Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Das Heiligenleben von Hermann von Fritslar.

Das Heiligenleben von Hermann von Fritslar.

Unter diesem Titel hat Franz Pfeiffer im ersten Theile seiner „Deutschen Mystiker“ nach einer Heidelberger Handschrift eine Sammlung von Predigten über das Leben der Heiligen, wie sie dem Kalender des Jahres eingefügt sind, herausgegeben. Im Vorwort stellt er zusammen, was er aus einzelnen Stellen dieses Werkes über Hermann glaubt erschliessen zu können. Er zeigt aus ihnen, dass er grössere Reisen nach Italien und Spanien unternommen habe, begründet seine Yermutung, dass er ein begüterter Laie gewesen sei, der sich von der Welt zurückgezogen habe und im Verkehr mit Geistlichen oder gleichgesinnten Freunden zur Lectüre theologischer Schriften und zur Abfassung seiner Sammelwerke veranlasst fand. Von dem Werke selbst sagt er, der Gesammteindruck sei der Art, dass wenn auch die auffallende Verschiedenheit in Ton und Haltung der Predigten verschiedene Verfasser erkennen lasse, doch die Form im allgemeinen für Hermann in Anspruch genommen werde müsse. Und wenn auch die speculativen und metaphysischen Fragen und Erörterungen aus fremden Büchern gezogen sein sollten, so könne doch beim legendarischen Theile des Buches mit ziemlicher Sicherheit nachgewiesen werden, dass dieser Theil in den meisten Fällen Anspruch auf selbständige freie Bearbeitung (durch Hermann) habe. Hermann verstehe die Kunst, angenehm und fliessend zu erzählen. Sein Vortrag sei lebendig, gewandt und zeichne sich durch Kürze und Gedrungenheit vortheilhaft aus. Anziehend seien die da und dort eingestreuten Schilderungen von Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten in Italien und Spanien. Ein früheres Werk, dessen in der Sammlung als eines durch Hermann ver-anlassten gedacht ist, „Die Blume der Schauung“ hält Pfeiffer für verloren.

So weit Pfeiffer, dessen Untersuchung vor allem das fehlt, dass sie nicht fragt, ob denn nicht auch der Schreiber, dem Hermann die Herstellung des Buchs aufgetragen, einen Antheil an der Gestalt dieses Buches gehabt habe. Es könnte ja sein, dass der Schreiber kein blosser Abschreiber wäre, dass alles das, was Pfeiffer von der freien selbständigen Bearbeitung, von dem lebendigen Vortrag u. s. w. sagt, nicht dem Hermann, sondern dem Schreiber zuzulegen wäre.

Wenn Hermann das Buch hat schreiben lassen, wie das an verschiedenen Stellen bemerkt ist, so will es schon nicht recht einleuchten, wie da von einer freien selbständigen Bearbeitung der gesammelten Predigten durch Hermann die Rede sein könne. Man müsste nur annehmen, dass Hermann selbst auch habe schreiben können, und sein zusammengestelltes schriftliches Material dem Schreiber nur zu reinlicher Abschrift übergeben hätte. Aber dann wäre nicht der geringste Grund abzusehen, warum Hermann nicht sich selbst auch als den, der diese Predigten niedergeschrieben, hätte bezeichnen lassen. Hat aber Hermann selbst diese Predigten nicht niedergeschrieben, und soll von einer freien selbständigen Bearbeitung durch Hermann die Rede sein, so müssten wir uns den Schreiber in den 6 Jahren, in denen das Buch entstanden ist (nach der Handschrift in den J. 1343—1349), bei Hermann gegenw ärtig und unter seinem Einfluss schreibend, und diesen selbst, wenn von einem eigenen Stil Hermann’s die Rede sein soll, mehr oder weniger dictirend denken. Auch dann aber wäre kein Grund zu erkennen, warum das Ich Hermann’s fast überall in die dritte Person gestellt ist.

Hermann hat das Buch „gezuget“ (zeugen, auf eigene Kosten herstellen lassen Pfeiff. I, 472, vgl. das sinnverwandte „frumen“ Wackern. A. L. 263); er hat es schreiben lassen.

„Der dies liez schriben, der hat ez gesehen“ so heisst es wiederholt in dem Buche. Einmal auch in der ersten Person: „da von habe ich viel lazen ge-schriben in dem buche, daz da heizet die blume der schowunge“.

Es ist also die Frage: Hat der Schreiber nicht selbst auch für Hermann mehr oder weniger gesammelt, eigene Predigten mit aufgenommen, die fremden zum Tlieil überarbeitet? Wir nehmen, um dies zu ermitteln, die Predigt über Petri Stuhlfeier (S. 91) zum Ausgangspunkte. „Man beget hüte sante Peters tac, und man beget alse her zu Antiochia wart gesetzit etc. Dar umme neme ich ein wort von ime, daz der wTise man sprichit: „sehet einen w’isen prister“. Hierauf führt der Verfasser aus, wie der Apostel um vier Stücke willen gross gewesen sei, und geht dann über zu einer auf den Gegenstand des Festes bezüglichen Rede mit den Worten:

„Nu wil ich sprechen von der Hochzit hüte“, und erzählt die Legende von dem Stuhl Petri, und wie dieser Stuhl zu Rom gesetzet und da noch sei, worauf gegen den Schluss wie aus eigener Anschauung einzelnes am Stuhl beschrieben und von der Art der Feier zu Rom berichtet wird, und dann schliesst die Predigt mit den Worten: „der diz liz schriben, der hat in gesehen mit einen ougen und gemezzen, und ouch dicke dar uf gekusset, und hat ouch dise prediate gehört predien zu Rome. Daz uns dirre aplaz aller wTerde und daz wir zu dem grozen fürsten sankte Peter kumen in daz ewige leben, des helfe uns der vater und der sun und der heilige geist. Amen“.

Diese Predigt enthält also als einen ihrer Bestandteile eine von Hermann in Rom gehörte Predigt. Der, welcher diese eingeschobene Predigt gibt, führt sie ein mit den Worten „nu wil ich sprechen von der hochzit hüte“; dieser so in der ersten Person sie einführende hat vorher seine allgemeine Betrachtung über Petrus in derselben Weise eingeführt: „darumme nemme ich ein Wort von imew. Von Hermann aber, der die eingeschobene Predigt in Rom selbst gehört hat, heisst es in der dritten Person: der diz liz schrieben, der hat ihn (den Stuhl Petri) gesehen.

Hier unterscheidet sich also der Verfasser des ganzen Stücks durch die erste Person von Hermann, welchem er selbst, der Verfasser, einen Theil des Stücks verdankt.

In der Predigt am Tage Philippi Jakobi wird von den Orten berichtet, wo die Apostel begraben liegen, und da heisst es wieder von Hermann: der diz liz schriben, der ist zu in allen gewest do si ligen. Bitet got vor in. An diesen legendarischen Theil der Predigt, der mit den Worten schliesst: „Diese (die Apostel) gebruchin alle gotis in dem ewigen leben“ schliesst sich ziemlich unvermittelt der speculative Theil mit den Worten: „Dar umme sullit ir merken eteliche stucke die got alleine ane gehören“, und dann wieder eben so unvermittelt: Nu will ich vort sprechen von dem lebene Philippi und Jakobi.

Auch hier also eine Unterscheidung zwischen erster und dritter Person, zwischen dem Schreibenden und Hermann.

Bei näherer Betrachtung der ersten Predigt fällt die Verwandtschaft in der Compositionsweise des Stücks mit den Predigten des Giseier von Slatheim auf. Der Verfasser legt zuerst einen Text aus Matthäus 16 aus. Die Textworte, die Satz für Satz vorgenommen werden, sind angezeigt mit textus, die kurzen Erläuterungen mit glosa. Bei der Glosse eine Zusammenstellung verschiedener Meinungen der Ausleger: die ersten sprechen, die andern, die dritten etc. Dann der rasche Uebergang von dem theologischen in den legendarischen Theil der Predigt — kurz, die Weise der Formen und des Stils erinnern an Giseler von Slatheim.

Suchen wir nun im Heiligenleben die mit dieser Predigt nach Form und Stil verwandten Predigten, und es ist ihrer eine grosse Zahl, so begegnen uns auch hier alle bei Giseler bemerkten Eigenthtimlich-keiten wieder.

Ich bezeichne hier zur Vergleichung folgende Predigtnummern in der Pfeiffer’schen Ausgabe: 30. 31. 40. 48. 50. 51. 52. 54. 55. 58.

Giseler’s Gewohnheit, Satz für Satz des Textes vorzunehmen, und Text und Erläuterung durch die Worte textus und glossa zu bezeichnen. Im Heiligenleben: 30. 31. 55.

Die unvermittelten Uebergänge bei Giseier vom Evangelium zur Epistel oder umgekehrt. Gewöhnlich: Nu kere ich mich in das Evangelium. So im Heiligenleben vom legendarischen Theil zum Evangelium oder einem biblischen Texte. Pr. 58: Nu kere ich uffe daz ewangelium hüte. Pr. 55: Nu neme wir ein wort uz der biblien.

Die theosophischen Fragen von der Geburt des ewigen Worts in der Seele etc. werden bei Giseier sehr häufig ganz ohne Zusammenhang an das andersartige Thema angehängt. Im Heiligenleben bieten sich überall hiefür Beispiele in Menge.

Bei Giseier werden öfters nur die Fragen gestellt, ohne dass Antwort darauf gegeben würde. Im Heiligenleben findet sich gleiches Pr. 48. S. 150,16 ff. Pr. 51.

Giseier führt gerne Prediger aus der Gegenwart mit Namen an. Im Heiligenleben 40: diz sprach der nuwe meister Herman von Schilditz. 18: Gerhart von Sterrengazzen.

Giseier zeigt an vielen Orten, dass er manche Länder gesehen, und schildert gerne fremde Bräuche. Dass im Heiligenleben nicht alles, was von fremden Landen aus eigner Anschauung berichtet wird, auf Hermann zurückzuführen sei, geht aus der dritten Christtagspredigt hervor, welche aus der Predigtsammlung Giseler’s herübergenommen und dessen eigene Predigt ist. Da wird gemahnt, bei dem Worte: „das Wort ward Fleisch“ auf die Kniee zu fallen mit der Bemerkung: „also pfliget man in welscheme lande“.

Giseier verweist in seiner Predigtsammlung auf frühere oder spätere Predigten; gleiches findet sich in dem Heiligenleben Pr. 36: Wiltu me hi vone lesen, so suche uf den zwölften tac. Pr. 40: Und wiltu diese legende lesen so suche uflfe sancte Silversters tac. Pr. 61: Wiltu me lesen so suche den tac einer gebürt in disem buche.

In der Predigtsammlung wie im Heiligenleben hat der Sammler mit den eigenen eine Reihe fremder Predigten gegeben.

Vereinzelt hätten diese Dinge selbstverständlich keine Beweiskraft. In ihrer Vereinigung vermögen sie wohl für die Identität Giseler’s mit dem Zusammensteller des Heiligenlebens zu sprechen. Nehmen wir zu diesen mehr äusserlichen und nebensächlichen Merkmalen noch die gleichartige Tendenz beider Sammelwerke, in ihnen eine Menge von Fragen der Mystik einzustreuen, die gleiche Richtung der neueren mystischen Schule, und dazu auch die gleiche Freimüthig-keit in der Beurtheilung der Dinge, so darf auch von dieser Seite aus die Identität als gesichert betrachtet werden.

Einzelnes kommt hinzu, die Gewissheit zu bekräftigen. Wir sahen, Giseier von Slatheim hat seine Postille in Erfurt gemacht. Eine von Pfeiffer nicht verwerthete Bemerkung führt uns darauf, dass auch das Heiligenleben in Erfurt entstanden sei. In der Predigt über Dionysius (Pr. 72) heisst es: die Engel begruben ihn auf einem Berge, da liegt er, „und diz ist von Paris alse verre herwart alse von Erfurte zu Uchtrichshusen (Ichtershausen): daz sint zwo mile, alse ich ez ge-mezzen habe mit minen fuzen.“ Wie käme der Verfasser zu dieser Vergleichung mit Erfurt und Ichtershausen, wenn er nicht in Erfurt seinen Wohnort gehabt hätte?

Dazu stimmt die Zeit. Die Predigtsammlung ist, wie wir sahen, in derZeit von 1323—1337 entstanden, das Heiligenleben zwischen 1343—1349. Und ferner, in das Heiligenleben sind aus der Predigtsammlung Giseler’s sämmtliche Predigten, bei denen die Evangelien mit Heiligentagen zusammenfallen, herübergenommen, wie dies schon Haupt nachgewiesen hat. Dieser vermuthet in Hermann von Fritslar einen Sammler, der sein Heiligenleben aus einem grossen Sammelwerke, das Predigten über die Evangelien und Episteln des Kirchenjahrs und zugleich über die Heiligentage enthielt, zum Theil geschöpft habe. Wir wissen nun, dass das Heiligenleben des Hermann von Fritslar ein Theil dieses Sammelwerks selbst ist, dass der andere Theil, der ältere, in der Königsberger Handschrift vorhanden, und dass der Zusammensteller, Ueberarbeiter, Verfasser dieser beiden Theile Giseier von Slatheim, Lesemeister der Dominikaner zu Erfurt ist.

Hermann hat Giseier beauftragt, ein Heiligenleben zusammenzustellen, das sich an dessen frühere Predigtsammlung anschliesse. Die Form und Gestalt dieses Buches ist vorherrschend auf Giseier zurückzuführen. Derselbe hat verschiedenes von Hermann’s eigenen Erlebnissen mit aufgenommen. Hermann selbst hat in das vollendete Werk nachträglich noch die eine und andere Bemerkung wie jene über die Blume der Schauung eingefügt.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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