Germanengut: die Zunftfeste – Masken und Narren

Masken und Marren

Zu jeder Zeit hören wir von Maskierungen der Handwerker bei ihren Festen. Nach den uns vorliegenden Berichten können wir das Auftreten maskierter Gruppen und einzelner Masken unterscheiden. Die Belege für das Auftreten maskierter Bünde im Handwerk sind nicht allzu häufig, es sind jedoch einige recht altertümliche vorhanden.

Da ist zunächst das Schodüvellopen, das aus niedersächsischen Städten wie z. B. Braunschweig, Hildesheim und Göttingen bekannt ist. Schon 1293 hören wir aus Braunschweig von den Schodüveln. Ceibniz berichtet aus den Ratsordinarien derselben Stadt von 1408:

CXLIV.Wu man den schoduvele kündiget.

Vorthmer is hier ein wonheit, dat de jungen lüde pleggen to hebbende eine cumpanie, also dat se lopen Schoduvel in den hilligen dagen to Winachten. Hierumme schall de Radt tovoren in des hilligen Carstes avende drye storme lüden lathen in der Oldenstadt, unde kundigen van der lövene aldüs. De Borgermester secht: gy fromen lüde, de schriver schall ju kundigen, wu de schoduvel ore dingk holden schullen, dar möge gy na hören. So kündiget de schriver alldüs: Idt enschall nemendt schoduevel lopen, de schaffer van jowelker rotte enbringe(n) erst pande vor tein mardk by dem Radt. Ock enschullen de schoduevel nicht-4open in de kercken, edder tfp de kerdchöve, bestubben edder sdhlan. Dusse pande schullen die Borgermester to sidc nemen, ein jowelck in sinem Wickbelde, dar schoduvel lopen wilt, unde holden de to des Rades hand darup,- effte juwelker rotte wol wesen hedde, de ungevog gedaen hedde in dem schoduvele, in kercken edder up kerdc-höven, edder in geistlichen personen; dar me na de dinge na hebben moste, edder kost darup liden, dat me sedc darane verhalde: also lange namhafftig gemaket worde, de de ungevog gedan hedde, unde den Radt unde de partie von derwegen schaden beneme.

In dem Fragmentum Chronici Hildeshemmensisheißt es:

Anno 1428 liepen eilff Schodüvels tho Hildensheimb up der straten … (folgen 11 Namen) … der worden etliche erslagen, dan sie sich övell up der stratten anstellenden; deden frauwen, megde und kinder verfehren, darvon hefft dat Schodüvels Creuze in Hildensheimb vor der korsners hoffe stahend den namen bekomen.

Offenbar haben wir hier einen altheidnischen Weihnachtsbrauch vor uns. Wichtig ist, daß den Masken das Betreten der Kirchen und Kirchhöfe verboten ist. Ich erinnere an andere brauchtümliche Gestalten, die ebenfalls die Kirche nicht betreten dürfen und sich beim Läuten der Kirchenglocken verstecken müssen. Ferner weise ich auf den Zusammenhang mit den bekannten Kirchhofstänzen hin. Auch scheinen in Braunschweig die Geistlichen von den Masken gehänselt zu sein. Der Hildesheimer Beleg ist uns darum wichtig, weil er zeigt, wie ernst der Hintergrund dieser »Belustigungen« oft sein kann! Wolfram berichtet, daß die Schmiede der Gegend um Warburg um die Mitte des 16. Jahrhunderts zu Fasnacht den Schwerttanz tanzten, während sie zu Weihnachten als Schodüvel auftraten. Auch eine politische Rolle scheinen diese »Cumpanien« der Schodüvel gespielt zu haben. 1397 ermordeten sie bei ihrem Tanz den Bischof Burchhard von Magdeburg:

… vnde eynlich desse begunden enes dantzes vor deme biscoppe vnde Sprüngen also schuduuele vnde do hoff up eyn von de duuelen sine keulen vnde sloch den vorsten vp sinnen bragen kop dat sin bragen sprandc gegen die want.«

Hier steht ein politischer Mord mit dem alten städtischen Brauchtum in Zusammenhang. Wir müssen diese Tatsache und auch, daß der geistliche Fürst mit einer Keule erschlagen wurde, für unsere späteren Erörterungen im Auge behalten. Mittendorff erzählt ein anderes Beispiel von gruppenweisem Auftreten maskierter Handwerker in Norddeutschland. Schwarz gekleidete Schornsteinfeger mit berußten Gesichtem durchliefen abends mit Fackeln die Straßen. Er erwähnt aus Brüssel ein kleines Gäßchen namens »Impasse des Schowdüvels«.

Höfler führt solche Bräuche — geschwärzte Gestalten finden sich oft in den Sagen vom Wilden Heer — wie schon erwähnt, auf Verkörperungen des Totenheeres durch Bünde der kriegerischen männlichen Jugend zurück. Die Schodüvel stellen ein altertümliches Beispiel für die Tatsache dar, die wir noch öfter bezeugt finden werden: die Handwerker bilden Gemeinschaften, die noch in mittelalterlicher Zeit ihre heidnisch-kultische Bindung bewahrt haben. Sie verfolgen politische Ziele und treten in den alten Kultzeiten des Jahres maskiert mit Tänzen und Umzügen an die Öffentlichkeit. Das berühmteste deutsche Handwerksfest ist das Nürnberger Schembartlaufen, ein Fasnachtsbrauch der Metzger, für den aus den Jahren 1449 bis 1539 ausführliche und mit vielen Bildern versehene Berichte in den sogenannten Schembartbüchem erhalten sind. An diesem Brauch, einem ursprünglich nur der Metzgerschaft zustehenden Recht, beteiligten sich später auch die Söhne der reichen Patrizierfamilien, wodurch im Laufe der Zeit die Prachtentfaltung in den einzelnen Jahren immer mehr anwuchs. Eines der Schem-bartbücher, das sich heute im Besitz der Kieler Universitätsbibliothek befindet, hat mir als Hauptquelle für die Behandlung des Schembartlaufens gedient. Der eigentlichen Beschreibung des Brauches geht die bekannte Sage vorauf, die Metzger hätten sich im Verein mit den Messerern im Jahre 1349 bei einem Aufruhr der Zünfte gegen den Rat an die Seite der Obrigkeit gestellt und dann für die erwiesenen Dienste das Recht der jährlichen Fasnachtfeier erhalten. Solche »Erklärungssagen« sind ganz bekannt und finden sich fast für jedes größere Handwerksfest, dessen Ursprung man nicht kennt. Wir dürfen sie weder wörtlich nehmen, noch sie völlig als spätere phantasievolle Erfindung abtun, da nämlich alle diese Sagen einen ganz bestimmten Charakter haben, wovon später die Rede sein soll.

Das Wort »Schembart« bedeutet »bärtige Maske«. Die Schembartläufer des 15. und 16. Jahrhunderts tragen jedoch bartlose Jünglingsmasken, die sehr an die noch heute z. B. im Schwarzwald (Villingen) lebendigen Masken der »Hansele« erinnern. In jedem Jahr werden für die Schembartläufer neue Kostüme entworfen, die von allen Teilnehmern jeweils in gleicher Ausführung getragen werden. In einzelnen Rotten laufen die Maskierten durch die Straßen und heischen Gaben, die in älterer Zeit aus Fischen bestanden. Der Schembartläufer auf unserer Abbildung trägt die Fische aufgespießt, ein Motiv, das uns weiter unten noch beschäftigen wird. In der Linken hält er ein Laubbüschel , aus dem Feuerwerk herausschießt, die Rechte hält neben den Fischen den großen Spieß, der in allen Jahren zur Schembartaus-rüstung gehörte. Er trägt das im Jahre 1453 benutzte Kostüm, über Schulter und Brust hängt ein rotes Schellenband, ein anderes ist unter dem rechten Knie befestigt. Die Schellenbänder gehören zur gewöhnlichen Ausrüstung dieser Masken und sind noch heute z. B. im Schwarzwald bekannt. Die während des Schembartlaufes geheischten Gaben werden abends auf einem Gelage, das der Stadtpfänder, die Nürnberger Handwerksbehörde, den Masken gab, verzehrt, ln Begleitung der Schembartläufer finden sich u. a. die Wilden Männer, die mit langen Baumstämmen bewaffnet sind und ein grünes Mooskleid tragen. Auch Wilde Frauen sind in den Schembartbüchem abgebildet. Einer der Wilden Männer auch des Kieler Schembartbuches trägt an seinem Baum eine kleine männliche Gestalt (27). Eine weitere Maske trägt ein zottiges braunes Gewand, das die menschlichen Beine sehen läßt, und einen Schweinskopf (28). Um den Leib ist ein Glockenkranz gewunden, in der hoch erhobenen Rechten hält die Maske eine nackte männliche Puppe. Mit diesen Gestalten ist der mehrfach beim Schembartumzug gezeigte »Kindlfresser«, eine große Gestalt, die Narren verschlingt, zu vergleichen. In den Jahren 1508, 1516 und 1522 wurden nach Ausweis unserer Schembarthandscbrift solche Gestalten auf einem hölzernen Schlitten im Schembartzug mitgeführt. Eine andere Gestalt trägt einen gehörnten Vogelkopf und ist mit zottigem braunen Fell bekleidet. Auf dem Rücken trägt dieser »Teufel« einen Korb, in dem eine tiergestaltige Maske und ein Weib miteinander streiten. Zu diesem Bilde findet sich folgender Zusatz:

»Dieser in einem Teuffelskleidt, trug eine Truhen vff dem Rucken, wann er vnten zog, so fuhr ein altes Weib vnd ein Teüffel herauß, vnnd keiffeten einander.«

Ähnlich ist die Weibermaske, die in einer Bütte auf dem Rücken eine weibliche Figur trägt.

So zog die Schar der Masken durch die Stadt. Mit sich führten sie meist einen Wagen oder eine Holzschleife, die sie Hölle (32) nannten und auf der jedes Jahr etwas anderes zu sehen war. Jedoch fügen sich alle Erscheinungen einem bestimmten Kreis immer wiederkehrender Motive des Volksbrauches ein. In unserer Handschrift sind folgende Wagen und Schleifen abgebildet:

1475, 1507, 1511 ein feuerspeiender Drache.
1493, 1495, 1504, 1510 eine Burg.
1503, 1524 ein Elefant, der eine Burg trägt.
1506 ein Schiff
1508 ein Kindlfresser in einer Burg.
1512, 1517 ein Haus.
1513 ein Backofen, in den Narren geschoben werden.
1514 eine Kanone, aus der ein altes Weib geschossen wird.
1515 eine Mühle.
1519 der Venusberg.
1520 -eine Teufelshochzeit.
1521 ein Vogelherd, wo Narren auf den Leim gehen.
1523 eine Schleifmühle, in der Narren geschliffen werden.
1539 ein Schiff mit theriomorphen Gestalten und einer Maske, die den Prediger D. Osiander mit einem Brettspiel statt der Bibel in der Hand darstellt.

Gewöhnlich wurde dann der Schembartzug noch von einer großen Anzahl Narren begleitet, von denen einer Nüsse und ein anderer mit Rosenwasser gefüllte Eier unter das Volk warf. 1539 wurde der Schembartlauf nach längerer Pause (seit 1523) zum ersten Male wieder, und zwar mit größter Pracht gefeiert. Dabei kam es jedoch zu einem folgenschweren Zwischenfall. Der Rat der Stadt nahm die Verhöhnung des bekannten Predigers D. Osiander, der unter lauter Narren und Teufeln mit einem Brettspiel in der Hand auf der Hölle gezeigt wurde, zum Anlaß, den Schembartlauf für immer zu verbieten.

Zu den Gerechtsamen der Nürnberger Metzger gehörte auch der Zämertanz, der ebenfalls in den Schembartbüchem abgebildet ist. Er soll das erstemal bereits 1350 gehalten worden sein. 30 tanzende Metzger haben sich gegenseitig an kleinen Lederringen gefaßt und bilden eine lange Kette. Der Anführer und der Schlußmann tragen in der freien Hand jeder eine Tiergestalt auf einem Stab: einen Eber und einen Ochsen. Außerhalb des Tanzkreises sieht man zwei Reiter auf Pferdeattrappen, einen auf einem Widder und eine Frau auf einem Einhorn. Unter den Attrappen sehen die Füße der Träger hervor. Drei Musikanten spielen den Tänzern auf, daneben hält ein Mann einen Baum, der mit bunten Kugeln geschmückt ist. Eine Anzahl Tänzer trägt Schellenbänder um den Leib, einige Waffen. Eines der dargestellten Pferde hält eine Gans im Maule.

Das große Bild von 1539 zeigt im Mittelpunkt der Ereignisse ein Schiff auf Rädern. Es wird von dreizehn Personen gezogen und ist mit allerlei Masken besetzt, die u. a. auch den Mastkorb füllen. Auf dem Mast weht eine rote Fahne mit dem Bilde eines Narrenkopfes. Auf das Schiff zu stürmt von rechts die prächtig gekleidete Schembartgesellschaft mit einer buntgestreiften Fahne. Begleitet von Narren und Wilden Männern, setzen die Schembartläufer gerade mit Leitern zum Sturm auf die Hölle an. Die Teufel stechen mit Spießen und Lanzen vom Schiff herab auf die Angreifer und begießen sie mit Wasser. So tobt der Kampf um die Hölle, der offenbar mit dem Sieg der Schembartgesellschaft und der Verbrennung der Hölle endet.

Die einzelnen Motive des Schembartlaufes werden in ihrer Bedeutung in den Einzelabschnitten dieses Kapitels behandelt, da es sich um bekannte Charakterzüge handwerklichen Brauchtums wie Wilde Männer, Fruchtbarkeitsriten (Nüssewerfen), Heischegänge, kultische Tänze und Kämpfe, sowie feierliche Gelage handelt, die uns immer wieder begegnen.

Erwähnung finden soll hier noch ein Bericht, nach dem die Metzger 1449 beim Schembartlauf zum Tor hinaustanzten. Sie zeigten sich dabei den Feinden der Stadt; damals hatte Nürnberg Streit mit dem Markgrafen Albrecht. Ob dieser sagenhafte Bericht eine Verhöhnung des Feindes oder eine Kriegslist der streitbaren Metzger zum Gegenstand hat, ist nicht klar ersichtlich. Man darf aber hiernach vermuten, daß auch das Schembartlaufen mit politischen Angelegenheiten (hier »außenpolitisch« und militärisch) zu tun haben konnte, wie etwa die Magdeburger Schodüvel.

Neben Bräuche wie Schodüvel- und Schembartlaufen, bei denen Zünfte geschlossen als maskierte Bünde auftreten, sind viele einzelne Masken zu stellen. Von den menschengestaltischen Larven sind eine Anzahl durch gewisse Beziehungen zu Fruchtbarkeitsbräuchen gekennzeichnet, die ich weiter unten bespreche. Andere Menschenmasken stellen sich etwa in folgenden Beispielen dar.

Bei der großen »Höge« der Hamburger Brauer, einem im Jahre 1698 beschriebenen Fest von sehr altertümlichem Charakter, werden ein Bartscherer, ein Doctor, der Buchtrager und der Ochsenschreiber genannt. Der Bartscherer hat die Aufgabe, mit seinen Knechten alle Festteilnehmer vermittels eines großen hölzernen Messers zu barbieren, Personen wie Barbier und Doktor können wir mit dem Gesellenmachen in Verbindung bringen. Ein Doktor wird auch auf dem verhängnisvollen Schiff genannt, das durch die Darstellung des Herrn Osiander dem Nürnberger Schembartlauf ein plötzliches Ende bereitete.

In jüngerer Zeit werden die Aufzüge unter dem Einfluß des Barocks z. T. reichlich üppig und überladen. Dieser Zeit verdanken wohl die „Herren und Damen in sinopisischer Tracht“ beim Ulmer Fischerstechen und die Lappen und Samojeden, »alle in ihrer Nationaltracht« des Lübecker Schreinerumzugs von 1725 und 1768 ihr Leben. Das häufige Vorkommen soldatischer Kostümierungen hängt mit den Wehraufgaben der Zünfte zusammen, die Später behandelt werden.

Unter den tiergesltigen Masken finden wir Löwen- und Bärendarstellungen oder nur teilweise als Tiere verkleidete Menschen. Im Umzug der Leipziger Fischer wird ein als Bär vermummter Mann von zwei Mohren mitgeführt. Berühmt sind die drei Klein-Basler Ehrenzeichen, Löwe, Greif und Adler, die dem Fasnachtsumzug ihrer Gesellschaften noch heute voranschreiten. Zu Fasnacht feiern die Züricher Metzger die Erinnerung an die sogenannte Mordnacht.

»Bei diesem Umzug wurde das der Metzgerzunft geschenkte Ehrenpanner und ein halber, künstlich aus Holz geschnittener Löwe, Eisengrimm genannt, herumgetragen.« Seit 1728 wurde »statt dessen … ein in eine Bärenhaut gekleideter Mann durch einen Hanswurst und einen Geiger in der Stadt herumgeführt«.

Unter Hinweis auf den Wolfsnamen Isegrim hat Stumpfl den »Isengrind« der Schweizer Burschenschaftsbräuche als Wolfs- oder Hundemaske gedeutet.

Höfler hat verschiedene Gestalten der Schembartbücher mit sehr altertümlichen Traditionen zusammengebracht. Die Pferdeattrappen des Kultes, wie die in den Schembartbüchem abgebildeten, haben den Anstoß zu den Sagen vom zweibeinigen Roß in der Wilden Jagd gegeben. Jiöfler stellt diese Bräuche mit dem Odinsroß zusammen und sieht in den Tieren der Wilden Jagd tiergestaltige Dämonen. Die hauptsächlich dabei vorkommenden Tiere, Pferd, Hund (Wolf), Bock, Hirsch und Bär finden sich auch im Zunftbrauch. Höfler zeigt, daß wir in der Wilden Jagd und ihren tier-und menschengestaltigen Masken Verkörperungen des germanischen Totenheeres zu sehen haben und weist auf die Bockshörner mancher Gestalten der Schembartbücher hin. Die Bockshörner wie auch die Tierschwänze sind schon auf den bronzezeitlichen Felsbildem — religiösen Urkunden — vielfach dargestellt. Eine andere Abbildung der Schembartbücher zeigt uns einen Menschen mit einem Wolfskopf, einem Wolfsfeil und einem Schellengürtel. Diese Figur stellt Hofier in Zusammenhang mit der Abbildung eines wolfsgestaltigen Kriegers auf der Bronzeplatte von Torslunda auf der schwedischen Insel Öland.

In Klein-Basel marschiert im Fasnachtszug der Löwe mit »riesiger Lodcen-mähne« mit, er trägt einen grün-weißen Stab und zeigt an den Knien und über den Fersen Haarwuchs. Die Groß-Basler zeigen im Fasnachtszug der »Bärenzunft« manchmal einen Bären.

Eine Hirschmaske kommt beim Hirsmontag der Züricher Schmiede vor. »Der Festtag war der Montag nach dem ersten Fastensonntag oder dem sechsten Sonntag vor Ostern. Unter bewaffneter Begleitung wurde ein Kohlenkorb, wie solche im städtischen Kohlenschopf als Eigentum der Schmiede standen, in der Stadt herumgetragen. Wenn der Zug wieder auf der Süßihofstatt anlangte, schmissen die Teilnehmer am Umzug einen Kerl, einen Popanz, der in dem Korbe verborgen war, aus diesem in den Süßibrunnen unter allgemeinem Gelächter hinein. Der Kerl im Kohlenkorb soll früher ein Hirschgeweih getragen haben, das später nicht mehr zum Vorschein kam … Erinnern wir uns, daß die Zunftverfassung Zürichs ein Abklatsch derjenigen von Straßburg ist, so wirkt die Tatsache erklärend für den Hirsmontagsumzug, daß auch in Straßburg ein »Hirtz« alljährlich umhergeführt worden ist. Dagegen hat der berühmte Prediger Geiler von Kaisersberg geeifert. Er meinte, der Umzug sei ein Rest der heidnischen Bachanalien, »da einer ward in einen hirtz verkehret«. Im Zunfthaus der Schmiede befanden sich 1708 u. a. auch drei Hirschköpfe.«

Einen Mann mit einer Hirschmaske haben wir bereits in der paläolithischen(!) Zeichnung aus der südfranzösischen Höhle Des Trois Fréres vor uns, auf die u. a. Höfler mehrfach hinweist. Neben der überraschenden Tatsache solch eines uralten Belegs ist für unser Züricher Beispiel der Brunnensturz wichtig, der auf Fruchtbarkeitsbrauch hindeutet. Auch daß der »Popanz« in einem Korb herumgetragen wird, hat Parallelen im Volksbrauch und findet sich auch mehrfach bei den Handwerkern. Oscar Almgren nennt einen Brauch von der Insel Seeland, wo heutzutage zu Fasnacht ein als Hirsch verkleideter Mann auf den Höfen von Kohlfeld zu Kohlfeld gejagt, dann zum Schein erschossen und auf einem Schlitten fortgezogen wird.

Alle diese Tiervermummungen stehen nach Höfter in engster Beziehung zu germanischen Kriegerbünden, die gleichzeitig Träger des Totenkultes waren. Einen solchen Verband sieht er z. B. in den altnordischen Berserkern. Die Handwerkerbünde, besonders die Gesellenschaften, sind also Träger eines Brauchtums, das wir als uraltertümlich erkennen und das in altgermanischer Zeit von wehrhaften Kriegerbünden der unverheirateten Jungmannschaft getragen wurde.

Der Zunftbrauch des Hirsmontags bestätigt uns die These Höflers, daß die Männerbünde in vielen Fällen auch Träger der jahreszeitlichen Fruchtbarkeitsriten sind. Eine ganze Reihe von Gestalten des Handwerksbrauchs, besonders Wilde Männer, Narren und verwandte Erscheinungen, haben ihren Platz sowohl im Totenkult wie in den Vegetationsriten.

Die Wilden Männer, die uns aus der Beschreibung des Schembartlaufes noch in der Erinnerung sind, treffen wir auch sonst im deutschen Handwerksbrauch. Eisler erwähnt sie »in Felltracht zum Teil mit geschwärzten und vermummten Gesichtem« aus den Unterwössener Bräuchen. Im Umzug der Klein-Basler Ehrenzeichen findet sich ebenfalls ein Wilder Mann, »ein zottiger Walddämon unter großer kupferner Maske«; der mit Äpfeln gespickte Laubkranz, den er um die Lenden trägt, und das bekränzte Haupt deuten auf Fruchtbarkeitsbrauch innerhalb eines Frühlingsfestes. »In der Hand trägt er ein entwurzeltes Tännlein«.

Auch die Wilden Männer beim Nürnberger Schembartlaufen tragen Bäume, an denen einige Male Menschen hängen. Im brauchtüm-lichen Handwerksrecht kennt man das strafweise Einholen eines Zunftgenossen, der nicht zum Gelage kommt, auf einer Leiter. Nach dem »Högegesetz« der Hamburger Brauknechte wird der Ruhestörer beim festlichen Gelage »an die Kette« gelegt. Der Bestrafte wurde an einen Pfahl oder eine Säule gebunden, die hier den alten Baum vertreten, wie aus einer Anordnung hervorgeht, die 1730 den Lübecker Brauern das »Baumbinden« bei der Höge untersagt. Beim Wilde-Mann-Spiel der Graubündener Knabenschaften wird der Wilde Mann getötet, wiedererweckt, mit einer Kette an einen Baum geschlossen und auf einem Schlitten fortgeschleift. Stumpft hat auf den Zusammenhang dieser Bräuche mit der Tradition von Odins Hängeopfer am Baum aufmerksam gemacht. Der Baum, an dem Menschen hängen, kann später durch eine Tragbahre (vgl. o. Leiter) ersetzt worden sein. Beim Pfingstumzug der Stolper Schuhmachergesellen trugen die Lehrlinge zwei laubgeschmückte Narren umher. Diese Beispiele zeigen, daß eine ganze Gruppe von Handwerksbräuchen sich an die baumtragenden Wilden Männer der Jahresriten anschließt.

Dem Baum im Arm des Wilden Mannes entspricht die Keule in der Hand des Schodüvels, der Knebelspieß des Schembartläufers und die Pritsche des Narren. Hiermit hängt vielleicht auch die Bezeichnung des Sonntags Invocavit als »Keulensonntag« (im Französischen von 1249) zusammen. Auch der Warner des Wilden Heeres trägt eine Keule. Die Funktion des Platzmachens, die im Wilden Heer dem Warner zukommt, übernimmt im mittelalterlichen Fasnachtsumzug der Narr, der mit seiner Pritsche das zuschauende Volk zurückdrängt. In der Ausübung dieser seiner Befugnisse war der Narr straffrei. Er konnte auch darüber hinaus eine Art Festpolizei ausüben und kleinere Streitigkeiten schlichten. Seine Anordnungen mußten unbedingt befolgt werden.

Mehrfach ist die Keule im Zunftleben zum Hoheitszeichen geworden. Das altertümlichste Beispiel dieser Art ist der »Baum« der Hamburger Brauknechte, dessen Treuhänder, der »Baumträger«, der angesehenste Geselle der Gemeinschaft war. Die mit diesem Amt verbundenen Feierlichkeiten und die Würde des Baumträgers legen den Gedanken nahe, daß er ein Vorläufer der Kornetts und der Baum eine Entsprechung der Fahne ist. Audi beim Nürnberger Zämertanz der Metzger ist ein Baumträger abgebildet, dessen Baum sehr unserem Weihnachtsbaum ähnlich sieht. Beim Nürnberger Urbansfest, das die Weinleute bis ins 17. Jahrhundert hinein jeweils am 25. Mai feierten, zog ein Mann mit einem jungen Fichtenbaum mit, »der mit Spiegelchen und allerlei Glaskügelchen behängen war«. Bei der Hamburger Brauerhöge ist auch die Keule zum Hoheitszeichen geworden, das der »große Vogt« in den Festtagen führt. Als Gesellenstab ist die Keule bei allen Verbänden Symbol der Gewalt des Altgesellen. So wie die Keule des Verbandsvorsitzenden und die Pritsche des Narren sich entsprechen, deuten auch die Aufgaben des Narren als Ordners der Feste auf leitende Funktionen, die er früher einmal innegehabt hat.

Auch die bekannte Nagelung von Bäumen kommt im Handwerk vor; berühmt sind der »Stock im Eisen« zu Wien und die Linde auf Eulenspiegels Grab in Mölln, in die jeder vorbeireisende Handwerksbursche einen Nagel oder Pfennig schlug.

Nach diesen Ausführungen über Bräuche, die zum Baum des Wilden Mannes gehören, kehre ich zu den Maskengestalten der Zunftfeste zurück, ln den Schembartbüchem findet sich eine andere vermummte Person abgebildet: ein altes Weiboder ein Teufel mit einem Korb oder Zuber auf dem Rücken und darin ein oder zwei Puppen. Beim Züricher Hirsmontag wurde eine Gestalt mit einem Hirschgeweih aus einem »Kohlenkorb« in den Brunnen geworfen. Im Münchner Schäfflerumzug lief bis 1802 ein altes Weib mit einem Korb auf dem Rücken, »Gredl in (!) der Butten«, mit. Hier wird ein Mann Scheinbar von einem Weibe im Korbe getragen; in Wirklichkeit handelt es sich aber um eine von einem Mann dargestellte Trickfigur.

Die »Gredl« finden wir zusammen mit dem »Hansl«, auch als »Bauer und Bäuerin«, in verschiedenen Wasserbräuchen wieder. Beide fahren in Wannen auf dem Wasser einher, trinken Branntwein und prügeln sich, bis sie ins Wasser purzeln. Auch beim Ulmer »Bäuerlein herunterfahren« kommt es zu einem Bad im Fluß. »Hansl und Gredl« und »Bauer und Bäuerin« stellen eine Abart des Maigrafenpaares dar. Darauf deutet die sommerliche Zeit der Feste, bei denen sie auftreten, und auch die mehrfach bezeugte Wassertaufe, die mit Fruchtbarkeits- und Initiationsriten Zusammenhängen kann. Das Gebiet der jahreszeitlichen Fruchtbarkeitskulte, das uns noch weiter unten beschäftigen wird, ist also auch im Handwerksbrauch vertreten, was zunächst überraschen muß, da es sich ja um einwandfrei städtisches Brauchtum handelt. Die Zunftbräuche geben uns die Möglichkeit, enge Beziehungen zwischen der Volkskunde des Landes und der Stadt herzustellen.

Ein ebenfalls hierher gehöriger Jahresbrauch ist das Spiel der Annaberger Bergleute, das »Quaß« hieß. Zwei Masken wurden durch die Stadt geführt, die eine in Stroh, die andere in Reisig und Moos gekleidet. Solche Gestalten sind als Mai- und Wintergraf überall bekannt (108). Der Annaberger Beleg weicht insofern von der Regel ab, als hier nicht nur der Wintergraf getötet wird, sondern beide Masken niedergeschossen werden, wobei Blut aus dazu angehängten Blasen spritzt.

Schon jetzt erkennen wir aus dem vorgelegten Material, daß sich viele Fäden vom Handwerksbrauch zu eigenständig germanischen Kulten ziehen lassen.

Haben wir mit Walter F. Otto das religiöse Erlebnis urtümlicher Kulte als ein Phänomen gewertet, bei dem der Gedanke der Zweckbestimmtheit der Kulte nicht ausschlaggebend ist, so besagt das nicht, daß es nicht auch in diesem Kreis Religionsformen gibt, mit denen seitens ihrer Träger die Hoffnung auf einen praktischen Erfolg der religiösen Handlung verbunden ist. Auch im Handwerksbrauch finden sich viele Motive der »TJutzkulte«, wie sie Jtöfler genannt hat. Eine materialistisch eingestellte Forschung wollte völlig zu Unrecht auch im Handwerksbrauch nur Nutzkulte als wesentlich und primär gelten lassen. Die bewegenden religiösen Kräfte des Germanentums sind dagegen Verehrung, religiöse Ergriffenheit, Verbundenheit und Einheit mit den verehrten Toten. Aus den ursprünglichen Trägem dieser Kulte, kriegerischen Männerbünden, ist eine Gruppe von Sozialformen entstanden, die für die deutsche Geschichte größte Bedeutung erlangt haben und zu denen auch die Zünfte gehören. Diese Bünde haben auch die Fruchtbarkeitskulte zu dem Kreis ihrer Befugnisse gerechnet.

Ein fruchtbarkeitsförderndes Frühlingsfest ist der Jahrestag des hl. Urban, den die Küfer und Weinleute am 25. Mai feierten. In Nürnberg wurde der Weinheilige von einem der beteiligten Weinausrufer der Schäffler zu Pferde dargestellt. Der Zug durch die Stadt hielt vor allen Weinhäusem an und bekam Wein geschenkt, der in große, von zwei Männern auf Stöcken geschulterte Raschen gegossen wurde. Auch liefen der oben erwähnte Mann mit dem Fichtenbaum und eine Frau mit Spiegeln und Glaswaren im Rüdcenkorbe, die verkauft und verschenkt wurden, mit. Diese Frau hat Ähnlichkeit mit der »Gredl in der Butten«, die ihren Mann im Korbe trägt. Da sie hier dem Urban zur Seite geht, dem Nachfolger einer germanischen Gottheit, ist es möglich, daß beide ursprünglich das göttliche Maipaar verkörpern. Das Wetter des Tages wurde als entscheidend für ein gutes oder schlechtes Weinjahr angesehen. Bei Regen wurde der »Heilige«, der sich beim Umzug und später tapfer betrank, in einen Brunnentrog gegenüber der Lorenzkirche geworfen. Aber auch bei gutem Wetter begoß man ihn während seines Umrittes aus den Fenstern mit Wasser. Gelage und Tanz beendeten das Fest.

Feierlicher Umzug und Wassertaufe sind beide bekannte Zunftbräuche. Die Wassertaufe des Gottes sollte bei der Herbeiführung eines guten Weinjahres behilflich sein. Daß an dem ganzen Brauch außer dem Namen des »Heiligen« nichts christlich ist, braucht nicht besonders betont zu werden.

Auch der bekannte Schlag mit der Lebensrute findet sich im Handwerk. Zum Schlagen waren ursprünglich wohl auch die grünen Laubbüschel der Nürnberger Schembartläufer bestimmt. Die Füllung der Büschel mit Schießpulver ist natürlich nur eine sekundäre Abänderung des alten Brauches. Die norddeutschen Schodüvel schlugen und kitzelten Männer und Frauen mit den Zweigen der stacheligen Steineiche. Männliche Opfer lösten sich durch eine Gabe, Frauen und Mädchen durch Kuß oder Tanz.

In diesem Zusammenhang erwähne ich auch einen Typ von öffentlichen Umzügen, der in alter Zeit besonders bei den Metzgern üblich war. Man fertigte eine riesige Wurst an, die auf langen Stangen zur Schaustellung durch die Stadt getragen wurde. Gewöhnlich verehrte man der Obrigkeit ein tüchtiges Stüde von der Wurst und verzehrte selbst den Rest beim nachfolgenden Gelage. Die Festwurst wurde von Fall zu Fall länger, sie ist symbolisch für den Nahrungssegen, den man sich von dem betreffenden Jahre erhofft.

Etwas Ähnliches haben wir vielleicht beim Siederfest von Hal vor uns, wo ein großer Kuchen im Mittelpunkt der Festlichkeiten steht. Das Fest der Siederzunft »stellte den Segen, welcher der Stadt durch die Salzquelle zuteil geworden, sinnbildlich dar«. Auch hier sind Maien erwähnt, und es wird ein feierlicher Umzug mit dem Kuchen gehalten, der nachher an die Siederburschen verteilt und von diesen an ihre »Hofjungfem« verschenkt wird.

Phallen sind in den »Döveken« bei der Hamburger Brauerhöge bezeugt: «Derselben (der „Dövekenschläger“) Ampt bestehet vornehmlich darinn / daß sie das bey der procession, oder dem öffentlichen Umgang der Knechte gemeiniglich in großer Menge zulauffende gemeine Frauen-Volck mit ihrem Döveken-Schlagen beschämt machen / … Ein Döveken ist aber ein Zapfen von Holtz / so an einer Seiten eine kleine Pfeiffe hat. Dieses halten sie dem Frauen-Volck vor / und schlagen mit einem höltzemen Hammer drauff. Wenn solches geschehen / so pfeiffen sie zum Zeichen / daß sie der persone, so sie dergestalt gleichsam ertappet / noch darzu spotten. Dieses Döveken-Schlagen ist hiebevor sehr gemißbraudiet. Indem Junge Gesellen denen Döveken-Schlägern öffters heimlich Geld in den Höge gesandt / daß sie im fürübergehen in die Häuser / und Logimenter lauffen / und daselbst dem Jungfem-Volck die Döveken schlagen möchten«.

Siehe auch:
Germanengut im Zunftbrauch
Germanengut: das Zunftbrauchtum
Germanengut: die Zunftfeste

One Comment

  1. […] auch: Germanengut im Zunftbrauch Germanengut: das Zunftbrauchtum Germanengut: die Zunftfeste Germanengut: die Zunftfeste – Masken und Narren Germanengut: die Zunftfeste – Opferbräuche Germanengut: die Zunftfeste – Heischegänge […]

    9. Juni 2017

Comments are closed.