Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Blume der Schauung.

Die Blume der Schauung.

Hermann von Fritslar, der ein Heiligenleben in Form von Predigten hat schreiben lassen, welche nach den Kalendertagen der Heiligen geordnet sind, sagt in der Predigt am Tage Mariä Verkündigung: „Man heget hüte den tac unser liben vrowen alse di mensliche nature becliben ist und geeiniget an di gotlichen nature. Da von habe ich vil lazen geschriben in dem buche daz da heizet di blurae der schowunge. Dieses von Pfeiffer für verloren gehaltene Werk findet sich in einer Handschrift der Nürnberger Stadtbibliothek vom J. 1461. Sign. VI, 46 h. Dass wir in dieser Handschrift die von Hermann von Fritslar besorgte Schrift haben, ergibt sich aus einer Vergleichung mit dem Heiligenleben. Erstlich entspricht dem oben angeführten Titel dieAufschrift in der Nürnberger Handschrift: „Diez buch heisset die plum der beschauung und der geistlichen ubung“. Zweitens der örtliche Hinweis, denn in der Aufschrift heisst es weiter „wan es ist gemacht in dem lande ze sorgen was (?), es nymt sein geleichnus von der heyligen geschrift und von der cristenlewt (?) warheit“. Aus dem verdorbenen Texte dieser Sätze ist wenigstens das klar, dass ein Ort Sorge als die Heimath des Buches angegeben wird. Herr Gymnasial-director Dr. G. F. Eysell in Hersfeld hatte die Güte mir folgendes mitzutheilen:

„Es liegt am Fusse des eine gute halbe Stunde von hier entfernten Petersberges, worauf früher eine Propstei gestanden hat, ein kleiner Ort, Sorge genannt.

„Ich bin von der Sorge“

, sagen heutzutage die Bauern. Demnach ist die Möglichkeit vorhanden, dass dort im 14. Jahrhundert Werke des fraglichen Inhalts geschrieben oder abgeschrieben worden sind. Sorge liegt eine Tagereise von Fritslar entfernt.

Es stimmt ferner, wenn im Heiligenleben zwischen dem, der das Buch schreiben lässt, und dem Schreiber unterschieden wird, und wenn in der Blume der Schauung in ähnlicher Weise der „Dichter“ des Buchs dem Schreiber gegenübergestellt ist.

Ferner sagt Hermann von Fritslar im Heiligenleben in der oben-angeftihrten Stelle: er habe in der Blume der Schauung viel lassen schreiben von der Vereinigung der göttlichen und menschlichen Natur in Christo. In unserem Büchlein aber handelt ein grösserer Abschnitt von dieser Frage.

Endlich sind auch die sonstigen Themata in beiden Schriften beweisend. Denn von den Legenden des Heiligenlebens abgesehen, sind die hier besprochenen Fragen denen in der Blume der SchaUung gleichartig.

So dürfen wir als sicher annehmen, dass die in der Nürnberger Handschrift erhaltene Blume der Schaunng keine andere als jene ist, welche Hermann von Fritslar hat schreiben lassen. Ihre Zeit ist durch die Erwähnung im Heiligenleben bestimmt, das zwischen 1343—1349 entstanden ist.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Albrecht der Lesemeister.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Mönch von Heilsbronn.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Gedichte.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Nikolaus von Strassburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Namenlose Stücke.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Lehre der neueren Schule.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift.

One Comment

  1. […] Lehre der neueren Schule. Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift. Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Blume der Schauung. Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Königsberger Handschrift. Geschichte der […]

    2. Oktober 2015

Comments are closed.