Gastfreundschaft in Deutsch-Ostafrika


Die Gastfreundschaft gehört zu den wenigen guten Eigenschaften im National-Charakter der verschiedenen Eingeborenen-Stämme in Deutsch-Ostafrika. Zumal in den älteren, von der neuzeitlichen Kultur noch unberührten Zeiten beruhte aller Wandel und Verkehr in Ostafrika auf einem weitausgedehnten, gastfreundlichen Bewirtungs-System, das heutigen Tages eigentlich nur noch innerhalb der eigenen Stammesgemeinschaft und der, allerdings recht weit reichenden persönlichen Freundschaften ausgeübt wird. Schon hingst hat auch hier das zivilisierte System der Bezahlung mit klingender Münze die fremdenbewirtende Freigebigkeit der Naturvölker abgelöst, die bei einzelnen Stämmen an die Schilderungen des Tacitus über die Gastfreundschaft im alten Germanien erinnerte. Der Mammon übt auch hier mehr und mehr seine nivellierende Wirkung in der Völker-Psyche aus. Immerhin ist es heute noch geradezu erstaunlich, wie weitgehend ein Neger jederzeit bereit ist, seine Mahlzeit, seinen Haustrank und sein Obdach mit ihm gar nicht besonders nahestehenden Rassegenossen zu teilen, die der Zufall oder die Absicht in sein Haus oder Dorf gebracht hat.

Sind sich zwei Neger irgendwo einmal in gemeinsamem Tun oder Nichtstun begegnet, sei es auf einer Reise, als Arbeiter auf einer Pflanzung, als Genossen auf dem Kriegspfad oder bei einem Vergnügen, so werden sie sich gegenseitig zum „Ndugu“! Das Wort bezeichnet eigentlich eine Blutsverwandtschaft, es dient jedoch allgemein im Lande zur Bezeichnung eines Gegenseitigkeitsverhältnisses, das wir bei uns einfach mit „Bekanntschaft“ recht oberllächlich abzutun geneigt sind. Es ist oft recht wunderbar, wie ein vielgereister Mann der Küste überall einen „Ndugu“ findet! Und noch mehr erstaunlich ist es, wie unbeschränkt er bei jenem dann von seinem Gastrechte Gebrauch macht. Besonders die eingeborenen Soldaten der Schutz- und Polizeitruppe wissen die nicht geringen materiellen Vorteile derartiger „Ndugu“-Bekanntschaften mit ausgeprägter Virtuosität sich zunutze zu machen, wozu ihnen die häufigen grossen und kleinen Reisen im Lande gute Gelegenheit geben. Zeit, Umfang und Dauer der Inanspruchnahme dieser, auf einer „Nduguschaft“ fussendenGastfreundschaft,spielen dann eigentlich gar keine Rolle — bei beiden Teilen. So lange nur ein genügender Vorrat an Lebensmitteln im Hause des Gastgebers oderauch nur noch in jenem seines Nachbarn vorhanden ist, wird der Ndugu wie ein wirklich zugehöriges Glied der Familie angesehen, als welches er sich denn auch selbst betrachtet, und dem auch sonst recht viel liebenswürdige Aufmerksamkeiten, auch seitens der weiblichen Angehörigen des Hauses, zuteil werden.

Von solch angenehmer Sitte wird allerdings gegenseitig der weiteste Gebrauch gemacht, wodurch ein gewisser Ausgleich sich ergibt. Sie fördert naturgemäss aber auch sehr ein richtiges Schmarolzerleben, zu welchem der Neger in hohem Masse neigt, besonders die üblen Gesellen der Städte, die aus mancherlei Gründen dringende Ursache haben, einen wechselnden Landaufenthalt zu nehmen. Doch auch völlig harmlose, allein durch die herrschende Sitte gerechtfertigte Ursachen führen den Ndugu oft von recht weither zum Ndugu! In dem von der Natur bekanntlich besonders begünstigten Usagara — der Wiege Deutsch-Ostafrikas durch die Peters’schen Erwerbungen — strömen in guten Erntejahren die verschiedenen „Wadugu“ — so heisst die Mehrzahl des Wortes — von allen Seiten aus den weniger reichen Nachbargebieten zu, und bilden dann einen sehr bedeutenden Bevölkerungszuwachs. So war es noch vor wenigen Jahren, und das Land stellte ein Eden für alle Nichtstuer dar. Heute sind europäische Pflanzungen für Baumwolle und Gummi auch dort erstanden, als Gefolge des belebenden Schienenstranges, und so dürfte der Zulauf der „Wadugu“ geringer sein, denn schon die Nähe einer Arbeitsgelegenheit ist geeignet, die reine Lust am süssen Nichtstun zu trüben! Diese zu gemessen, war aber von jeher der vornehmste Zweck des Ndugu-Besuches! In jeder Hütte des weiten, von verschiedenerlei Volksstämmen reichlich bevölkerten Usagara-Landes fand man dann einen oder auch gleich mehrere solcher Ndugu, beiderlei Geschlechtes, die gewöhnlich eine oftmals vor längeren Jahren irgendwo geschlossene Freundschaft, nicht selten mit einem längst verstorbenen Familiengliede, nun auf diese Weise zu einer ganz besonderen Art afrikanischer „Sommerfrische“ ausschlachteten. Die Pombe — das Mais- oder Hirsebier — ersetzte dann oft wochenlang jegliche feste Nahrung und obwohl dann alles — Männlein und Weiblein — unter dem Einfluss des Alkohols sich befindet, gehören doch unfreundliche Exzesse zu den grössten Seltenheiten. Im Gegenteil, die Freundschaft wird neu gefestigt und vertieft beim Pombe-Topf, und endet sehr oft mit wirklicher Verwandtschaft, durch irgendeine innerhalb der beiden Familien beschlossene Heirat, für welche sich bei den polygamen Sitten natürlich sehr leicht eine Gelegenheit darbietet. Der „Ndugu“ baut sich dann gar nicht selten mit Hilfe seiner neuen Verwandtschaft selbst eine Hütte im schönen Usagara, und seine frischgewonnene Gattin bestellt ihm mit beginnender Pflanzzeit seine eigenen Maisund Hirsefelder, zumal — früher wenigstens — an gutem Boden kein Mangel war. Oder er zieht mit dem neuerworbenen Teile seiner ohne dies bereifs mehrköpfigen „besseren“ Hälfte in absehbarer Zeit seinen heimischen Penaten in Unjarmvesi, Uhehe, Usaramo, oder sonstwo in Ostafrika wieder zu!

ln ärmeren, von der Natur nicht so gut bedachten Landesteilen, erfährt diese Art der Gastfreundschaft der Neger untereinander natürlich eine erhebliche Einschränkung, ja selbst mechanisch wirkende Hindernisse werden dort ersonnen, um den Gast im Genüsse leiblicher Freuden gewisse Grenzen zu setzen. So herrscht bei den selten im Nahrungsüberflusse schwelgenden Wasaramo im Hinterlande von Bagamoyo der ulkige Brauch, dass der am gemeinsamen Mahle teilnehmende Fremdling die einzelnen dem Munde natürlich mit den blossen Händen zugeführten Bissen mit einem beständigen „aha“ in den aufnahmelustigen Magen hinabbefördern muss. Diese in regelmässigen Intervallen zu wiederholenden Laute gelten angeblich als schuldige Anerkennung der Güte und des Wohlgeschmacks der Speise des Gastes dem Gastgeber gegenüber. Der letztere quittiert diese Anerkennung prompt mit einem ebensooft wiederholten freundlichen „mhm“, zur allerdings zweifelhaften Genugtuung seines Ndugu! Der Zweck der Uebung ist, wie die Praxis lehrt, den liebwerten Gast im Kauen und Verschlingen ein wenig zu hindern, damit er ausserstande ist, in der Vertilgung des Vorgesetzten Gerichtes mit dem freundlichen Spender gleichen Schritt zu halten! Diese Absicht wird durch die auferlegte Ausstossung des Aha-Rufes ganz wunderbar erreicht, während das korrespondierende „Mhm“ entsprechend der Verschiedenheit in der Ton-Modulation den Herrn Gastgeber nicht im geringsten davon abhält, ganz nach Herzenslust in die gemeinsame Schüssel cinzuhaucn! Negerschlauhcit! Kein Wunder, dass die Wasaramo bei den Wasagara und Wanyamwesi als Hungerleider und Geizkragen gelten!

Auch dem reisenden Europäer gegenüber kam besonders in früheren Zeiten eine mehr oder minder ausgiebige Gastfreundschaft der Eingeborenen-Häuptlinge und Dorf-Aeltesten zum Ausdruck. Vielfach allerdings wurde sie nach langem Durchzugsschauri (Schauri = Verhandlung) nur gegen einen pränumerando erhobenen Wegezoll — das sogenannte Hongo — geleistet. Die älteren Forschungsreisenden wissen über mancherlei hieraus erwachsenen Unzuträglichkeiten zu berichten, die ein Vorwärtskommcn im Lande oft nur nach recht umständlichen diplomatischen Unterhandlungen ermöglichte, bei denen selbst die ultima ratio aller Diplomatie, der Kampf mit den Waffen nicht fehlte. So ganz selbstlos ist der Neger dem Europäer gegenüber niemals gewesen, so lange er sich der Stärkere dünkte! Seit Einführung der deutschen Verwaltung in Ostafrika sind derartige Auffassungen über Fremdenbehandlung auch bei diesen Potentaten in Wegfall gekommen, und die dann weniger selbstsüchtig geübte Gastfreundschaft dieser „Negerfürsten“ hat nun mitunter recht absonderliche Blüten gezeitigt. Nach Beendigung der siegreichen Wiss-mann-Kämpfe, welche das Land und das Volk von der drückenden Araberherrschalt befreiten, wetteiferten viele Stammesoberhäupter im Inneren des Landes geradezu, um den das Land bereisenden Vertretern der neuerstandenen Herrschaftsmacht — Offizieren und Beamten — durch gastfreundliche Aufnahme ihre Freundschaft und Ergebenheit zu bekunden. Diese Gastfreundschaft, die sich in der unentgeltlichen Lieferung aller zur Verpflegung des farbigen Karawanen-Trosses — der Soldaten, Träger und Diener—erforderlichen Lebensmittel in der Hauptsache zu betätigen pflegte, ging schliesslich so weit, das die Regierung selber, zumSchutze des materiellenWohles der eingeborenen Bevölkerung, einschränkende Massregeln zur Einführung zu bringen sich veranlasst sah.

Es ergingen Bestimmungen, nach “ welchen fortab alle von den Häuptlingen und Dorfältesten den reisenden Europäern dargebrachten „Gastgeschenke“ mit dem entsprechenden Gegenwert in Geld oder Handelswaren erwidert werden mussten. Solche Massnahmen waren denn auch tatsächlich dringend notwendig geworden, weil den Eingeborenen diese allmählich zur Pflicht gemachte „ Gastfreundschaft“ über die Kräfte ging, so dass sie es bald vorzogen ihre Hütten möglichst abseits von den bevorzugten Pfaden der Kultur aufzuschlagen, wodurch dann wiederum erhebliche Schwierig-keiten in der Verpflegungsfrage der Karawanen im allgemeinen enstanden. Gegen Ende der 90er Jahre war z. B. die heute durch die Zentralbahn ersetzte Karawanen – Strasse Daressalam—Kilossa aus diesen Ursachen dermassen entvölkert worden, dass der Reisende oftmals mehrere Tage lang keine Eingeborenen-Niederlassung zu Gesicht bekam.

Erst durch die Ausführung der erwähnten, durch den Gouverneur von Liebert erlassenen Bestimmungen ist dann in kürzester Zeit jene radikale Wandlung in diesen Verhältnissen eingetreten die heute jeder Karawane allüberall im Lande in Durchschnittsjahren die erforderlichen Verpflegungsartikel jederzeit sichert. In den einzelnen Raststationen wurden regelrechte Märkte eingeführt, die Eingeborenen zu regelmässiger Lebensmittelzufuhr angehalten und alle Karawanenleute ohne Unterschied von Rasse und Stand zu richtiger Bezahlung verpflichtet. Einen weiteren Fortschritt brachte die gleichfalls in der Regierungszeit des Herrn von Liebert zur Einführung gekommene direkte Besteuerung der Eingeborenen mittels der Hüttensteuer. Die überall von den Behörden geforderte Barzahlung der Steuerbeträge zwang die Schwarzen zum Gelderwerb und zu erhöhter wirtschaftlicher Tätigkeit. Durch Verkauf der selbstgebauten Landesprodukte auf den Märkten war das Geld am allerleichtesten zu erlangen, insbesondere weil die Weiber die erforderliche Arbeit zu leisten haben. Ungelegener, weil nicht in der Ueberlieferung begründet, war der Gelderwerb durch Verdingung der Männer zu regelmässiger Arbeit. Die Hüttensteuer hat ihren nächstliegenden Zweck, die Lebensmittel-Produktion zu erhöhen, prächtig erfüllt. Um die schwarzen Herren der Schöpfung aber zu reichlicherer Arbeit zu bestimmen, ohne welche ein weiterer, ähnlicher Fortschritt unerreichbar bleibt, dazu wird es eines anderen, kräftigeren Mittels bedürfen. Die Hüttensteuer emanzipierte die Eingeborenen in vielen wirtschaftlichen Dingen von dem unmittelbaren Einflüsse ihrer Häuptlinge und sie enthob diese von den traditionellen Pflichten der Gastfreundschaft, auf welche der Europäer fürderhin Verzicht zu leisten in die angenehme Lage kam. Es gab aber auch bis in die Neuzeit noch einzelne, der älteren Zeit zuzurechnende Häuptlinge im Lande, die sich die alte Form der Freundschaftserweisung lange Zeit nicht nehmen lassen wollten und deshalb trotzalledem beim Eintreffen eines Europäers in ihrer Landschaft bei dessen Zelte erschienen, um ihn eine persönliche Aufmerksamkeit durch Ueberbringung einiger Hühner, oder Enten, eines Korbes mit Eiern, Mehl oder Früchten u. a. zu bezeugen. Einige dieser Typen haben es mit der Zeit zu einer gewissen Berühmtheit gebracht, wie z. B. der Jurnbe an der Mafissi-Fähre im Bezirke Daressalam. Dieser gewöhnlich in einer roten Husaren-Uniform mit Majorsabzeichen einhergehende Negerhäuptling pflegte jahrein, jahraus sämtliche bei ihm durchreisende Europäer mit einer Eierspende zu beglücken, die ihm denn auch schon seit langem den Namen „Eier-Jumbe“ eingebracht hat und ausserdem noch ein im Laufe der Jahre zu beträchtlichem Umfange angewachsenes „Gedenkbuch“, in welchem eine schier endlose Reihe von Hymnen — in Poesie und Prosa — auf seine mehr oder minder im Stadium der Huhnwerdung als Liebesgabe dargebrachten Eier enthalten sind. In diesem „Eier-Poesie-Buch“ sind die Namen so ziemlich aller „alten“, bekannt und berühmt gewordenen Afrikaner des Ostens mit Eintragungen vertreten. Das Buch besitzt unleugbar einen kulturhistorischen Wert. Der Herr „Eier-Jumbe“ verwahrt cs aber wohl vorläufig noch als zärtlich geliebtes Vermächtnis seiner zahlreichen europäischen Freunde, an die ihn ausserdem auch noch die Erinnerung an ebenso zahlreiche Kognak-Räusche bindet, denn seine „Eier“ war er gewöhnt, durch ein ausgiebiges Quantum „da wa“ – Medizin – Kognak, anerkannt zu sehen! In unbefriedigter Sehnsucht wird sein Auge heute der an seinem Dorfe vorbeisausenden Eisenbahn folgen, die die freundlichen Spender dieses geliebten Feuertrankes heute schnöde an seinen Eiern vorbeifahren lässt.

Ungleich vornehmer, ausgestattet mit bedeutend gefälligeren Allüren und grösserem gastronomischen Verständnis, als dieser „Eier-Jumbe“, ist der Sultan Kingo von Morogoro. Er ist der unmittelbare Nachfolger seines Onkels, des „Kingo mkubwa“, d. h. „Kingo der Grosse“, der als Usurpator ein grosses Reich zwischen den Uluguru- und den Nguru-Bergen gegründet hatte und von dessen absoluter Herrschgewalt des jetzigen Kingos Regime auch nicht den geringsten Abglanz erkennen lässt. Nur in dem Inneren seiner weitläufigen, übrigens ganz nach Negerart erbauten Behausung zeigen sich Spuren der entschwundenen grossen Zeit seines Geschlechtes — Bilder, Spiegel, Standuhren, Lehnstühle, auch ein kleines Geschütz usw., alles Geschenke der einstigen Rivalen um seines Oheims Gunst — des Sultans von Zanzibar und Herrmann von Wissmanns! Kingos Residenz ist heute gleichzeitig der Sitz der Verwaltungsbehörde des Morogoro-Bezirkes. Hoch in den Bergen, oberhalb der alten Negerstadt, residiert der Kaiserliche Bezirksamtmann, dessen massig besoldeter Beamter „Sultan Kingo“ geworden ist. Er trägt seine amtliche Bürde mit resignierter Würde! Aber noch vor einem Jahrzehnt herrschte auch er noch ziemlich unumschränkt in seinem engeren Gebiete, und damals erschien er hoch zu Maskat-Esel, mit gleichartig berittener Suite im Europäer-Lager, um mit unnachahmlicher Grazie seine Aufwartung bei seinem Gaste zu machen. Als Angebinde überreichten die Sklaven dieses wahrhaft dunklen Ehrenmannes dann stets eine nach dem persönlichen Ansehen des Reisenden wohlabgestufte Anzahl Flaschen echten Münchener Franziskaner-Bieres — dunkles natürlich! Es war, und ist auch wohl heute noch sein Leibgelränk, das er in recht ansehnlichen Mengen durch Vermittlung eines in seiner Residenz ansässigen Inder-Händlers aus Bagamoyo bezog. Das war dann eine Ueberraschung, die den Gast in nicht geringe Verlegenheit brachte, zumal die feierliche Uebergabe des kostbaren Stoffes an den Gast, durch Kingo mit dem freundlichen Zuruf: „Prost Major“ beschlossen zu werden pflegte — auch wenn jener in Wirklichkeit einen weit niedrigeren militärischen Rang oder auch gar keinen innehatte! Schon lange hat aber Kingo dieser freundlichen Gewohnheit entsagen müssen. Denn mit Erbauung der Eisenbahn kamen, nach seinem eigenen Ausspruche, die Europäer „wie Blätter an einem Baume“ nach Morogoro, und mit solcher Entwicklung vermochte sein Kredit beim Inder nicht gleichen Schritt zu hallen. Mehr und mehr hatte er auch seine liebe Not, seinen eigenen Bedarf an dieser edlen Gambrinusgabe zu decken. Denn es wuchs der Durst noch mit den Jahren, und dazu kam das Herzeleid um verlorene Macht und Herrlichkeit!

Ein nicht minder bemerkenswertes Gegenstück zu diesen beiden herabgekommenen Potentaten ist ein weiblicher Sultan im Tabora-Bezirk. Diese „Katharina“ des dunklen Erdteils pflegte als Tribut ihrer grossen Gastfreundschaft die durchreisenden Europäer mit ihrer unbeschränkten persönlichen Gunst zu beehren. Aber auch hier sind die Beweise so weitgehender und nicht minder selbstsüchtiger Gastlichkeit, im Laufe der nun schon 25 Jahre währenden deutschen Schuizl.errschaft, völlig im Kurse gefallen, nicht durch ihre Schuld, denn sic scheint nicht gewdlt, den Zeitläufen einen Einfluss auf ihre durch Ueberlieferung geheiligte gastfreundliche Gesinnung einzuräumen. Aber der Respekt vor ihrer „Herrscherwürde“ hat sich bei allen Reisenden mit der Zeit zu iein platonischer Bekundung veredelt!

Dem seinen ihm unmittelbar unterstellten Verwaltungsbezirk bereisenden Bezirkschef gegenüber wird die alte, subsidiäre Art von Gastfreundschaft allerdings noch heute im Inneren des Landes recht uneingeschränkt ausgeübt. Der Grad der Beliebtheit des „Bwana mkubwa“, d. i. der höchste Offizier oder Beamte des Distrikts, äussert sich in der mehr oder weniger reichen Fülle der als „Gastgeschenke“ dargebrachten Lebensmittel, die jenen nur zu oft geradezu zur Abwehr zwingt, denn auch er ist an die festgesetzte Norm gebunden, diese „Geschenke“ mit angemessener Geldentschädigung zu erwidern. Sonst würde ihn unter Umständen seine Popularität dem finanziellen Ruin enlgegenbringen! Er müsste denn zum Lebensmittel – Spekulanten werden, um derartige Mengen von Mehl, Hühnern, Enten, Ziegen, Schafen, Eiern und Früchten ohne finanziellen Schaden zu verwerten, die ihm im Verlaufe einer mehrwöchentlichen Reise in seinem, die räumliche Grösse eines deutschen Königreiches einnehmenden Bezirke durch die Häuptlinge und Dorfältesten — die Jumben — zugebracht werden! Diese Art von Gastfreundschaft macht solche Dienstreisen ohnedies in der Regel zu finanziellen Opferungen, die in een von der Regierung gewährten geringen Tagegeldern kein entsprechendes Aequivalent finden Die reine Freude und den vollen Genuss an ihr haben allein die farbigen Begleiter des reisenden Bezirkschefs — die Soldaten, die Diener und Träger —, für die eine derartige Reise, zumal wenn sie in die günstigste Zeit nach beendeter Ernte fällt, eine fortgesetzte Prasserei und Schwelgerei bedeutet.

Nach guter, alter deutscher Art wird die Gastfreundschaft unter den Europäern in Ostafrika gepflegt. Man hat da aber eine offizielle, in der besonderen Art der Landcsver-hültnisse begründete, und eine private, nur auf Geselligkeit beruhende Gastfreundschaft zu unterscheiden. An der ersteren, die an Herz und Tasche reichliche Anforderungen stellt, sind ungleich weitere Kreise beteiligt, als dies etwa in rein repräsentativer Hinsicht in Deutschland der Fall ist. Die Eigenartigkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande, die jeder europäischen Niederlassung in der Kolonie, sei es ein Bezirksamt oder eine sogenannte Nebenstelle, eine Militärstation oder ein Militärposten, oder auch eine Plantage, den Charakter einer Enklave europäischer Kultur verleihen, legen deren Vertretern die Verpflichtung auf, jedem Besucher oder Durchreisenden ein gewisses Mass von Gastfreundschaft zu gewähren. Hohe Anforderungen in dieser Hinsicht waren vor Erbauung der heutigen Kolonialbahnen an alle derartige Stationen im nächsten Hinterlande der grösseren Küstenplätze gestellt, weil der dort zuweilen recht lebhafte Europäer – Verkehr ausschliesslich auf gastfreundschafilicher Basis seinen Rückhalt fand. Mit der Erbauung der Bahnen ist das europäische Element so erstarkt, dass nun ja auch bereits an allen besuchteren Plätzen im Inneren der Kolonie Hotels und Gastwirtschaften erstehen konnten, die früher ausserhalb der Küstenplätze nirgends vorhanden waren. Heute wird das in gleichem Massstabe nur an ganz wenigen Plätzen in entlegenen Landesteilen der Fall sein, denn die Entwicklung des Verkehrs, die von beiden Küsten der Kolonie aus, und zwar von jener des Indischen Ozeans und jener der drei grossen Binnenseen, betrieben wird, macht das Leben auch im tiefsten Innern mehr und mehr jenem an der Küste gleichartiger, woselbst die gesellige Gastlichkeit nach eigener Wahl und auf Gegenseitigkeit dem Verkehr der Weissen untereinander das Gepräge verleiht.

Wenn aber von „offizieller“ Gastfreundschaft oben die Rede war, so trifft diese Bezeichnung nur insofern zu, als eben der jeweilige Vertreter der betreffenden Lokalbehörde als solcher den Vorzug hat, vielerlei ihm durchaus wildfremde Personen verschiedenen Standes irt seinem Hause gastlich aufzunehmen. Im übrigen geschieht diese gewiss nicht zu unterschätzende Art von Repräsentation ausschliesslich zu Lasten seines Privat-Budgets. Bei den Niederlassungen der Erwerbsgesellschaften liegen die Verhältnisse wesentlich anders. Dort sind den Vertretern in der Regel entweder besondere Repräsentationsgelder zugemessen oder es ist die Aufrechnung der wirklich erstandenen Kosten der Bewirtung fremder Besucher und Reisender auf das Konto des Unternehmens gestattet. Von den Beamten und Offizieren der Kolonie bezieht hingegen allein der Gouverneur eine entsprechende Repräsentationszulage.

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