Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.

6. Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.

Es sind nicht neue Formen, in denen wir die Erzeugnisse der dentschredenden Mystik niedergelegt finden; aber sie hat die alten, die sie mit ihrem Geiste erfüllte, vielfach ansprechender gemacht. Wie viel inniger, freier und unmittelbarer sind doch in der Regel ihre Predigten als die ihrer meisten lateinischen Vorbilder. Auch in der Erzählung, im Briefe, im Spruch, im Liede, in der allegorischen Dichtung bringt sie es zum ansprechendsten Ausdruck. Nur in der wissenschaftlichen Abhandlung bleibt die deutsche Mystik in der Form hinter der lateinischen zurück.

Wir sahen bisher vielfach und noch besonders im ietzten Abschnitte, wie reichlich die Mystik von der Allegorie Gebrauch macht; und es ist natürlich, dass sie, die Ausserordentliches, Uebersinnliches zu ihrem eigentlichen Elemente hatte, für das schwer Auszusprechende sich mit Vorliebe der Gleichnisssprache bediente. Die Schrift selbst mit ihrem historischen Inhalt wurde ihr, weit vorherrschender noch als es früher nach dem Vorgang des Origenes der Fall war, eine einzige Allegorie, welche die Kräfte des inneren Lebens, den Weg der Seele zu Gott, die Vereinigung mit ihm zur Aussage bringt. Und wie in der Schrift die Vorgänge des natürlichen Lebens vielfach als Gleichnisse für das Leben des Geistes verwendet werden, so bringt nun die Mystik mit vollen Händen zu der Typik der Schrift und der älteren Literatur noch die eigene reiche Nachlese herbei, um das alles ihrer Lehre dienstbar zu machen. Es wäre eine für unsere Zwecke unfruchtbare Mühe, die ursprüngliche Heimath einzelner Allegorien aufsuchen zu wollen. Wichtiger ist uns, zu fragen, wie das Gleiche von verschiedenen Verfassern eigenthümlich behandelt wird. Wir nehmen aus der Menge mystisch-allegorischer Darstellungen unserer Periode eine solche, bei welcher wir vergleichen und einen Massstab für die Beurtheilung der Verfasser gewinnen können.

Der Fromme wird in den Psalmen dem fruchtbaren Baume, die Braut im hohen Liede dem Palmbaum verglichen. So lag es nahe, das Leben der Seele in seiner religiösen Entfaltung unter dem Bilde des Baumes darzustellen. Dem Boden der älteren Mystik angehörig und vielleicht noch in das 13. Jahrhundert zurückgehend ist der Baum der minnenden Seele oder der Minnebaum, welcher sich zweimal in Münchner Handschriften aus dem 14. Jahrhundert findet. Mit diesem Stücke vergleichen wir den Baumgarten mit den sieben Bäumen von Konrad von Weissenburg, und den Palmbaum von dem Prediger der St. Georger Handschrift.

Der Minnebaum lässt ersehen, wie theologisch unreif noch die Geistlichkeit bei uns war, als die Mystik von Frankreich her auf sie Einfluss zu üben begann. Der Verfasser bezeichnet als die Wurzel des Baumes der Minne die knechtische Furcht, die Furcht vor den Höllenstrafen. Das wäre nun immerhin noch ein richtiger Ausgangspunkt, wenn wie bei Bernhard in dessen Darstellung der Entfaltung der Liebe die Beziehung auf das Evangelium hinzukäme und so der Uebergang von der Selbstliebe zur reinen und höchsten Liebe vermittelt wäre. Aber hievon findet sich hier keine Spur. Nachdem als die Wurzel des Minnebaums die knechtische Furcht bezeichnet ist, werden aus dieser Wurzel drei andere Wurzeln abgezweigt oder vielmehr an sie ange hängt: die Reue, die Beichte, die Busse. Jedes dieser drei Stücke tlieilt sich dann wieder in drei besondere Würzelein: die Reue in die Bitterkeit, den Widerwillen gegen die Sünde, den Vorsatz zu büssen; die Beichte in das Bekenntniss des Herzens, des Mundes, des Werkes; die Busse in Gebet, Fasten, Almosen. Von der Vergebung und ihrer Wirkung auf das Leben der Seele wäre nach Reue, Beichte und Busse zunächst zu reden gewesen, um die Bedingung für das Nachfolgende zu gewinnen; statt dessen heisst es: So dann die sündige Seele sich lange in diesen Wurzeln geübet hat und wohl darinnen zunimmt, so wird sie dann wachsend und zunehmend an der Minne — und klimmet auf den ersten Ast des Minnebaumes, das ist die geistliche Freude an dem Gemahl der Seele. In gleich äusserlicher Weise werden dann die anderen Aeste des Baumes angefügt: das Minnesäufzen, die Emsigkeit, das Vollhärten (Ausharren) in der Minne, die hitzige Minne, die Minnezähre, die von der hitzigen Minne „Undanks“ ausbricht, dann die Schauung ewiger Dinge, da die Seele die oberste Süsse erschaut. Jetzt lernet sie mehr und mehr alle Dinge verschmähen, sie wird überwallend von Minne, zerfliessend, siech, Gebresten des Fleisches tritt ein, während der minnende Muth über die Luft wächst und die Seele eingezückt wird, so dass sie und Gott Ein Ding werden. Da spricht sie dann: Ich niesse die göttliche Süsse und trinke den himmlischen Wein.

welcher Nahe verwandt mit dem Minnebaum ist der Baumgarten mit den sieben Bäumen und dem Palm bäum mit den sieben Aesten. Was in dem Baumgarten die sieben Bäume, das sind an dem Palmbaum die sieben Aeste. Vom Minnebaum unterscheiden sich beide Allegorien durch eine hier gleichmässig verwendete symbolische Zuthat. Zu jedem Baume oder Ast kommet ein Vogel, unter jedem oder auf jedem blühet eine Blume. Dabei tritt deutlich zu Tage, dass der Verfasser des Palmbaums die Allegorie vom Baumgarten gekannt hat, und sie nur einheitlicher und verständnissreicher fortbildet.

Der Baumgarten ist einer Sammlung von 18 Stücken entnommen, die auf 12 Pergamentblättern einer Berliner Handschrift stehen, welche der Schrift nach dem 14. Jahrhundert angeboren. Nach Bornemann, der darüber berichtet und das Stück von dem Baumgarten mit-theilt,1 scheinen die Stücke dem gleichen Verfasser anzugehören, der bei einem derselben als der vil selige Bruder Konrad von Weissenburg angeführt wird.

Von den sieben Bäumen des Baumgartens ist der erste der Baum der Reue mit dem Pfau und dem Veilchen d. i. mit der Selbsterkennt-niss (dem Spiegel) und der Demuth; dann folgt der Baum des Erbarmens mit dem Wiedehopf und der Wasserblume, das ist dem Mitleiden und den Thränen; der Baum der Geduld mit dem Raben und der Lilie; denn der Rabe singt, wenn er sterben soll, und der Duft der Lilie wird stärker, wenn sie von Dornen gestochen wird. So werden nach einander die sieben Bäume angeführt. Aber die siebenerlei Richtungen und Fassungen der Seele, welche mit den Bäumen gemeint sind, und welche einen stufen weisen Fortschritt bezeichnen sollen: die Reue, das Erbarmen, die Geduld, die Minne, das Lob, das Wohnen im Himmelreich, die Begierde sind in ihrer Aufeinanderfolge ebenso wenig motivlrt, als dies bei dem Minnebaum der Fall ist. Unlogisch erscheint die Begierde an den Sclüuss gestellt, nachdem vorher von dem Wohnen des Herzens im Himmelreich die Rede war. Konrad begnügt sich auch nur damit sie zu nennen: der siebente Baum, so heisst es, ist ein Baum der Gierden. Darauf, so fährt er fort, sitzet ein Vogel, der heisst Phönix. Der hat die Natur an sich, so er lebt bis an sein Alter, so flieget er dann hinweg, und trägt die Würze zusammen die er kann finden, und sitzet dann in die Würzen und wehet sich mit den Federn so lange an, bis sie entzündet werden, und verbrennet dann und bleibet von der Asche ein kleines Würmlein, so wird dann ein Vogel als von erst. Also soll der Mensch thun: wenn er in den Sünden ist, so soll er all die besten Tugenden in sein Herz legen und all das Gute, das er je hörte sagen, so wird dann sein Herz entzündet und wird sich selber anbrennend, und so soll er dann seine Sünde klagen unserem Herren Gott, so verschmähet das der Herr nicht, wie kleine Reue auch der Mensch hat. Die Blume, die darunter soll stehen, das ist die Feldblume, die hat die Natur, dass sie gemein ist allen den Leuten. Also ist unser Herr gemein allen die ihn gehren, denen will er sich selber geben zu einem ganzen Tröste.

Offenbar mit dem Bestreben, das äusserlich Aneinandergereihte in der Allegorie Konrad’s einheitlicher zu gestalten und für das Ziel der mystischen Vereinigung mit Gott zu verwerthen, setzt der Prediger der St. Georger Handschrift für den Baumgarten mit den sieben Bäumen den Palm bäum mit den sieben Aesten, hierinnen dem Verfasser des Minnebaums ähnlich, aber in der Darlegung theologisch besser begründend als seine beiden Vorbilder. Die Wurzel, aus der der ganze Baum wächst, ist der rechte und feste Glaube, des Baumes Stamm die willige Armuth, die Aeste: Erkenntniss der eigenen Schwäche; Erbarmen mit dem Nächsten; Kasteiung, die das leibliche Leben in Unterordnung hält; Andacht, mit der die Seele in Christi Leiden und Gottes

Gnade sich versenkt; Begierde der Seele nach Gott; Gebet, das Gott ladet in der Seele zu wohnen; die Süssigkeit.

Hier schliesst sich eines an das andere mit natürlicher Folge an, und das letzte, die Süssigkeit, erscheint als eine Frucht dessen was vorhergegangen ist: So der Mensch des Baumes Aeste alle übersteigt, mit stetem Willen und Tugenden, so giesset unser Herr so grosse Süssigkeit in die reine Seele, dass sie dem Leibe unerträglich ist, und er all seine Kraft verliert. Doch ist der Geist so stark, dass er den Leib trägt; wie der Gesunde den Siechen so trägt der Geist von göttlicher Kraft des Leibes Erschreckung. Auf dem Aste sitzet der Phönix, der wohnet auf dem Oelberg; so sich der Phönix erneuern will, so fliegt er auf die hohenBerge in die hohen Lüfte, der Sonne so nahe, dass er erhitzet, und dann kommt er hernieder in sein Haus und schlägt die Fittiche also sehr zusammen, dass er entbrennet und verbrennet, und aus der Asche wird dann ein neuer Phönix. So thut der selbige Mensch, der emporfliegt zur Höhe geistlichen Lebens u. s. w. Die Blume aber auf diesem Aste ist die Feldblume, Jesus Christus, der wie die Feldblume gemeinist allen Leuten, armen und reichen, allen die sie gehren–.Er lässt Christus, die Feldblume, nun selbst sprechen, wie er bekleidet sei mit rothen Kleidern, „das ist mein rosenfarbenes Blut, das ich um deinetwillen vergoss. Lieber Mensch, nun verzage nicht etc.—Ich bin auch gemeine allen die mich gehren. Mein Tod ist gemein, meine Gnade ist gemein, mein Erbarmen ist gemein, mein Trost ist gemein, mein Himmelreich ist gemein, ich und mein Vater und der heilige Geist sind gemein allen denen, die Gnade und Trostes gehren von rechtem Herzen, denen will ich mich selber geben mit vollem Tröste, und nach diesem Elend will ich selber ihr Lolin sein und ihre Freude. Mir ist niemand zu arm noch zu sündig.“

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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