Germanengut: das Zunftbrauchtum

Der Verfasser dieser Arbeit ist am 29. Mai 1940 beim Vormarsch auf Dünkirchen als Mitglied der Waffen SS gefallen.

Das Buch, das er bei Kriegsbeginn unvollendet zurückgelassen hatte und dem er nur noch einige Wochen eines Heimaturlaubes widmen konnte, übergeben wir der Öffentlichkeit im wesentlichen unverändert. Nur einige Ergänzungen, die Prof. Otto Brunner, Wien, und Prof. Hermann Heimpel, Straßburg, freundlich beigesteuert haben, und ein paar Zusätze des Herausgebers wurden beigefügt. Sonst wurde der hinterlassene Wortlaut beibehalten, auch dort, wo Hinweise hätten erweitert oder manche überschärfte Formulierung hätte geglättet werden können.


Des alten Handwerks Recht und Gewohnheit wurden oft in ihrer Bedeutung für Wesen und Geschichte der deutschen Zunft nicht erkannt und genügend gewürdigt, da die Wirtschaftshistoriker, denen wir eine reiche Zunftliteratur verdanken, den Handwerksbrauch nur in den allerwenigsten Fällen in den Kreis ihrer Betrachtungen zogen. Der Volkskundler jedoch, der sich dem Zunftwesen widmete, bevorzugte vielfach das dem späten Handwerk eigentümliche barocke Formelwesen und vernachlässigte die reiche Fülle festlicher Bräuche der alten Handwerker. Erst heute ist es möglich, die inzwischen gewonnene Übersicht über die Zunftfeste in ihren großen Zügen und allgemeinen Linien zu schildern und zu Ursprung und Entwicklung des deutschen Zunftwesens in Beziehung zu setzen. Eine solche volkskundliche Untersuchung des alten Handwerks vermag wesentliche Beiträge zur Geschichte seiner Gemeinschaftsformen zu liefern. Wir wollen uns hier mit der Gesamtheit der großen Handwerkerfeste, den Umzügen, den zünftigen Jahreslauffeiern und den Bräuchen beim Gesellenmachen beschäftigen, in denen es bei aller Vielfalt die durchgehenden gemeinsamen Züge zu erkennen gilt. Es ist notwendig, daß wir durch die erdrückende Fülle und Mannigfaltigkeit des Handwerksbrauchtums einmal zu der Erkenntnis Vordringen, daß diese Vielfalt durch eine einzige große innere Einheit geordnet wird, die in jeder Beziehung vorhanden ist: Geographisch sind über das ganze deutsche Volksgebiet hin in jedem Handwerk grundsätzlich dieselben Brauchtumsformen zu erkennen. Die Bräuche sind, soweit wir aus den vorhandenen Quellen schließen können, in der Geschichte des deutschen Handwerks über Jahrhunderte hinweg sich gleichgeblieben. Die Bräuche sind aber auch für alle Handwerke in großen Zügen gleich oder sinnentsprechend, so daß wir sie alle in einer Ordnung unterbringen können. Die Untersuchung des Zunftbrauchs wird zeigen, daß er mit den Bräuchen vieler anderer historischer Verbandsformen übereinstimmt. Parallelen zum germanischen Altertum sollen schließlich den einheimischen Ursprung des Brauchtums erweisen und von hier aus Rückschlüsse auf das germanische Erbe der das Brauchtum tragenden Verbände, der Zünfte also, erlauben (2).

Im Vordergrund der Betrachtung stehen diejenigen Feste und Bräuche, bei denen die Zünfte geschlossen als Brauchtum tragende Verbände auftreten. Uns geht es also darum, das Brauchtum der Verbände als solches von Gemeinsdhaften zu erkennen und die Frage zu prüfen, ob wir aus ihm neue Erkenntnisse über Wesen und Eigentümlichkeit dieser Gemeinschaften gewinnen können.

Die Zunftliteratur rein nationalökonomischer Prägung hat es infolge ihrer mangelnden weltanschaulichen Einstellung versäumt, den Zunftbräuchen auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. Schon Sieber hat über diese Tatsache Klage geführt und die Vermutung ausgesprochen, daß aus der Betrachtung des Brauchtums — neben dem rein volkskundlichen Interesse — vielleicht sogar einzelne Aufschlüsse für die Zunftgeschichte zu erwarten seien. Auf Grund der neueren Forschungen auf dem Gebiet der Religionswissenschaft darf man heute wohl sagen, daß das Wesen der Zunft und die Bedeutung ihrer Geschichte erst aus dem Brauchtum heraus in vollem Umfang erkannt werden können. Das eigentliche Gewerbeschrifttum befaßte sich nicht mit dem Handwerksbrauchtum, und auf dem Gebiete der Volkskunde wurde wohl Material gesammelt, jedoch wurde oft das Wagnis einer Gesamtbetrachtung der von den Zünften getragenen Bräuche und einer Anwendung dieser Erkenntnisse auf die Zunftgeschichte unterlassen. Verschiedene angreifbare Ansichten über die Feste der Handwerker entstanden, von denen wohl die, man werde der Bedeutung der Bräuche mit dem Wort»Saure Wodhen — frohe Teste« gerecht, vorherrschend ist. Die im Mittelalter übliche Arbeitszeit von täglich 13 bis 14 Stunden habe — so meint man — zu großem Verdruß geführt, der in den Feiern und Festen sich einen Ausgleich zu schaffen bestrebt war. Das einförmige Leben in den sauren Wochen der Arbeit erfordert eine »heitere Abwechslung«. Die Gesellen, »heiter und lustig«, »durch das Wandern etwas verfeinert, wußten in ihrer Blütezeit ihre Feste zu den beliebtesten in den Städten zu machen und in die Eintönigkeit des mittelalterlichen Lebens ein angenehmes Intermezzo einzuschieben«. Man vermag in den Handwerksfesten nur Sonntagsbelustigungen zu sehen, die als ausgelassenes, etwas barbarisches, »unfeines« und vor allen Dingen »ungebildetes« Toben, als Ausgleich zu der harten Fron des Werktags entstanden.

Auch eine neuere Arbeit, die sich Mühe gibt, die heutigen Erkenntnisse über das Wesen der Gemeinschaft zu verwerten, vermag sich dennoch nicht aus der alten Bahn zu lösen. Wrede schreibt:

»In der Vergangenheit boten Zünfte und das stark ausgeprägte Nachbarschaftswesen, sodann Kirchenfeste dem einzelnen Volksgenossen gute Gelegenheit, sich mit anderen zu freuen und den Gemeinsinn zu pflegen.«

Der heutige Mensch ist oft gewohnt, sich einem Verein anzuschließen, wenn er der Meinung ist, daß die Zwecke dieses Vereins auch seinem Wollen entsprechen und er erwarten kann, daß der Verein ihm »etwas bietet«. Die Zunft aber war kein lebloses, rein juristisches Gebilde, kein Zweckverband, der seinen einzelnen Mitgliedern verabredungsgemäß Gelegenheit zur Teilnahme an geselligen Veranstaltungen gab, sondern bestand aus einer Gemeinschaft von Männern, die der Zunft angehören mußten und Pflichten für die Gemeinschaft hatten. Wenn die Zunft etwas gestaltete, so war es das Werk der Gemeinschaft aller Mitglieder und nicht das der Verpflichtung eines rührigen Vorstandes, der laut Statuten seinen Mitgliedern für die Beitragszahlung eine gewisse Anzahl von Belustigungen jährlich zu bieten hatte.

über das bei Kaufleuten wie Handwerkern und anderen Ständen bekannte Hänseln weiß Wissell nur zu sagen, daß es in allen Volkskreisen üblich gewesen sei und letzten Endes einzig und allein den Zweck hatte, von dem Gehänselten ein Lösegeld zum Vertrinken zu erpressen. Es wird hier der Eindruck erweckt, als ob eine Verfallserscheinung späterer Zeit das Ursprüngliche gewesen sei.

Man kennt noch weitere Gründe für die Entstehung der Handwerkerfeste.

»Wenn da der Kern der Bevölkerung nach den sauren Wochen der Arbeit sich rückhaltlos der Freude hingab und dabei geschlossen als Zunft auftrat, da kam es ihnen allen so recht zum Bewußtsein, was sie waren und wofür sie sich halten durften. Und nicht allein sie selbst freuten sich ihrer Feste, Aufzüge und Tänze, das ganze Volk jauchzte ihnen zu, der Rat fand Gefallen an diesen öffentlichen Veranstaltungen und begünstigte sie auf jede Weise, lieh ihnen die Stadtpfeifer, schenkte ihnen Wein und unterstützte sie in ihrem Werk«.

Hören wir weiter Fischer:

»Es war freilich nicht nur überschäumende Lebensfreude oder treues Festhalten am alten Brauch, welches die Ausdehnung solcher Gelage zur Folge hatte. Es entsprang das vielmehr noch einem andern Grund: je ärmlicher nämlich die Lebenshaltung des Handwerkers war — und sie war vor allem infolge der Uberfüllung der meisten Handwerke erheblich ärmer, als es nach den Darstellungen vieler wirtschaftsgeschichtlicher Werke scheinen möchte —, desto größer war die Neigung, über die Stränge zu schlagen, wenn es galt, auf gemeinsame Kosten zu zechen und zu zehren.«

So wie diese Zitate zeigen, was für Ansichten über das Wesen der Handwerksbräuche bisher geäußert wurden, seien jetzt einige Antworten der Forschung auf die Frage nach dem Ursprung der Bräuche angeführt. Unsere Aufmerksamkeit wird zunächst auf die Tatsache gelenkt, daß die volkskundliche Zunftliteratur die Ursprungsfrage vielfach mit der anderen Frage gleichsetzt, wer diese Bräuche erfunden habe. Schon eine solche, für ihre Zeit gewiß typische These, das Brauchtum sei einmal erfunden, soll ein Ansatzpunkt für unsere Kritik werden. Ein großer Teil der Zunftforschung verneint von vornherein die Möglichkeit, daß die Handwerker ihre Bräuche selbst »erfunden« hätten. Die bekannte Tatsache, daß in kirchlichen, studentischen, ritterlichen, kaufmännischen, bäuerlichen und anderen Brauchtumsformen deutliche Parallelen zum Handwerksbrauch erscheinen, veranlaßte diejenigen Forscher, die von der Richtigkeit der Theorie vom gesunkenen Kulturgut überzeugt sind, eine Stufenreihe des Brauchtums anzunehmen, in der die Bräuche ihren Ursprung in der Kirche (oder weiter zurück in der südlichen oder östlichen Welt der Antike) finden und dann nacheinander etwa von Studenten, Kaufleuten und Handwerkern »nachgeahmt« werden, um schließlich zu den Bauern »herabzusinken«. Wenn auch in jüngerer Zeit die Handwerker manchen Schwulst höfischer Kamevalsfeiem übernahmen, so darf man doch keineswegs die Handwerkerbräuche allein oder wesentlich aus der Parodie oder dem »Nachahmungstrieb« ableiten wollen.

»Ihr (der Handwerker) Nachahmungstrieb ließ sie das nehmen, was sie in anderen Kreisen sahen und hörten und das ihnen geeignet schien, bei der Aufnahme eines neuen Mitglieds in ihre Brüderschaft angewandt zu werden« .

Auch Spanierist wohl den Handwerkern gegenüber etwas pessimistisch, wenn er meint, daß das Schembartlaufen, die große Handwerkerfasnacht zu Nürnberg, erst vor der Mitte des 15. Jahrhunderts aufgekommen sei als ein zünftiges Gegenstück zu dem Gesellenstechen der Patriziersöhne. Wenn der Sachverhalt aber so läge, so müßte doch überraschen, daß die Patriziersöhne später das Recht des Schembartlaufens von den Metzgern kauften, also selbst den eigenen Brauch nachahmten.

Jsenberg stellt folgende Thesen auf:

»Die Fastnachtsveranstaltungen des alten Handwerks gehen auf germanische Gebräuche zurück».

»Auf germanische Gebräuche gehen auch die Maifeste im Handwerk zurück«. »Auch die Feste der Sommersonnenwende haben ihren Ursprung in einem germanischen Feste«.

Es muß befremden, daß Jsenberg diese drei Sätze nicht an einer eingehenden Untersuchung seines Materials zu erweisen sucht. Dagegen veröffentlicht er eine große Anzahl christlicher und christlich umkleideter, ursprünglich aber vielfach germanischer Gebräuche unter dem Titel »Religiöses Brauchtum«, wobei »religiös« allein im Sinne von »christlich« verstanden wird. Hier werden zwei verschiedene Lager der Forschung sichtbar, in denen es um den christlichen oder germanischen Ursprung des Volksbrauches im Handwerk, um fremd oder einheimisch geht. Wir werden uns mit diesen Fragen auseinanderzusetzen haben, wenn wir die These aufstellen, daß der Handwerksbrauch einheimischen, germanischen Ursprungs ist, und wenn wir weiter den christlichen Einflüssen eine weit geringere Rolle, als bisher geschehen, zuweisen werden. Gelingt es uns, den germanischen Ursprung des Zunftbrauchtums zu erweisen, so können wir von hier aus die oft gestellte Frage nach dem Ursprung der Zünfte neu aufgreifen und uns an ihre Lösung heranwagen.

Zunftbräuche sind nicht eine Sammlung von zufälligen Lustbarkeiten, sondern eine einheitlich geprägte Erscheinung, die notwendig an bestimmte Gemeinschaften gebunden ist und nur als Ganzes begriffen und verstanden werden kann. Die Zunftbräuche vereinen in sich eine ganze Reihe von Einzelzügen, die wir auch sonst in dieser kennzeichnenden Zusammensetzung wiederfinden: bei Adelsgilden, Kaufmannsgilden, Fuhrleuten, Studenten und Bauern. Drei ganz bezeichnende Erscheinungen treten in vielen Einzelheiten fast überall auf: große Fasnachtsfeiern, Aufnahmebräuche und feierliche Gelage. Das Vorhandensein eines einheitlichen Brauchtums bei zum Teil recht verschiedenartigen Verbänden wollte man bisher nur als Einfluß des einen auf den anderen erklären. Otto Höfler zeigt, daß auch diese Verbände und ihr Brauchgut in ihrer Gesamtheit als eine innere Einheit zu betrachten sind: und auf die im gesamten germanischen Raum bezeugten Gilden zurückgehen.

Außerdem wird sich zeigen, lassen, daß die Zünfte einen bedeutenden Teil auch ihrer sozialen Struktur den Gilden verdanken, und weiter, daß sie ihr Brauchtum im großen und ganzen treü und unverändert von ihren historischen Ahnen bis in die neueste Zeit hinein überliefert haben. Oscar Almgren hat erwiesen, daß gerade die Formen sakraler Kulte, auf die dieses Brauchtum zurückgeht, von einer unerhörten Zähigkeit in ihrem geschichtlichen Bestand sind. Auch dann noch, wenn der Brauch längst nicht mehr verstanden ist, wird seine Form unverändert bewahrt und mit ihr in der Sage oft eine Ahnung von seiner früheren Größe und Bedeutung. Staunend verfolgen wir, wie sich Parallelen heutigen Volksbrauches bis zu den Felszeichnungen der Bronzezeit zeigen lassen. Wenn es gelingt, den mittelalterlichen Zunftbrauch mit altgermanischen Kulten in geschichtlichen Zusammenhang zu bringen, so wird damit bewiesen werden können, daß das Zunftbraudhtum in seinem Grundbestand ursprünglidh religiösen Inhaltes ist.

Diese Erkenntnis läßt keinen Raum mehr für die Annahme sonntäglicher Zerstreuungen der Handwerker als der einzigen Quelle der Bräuche. Sie räumt ferner auf mit dem alten Einflußschema, nach dem ein Verband das Brauchtum »erfunden« haben soll, und alle anderen ihn dann übernahmen. Von hier aus wird aber auch — das läßt sich schon jetzt sagen — ein ganz anderes Licht auf die Zünfte als Gemeinschaften religiös gebundener Natur, auf ihren rechtlichen Aufbau und ihre historische Stellung in der Geschichte der deutschen Stadt fallen.

Der hier angewandte Ausdruck »religiöses Brauchtum« macht aber einige klärende Bemerkungen notwendig. Einer unausgesprochenen Verabredung nach wurde unter diesem Ausdrude bisher christlich-kirchliches Brauchtum verstanden. Fast alle Sozial- und Rechtshistoriker des Handwerks übernahmen diese willkürliche Gleichsetzung kirchlich gebundener Schriftsteller. Indem man »religiös« für »christlich« setzte, konnte man auch »germanisch« als »nichtchristlich« mit »unreligiös«, »weltlich«, »profan« gleichsetzen. Man unterstellte, daß das germanische Altertum ohne sakrale Weihe gewesen sei. Die germanische Religionsgeschichte zeigt uns dagegen, daß unsere Väter bereits vor der Christianiserung Religion, Kultus und Weihe zu ihren höchsten Gütern rechneten. Sie zeigt uns ferner, daß die Germanen auch nach der Christianisierung beträchtliche Bereiche ihres alten Glaubens festhielten. Die Kirche mußte, wie uns besonders der verstorbene Robert Stumpfl an einer Fülle von Beispielen gezeigt hat, eine »Amalgamierungstaktik« anwenden, um den der Missionierung widerstrebenden Germanen unter Schonung des alten Kültes wenigstens Tauferfolge abzugewinnen. Erst im hohen Mittelalter erfolgt unter dem Einfluß und der Macht der endgültigen »inneren« Christianisierung der große Kulturumbruch des germanischen Abendlandes. Aber noch lange Zeit und bis in die Gegenwart hinein leben Formen und Gestalten der eigenen Welt im germanischen Kulturbild weiter. Gerade die getreue Erhaltung des Kultes im Volksbrauch ist es, die uns heute die alte Glaubenswelt mit Hilfe der deutschen Volkskunde verstehen läßt. In diesen Zusammenhang gestellt, erhält auch die Volkskunde des deutschen Handwerks einen hohen Sinn als Quelle zur Erkenntnis deutschen Wesens.

Wertvolle Hinweise auf den germanischen Ursprung der Handwerksbräuche haben Siegfried Sieber und Richard Wolfram gegeben. Sieber hat besonders immer wieder auf den engen Zusammenhang des Handwerksbrauchs mit den ländlichen Bräuchen hingewiesen. Wolfram erinnert z. B. an die »feierliche Überbringung der Zunftlade zu einem neuen Gesellenvater, bei dem noch Mitte des 19. Jahrhunderts Schwertspringer den Schutz gegen unsichtbare Mächte durchzuführen hatten«. »Bedeuten doch die Handwerker für die Stadt jenen beharrsamen Stand, wie ihn die Bauern für das Gesamtvolk darstellen.«

Hier wird uns eine für die Beurteilung städtischer Volkskunde sehr wichtige Erkenntnis vermittelt. Wurde der Handwerksbrauch von den nationalökonomisch eingestellten Zunfthistorikern nicht behandelt, weil man ihn für belanglose Belustigung hielt, so trieb der »zünftige« Volkskundler keine Handwerkervolkskunde, weil er von ihr nicht diejenigen Erfolge erwartete, die ihm die ländliche Volkskunde versprach. So wurde der Zunft-braudi in seiner Bedeutung nicht erkannt. In den volkskundlichen Zeitschriften findet man nur gelegentliche Randbemerkungen über unser Thema, die Arbeiten von Sieber und Fischer stehen allein da, und eine Gesamteinordnung des Brauchtums wurde noch gar nicht versucht. Materialsammlungen liegen in den Arbeiten von Weiß, Krebs, Oschilewski, Wissell, Potthoff und Jsenberg vor.

Wolfram führt uns auf den richtigen Weg, wenn er darauf hinweist, daß die Volkskunde des Handwerks »urältestes Brauchtum, das eben an Männerorganisationen haftet«, finden wird.

Einen besonders altertümlichen Zug haben wir in dem Geheimnis des Handwerks vor uns. Seiner Bedeutung wird man mit rationalen Gründen wohl nicht voll gerecht werden können. Wohl diente der geheime Handwerksgruß dem wandernden Gesellen als Ausweis. Aber auch neben dieser Aufgabe ist es bis in die jüngste Zeit — bei den Zimmerleuten bis in die Gegenwart — grundsätzliches Gebot, die Dinge des Handwerks, besonders Brauch und Gewohnheit, geheim zu halten. Voti der alten Fasnacht der Fleischer zu Münster wird aus dem 16. Jahrhundert berichtet: Sie »sungen ein ledt, welchs nemandt verstaen konthe, das sie auch nemande lereten, dan die under sie horde…«. Solch Geheimnis kann nur aus dem Kult erklärt werden. Warum sollten die biederen Fleischer etwa ein lustiges Sonntagslied geheimgehalten haben? Handelt es sich hier um ein Lied, das der Zunft seit alten Zeiten eigen und heilig war? Und gibt uns die Tatsache, daß es zu jener Zeit noch geheimgehalten wurde, nicht einen Fingerzeig dafür, daß es dem Verband noch heilig war, daß man es mit Ehrfurcht überlieferte? Wir wollen diese Fragen bejahen.

Wenn wir solche Dinge im Handwerk zu erwarten haben, dann wird es wohl gut sein, daß wir — wie der verstorbene Eugen Weiß — behutsam, mit Verständnis und Liebe und vor allen Dingen auch mit Ehrfurcht an die Betrachtung des Zunftwesens gehen. Dann empfiehlt es sich auch, die Fanfaren moderner rationalistischer Theorien energisch zu dämpfen und nicht mit vorgefaßten Meinungen oder Sozialtheorien an die Geschichte heranzugehen. Sonst geht es uns wie großen Teilen der bisherigen Zunftliteratur: Wir suchen Bestätigungen eigener Meinungen in der Geschichte, stellen Einteilungen nach modernen Schemen auf, pressen unseren Gegenstand, zerteilen ihn, bis er uns paßt und — die Erscheinung unter unseren Händen zergangen ist.

Wenn der Liberalist des 19. Jahrhunderts glaubte, die Welt sei nur eine Entwicklung zur Freiheit des Einzelmenschen hin, so. suchte mancher Gelehrte derselben Zeit im alten Handwerk — wie in jedem historischen Gegenstand ähnlicher Art — dieselbe Tendenz: er sah den Zunfthandwerker um politische Ziele des 19. Jahrhunderts ringen und — verstand ihn nicht. Man kann vielen positivistisch eingestellten Forschem den Vorwurf mangelnden historischen Instinktes nicht ersparen, wenn man einen Einblick gewinnt, wie wenig Soziologie und Wirtschaftsgeschichte letztlich in der Lage gewesen sind, die großen Probleme des mittelalterlichen Zunftwesens ihrer Lösung näher zu bringen. Wir werden noch Gelegenheit haben, geradezu grotesk zu nennende Mißverständnisse mittelalterlidier städtischer Sozialstruktur durch eine allzu gegenwartsgläubige Forschung des 19. Jahrhunderts kennenzulernen.

Wir wollen es mit der historischen Methode des Dänen Wilhelm Grönbech halten, wollen sorgfältig und ohne Anmaßung an den historischen Gegenstand herantreten, ihn von allen Seiten umschreiten und betrachten, in ihn einzudringen suchen, ihn abmessen und abgrenzen und verstehen — nach seinem eigenen Gesetz! Dieses Gesetz müssen wir erst finden, müssen es aus den Quellen zu erschließen suchen, dürfen es weder bewußt noch unbewußt mit uns bringen. Wenn wir so an unseren Stoff herangehen, dann werden wir die beglückende Entdeckung machen, daß das alte Handwerk und sein Brauch starke Glieder in der Kette deutscher Art. sind, mitberufen, die Verbindung von germanischer Vergangenheit zu stolzer deutscher Gegenwart herzustellen.

Das Wesen des Handwerksbrauchs erschließt sich uns nicht, wenn wir von modernen Erfahrungen ausgehend in ihm nur Erholung von des Tages Last und Müh sehen. Wenn wir, nach Betrachtung der Quellen, der Ansicht zuneigen, daß das Wesen des Handwerksbrauchs darin besteht, daß er ursprünglich religiösen Inhaltes ist, daß es sich um kultisches Brauchtum handelt, dann werden wir auch nicht die Frage stellen, wer diese Bräuche »erfunden« habe. Sie sind nicht das Werk eines begabten Einzelnen oder auch einer Gruppe, die eine Reihe von Belustigungen für die Zunftgenossen schuf, sie sind vielmehr einst in der Gemeinschaft, die sie trägt und erhält, entstanden, gewachsen, geworden aus einem tiefen religiösen Erlebnis heraus. Wollen wir ein Bild von diesem Vorgang erahnen, so müssen wir uns erinnern, was Walter F. Otto über das religiöse Erlebnis der urtümlichen Gemeinschaft sagt. Er führt uns vor Augen, wie den urtümlichen Menschen eines Tages Gott in der Größe der Natur erscheint, sie erleben die Gottheit, die in der Gestalt der Natur, des Lebens vor sie hintritt, »die Welt selbst als göttliche Gestalt, als Fülle göttlicher Gestaltungen«. Aus der Erschütterung dieses religiösen Erlebnisses heraus erheben die Menschen die Arme und preisen Gott, der ihnen erschien: aus dem religiösen Erlebnis erwächst der Kult. Er entsteht nicht aus der Angst der Menschen vor Gott, auch nicht aus dem besorgten Bemühen, den »allmächtigen« Gott zu versöhnen oder günstig zu stimmen, ihm durch Gaben etwas abzulocken. Der Kult ist nicht in erster Linie Zweck.

»Was die Kultakte für die moderne Empfindung so seltsam, so fremdartig macht, ist also nicht, wie gemeiniglich gedacht wird, die Anwendung absonderlicher Mittel zur Erreichung eines ganz natürlichen Zweckes, sondern — das Fehlen der Zweckmäßigkeit. Ihr Grundcharakter ist nicht dadurch bestimmt, daß ihre ersten Vollzieher etwas Wünschenswertes herbeiführen wollten, sondern dadurch, daß sie das Wünschenswerteste — die Gottesnähe — besaßen«.

Bei dem Gotteserleben, das Walter F. Otto schildert — er spricht von der griechischen Religion —, handelt es sich um das Erlebnis nordrassisch bestimmter Völker. Wir dürfen nicht so allgemein wie Walter F. Otto schließen, sondern müssen bedenken, daß es genügend Angstkulte und primitive Götzenkulte gibt, wie ein Blick auf die Völkerkunde lehrt. Allerdings müssen wir schärfstem von diesen bekannten Bildern abrücken und uns dagegen verwahren, daß sie als der Urtyp »heidnischer», nichtchristlicher Religiosität hingestellt werden. Wir haben aus den Forschungen der letzten Jahre gelernt, daß die Religion der Germanen nicht mit den bekannten Schlagworten Fruchtbarkeitsmagie und Apotropie ausgeschöpft ist.

Die späteren Fasnachtsbräuche, an denen unsere Zünftler hervorragend beteiligt sind, sind die Erben der alten Kulte geworden. Spanier schreibt:

»Es ist alter, längst zur Gewohnheit gewordener, nachträglich aus der Narrenfreiheit und allgemeiner Lebenslust gedeuteter Lärmzauber, der in erster Linie die Abwehr feindlicher Dämonen bezweckt, daneben aber auch dem Auferweckungsgedanken Raum gibt. Ganz schlichte Grunderfahrungen des Menschen werden auch hier (wie bei fast allen magischen Brauchhandlungen) Pate gestanden haben. Der von wilden Tieren oder sonstigen Feinden gefährdete Mensch erfuhr, wie er diese durch lautes Schreien von seiner Hütte verscheuchen konnte, wie sich ihm der Mitmensch, wenn er ihn durch die Kraft der Worte »anfuhr«, beugte.« »Aber durch den Unsinn unseres närrischen Tuns als eines verzweifelten (!) Kampfes der geängsteten (!) Menschenseele um Lebensmöglichkeit und Lebensglück«.

Wir müssen, wollen wir uns nicht ein falsches Bild vom Handwerksbrauch — einem Teil des deutschen Volksbrauches — machen, diesen Grundgedanken nachgehen. Die Erfahrung der Gegenwart, daß der Durchschnittstyp des Großstädters erst dann die Hilfe der Kirche ruft, wenn er in Not und Angst bebt, darf uns nicht zu der Annahme verleiten, daß die urtümliche Religion aus der Weltangst entstanden sei. Eine moderne Verfallserscheinung, gegen die das deutsche Volk mit Mut und Glauben ankämpft, ist nicht geeignet, ein Beispiel für die religiösen Kräfte und Äußerungen der Vorzeit abzugeben. Wie hätte aus der Weltangst wohl eine germanische Geschichte entstehen können? — Ehrfurcht und Angst sind nicht gleichzusetzen. Wenn der urtümliche Mensch die Gottheit in der Gestalt der Welt erblickt und sich selbst als einen Teil dieses Gottes erlebt, sich in Ehrfurcht dieser Gewalt beugt, sie preist und in seinen Werken verherrlicht, dann handelt er nicht aus Angst und mit dem Gedanken an Beschwichtigung des göttlichen Zornes und an Belohnung der demütigen Menschenseele.

Noch ein anderes wollen wir bedenken: Spanier redet Von »ganz schlichten Grunderfahrungen« des Menschen, die »wie bei fast allen magischen Brauchhandlungen auch hier Pate gestanden haben«. Die Geschichte stellt nicht einen Vollendungsprozeß dar, an dessen Anfang das Einfache, Primitive in dem Sinn von wertmäßig schlecht und an dessen Ende nach einem ununterbrochenen Fortschritt die Zivilisationshöhe der Jetztzeit als das Gute steht und gewertet wird. Wir haben sicher Veranlassung, bei der Beschäftigung mit der altgermanisehen Religion »einfache« Formeln und »schlichte Grunderfahrungen« nur mit äußerster Vorsicht in Rechnung zu stellen. Mit den Schlagworten des 19. Jahrhunderts, mit Zweck, Nützlichkeit und Gewinn allein und mit den Begriffen der Ethnologie primitiver Völker, Angst und Dämonenfurcht, kommen wir in der germanischen Religionsgeschichte nicht sehr weit.

Es erhebt sich nun die Frage, was für kultische Bräuche aus dem hier geschilderten Gotteserlebnis entstanden sind. Ich nenne: die großen Jahreslauffeiern, die Aufnahmebräuche der Bünde, den Totenkult. Diese drei großen Gruppen — sämtlich vertreten im Handwerkerbrauch — bilden eine Einheit. Wo sie uns in den historischen Quellen entgegentreten, werden sie von Verbänden, Gesellschaften, Jungmannschaften, von Vereinigungen der Jünglinge und Männer getragen. Höfler hat auf diesen Zusammenhang zwischen dem deutschen Volksbrauch und kultisch verwurzelten Männerbünden der germanischen Zeit hingewiesen. Die Bünde, in unserem Falle Zünfte und Gesellenschaften, sind die aktiven Träger der Jahresfeste: Fasnacht, Ostern, Maitag, Pfingsten und Mittsommer, Weihnachten und die Zwölften, die in einem untrennbaren Zusammenhang mit dem Wachsen und Werden der Natur im Laufe des Sonnenjahres stehen. Sie sind notwendig für ein fruchtbares und reiches Jahr, überraschend erscheint bei diesem allgemein bekannten Tatbestand zunächst nur, daß auch städtische Gemeinschaften eine solche wichtige Rolle in einem in erster Linie agrarischen Kult spielen. Berechtigt uns die Tatsache, daß die Zünfte jahrhundertelang an den Frühlingsfeiem festhalten, zu der Folgerung, daß diese Bräuche noch in ihrem alten Sinn lebendig waren und erlebt wurden?

An die Jahreslauffeste schließen die Zünfte eng die feierlichen Neuaufnahmen ihrer künftigen Mitglieder an. Ich werde weiter unten den Zusammenhang des Gesellenmachens mit den Frühlingsfeiem im einzelnen zu erweisen haben. Die Aufnahme in den Bund fällt zusammen mit der Mannbarwerdung. Einer der wichtigsten Lebensabschnitte findet also auch bei den Handwerkern in der Sphäre der Gemeinschaft des Männerbundes (Gesellenschaft) seinen feierlichen Ausdruck. Aber auch im Tode verläßt das Mitglied nicht die Genossenschaft. Die Zunft trägt ihn zu Grabe und gedenkt seiner in feierlichen Totengelagen und Seelenmessen.

Die Formen dieser Feiern sind festliche Umzüge mit zahlreichen Masken und besonders den bekannten charakteristischen Schiffswagen, die eine große Bedeutung im hündischen Brauch haben. Das Gesellenmachen zeigt viele Einzelheiten der auch sonst bekannten Initiationsriten. Der Totenkult spielt sich zur Zeit unserer Quellen zum Teil in den Formen der christlichen Kirche ab, jedoch sind genügend Zeugnisse germanischen Brauches bekannt, die die ursprünglichen Verhältnisse sichtbar werden lassen.

Eine Schwierigkeit hat den Forschem bisher viel Kopfzerbrechen verursacht: Der Totenkult findet sich im engsten Zusammenhang mit den zukunftsfrohen Frühlingsfeiem. Die Handwerker veranstalten in sehr vielen Fällen am Vorabend der großen Feste ihre Totenfeiern. Auch die Gelage weisen auf alten Totenkult hin. Wie kommt es, daß man Lebende und Tote in dieser Weise zusammenbringt? Warum die Totenfeiern im Angesicht des fröhlichsten Jahresfestes, der närrischen Fasnacht?

In dieser Frage sind von der Wissenschaft oft wieder falsche Schlüsse von der Gegenwart auf die Vergangenheit gezogen worden. Die moderne Großstadt verlegt ihre Friedhöfe weit vor die Stadt — in der alten Fischersiedlung von Schleswig, Holm, gruppieren sich die Häuser friedlich um die Gräber der Verstorbenen. Der moderne Großstädter — und oft nicht nur der Stadtbewohner — fürchtet sich vor dem Tode und vor den Toten. Ihm ist der Gedanke eines fröhlichen Leichenschmauses unerträglich geworden. Er sucht den mit dem Tode verbundenen »lästigen« Fragen möglichst aus dem Wege zu gehen. Wenn er hört, daß in der Vergangenheit den Toten von ihren Angehörigen viel mehr Fürsorge entgegengebracht wurde als heute, so kann er sich das häufig nur so erklären: Diese Leute haben wie wir Angst vor den Toten gehabt, aber sie waren noch ungebildet und wußten nicht, daß Tote machtlos sind. Sie glaubten sie durch Opfer und feierlichen Kult beschwichtigen zu müssen, damit sie ihre Macht (die immer als eine böse gedacht wird)-nicht an den Lebenden versuchten. Man hält Totenverehrung also in jedem Falle für Angstkult.

Wenn es sich beim Totenkult um solche Dinge handeln würde, dann wäre allerdings seine Zusammenstellung mit den Freudenfesten schwer erklärlich. Unseren Vätern waren ihre Toten jedoch keine Schreckgespenster, sondern verehrte Ahnen, die in ihren Söhnen weiterlebten und so Macht waren. Denken wir nur daran, welche Rolle der Nachruhm des Toten im germanischen Altertum für die junge kriegerische Mannschaft bedeutete. Dann verstehen wir auch, daß gerade die jungmannschaftlichen Bünde die Träger dieses Totenkultes sind, wie Höfler gezeigt hat.

Diese Kulte sind eng mit (Gemeinsdhaften, in unserem Falle mit Berufsgemeinschaften, verwoben. Sie geben den sie tragenden Verbänden ein starkes Gemeinschaftsethos und enthalten überhaupt erst den Schlüssel für diejenigen Kräfte, die durch diese Gemeinschaften historisch wirksam geworden sind. Höfler hat gezeigt, daß solche Kulte von kriegerischen und politischen Verbänden getragen wurden. Audi die Handwerker bilden in dieser Beziehung keine Ausnahme. Erst die Volkskunde ermöglicht uns auf diese Weise das tiefere Verständnis für die bedeutenden politischen Äußerungen, die den Zünften in der deutschen Geschichte eigen gewesen sind, Tatsachen, die von der bisherigen, oft einseitig ökonomisch eingestellten Sozialgeschichte gar nicht in ihrer richtigen Bedeutung erkannt werden konnten.

Innerhalb der Zunft ist eine Sondererscheinung zu beobachten: es bilden sich eigene Gesellenschaften heraus, streng abgeschlossene Gemeinschaften der ausgelemten jungen Handwerksgesellen mit hündischem Ritual, mit Initiation und Heiratsverbot für die Dauer der Zugehörigkeit, mit strengen brauditümlichen Geboten der Kleidung, Lebensführung, Fest, Kirchgang, Sittlichkeit u. a. Diese exklusiven Jungmannschaften, der Kern einer jeden Zunft, sind die aktivsten Teile der Handwerker, wahren besonders streng die Überlieferung der Bräuche und üben sie auch selbst aus. Sie sind die eigentlichen Träger der Zunftfeste. Meister, Familie und Gesinde nehmen oft nur als Zuschauer teil.

Bevor wir nach diesen allgemeinen Ausführungen den Zunftbrauch im einzelnen mustern, müssen wir einen kurzen Blick auf die Quellen werfen. Um es vorweg zu sagen: Sie sind zum Teil recht jung und in ihrem Wert sehr uneinheitlich. Die Handwerker selbst haben von ihren Bräuchen nichts aufgeschrieben. Zweierlei ist als Grund dafür zu nennen: Die Bräuche waren lebendig, es war unnötig, sie zu fixieren; sie sind von Geheimnis umgeben, es war verboten, etwas aufzuschreiben.

Die Zunftstatuten enthalten nur sehr wenig über die Bräuche. Unser Wissen schöpfen wir aus kirchlichen und staatlichen Verboten und aus den Sammlungen einzelner Altertumsfreunde wie der des Magisters Frisius in Altenburg zu Anfang des 18. Jahrhunderts. Der älteste Beleg nachweislich handwerklichen Brauchtums ist der berühmte rheinische Schiffswagen der Weber von 1133, der schon Jacob Grimm bekannt war und einwandfrei heidnischen Charakters ist:

Ihren Wert erhalten die Quellen erst durch den erwähnten Umstand der großen Einheitlichkeit des Brauchtums in vieler Beziehung. Wir finden ein ganzes Bündel von typischen Motiven in immer wiederkehrender Anordnung bei vielen Handwerken, zu allen Zeiten, die uns überhaupt Quellen liefern und in ganz Europa, soweit es Wandergebiet deutscher Handwerksgesellen war.

Besonders in der Frage nach dem Ursprung der Zünfte ist eine Überschätzung der schriftlichen Quellen durch die Wissenschaft zutage getreten, die wohl mehr den Anschauungen des 19. Jahrhunderts als der Geschichte der Zünfte entsprach. Man nahm Zünfte oft nur dort an, wo sich Statuten vorfanden. Hinter dieser Methode steht der Glaube, daß sich die Zünfte nach dem Muster irgendeines modernen Vereins konstituierten, indem sie ihre Satzungen festlegten. Man beging weiter den Fehler, daß man annahm, diese Statuten würden alles Wesentliche und Wissenswerte in sich enthalten. Daß dem nicht so ist, daß oft das Gegenteil der Fall ist, werden wir später sehen. Für die Quellen des Handwerksbrauchs darf man noch viel weniger erwarten, daß das Auftreten der Quellen und die Entstehung des Brauches auch nur annähernd zusammenfallen. Das ist verständlich, wenn man anerkennt, daß es sich beim Handwerksbrauch um in der Wurzel kultisches Brauchtum handelt.

»So lange dieser kultisch wie soziologisch höchst bedeutsame Überlieferungsstrom intakt ist, wird er seiner wahren Bedeutung nach überhaupt nicht sichtbar. Erst bei der Verharmlosung in den Städten tritt er zutage, wenn der ursprüngliche Sinn verlorengegangen ist«.

Hier haben wir das Gegenteil von der oben gekennzeichneten Annahme zu erwarten; Das Auftreten der ersten Quellen kann mit jenem Vorgang ungefähr zusammenfallen, den zuerst Meschke »kultische Entleerung« genannt hat. Dabei handelt es sich um ein kultur- und religionsgesdiichtlich höchst wichtiges Datum. Das Ende des Brauches ist mit dem Verlust des Inhaltes allerdings noch nicht gegeben, diese Formen können »Jahrtausende überdauern und selbst einen Verlust ursprünglichen Sinnes vertragen und dennoch weiterbestehen«.

Siehe auch:
Germanengut im Zunftbrauch
Germanengut: das Zunftbrauchtum
Germanengut: die Zunftfeste
Germanengut: die Zunftfeste – Masken und Narren
Germanengut: die Zunftfeste – Opferbräuche

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