Galileo Galilei

Vorwort.

Die vorliegende Schilderung des Lebens Galileis und seines Kampfes gegen Rom stützt sich nur zum Teil auf eigene Forschung, da ein so großer Komplex von geschichtlichen Fragen naturgemäß nicht von einer einzelnen Person untersucht werden kann. Ich habe in weitgehender Weise die Arbeiten von Karl von Gebier (Stuttgart 1876 und 1877) und Emil Wohlwill (Leipzig 1909 und 1926) benützt sowie die Ausführungen des Favaro in der Edizione Nazionale, der italienischen Gesamtausgabe der Werke und Briefe Galileis. Insbesondere hat Wohlwill, der 1912 starb, dessen erste Veröffentlichung über den Galilei’schen Prozeß 1870 erfolgte, sein ganzes Leben der Erforschung aller Fragen, die mit dem Leben des großen Italieners Zusammenhängen, gewidmet, und seine Angaben haben sich als zuverlässig erwiesen, wenn man auch nicht alles kommentarlos und unbesehen hinnehmen kann. Daß er sich, wie ich nachweisen konnte, in der Frage der Fälschung des Vatikanmanuskripts schließlich doch irrte, obgleich er daran 42 Jahre gearbeitet hatte, ist unwichtig.

Die hier gegebene Biographie versucht es, eine allgemein verständliche Darstellung und zugleich leichtverständliche fachwissenschaftliche Ausführungen zu bringen, derart, daß z. B. sowohl von der Geliebten des Galilei wie vom Trägheitsgesetz die Rede ist. Zugleich habe ich versucht, das Denken der Zeitgenossen klarzulegen und die Rolle der Theologie, der Kirche, der Universitäten, der Philosophen jener Zeit darzustellen. Nicht ohne Seitenblicke auf die Gegenwart. Ich habe in allen Fragen einen Standpunkt kühlster Sachlichkeit eingenommen, mich haben weder atheistische noch schulwissenschaftliche Anschauungen mit Vorurteilen behaftet. Die Wiedergabe der von mir selber im eigenen Denkbereich als Wahrheit erkannten Deutung ist ohne jede Rücksicht auf irgendwelche andere Autoritäten erfolgt. Auch die oft benützten Übersetzungen der italienischen und lateinischen Originaltexte von Gebier und Wohlwill habe ich durch vielfache Stichproben, namentlich an den kritischen Stellen, überprüft. Naturgemäß hat meine Darstellung ihre Mängel, und ich bin mir wohl bewußt, daß dieses Buch weder die frommen noch die gottlosen Menschen befriedigen wird, weder die Philosophen noch die Naturwissenschaftler. Die vielen sogenannten Gebildeten, die es heute auf der Welt und insbesondere in Deutschland gibt, sitzen viel zu fest im Brei der Schule, der Partei, des Systems und sind des eigenen Denkens abseits der vorgedachten Schablone nicht gewohnt, sie können meist nur „nachdenken“.

Daher wendet sich dieses Buch vor allem an jene, die noch geistig jung und unverbildet sind. Das ist zunächst die Jugend, sodann aber alle Menschen, die die Wahrheit höher schätzen als Autorität und Lehre, höher als Dogma und Gesetz. Das eine sei schon an dieser Stelle gesagt: der weltberühmte „Kampf Galileis gegen die katholische Kirche“ ist mitnichten ein Kampf gegen Religion — es ist ein Kampf gegen die Philosophie! Und dieser Kampf ist heute noch nicht zu Ende…..

Für das besondere Interesse, das Albert Einstein meinen Untersuchungen am Vatikanmanuskript entgegenbrachte, sowie für die Unterstützung der Arbeiten durch die Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaft sei an dieser Stelle gedankt.

Dornburg, Saale, September 1927.

Rudolf Lümmel.

Einfühlung.

Galileis Leben ist mehr als nur der Aufstieg und Kampf einer großen Persönlichkeit, es ist ein Denkakt in der Seele der Menschheit, ein kulturgeschichtliches Ereignis, ln der Bewertung der Bedeutung, die dieses einzigartige Leben für den Geist der abendländischen Entwicklung hat, spielt freilich in der Regel ein großes Mißverständnis hinein. Es wird so dargestellt als ob der Kampf des großen Galilei für das System des Kopernikus schließlich, freilich lange nach Galileis Tode, mit einer Niederlage des Gedankens der Unduldsamkeit geendet hätte. Das ist aber durchaus nicht der Fall, die Unduldsamkeit hat lange vorher und hat nachher bis zur Gegenwart volle Herrschaft über den menschlichen Geist. Alle kulturellen Gebiete sind von ihr betroffen und tausendfältig wiederholt sich in der Gegenwart der galileische Kampf um die Freiheit des Denkens. Ganz besonders irrtümlich ist es, das Ringen Galileis als lediglich durch die Borniertheit der katholischen Kirche bedingt hinzustellen. Denn es ist nicht so, daß die Kirche zur Zeit Galileis aus religiösen Gründen intolerant war — sondern es liegt gewissermaßen umgekehrt, wegen der allgemeinen geistigen Intoleranz und Beschränktheit wurde auch die Religion zur Bekämpfung des Fortschrittes verwendet; genau so feindselig wie die Mehrheit der katholischen Priester, ja noch bissiger stellte sich die Philosophie zur Zeit des Galilei seiner neuen Naturanschauung gegenüber.

Das Schauspiel war weder vorher unbekannt, noch ist es seither jemals von der Tagesordnung verschwunden. Schon Aristarch von Samos wurde, als er seine Lehre von der Bewegung der Erde verkündete, ebenso verfolgt, und Sokrates mußte den Schierlingsbecher nicht deshalb trinken, weil er ein Verbrechen begangen hatte, sondern weil seine Philosophie den Kollegen nicht paßte. Unzählige Male ist vor Galilei der fortschrittlich denkende Geist von den Zeitgenossen geknebelt, vergewaltigt und massakriert worden — unzählige Male auch nachher. Daß dennoch gerade die Gestalt Galileis schon den Zeitgenossen und in höherem Maße noch den Nachfahren als besonders eindrucksvoll erschien, liegt an einer Reihe von Nebenumständen, die es mit sich brachten, daß das Bild des großen Italieners sich mit geradezu dramatischer Wirksamkeit von dem düsteren Hintergründe seiner Zeit abhebt. Nicht anders erscheint uns der Kampf Galileis mit den finsteren Mächten seiner Zeit als wie das Ringen des Menschen mit den Naturgewalten, mit Unwetter und Trockenheit, ja noch mehr; wie der Kampf der Menschheit gegen die Eiszeiten! — Dies Stück Naturgewalt, das der Mensch hier zu bekämpfen und zu überwinden hat, liegt in ihm selbst begründet, und man kann mit Recht sagen, daß die Menschen in ihrem Schicksal auf der Erdoberfläche keine größeren und schlimmeren Feinde haben als ihre eigene Verblendung.

Suchen wir nach den Wurzeln des großen Kampfes: warum mußte Galilei gegen die Unwissenheit, gegen Vorurteil und gegen Gedankenlosigkeit kämpfen? — Hätte er nicht gleich Kopernikus sein Werk und seine Gedanken in der Stille für sich behalten können? Was verschlug es, wenn die Welt erst 50 oder 80 Jahre später von der Richtigkeit des kopernikanischen Systems überzeugt worden wäre? Wir können hier denen nicht beipflichten, die der Meinung sind, Galilei habe es als seine Lebensaufgabe angesehen, den Kampf mit den finsteren Gewalten aufzunehmen — vielmehr meinen wir, daß hier ein tragisches Schicksal vorliegt. Denn Galilei hätte seine geniale Veranlagung in viel umfangreicherer Weise zur Weiterentwicklung der Mechanik und der Astronomie verwerten können, wenn er den aussichtslosen Kampf nicht gekämpft hätte. Freilich hätte er dafür ein ganz anderer sein müssen als der er war. Nämlich entweder ein großer Philosoph, der sich sagt: nichts ist wichtig. Oder ein bloßer Fachmann, der schweigt, wenn man ihn zur Ruhe verweist. Nun war aber Galilei ein Mensch von einigermaßen harmonischen Bau, er war Philosoph und Mathematiker und Naturforscher. Zudem war er fromm und konnte sich nicht vorstellen, daß die von ihm als wahr anerkannte Religion im Widerspruch stehen sollte zu der von ihm gleichfalls als wahr anerkannten astronomischen Lehre. Die drohenden Scheiterhaufen, die er zeit seines Lebens wahrnehmen mußte, konnten ihn nicht schrecken: jene die man verbrannte waren Ketzer, er aber fühlte sich als treuer Sohn der Kirche! —

Gerade darum, so sagt man, ist der Kirche ein doppelter Vorwurf zu machen, nämlich einmal, daß sie eine wahre Lehre als unwahr bekämpft und ferner, daß sie einen guten Sohn der Kirche so schwer bestraft habe. Dies aber ist irrtümlich und verdunkelt und erschwert das Verständnis des wirklichen Zusammenhanges. Um hier besser verständlich zu werden, nehmen wir das Beispiel der Jurisprudenz zu Hilfe. Man hat sich irgendwelche Vorstellungen von dem gemacht, was Recht ist, und darauf baut man ein Gesetzbuch auf. Wenn nun im Laufe der Zeit irgendeine neue gesellschaftliche Form entsteht, die neue Ansprüche stellt, so wird der Konflikt mit dem Gesetzbuch gegeben sein. Der Richter ist in den Gedanken und Anschauungskreisen des Gesetzbuches erzogen, und dessen Bestimmungen bilden die unbewußte Grundlage seines Denkens. Er sieht das Neue und erkennt: hier liegt eine Gesetzesverletzung vorl — Nach dieser gefühlsmäßigen Einstellung, die ihn schon zur Verurteilung des Neuen bestimmt, sucht er im Gesetzbuch nach der genauen Begründung, die er seinen Worten im Urteil geben muß. So ist alle richterliche Erkenntnis nur eine Bemäntelung der persönlichen Auffassung. Daher die wohlbekannte Tatsache, daß verschiedene Richter ganz verschiedene Urteile sprechen und daß sie alle aus dem gleichen Gesetzbuch die Begründung finden können. Denn glücklicherweise sind die menschlichen Naturen so sehr verschieden, daß die gleichen Ursachen durchaus nicht die gleichen Wirkungen hervorbringen.

So war es zurZeit des Galilei: die von ihm mit großer Lebendigkeit und in der Sprache des Volkes vorgetragenen Lehrmeimmgen stießen bei seinen Zeitgenossen auf die Vorurteile, die durch Erziehung und Bildung in die Menschen gelegt waren. Obgleich sie alle die gleiche wissenschaftliche Bildung genossen hatten, so waren sie doch nicht alle ganz der gleichen Meinung. Galilei fand Anhänger. Aber die große Mehrzahl der Gebildeten jener Zeit war doch in der ungefähr gleichartigen vorgefaßten Meinung befangen: diese neue Lehre ist unrichtig, denn sie widerspricht dem sinnlichen Befund. Sieht nicht jedes Kind wie die Sonne aufgeht, in die Höhe steigt und dann wieder hinabsinkt? Sieht man nicht nachts sich die Sterne um die Erde herumdrehen?

Das war die vorgefaßte Meinung, und nun mußte sie im Gesetzbuch begründet werden. Es gibt genug Bibelstellen, aus denen heraus sich erweist, daß der liebe Gott ganz der gleichen Meinung war wie Aristoteles und die Mehrzahl der Gelehrten zu Galileis Zeit. Hieß es nicht „Sonne steh still“ im Buch Josuah, und was anders sollte das bedeuten, als daß die Sonne eben für gewöhnlich in Bewegung begriffen war! So war die Meinung aus dem Buch als wahr nachgewiesen und darauf wollen wir hier hinaus: das Buch spielt eigentlich nur eine sekundäre Rolle bei der Angelegenheit. Die Menschen mit ihrer Gedankenarmut und Verstandesschwäche sind es, die die Entscheidung gaben. Die gleiche Rolle nun, die das Buch spielt, spielt auch die Religion. Auch von einem völlig gottlosen Standpunkt aus muß man zu der Erkenntnis kommen: so wenig Galileis Kampf der Religion galt, ebensowenig war es die Religion, die Galilei zum Märtyrer stempelte. Denn was ist das, die Religion? Ein Phantom in Menschenhirnen gebildet, ein dunkler Begriff, nur eine Umschreibung und Bekleidung menschlicher Gedankenformen. Nicht die Religion ist intolerant, sondern der Mensch ist intolerant.

Würden heute alle Religionen abgeschafft und aus den Herzen der Menschen restlos entfernt, so wäre darum das Galileiproblem mit nichten aus der Welt geschafft. Wohl steht die Religion immer im Vordergrund von reaktionären Bestrebungen, aber sie ist damit nichts anderes als das mißbrauchte Aushängeschild dummer oder schlechter Menschen. Ebenso kann die Religion gerade so oft im Vordergrund edler und kulturfreundlicher Bestebungen stehen. Natürlich ist sie auch in diesem Falle nichts anderes als die Fahne hochstehender und mutiger Menschen.

Daß das Galileiproblem ein allgemein menschliches ist, das mit der Religion nur aus ganz äußerlichen Gründen zusammenhängt, kann man leicht einsehen, wenn man sich andere nicht minder berühmt gewordene Konflikte vor Augen führt. Wir denken da beispielsweise an das ungeheure Aufsehen, das der Darwinismus erregte und auch heute noch erregt. Scheinbar ist es auch hier, namentlich im frommen Amerika, der Bibelglaube, der wie einst zur Zeit des Galilei das Durchdringen der naturwissenschaftlichen Klarheit verhindert. Aber im Grunde steckt doch der hochmütige Gedanke, etwas besseres zu sein als ein Abkömmling von Tieren, hinter dieser scheinbar religiösen Einstellung. Doch kann gerade dieses Beispiel den geschichtlich Betrachtenden bedenklich stimmen. Wenn man 300 Jahre nach Galilei wiederum eine naturwissenschaftliche Lehre durch die Obrigkeit verbietet, indem sie als falsch und kirchenfeindlich erklärt wird, so muß man billig zweifeln, ob ein Fortschritt erzielt ist.

Ähnliche Schwierigkeiten ergab die moderne Relativitätstheorie, die zunächst auf Unverständnis und dann auch auf allerlei heftige Anfeindungen stieß, ehe sie allgemeine Anerkennung fand, ln diesem Falle sind es namentlich die Philosophen gewesen, die der neuen Lehre feindlich gegenüberstanden. Ja man kann sogar einzelne Äußerungen von Gegnern der Relativitätstheorie finden, die wörtlich übereinstimmen mit den Redewendungen, die einst die Gegner Galileis gebraucht haben. Von seiten der katholischen Religion hat die Theorie kaum Anfechtung erfahren.

Aus den Spalten der „Frankfurter Zeitung“, die früher einmal auch in der Philosophie als liberal galt, ist die Relativitätstheorie verbannt, weil sie wider Kant erscheint und Kant vielen heutigen Philosophen ebenso unfehlbar ist wie zu Galileis Zeiten Aristoteles es war. Als 1927 ein Biologe eine interessante Abhandlung über „Urzeugung“ in dem genannten Blatt erscheinen ließ, da bemerkte der Redaktions-Philosoph dazu: „aber natürlich kann diese Frage (Urzeugung) nicht nur durch die Naturwissenschaft allein entschieden werdenl“ — Nämlich so: dergleichen wichtige Fragen können natürlich letzten Endes nur durch die Philosophie entschieden werden! Man lese eben Kant nach …! — ganz so wie zu Galileis Zeiten die Frage nach dem richtigen Weltsystem nicht durch die Naturwissenschaftler entschieden werden durfte, sondern durch die Theologen erledigt wurde. Und in Bern erklärte der Philosoph der dortigen Universität 1921, daß die Relativitätstheorie „staatsgefährlich“ sei — mehrere andere Professoren verdammten die Theorie als „unmoralisch“ und für den Bestand der Gesellschaft gefährlich … ganz wie vor 300 Jahren die Philosophen wegen der Erddrehung aus dem Häuschen gerieten! —

Wir sagen also: das Galilei-Problem Ist leider Immer noch höchst aktuell, es ist der ewige Kampf gegen die menschliche Dummheit und die mit ihr unlösbar verbundene Unduldsamkeit. Denn geradeso wie es für alle Religionen völlig gleichgültig sein kann, ob die Sonne still steht oder nicht, genau so ist es für Staat und Gesellschaft gleich, ob „alles relativ“ ist oder nicht. Intolerant sind heute noch politische Parteien — je lebensfremder, desto unduldsamer — intolerant sind Religionen und Sekten, Standesgruppen (man denke an die Ärzte und ihr Verhalten gegen die Naturheilmethode). Intolerant ist der dogmatisch denkende Mensch! — Die Loslösung des Denkens des einzelnen aus dem Bann der Autoritäten ist höchste Kulturaufgabe. Diese Überwindung der Masse durch die Weiterentwicklung aller zur Persönlichkeit ist das Ziel, dessen Bedeutung durch die Aufhellung des Galileiproblems geklärt werden soll.

Die einzelnen Abschnitte:
Galileo Galilei
Das erwachende Europa in der Zeit vor Galilei.
Einzelbilder aus der vorgalieischen Zeit.
Galileis Werdegang
Galileis Zeitgenossen
Galileon Galilei : Die Sonnenflecken
Verbot des Heliozentrischen Systems.
Kepler und Galilei im Vorhof des Gravitationsgesetzes.
Galileo Galilei : Die Kometen des Jahres 1618.
Galileo Galilei letzte Lebensjahre.
Galileo Galilei : Der Prozeß.

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