Germanengut: die Zunftfeste – Fahne

Die Fahne war den Handwerkern ein Heiligtum, das jede Zunft zu besitzen trachtete. Sie wurde bei jedem Fest mitgeführt und in der Öffentlichkeit feierlich geschwungen. Dieses zu jeder Zeit berühmte Fahnenschwingen der Zünfte fand meist mit den Jahresfesten zusammen statt. Aus berühmten Sagen geht hervor, welche Bedeutung der Fahne als Symbol der Wehrkraft ihrer Mannschaft zukam. Hans von Sagan und Georg Springenklee retteten beide die Schlacht eigentlich dadurch, daß sie dem entmutigten Heer die Fahne wieder hochhielten. Die Fahne verkörpert die Ehre der Mannschaft; hat sich ein Soldat vergangen, so bleibt die Fahne eingerollt. Ein Ehrloser wird ehrlich gemacht, indem der Führer die Fahne über seinem Haupte schwingt. Die Freisprechung der ausgelemten Lehrlinge (die nun ehrliche, freie Männer werden sollen) erfolgte bei den Zimmerleuten zusammen mit einem »Fahnenspiel«. Auch in Verbindung mit dem Schwerttanz kommt das Fahnenschwingen vor.

Dazu treten bäuerliche Belege, nach denen Fahnen bei Flurumgängen über der jungen Saat geschwungen werden, auf die man göttlichen Segen herabbitten will.

Herbert Meyer hat sich in einer Reihe von Arbeiten über den Ursprung der Fahne und über die Geschichte der Heerfahne geäußert. Er weist nach, daß der Speer die Urform der Fahne ist. Die Lanze fand noch als Waffe Verwendung, als man sie schon durch ein angeknüpftes Tuch zur Fahne gemacht hatte. Pfahl, Baum, Stab, Speer und Fahne sind verwandte Reichssymbole. Diese Erkenntnis läßt uns nun auch mit Sicherheit eine ganze Reihe zünftiger Symbole in sinnvollen Zusammenhang stellen. Einige Erscheinungen des Zunftfestlebens vermögen die Brücke zwischen Stab, Speer und Fahne zu bilden: Oft stiften die jungen Mädchen seidene Bänder an den Schafferstab. Der Richtkranz der Zimmerleute trägt bunte Tücher. Bei Heischegängen werden gern Seidentücher gesammelt und an einen Stab gebunden. Der fremde Zimmergeselle trägt noch heute als Zeichen dessen, daß er für einen anständigen Kerl angesehen werden will, die »Ehrbarkeit«, das bekannte schwarze oder rote Bändchen im Halseinsatz des weißen Hemdes. Beim Tanz der Metzger und Tuchmacher schenkten die jungen Mädchen von Eger den Gesellen Seidenbänder. Auch der Maibaum wird mit Tüchern geschmückt oder gar eine Fahne in ihm befestigt. An die feierliche Nagelung von Bäumen und Fahnenstangen habe ich schon erinnert.

Eine weitere Parallele zu den Forschungsergebnissen Herbert Meyers läßt sich in der Handwerkssage aufzeigen. Die germanische Heerfahne, die rote Blutfahne, ist nach Herbert Meyer dadurch entstanden, daß ursprünglich ein Stück Tuch in Blut getaucht und an den Speer gebunden wurde. Diese Erkenntnis wird von der bekannten Springenklee-Sage bestätigt. Georg Springenklee, ein Messerschmied, rettete dem kaiserlichen Heer den Sieg und dem Kaiser das Leben, indem er sein Hemd sich vom Leibe riß, in das Blut der Gefallenen tauchte, es an einer Stange befestigte und durch lautes Rufen die Reste des zersprengten Reichsheeres sammelte, den Feind täuschte und besiegte.

Die Zunftsagen, die keineswegs wörtlich genommen werden dürfen, haben also einen tiefen inneren Gehalt, der älteste Schichten religiöser Überlieferung bewahrt hat.

Siehe auch:
Germanengut im Zunftbrauch
Germanengut: das Zunftbrauchtum
Germanengut: die Zunftfeste
Germanengut: die Zunftfeste – Masken und Narren
Germanengut: die Zunftfeste – Opferbräuche
Germanengut: die Zunftfeste – Heischegänge
Germanengut: die Zunftfeste – Kämpfe und Spiele
Germanengut: die Zunftfeste – Waffen