Germanen


In diese Zeit des größten Aufschwungs der Südkultur fällt das Emporkommen der Germanen. Wir haben oben gesehen, daß die Germanen ein Zweig der Indogermanen oder Arier sind. Als ihre nächsten Verwandten kann man die Italiker (die ursprünglich wohl in Litauen saßen) und die Slawen ansprechen. Die Germanen treten zuerst an der mittleren Donau, dann am Rhein, und noch später am Schwarzen Meere auf. Ob die Bastarner, die um 200 v. Chr. Verhandlungen mit dem Mazedonier Philipp dem Zweiten pflogen, germanischen Blutes waren, ist unsicher. Nicht einmal von den Kimbern und Teutonen ist es völlig gewiß. Der erste bestimmt beglaubigte Zug der Germanen ist der der Sueven oder Schwaben, die unter Ariovist in das Elsaß einbrachen und sich bis zur oberen Seine ausbreiteten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß damals Europa noch von einer Fülle anderer Rassen bewohnt war. Von dem Atlantischen Ozean bis zur Wolga und zum Kaukasus hausten Verwandte der Tscherkessen und Georgier. Alle die oftgenannten Urvölker, die Iberer, die Ligurer, Rätier, Vindelizier und Jazygen gehörten zu dieser Rasse. Bis in die Gegenwart ragt ein Überbleibsel jener europäischen Kasstämme, nämlich die Basken. Im Norden aber, vom Weißen Meer bis nach Jütland und vielleicht bis Holland saßen die Finnen. Außerdem war ein beträchtlicher Teil Europas noch von den Kelten erfüllt, deren Niederlassungen von Portugal bis zum Bosporus reichten. Die Germanen scheinen von der Gegend zwischen mittlerer Donau und oberer Weichsel ausgegangen zu sein. Jüngste Forschung hat entdeckt, daß in der Urzeit Bayern und Angelsachsen zusammengewohnt haben. Das kann nur in der beschriebenen Gegend gewesen sein. Von Osteuropa aus breiteten sich die Germanen, den keltischen Block umfließend, zugleichnach Norddeutschland und nach der oberen Donau und dem oberen Rhein zu aus. Umstritten ist die Frage der Besiedlung Skandinaviens. Wahrscheinlich sind auch nach Skandinavien die Germanen erst spät, und zwar von Osteuropa aus gekommen. Die niederrheinischen Germanen hatten Berührungen und Reibungen mit den keltischen Beigen, die oberrheinischen mit den Alpenvölkern. Ariovist hatte zwei Gattinen zu gleicher Zeit; die eine davon war die Tochter des nichtarischen Königs vonNorikum (Oberösterreich und Steiermark). Es ist nur natürlich, daß die zahlreichen, bereits ansässigen Fremdvölker nicht ohne Rückwirkung auf das Blut und die Gesittung der Germanen blieben. In vielen Fällen wird die ältere Bevölkerung die Kulturgeberin gewesen sein. Sogar die Waffen der Germanen sind zu einem großen Teile keltischen Ursprungs. Und von den Kasstämmen hat sich so manches Wort wie Spanferkel, Zelter, Lawine bis zum heutigen Tage bei uns erhalten, gleichwie auch im Französischen und im Italienischen noch viele baskische Wörter ihr Dasein fortsetzen. Aus Urkunden läßt sich nachweisen, daß noch im zwölften Jahrhundert Rätier zwischen Garmisch und Innsbruck saßen. Der fremde Einfluß im Skandinavischen erhellt aus der seltsamen Gewohnheit des Schwedischen und Dänischen, den Artikel hintenan zu setzen. Das ist die Gepflogenheit des Baskischen und Finnischen. Die Edda erzählt, daß die Äsen das Pferd von den Thursen kennen lernten. Die Thursen aber sind, wie schon Jacob Grimm sah, die Thyrsener oder Etrusker.

Weit entfernt jedoch, der Art und Sitte der Unterworfenen sich gänzlich anzubequemen, haben vielmehr die Germanen den großen Schatz eigener Einrichtungen und Sitten, die sie mitbrachten, im wesentlichen behauptet. Sie hatten selbständige Ansichten über das öffentliche Leben, über Anlage der Dörfer und Hausbau, endlich über die Stellung der Frauen und das Walten der Gottheit. Immerhin muß darauf hingewiesen werden, daß die Namen der meisten Städte in germanischen Landen vorgermanischen, und meist vorarischen Sprachen entnommen sind, und in den Alpengegenden wenigstens hat sich die Tracht der älteren Volksschicht siegreich durchgesetzt. Das Hochziel des Germanen war Jagd oder Krieg. Den Ackerbau überließ man den Unfreien, das heißt den unterjochten Nichtgermanen, die ihren Herren frohnden und zinsen mußten. Erst allmählich gewöhnten sich auch Freie an den Gedanken, daß ein selbst ausgeübter Ackerbau keine Schande bringe.

Nun stießen die Germanen mit den in gewaltigster Ausdehnung begriffenen Römern zusammen. Ein Naturvolk, zwar hochbegabt, aber noch auf niedriger Stufe stehend, ohne Schrifttum, ohne festere Staatsformen, ohne die Zucht, die ein Zusammenarbeiten in größeren Heeresverbänden bringt, wollte den Kampf mit den unerschöpflichen Hilfsquellen, mit der Artillerie und der straffen Zucht der Römer aufnehmen. Es war ein Wunder, daß die Germanen da nicht erlagen. Ein einziger Mann rettete sie: Arminius. Er ist zuversichtlich der Siegfried unserer Sagen. Es gibt keine große Gestalt unserer Heldenlieder, die nicht geschichtlich wäre. Also muß auch Siegfried im Fleische gewandelt haben. Zudem zeigen die anderen Namen seiner Sippe, Segest, Segimer und Segistag dieselbe Wurzel wie Siegfried — eine Gewohnheit der Namengebung, die auf germanischem Boden sehr häufig ist.

Freilich waren die Germanen weiter von der Südkultur und ihrem überwältigenden Einflüsse entfernt, als die Kelten. Aus dem gleichen Grunde haben sich die Türken besser der chinesischen Umklammerung zu erwehren gewußt, als die dem Reich der Mitte näheren Tungusen. Gleichwohl haben es die Römer wahrlich nicht an Mühe und Anstrengung fehlen lassen, um die widerspenstigen Feinde im Norden zu bezwingen. Zu Wasser und zu Lande rückten sie ihnen von allen Seiten zu Leibe. Auf der ungeheuren Linie, die von der mittleren Donau und der oberen Elbe über den Spessart nach der Weser führt, drangen die römischen Legionen vor; so war die Germanenwelt von Südosten, Süden und Westen her flankiert. Auf der Nordsee aber kreuzte eine römische Flotte, die an der friesischen Küste Landungen versuchte — ein Zusammenwirken, wie es dem Geiste Wallensteins bei der Belagerung Stralsunds vorschwebte, insofern spanische Truppen von Oberitalien nach dem Niederrhein marschiert waren und Wallenstein eine spanische Flotte nach der Ostsee wünschte. Auf dem Landwege war Drusus bereits bis zur unteren Elbe gekommen, und nur wenig Jahre vergingen, da war Böhmen mit dem nördlichen Vorlande ein römischer Vasallenstaat. So fehlte wenig und der Ring wäre geschlossen worden. Arminius, der in römischen Heeren gedient hatte und dabei weit in der Welt herum, vielleicht sogar bis Armenien gekommen war, erkannte die furchtbare Gefahr. Ehre und Preis dem Manne, der aus einem dunklen Naturgefühl heraus, lediglich aus Selbsterhaltungstrieb, den heimischen Boden gegen feindlichen Einfall verteidigt. Allein Arminius stand weit höher als ein Kirgisenhäuptling, der gegen die Russen kämpft, oder ein Emir des Sudans, der sich der Franzosen zu erwehren sucht. Bei ihm war es mehr als ein dunkles Gefühl, als ein unklarer Instinkt. Arminius war ein Staatsmann von hohem Wurf. Warum sollte man ihm weniger Zutrauen als dem Ariovist oder seinen Vorgängern, die mit einer Partei in Rom und dem fernen Mithridat in Verbindung standen? Der Cherusker hat denn auch ebensoviel durch List, wie durch persönliche Tapferkeit sein Ziel erreicht. Er lockte den Varus in den Teutoburger Wald, in die Nähe der Porta Westfalika, und vernichtete fast zwanzigtausend Mann. Ihn selbst, den Befreier des Vaterlandes, traf im eignen Hause schweres Geschick; sein geliebtes Weib, Thusnelda, fiel in die Gefangenschaft der Römer. Das war so zugegangen. Mit stürmender Hand hatte einst Armin die Braut aus der Feste Segests geraubt. Der Schwiegervater wider Willen, der es ohnehin mit den Römern hielt, zürnte unversöhnlich und nun doppelt dem jungen Cheruskerfürsten. Er benutzte eine Abwesenheit Armins, um sich mit Gewalt der Thusnelda zu bemächtigen, und er überlieferte selbst die Tochter, die damals hochschwanger war, dem Neffen des Tiberius, dem Germanikus, der herbeigeeilt war, um die Niederlage im Teutoburger Walde zu rächen. Thusnelda blieb bis an ihr Lebensende in Gefangenschaft. Wer kann den Schmerz ihres hochgemuten Gatten ermessen? Vielleicht entflammte ihn der Verlust zu immer größerer Anstrengung, zu heißer Wut. Als die Nachricht von dem Kommen des Germanikus erscholl, da ritt Armin wie auf den Flügeln der Windsbraut, wie der lichtschnelle Gott Freier selbst durch die deutschen Gauen, um die Stämme zum Zusammenschluß und zum erbitterten Widerstande anzustacheln, Waffenä! erbrauste es überall, und begeistert folgten die Mannen dem erprobten Führer. Von neuem maßen sich die starken Gegner in offner Feldschlacht; es war der Sommer des Jahres 15 n. Chr. Die Wahlstatt lag etwas weiter östlich, als im Jahre 9, da Varus dahinsank. Die Männer des Südens nannten sie Idistavisus, das ist die Geisterwiese. Es wird die Gegend am heutigen Deister sein, und der Morast, in den die Legionen gerieten, wird unweit des Steinhuder Meeres gewesen sein. Beim Bade Nenndorf, in der Nähe, wird heute noch eine Römermauer gezeigt. Fast wären die Legionen neuerdings erlegen. Nur mit äußerster Mühe fochten sie sich durch. Tiberius hielt ein weiteres Ringen für zwecklose Vergeudung von Geld und Gut, gebot Einhalt, und versetzte den tatenfreudigen Germanikus, der gern einen entscheidenden Sieg davontragen wollte, nach Vorderasien. Der Kaiser, der selbst jahrelang gegen die Germanen im Felde gestanden hatte, tat dabei den denkwürdigen Ausspruch: Unsere beste Bundesgenossin gegen die Germanen ist deren eigene Uneinigkeit.

In der Tat brach bald ein Bürgerkrieg zwischen Armin und Marbod, der in „Böheim“ und Sachsen ein Reich begründet hatte, aus. Auch regte sich die Eifersucht der eigenen Verwandten gegen den Cheruskerfürst. Wie es ein vogtländischer Dichter der Spätromantik, Deeck, in einem „heldischen“ Gesänge ausgedrückt hat,

Ruhm Hermann, dem Vaterlandsretter!

Tod Hermann, dem Freiheitsdränger!

Es war die berühmte „Libertät“, um die noch während des Dreißigjährigen Krieges die Fürsten stritten. Wir nennen es heute Partikularismus. Ein Mord also war der Dank der Niedersachsen — oder waren es Hessen? — für ihre Befreiung. Sofort bemächtigte sich denn auch die Sage der Gestalt Armins. Selbst der große Geschichtsschreiber seiner Gegner, Tacitus, (um 90 n. Chr.) hat von den Heldenliedern erfahren. Die Sage laßt Siegfried durch Anstiftung seiner Verwandten fallen, nachdem er das meiste dazu beigetragen, den Ansturm eines gefährlichen Feindes zurückzuwerfen.

Der eine Trost konnte wenigstens dem Sterbenden bleiben: sein vaterländisches Werk war erfolgreich gewesen. Zwar ist fast ein Drittel Germaniens, das durch einen ungeheuren Wallgraben, den Limes, von dem freien Germanien abgeschnürt war, auf vierhundert Jahre, und in manchen Gegenden, wie bei Regensburg, noch länger der Romanisierung verfallen. Das Herz des Landes aber mit dem breitflächigen Gebiete, das sich bis jenseits derWeichselund des Riesengebirges erstreckte, war selbstständig geblieben. Nur einmal in der Weltgeschichte, wenn man von den paar spanischen Söldnern Karls V. und den Kroaten Tillys und Wallensteins absieht, ist das innere Deutschland von einem nichtgermanischen Feinde erobert worden: von Napoleon. Indessen dauerte diese Besetzung nur sieben Jahre. Wie oft sind dagegen slawische und romanische Staaten von Rassefremden, und zwar lange Zeiträume hindurch, beherrscht worden!

Der Limes ging von Kehlheim an der Donau oberhalb Regensburgs über den Spessart und Taunus nach dem Rheine, wo er gegenüber von Andernach aufhörte. Mit Vorliebe wählt der Limes den Kamm der Gebirge, weil man von darnach allen Seiten bequem ausschauen kann, und sich vor einer Überrumpelung schützt. Alle zehn bis fünfzehn Kilometer wurde ein befestigtes Lager errichtet. Auch fehlte es nicht an Wachttürmen längs der Linie. Im Taunus geht der Limes gerade über den Feldberg, gar nicht weit vom Brünhildisfelsen, berührt also heilige Stätten der Germanen. Dort im Taunus ist ein großes Lager noch in den Grundfesten erhalten, und ist auf Veranlassung Kaiser Wilhelms II. ganz in römischer Art wieder aufgebaut worden. Es ist die Saalburg. Zwei Stunden davon ist die kleinere Kapernburg. Nicht ausgeschlossen ist, daß die Römer, die von der großen Mauer Chinas Kentnis hatten, durch das chinesische Vorbild auf den Gedanken des Limes verfielen. Jedenfalls dienten beide Riesenwerke dem gleichen Zweck, die kriegerischen Völker des Nordens im Zaume zu halten. Gleiche Lage aber erzeugt wohl gleiche Maßregeln. Noch in der Gegenwart hat Lord Kitchener in Südafrika eine Art Limes mit Blockhäusern zur Abwehr der schweifenden Burenscharen ersonnen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus