend, und die Geschichte zeigt ja auch wirklich einige Beispiele wichtiger Förderung der Talente durch den Landesfürsten. Wir erinnern an Karl Friedrich Gauß, der durch den Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig sehr früh eine ausreichende Pension erhielt, die ihn weder zu Vorlesungen noch zu anderen Amtsgeschäften verpflichtete.

Wie diese untertänige Gesinnung bei Galilei zum Ausdruck kam, soll noch an einem Briefe gezeigt werden, den der große Florentiner Ende 1605 an seinen Schüler, den Knaben Cosimo, Sohn und Nachfolger des damals regierenden Großherzogs Ferdinand I. von Medici gerichtet hatte. Es war dies der erste tastende Versuch, mit Florenz ins Einvernehmen zu gelangen.

„Die ängstliche Besorgnis, mich dem Vorwurf der Verwegenheit oder der Anmaßung auszusetzen, hat mich bisher zurückgehalten, Euer durchlauchtigsten Hoheit zu schreiben; ich habe durch die Vermittlung vertrauter Freunde und Gönner Euch die schuldigen Zeichen meiner Verehrung übersenden wollen, ehe ich in Person vor Euch erschiene, da mich bedünkte, ich dürfe nicht, aus der Finsternis der Nacht hervortretend, mich getrauen, meine Augen unmittelbar auf das erhabene Licht der aufgehenden Sonne zu richten, müsse vielmehr sie zuvor durch sekundäres und zurückgeworfenes Licht vorbereiten und stärken. Nun, da ich gehört habe, daß Eure durchlauchtigste Hoheit die Zeichen meiner untertänigsten Ergebenheit mit demselben gütigen Blick entgegengenommen, mit dem dieselbe jederzeit meine persönlichen Dienste sich gefallen zu lassen geruhten, so komme ich mit größerer Zuversicht, mich vor Euch zu verneigen und mich Euch in Erinnerung zu bringen als einen aus der Zahl der treuesten und ergebensten Diener, die sich zur höchsten Gunst und Ehre anrechnen, als dero Untertan geboren zu sein. Nur das beklage ich, daß die natürliche Pflicht mir die Möglichkeit nimmt, in freier Wahl Eurer Hoheit zu beweisen, um wieviel ich Eurer Joch dem jedes anderen Herren vorziehen würde, weil mich bedünkt, daß die Anmut Eurer Weise und die Leutseligkeit Eures Wesens bewirken müssen, daß ein jeder darnach verlangt, Euch Sklave zu sein. Diese meine innerste Neigung läßt mich an nichts anderes denken, als was zu Eurer durchlauchtigsten Hoheit Dienst gereichen könnte. Doch besorge ich, daß ich Euch nur ein völlig unnützer Diener bleiben werde, weil die großen Handlungen und Unternehmungen nicht meine Sache, die niederen aber Eurer Hoheit fremd sind. So möge denn das Übermaß Eurer Güte ausgleichen, was mir an Kräften fehlt, und Euch genügen, was, wie wenig es auch durch Leistungen sich bekunde, in reichem Maß mfr im Gemüte wohnt.“

Indessen beeilte sich der Hof zu Florenz doch nicht in dem Maße, wie Galilei hoffte. Doch sollte sich die Sachlage gar bald, nachdem der obenstehende Brief geschrieben worden war, von Grund auf ändern. In Galileis Leben war die „Fulminante“ aufgetreten, wenn wir diesen Ostwaldschen Ausdruck gebrauchen dürfen. Er hatte neue Welten entdeckt und war eine Berühmtheit geworden. Daraufhin hatte er, um einen neuen Beweis seiner unbedingten Anhänglichkeit an das florentinische Fürstenhaus zu geben, die Jupitertrabanten mit der Benennung „Mediceische Sterne“ geschmückt. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, daß die allgemeine Ablehnung der Galileischen Entdeckungen den Hof zu Florenz vorsichtig und zurückhaltend machte. Man schrieb damals von Florenz aus an alle ausländischen Agenten, Erkundigungen einzuziehen, ob die Entdeckungen Galileis von anderer Seite bestätigt worden seien oder nicht! Man zögerte, sich in bezug auf Galileis Berufung nach Florenz zu entscheiden. Da schreibt Galilei einen Brief an den Minister Vinta, um einen endgültigen Entschluß an „höchster Stelle“ zu erzwingen.

„… Die Werke, welche ich zu Ende zu führen habe, sind vorzüglich zwei Bücher de systemate, seu constitutione universi, ein großartiger Entwurf voll Philosophie, Astronomie und Geometrie; drei Bücher de motu locali, eine ganz neue Wissenschaft, da kein anderer, weder alter noch moderner Forscher, irgendwelche von den wunderbaren Veränderungen entdeckt hat, die in der natürlichen und gewaltsamen Bewegung enthalten zu sein ich nachweisen werde; weshalb ich sie mit vollem Rechte eine neue Wissenschaft nennen kann, die von mir bis zu ihren ersten Prinzipien aufgefunden worden ist; drei Bücher über Mechanik, zwei bezüglich der Beweise der Lehrsätze, eines die Probleme enthaltend; obwohl andere denselben Gegenstand behandelt haben, so ist doch das, was bisher darüber geschrieben worden, sowohl dem Umfang nach wie auch in anderer Beziehung, der vierte Teil dessen, was ich schreibe. Ich habe auch verschiedene kleinere Arbeiten vor, über Materien, die Natur betreffend, wie sono et voce, de visu et coloribus, de maris aestu, de compo-sitione continui, de animalium motibus und noch andere. Auch bin ich Willens, einige auf den Kriegsmann bezügliche Bücher zu schreiben, nicht allein, um ihn geistig auszubilden, sondern auch demselben durch auserlesene Vorschriften alles Dasjenige zu lehren, was, auf der Mathematik beruhend, ihm zu wissen erforderlich ist, als wie: Die Kenntnis der Catastralvermessungen, der militärischen Aufstellungen, Befestigungen, Belagerungen, Aufnahmen, des Distanz-beurteilens, des Artilleriewesens, der Anwendung verschiedener Instrumente usw. ..

Dieser Brief scheint die gewünschte Wirkung endlich ausgeübt zu haben. Freilich fand man in Florenz ein Mittel, Galileis Wünschen zu entsprechen, ohne die großherzogliche Kasse in Anspruch zu nehmen. Der berühmte Florentiner erhielt einen Gehalt von 1000 Skudi als erster Mathematiker der Universität Pisa, ohne die Verpflichtung, irgendwelche Vorlesungen zu halten. Dazu aber wurde ihm der gewünschte Titel eines ersten Mathematikers und Philosophen des Großherzogs von Toskana verliehen. So hatte die Universität mit ihren aus besonderen Stiftungen entstammenden Einkünften den Hofmathematiker des Großherzogs zu besolden. Das Diplom traf im Juli in Padua ein. Schon zwei Monate später war Galilei in Florenz.

Die Trennung des Gelehrten von seinen venezianischen Freunden mag nicht ohne Schaden für die Reputation Galileis vor sich gegangen sein. Durch außerordentliche Zuwendungen hatte man den Mann eben noch aufs höchste geehrt und sah nun mit Staupen und Unwillen, daß er der Republik den Rücken kehrte, um sich an einen Fürstenhof zu begeben. Man empfand es als Kränkung, daß er-die Freiheit, die er in der Republik genoß, so gering schätzte. Es scheint auch, daß von seiten Galileis eine ordnungsgemäße Kündigung seines Lehrvertrags nicht eingereicht wurde. Nicht wenige Stimmen wurden laut, die den Gelehrten des boshaftesten Undankes beschuldigten. Jene, die ihn noch vor wenigen Wochen als ihren berühmten Professor bewundert hatten, wollten nun von ihm nichts mehr hören. In der Tat muß man zugeben, daß eine große Liebe dazu gehörte, den äußerlich so peinlich erscheinenden Weggang Galileis von Padua zu entschuldigen. Um so höher muß man jene schätzen, die als Bürger und hohe Beamte der Republik dem scheidenden Gelehrten gleichwohl treu blieben. Zu diesen gehörte Sagredo, sein einstiger Schüler. Er war während des kritischen Jahres 1610 als Vertreter Venedigs in Aleppo, wo er sich nicht nur mit den diplomatischen Angelegenheiten, sondern auch mit naturwissenschaftlichen Studien befaßte. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er den Unterschied zwischen der Deklination der Magnetnadel in Aleppo und Venedig. Als er zurückgekehrt war und seinen verehrten Lehrer nicht mehr in Padua traf, schrieb er ihm einen langen Brief. Es war wie ein Abschiedsgruß und zugleich die Mitteilung ernster Sorge für das w’as die Zukunft bringen könnte. „Ihr seid von einem Ort geschieden, wo es Euch gut ging“, sagt er, „Ihr dient nunmehr Eurem natürlichen Fürsten, einem großen und trefflichen Jüngling, von dem das beste zu erwarten ist. Bei uns aber hattet Ihr über die zu gebieten, die Gebieter und Herrscher über die anderen sind und hattet niemand zu dienen als Euch selbst, als wäret Ihr der Herrscher der Welt selbst.“ Diese Worte geben ein Zeugnis für das Ansehen, das Galilei in Venedig genoß. Weiter geht Sagredo in jenem Brief darauf ein, daß Geschmack und Neigung eines Fürsten sich mit der Zeit notwendig ändern, daß ferner der Betrug böser und neidischer Menschen an einem Hof zu den gewöhnlichen Vorkommnissen gehöre und daß gar oft auf solche Weise ein braver Mann zugrunde gerichtet worden sei. Er fährt dann fort:

(Brief Sagredos an Galilei vom 13. August 1611, nach Galileis Übersiedlung von Padua nach Florenz.)

„… Eine Zeitlang finden die Fürsten wohl Geschmack an allerlei Merkwürdigkeiten, sobald aber das Interesse an größerem sie in Anspruch nimmt, wenden sie ihren Sinn auf anderes. So glaube ich wohl, daß der Großherzog Gefallen daran finden mag, durch eines Eurer Augengläser die Stadt Florenz und andere Orte in ihrer Nachbarschaft anzusehen, ist es aber für seine Zwecke erforderlich, zu sehen, was in ganz Italien, in Frankreich, in Spanien, in Deutschland und in der Levante geschieht, so wird er Euer Augenglas beiseitelegen, und würdet Ihr selbst mit Eurer Erfindungsgabe ein anderes Instrument zustande bringen, das diesem neuen Bedürfnis genügt, — wer wird ein Augenglas erfinden können, mit dem man die Narren von den Verständigen, den guten Rat vom schlechten, den einsichtigen Architekten vom eigensinnigen und unwissenden Werkmeister unterscheidet? Wer weiß nicht, daß die Entscheidung darüber dem Gerichtshof einer unendlichen Zahl von Millionen Toren zufällt, deren Stimmen nach der Zahl und nicht nach dem Gewicht geschätzt werden?“

Hier unterbricht sich Sagredo; trotz aller Sorge um die Zukunft des Freundes „will er nicht wie die anderen mit ihm hadern, es soll ihm recht sein, was Galilei will und für gut befindet; da für ihn nicht wieder zu gewinnen ist, was er verloren, will er vertrauen, daß der Freund verstehen werde, das Neugewonnene zu bewahren.“ (Wohlwill.)

Mit sehr berechtigter Rücksichtnahme auf den schon erwähnten Konflikt mit den Jesuiten schließt Sagredo seinen Brief mit den Werten: „Daß Ihr an einen Ort geht, wo die Väter der Gesellschaft Jesu in hohem Ansehen stehen, macht mich sehr betrübt.“ Leider sollten sich diese warnenden Bemerkungen nur zu bald und nur zu sehr als berechtigt erweisen. Galilei freilich schien es, als ob er endlich am schönsten Ziele seiner Wünsche angelangt sei. Gleich in den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Florenz entdeckte er den Ring des Saturn. Er konnte allerdings die Ringnatur nicht erkennen, sondern sah nur zu beiden Seiten des Saturn sternartige Anhängsel. Noch im gleichen Jahre gelang ihm die Entdeckung der wechselnden Gestalten der Venus, worin er mit Recht eine Bestätigung für die Richtigkeit des kopernikanischen Weltsystems erblickte. Mehr und mehr wurde nun bei allen seinen Untersuchungen der Wunsch nach einem unwiderstehlichen Beweis für die Richtigkeit des Kopernikanischen Weltsystems maßgebend für die von Galilei angestellten Betrachtungen, für die Abfassung der Mitteilungen und die Art wie er das Gesehene auslegte und beleuchtete. Freilich konnte wenigstens für das Verständnis der Venusphasen das System des Tycho Brahe zu Hilfe genommen werden. Obgleich dies keineswegs in einheitlicher Fassung vorlag, so scheint den verschiedenen Variationen doch das eine gemeinsam zu sein: die Sonne bewegt sich um die Erde und während dieser Bewegung drehen sich Merkur und Venus um die Sonne. Verschiedene Auslegungen gab es dann in bezug auf das Bewegungszentrum für die äußern Planeten: Mars, Jupiter und Saturn. Galilei hat aber das System des Tycho Brahe überhaupt in keiner Form anerkannt; er hat stets abgelehnt, auch nur die Möglichkeit seiner Berechtigung zuzugeben. Jedenfalls hat er den Standpunkt eingenommen, daß nach den von ihm aufgefundenen sichtbaren Beweisen am Himmel die kopernikanische Auffassung des Weitsystems die einzig berechtigte sei. Mehr und mehr drängte sich in ihm die Überzeugung von der Notwendigkeit auf, ein ausführliches Werk über „Das Weltsystem“ zu schreiben. Die entmutigenden Erfahrungen des Jahres 1610 haben freilich seinen Eifer etwas gedämpft. Galilei sah, daß er gegenüber der rein naturwissenschaftlichen Forschung, die er vertrat, ein Meer von religiösen und philosophischen Hindernissen zu überwinden hatte.

Er entschloß sich, nach Rom zu gehen, um den Stier an den Hörnern zu packen; er wollte mit den Patres im Collegium Romanum, ja mit dem Papst selber sprechen und so lange debattieren, bis alle maßgebenden hohen und höchsten Stellen von der Richtigkeit seiner Lehren überzeugt sein würden. Man bewilligte dem Hofmathematiker einen Urlaub und gab ihm einen Diener und eine Sänfte mit. Wie mag es dem gelehrten Manne zumute gewesen sein, als er denselben Weg, den er 23 Jahre zuvor als armer Jüngling zu Fuß gewandert war, nun in einer Sänfte zurücklegte, auf dem Wege von einem Fürsten zum Papst! —

Die Romreise von 1611 war in der Tat eine Epoche großer Erfolge und glänzender gesellschaftlicher Anknüpfungen. Das Wichtigste was sich während der Anwesenheit Galileis in Rom ereignete, mag wohl die Antwort auf eine Frage gewesen sein, die der Kardinal Bellarmin, die Seele der römischen Inquisition, insgeheim an das Collegium Romanum richtete: ob die neuen Entdeckungen am Himmel, von denen jetzt so viel gesprochen und geschrieben würde, wohl begründet seien, oder ob sie nur scheinbar, also unwahr seien? Fünf Tage danach empfing der Kardinal die Antwort, die im großen und ganzen Galileis Beobachtungen bestätigte. Die Venusphasen wurden anerkannt. Die vier „Planeten“ um den Jupiter wurden zugegeben, die vielen neuen Sterne, die mit dem Fernrohr sichtbar seien, wurden erwähnt. Im ganzen erklärten die Mathematiker des Collegium Romanum, daß das Fernrohr sich als ein vortreffliches brauchbares Instrument der Himmelsbeobachtung erwiesen habe.

Galilei selbst beobachtete während seiner Anwesenheit in Rom eine gewisse Zurückhaltung, er trat nicht öffentlich als der Prophet des kopernikanischen Systems auf. Von seinen venezianischen Erfahrungen her wußte er, daß die irdischen Beobachtungen mit dem Fernrohr dem Laien in der Regel viel mehr interessieren als der nächtliche Blick in die Sternenwelt. Galileis Fernrohr war ja jene Ausführung, die unserem heutigen „Operngucker“ entspricht (aber nur ein Rohr), sie war die unveränderte Nachahmung des holländischen Fernrohrs, man sah also Gebäude und Personen aufrecht, während das von Kepler auf dem Papier ohne Kenntnis jenes holländischen Fernrohres ausgeführte Fernrohr die Gegenstände verkehrt zeigt. Mit großer Freude erzählt Lagalla, der Professor der Philosophie an der Universität Rom, daß man von der Höhe des Janiculus den Palast des Herzogs von Attaemps in Tusculanum deutlich gesehen habe, so daß man alle Fenster leicht zählen konnte! — Vom gleichen Ort aus konnte man die Inschrift am Porticus des Sixtus im Lateran lesen.

Im übrigen hat derselbe Caesar Lagalla im darauffolgenden Jahre bei aller Anerkennung der irdischen Dienste, die das Fernrohr erweisen könne, erklärt: daß auf dem Monde Berge und Krater seien, sei barer Unsinn! Wäre dem so, so müßte die gesamte Philosophie nicht nur wanken, sondern stürzen! — Wir unserseits finden, daß es außerordentlich schade ist, daß sich Lagalla hier geirrt hat; denn obgleich sich die Mondberge und Krater bewahrheitet haben, ist die Philosophie heute noch nach 300 Jahren immer noch am Leben und hängt als bleiernes Gewicht am ohnehin schon sehr dürftigen Karren des Fortschritts.

In Rom wurde Galilei mit großen Ehren zum Mitglied der naturwissenschaftlichen Gesellschaft der „Luchse“ (Lincei) ernannt. Diese Akademie war im Jahre 1603 von dem reichen 18jährigen Marquese Frederigo Cesi gegründet worden. Sie zählte nur wenige Mitglieder, zu denen im Jahre 1611 der 75 jährige Johannes Baptista Porta in Neapel gehörte. Damals im Frühling 1611 kam Galilei fast jeden Abend in den Palast des Fürsten Cesi, und man stellte gemeinsame Beobachtungen am Jupiter, am Mond, an der Venus und am Saturn an. In einem Brief an einen abwesenden Freund schreibt der Fürst am 30. April 1611: „Die Frage aber, ob die Erde das Zentrum der Kreise ist, bietet eine nicht geringe Schwierigkeit.“ Offenbar hat Galilei diese Frage im Kreise der Lincei angeregt. Wir müssen annehmen, daß er auch in diesem engsten Zirkel sehr zurückhaltend war. Um dieses Zeit war es übrigens, daß es ihm glückte, die Periode der mediceischen Sterne angenähert zu bestimmen. Fast zwei Monate blieb Galilei in Rom. Die ewige Stadt feierte den Entdecker und Forscher. Auch mit Kardinal Bellarmin hatte Galilei eine Unterredung, und zwar ging es dabei anscheinend gleich ums Ganze. Es drehte sich um die Frage, ob die kopernikanische Lehre der Bibel widerspreche. ln erster Linie scheint schon damals die Stelle in Betracht gezogen worden zu sein, wo es heißt, daß die Sonne Stillstehen solle (Buch Josua 10):

Damals sprach Josua zu Jahwe, als Jahwe die Amoriter den Israeliten preisgab und er sprach …

Sonne steh still zu Gibeon

Und Mond im Tal von Agalon!

Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen, bis das Volk Rache nahm an seinen Feinden. Man muß annehmen, daß Galilei bei dieser Unterredung zum erstenmal ernstlich vor die Frage gestellt wurde, ob er, der Naturwissenschaftler, über die Auslegung der Bibelworte seine eigene Meinung auch den Theologen gegenüber verteidigen wolle. Er war kein Theologe, und damals wie heute haben sich die Fachleute gegen Einmischungen von Nichtfachleuten aufs heftigste gewehrt. Gleichwohl schien es Galilei, daß er einer derartigen Auseinandersetzung nicht entgehen könne. Er schrieb im Jahre 1613 einen Brief an seinen Freund und ehemaligen Schüler Castelli, der für handschriftliche Verbreitung im Kreise der Freunde und der freundlich denkenden Theologen bestimmt war. Wir entnehmen diesem Briefe einige Stellen: Zunächst betont Galilei energisch, daß das Hereinziehen der Bibel in eine naturwissenschaftliche Streitfrage unzulässig sei. Sich hinter einen unangreifbaren Festungsgürtel zu verschanzen, statt den offenen Kampf aufzunehmen, sei eben der Beweis der Schwäche. Was nun jene Stelle im Buche Josua anbelangt, so erklärt Galilei, indem er sich auf den Standpunkt des Ptolemäus stellt, folgendes: Die Sonne macht bekanntlich nicht nur die tägliche Umdrehung des Sternenhimmels des Primum mobile mit, sondern auch noch eine entgegengesetzt verlaufende langsame Bewegung nach Osten. Wollte Gott den Tag verlängern, so hätte er dem Primum Mobile Stillstand anbefehlen müssen! Da er dies nicht tat, so muß man entweder statt Sonne Primum Mobile denken und auslegen, oder aber das ganze Ptolemäische System ist falsch! Schließlich gelangt Galilei am Ende seines langen Briefes zu einer höchst eigenartigen Erklärung, wie Gott jene Steile gemeint habe: da die Sonne sich um ihre eigene Achse dreht und bei dieser Drehung zweifellos die Planeten mit sich führt, so genügt tatsächlich der Befehl an die Sonne, stille zu stehen, um den Verlauf des Tages in jenem Augenblicke so lange festzuhalten, als es Gott gefällt! …

Es ist klar, daß die Betrachtung eines ziemlich weit von uns gelegenen Vorganges in der Regel in mancherlei Hinsicht einen umfassenderen Überblick ermöglicht, als ihn irgendeiner der Zeitgenossen von damals haben konnte. Schon allein der Umstand, daß man bei gehörig durchstudierter Sachlage heute alle oder einzelne der Briefe zur Verfügung hat, die die handelnden Personen einander schrieben, bedeutet eine völlige Verschiebung der Sachlage gegenüber den zeitgenössischen Beurteilern. In dieser Hinsicht gibt uns eine Eintragung in die Inquisitionsprotokolle von 1611 eine blitzartige Beleuchtung, Weder Galilei noch der florentinische Gesandte, noch der Fürst Cesi hatten eine Ahnung davon, daß hier der Auftrag erteilt wurde:

Es soll nachgesehen werden, ob im Prozesse des Cesare Cremonini, Philosophieprofessors in Padua, der Name Galilei auch genannt wird!

Das ist der erste Faden, der zu Galileis späterem Verderben gesponnen wurde. Tatsächlich hatte diese Eintragung wohl keine unmittelbare Folgen. Es mochte sich erwiesen haben, daß Galilei an jenem Konflikt des Cremonini völlig unbeteiligt war.

Nach der Rückkehr aus Rom widmete er sich mit großem Eifer der Popularisierung jener archimedischen Sätze, die das Schwimmen der Körper im Wasser begreiflich machen sollen. Ausgangspunkt für diese Untersuchungen war ein höfischer Gelehrtenstreit, nicht Galileis ursprünglicher Wunsch. Der Großherzog Cosimo II. war es, der Galilei bewog, die in verschiedenen zum Teil sehr erregten Diskussionen an seiner Tafel von Galilei vertretenen Anschauungen in einer Schrift niederzulegen. Man meinte damals, entsprechend den Ausführungen des Aristoteles in seiner Naturlehre, daß jene Körper, denen das Wasser beim Eindringen besonderen Widerstand entgegensetze, nicht untergehen könnten. Die Diskussionen zwischen den Anhängern des Aristoteles und denen des Galilei scheinen nicht selten zu erregten und heftigen Szenen geworden zu sein. Dennoch ist Galileis Lehre vom Schwimmen der Körper nichts anderes als die alte Lehre des Archimedes. Hierbei kommt Galilei auch auf den Begriff des spezifischen Gewichtes, ohne freilich dabei zu absoluter Klarheit zu gelangen. Doch findet er den Satz: ob ein Körper im Wasser untersinkt oder schwimmt, hängt nur davon ab, ob sein spezifisches Gewicht größer oder kleiner ist als das des Wassers. Insbesondere beweist Galilei, daß die Gestalt des Körpers bei der ganzen Angelegenheit keine Rolle spielt, ebensowenig die Menge des Wassers, die Tiefe oder Weite des Beckens, in dem sich dasselbe befindet, ln diesem Diskurs vom Jahre 1612 wird der Satz, daß alle Körper gleich schnell fallen, unabhängig von ihrem Gewichte, als eine neue Lehre vorgetragen. Dies ist die erste schriftliche Nachricht über das Galilei zugeschriebene Fallgesetz, das er der Sage nach schon in seiner Pisaner Periode gefunden haben sollte. Wir wissen aber, daß dieser Satz überdies um das Jahr 1600 schon von einigen anderen durch Benedetti angeregten Forschern vertreten worden war.

In den Erwiderungen auf diese Schrift über das „Schwimmen der Körper“ tritt nun schon eine merkwürdige Feindschaft der Zeitgenossen gegenüber dem florentinischen Hofmathematiker zutage. Eine ganze Reihe von Peripatetikern (d. h. von Anhängern der aristotelischen Schule) erwiderten aufs heftigste. Es hat wenig Sinn, im 20. Jahrhundert auf jene Streitschriften näher einzugehen. Aber eines muß hervorgehoben werden: wenn Galilei in Padua noch geglaubt hatte, er würde in Florenz unter der Sonne des jugendlichen Großherzogs und an seinem Hof als angesehener Gelehrter ein sorgenfreies nur dem gewünschten freien Schaffen gewidmetes Leben führen, so sah er sich bald aufs gründlichste enttäuscht. Freilich mochte er die Erkenntnis dieser Enttäuschung noch jahrelang unbewußt hinausschieben. Aber schließlich kam die Ernüchterung dennoch, und wir, die wir sein Leben als Ganzes überblicken können, müssen noch mehr als er zur Erkenntnis gelangen: der Schritt von der Republik in die Monarchie war ein verfehlter 1 Nicht nur, daß er von der bürgerlichen Freiheit in die höfische Gebundenheit kam — er ging zugleich auch von der religiösen Toleranz in das Land der Jesuiten und der Inquisition. Denn in Hinsicht auf theologische Fragen war das Großherzogtum Toskana, das politisch auf den Papst angewiesen war, nichts anderes als ein Stück des Kirchenstaates zu betrachten. Schließlich aber, was am schlimmsten war, fand Galilei infolge der höfischen Verpflichtungen und der zahlreichen literarischen Fehden in Florenz doch nicht Zeit und Muße, um sich jenen Hauptaufgaben, um derentwillen er von Padua weggezogen war, zu widmen!

Die einzelnen Abschnitte:
Galileo Galilei
Das erwachende Europa in der Zeit vor Galilei.
Einzelbilder aus der vorgalieischen Zeit.
Galileis Werdegang
Galileis Zeitgenossen
Galileon Galilei : Die Sonnenflecken
Verbot des Heliozentrischen Systems.
Kepler und Galilei im Vorhof des Gravitationsgesetzes.
Galileo Galilei : Die Kometen des Jahres 1618.
Galileo Galilei letzte Lebensjahre.
Galileo Galilei : Der Prozeß.

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