Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Schule Eckhart’s.

2. Die Schule Eckhart’s.

Gross war der Einfluss, welchen Eckhart während seines Lebens übte; sein Ansehen wuchs noch, als er gestorben war und der Papst seine Lehre verurtheilt hatte. Seine Predigten und Tractate wurden trotz des Verbotes weiter verbreitet. „Das ist die Glosse über etliche Evangelien und auch andere gute Lehre und hat gemacht Meister Eckhart; und sind etliche Predigten (auch) nicht bewährt von der heiligen Christenheit, doch so halten sie etliche Lehre“ (so sind sie doch belehrend), so leitete eine Strassburger Handschrift1 eine ziemlich grosse Reihe eckhartischer Stücke ein. Einen wie grossen Einfluss man Eckhart zuschrieb, das zeigen die ausserordentlichen Mittel, welche der Erzbischof von Cöln und der Papst für nöthig hielten, um diesem Einfluss Schranken zu setzen. Auf ihn als auf einen hohen Meister beruft sich der ketzerische Begarde bei Suso; den „weisen Meister Eckhart“ erhebt mit Dietrich über alle das Lied der Nonne (s. u. unter den Gedichten); als einen Meister, der „die Wahrheit alle Fahrt lehrte“, „dem Gott nie nichts verbarg“, oder auch geradezu als „den Meister“ verehrt ihn der Schüler, der seine Predigten nachschreibt uad sammelt; von ihm als dem „heiligen“, „dem seligen“, „dem göttlichen Meister“ sprechen Suso, der junge Eckhart und andere Schüler;2 in einer Zahl, wie es nicht entfernt bei einem Meister dieser und der folgenden Zeit der Fall ist, finden sich in den Handschriften zerstreut SpGleichnisse, die mit seinem Namen verknüpft sind: ein Zeugniss, dass ihn sein Jahrhundert als eine Hauptquelle lehrhafter Weisheit betrachtete. Erfurt, Strassburg und Cöln, wo der grosse Lehrer vornehmlich gewirkt hatte, bilden noch längere Zeit nach seinem Tode die Brennpunkte für die mystische Lehre in seinem Geiste. In Erfurt vertreten seine Richtung in hervorragender Weise bis in die vierziger Jahre Giseier von Slatheim, Helwig von Germar; in Strassburg Johann von Sterngassen und Tauler; in Cöln der jüngere Eckhart, Florentius von Utrecht und ebenso eine Zeit lang Giseier und später Tauler, der erstere als Lesemeister, der letztere als einflussreicher Prediger.

Es wirkte manches dazu mit, dass Eckart’s Lehren in Deutschland rasche Verbreitung fanden. Cöln, die „heilige“ um ihrer Reliquien willen von ferne her aufgesuchte Stadt, die Metropole einer der wichtigsten Kirchenprovinzen, die Stadt, wro die einflussreichsten Orden der Zeit ihre angesehensten Lehrstühle hatten, bildete im 14. Jahrhundert einen Hauptherd des religiösen Lebens. „Nun nehmen wir hervor die Stadt Cöln“, heisst es in einer dem Tauler zugeschriebenen Predigt um 1360, „ich weiss nicht in der ganzen Welt, von einem Ende bis an das andere, wo das Wort Gottes so reichlich, lauter und blösslich ausgegossen und entdeckt worden ist diese nächsten sechzig Jahre her und noch heutiges Tages, wie hier zu Cöln, durch viele erleuchtete Lehrer und Gottesfreunde, die Gott dahin verordnet hat. Wo sah man je desgleichen?“ Hier in Cöln fand vor allem die deutsche Theologie ihre Pflege. Es war unter andern die Stadt, wo die Lectoren oder Lesemeister der Dominikaner in Deutschland ihre letzte Ausbildung erhielten, wenn sie nicht, was nur bei dem kleineren Theile der Fall war, noch nach Paris geschickt wurden. Da in der Regel nach wenig Jahren die älteren Lehrer ihren Lehrstuhl wieder zu verlassen hatten, um jüngeren Kräften Platz zu machen, sie selbst aber meist dann an solchen Schulen weiter wirkten, welche der Cölner zunächst standen, so war den Vertretern der eckhartischen Mystik ein weites und fruchtbares Feld eröffnet. Auch sonst bot sich, abgesehen von dem geschriebenen Wort, noch mancher Weg für die Verbreitung der Lehre des Meisters, da im Orden für einen regen Hin- und Wiederfluss der Kräfte und wechselseitige Einwirkung trefflich gesorgt war. Die jährlichen Provinzialcapitel in den Provinzen Deutschland und Sachsen fühl ten nicht nur die Prioren, sondern auch die bedeutenderen Prediger und Lesemeister der höheren Schulen an den Ort der Zusammenkunft, der jährlich wechselte. Diese erhielten hier Gelegenheit, ihre rednerische Kraft oder ihre wissenschaftliche Schärfe vor den zur Be-rathung der Ordenssachen Versammelten an den Tag zu legen. Predigten, die etwa über das gleiche Thema gingen, Disputationen über Fragen, die an der Zeit waren, weckten das Interesse, regten Neues bringend die Geister an.

Es waren selbstverständlich die Brüder des Dominikanerordens, unter denen Eckhart seine meisten Schüler hatte. Aber auch unter Theologen ausserhalb seines Ordens machte sich bald der Einfluss seiner Lehre bemerklich. Es mag fraglicli bleiben, ob jene acht Zeugen aus den Augustinern, Karmelitern und Franziskanern, welche Eckhart’s Protest gegen die Inquisition Heinrich’s von Virneburg unterstützten, hiebei mehr die eckhartische Lehre oder die Freiheit des Ordensklerus im Auge hatten: dagegen lassen die noch vorhandenen Tractate oder Predigten der angesehenen Augustiner Heinrich’s von Frimar und Hermann’s von Schilditz, des Karmeliten Hane und anderer den Einfluss Eckhart’s deutlich genug erkennen.

Dehnen wir den Begriff der Schule auch auf solche aus, welche nicht berufsmässig durch Lehre und Predigt wirkten , aber unmittelbar oder mittelbar in Anschauung und Leben durch die neuere Mystik bestimmt erscheinen, dann wären hier auch Laien wie Hermann von Fritslar und Rulman Merswin, oder Frauen wie Anna von Ramswag, Elisabeth Stagel, Elisabeth von Eyke und andere zu nennen. Von Elisabeth Stagel wissen wir durch Suso, dass sie mit den höchsten Fragen der eckhartischen Mystik sich eingehend beschäftigte, noch ehe sie mit Suso bekannt wurde.

Unter den Schülern, welche Eckhart’s Lehre vertraten, ist keiner, der an speculativer Begabung an den Lehrer hinanreichte. Am nächsten in dieser Beziehung steht ihm noch Johann von Sterngassen. Nur wenige überhaupt folgen Eckhart in die letzten und höchsten Fragen, und die, welche es thun, gehen auf dieselben nirgends in so umfassender Weise wie der Meister ein. Dann theilen sich die Anhänger der neueren Mystik insoferne, als es die einen in der für die Schule charakteristischen Lehre vom Seelengrunde oder vom Bilde mit Eckhart’s Auffassung in dessen mittlerer Zeit oder mit jener Dietrich’s halten, wie z. B. der junge Eckhart, während die andern, wie Suso, Tauler, der Verfasser des Tractats von der Minne Eckhart’s letzten Standpunkt vertreten. Auch in der schon älteren Frage, ob Erkenntniss oder Minne mehr zur wesentlichen Vereinigung mit Gott helfe, gehen die Ansichten auseinander, und der Streit luerüber wird unter Nachwirkungen thomistischer und scotistischer Gegensätze mehr und mehr zur Parteifrage zwischen den Dominikanern und Franziskanern.

Beachtenswerth ist auch der Unterschied unter den Vertretern der Mystik in der Art, wie die mystische Lehre behandelt wird. Bei den Oberdeutschen wiegt die practische, bei den Niederdeutschen die theoretische Richtung vor. Dort trägt die Predigt mehr den Charakter der wirklichen Rede; sie ist individueller, lebendiger, mehr auf Gemtith und Willen eindringend, und dabei in der Sprache meist durcligebildeter. Hier ist die Predigt vorherrschend dogmatische Abhandlung, die Sprache trockener, ungelenker, schulmässiger. Dort zeigt sich das lebhaftere Naturell, die reichere Empfindung des Südens, hier die ruhigere, verstandesmässige Natur des Nordens.

Bei dem in der deutschen Volksnatur wurzelnden Triebe nach geistiger Selbständigkeit konnte die politische und kirchliche Lage in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, der Kampf Kaiser Ludwig’s mit den Päpsten, die Anfechtung der kirchlichen Autorität durch die strengere Partei der Minoriten, die ungeistliche Vertretung vieler Kirchenämter einer freieren Bewegung in religiösen und theologischen Fragen nur förderlich sein. Bei den Anhängern der Mystik kam ohnedies die durch diese Richtung selbst genährte grössere Selbständigkeit im Urtheil und Leben hinzu.

Wir erinnern uns, mit welcher Energie Eckhart und Nikolaus von Strassburg dem Inquisitionsverfahren Trotz boten. Suso wird wenige Jahre nachher, weil er die Lehre seines Meisters vertritt, wegen Ketzerei vor das Gericht eines Provinzialcapitels in den Niederlanden gezogen; er demüthigt sich unter die strafende Hand seiner Obern, aber von seinem literarischen Freimuth ist ihm nichts genommen. Dies zeigt einestheils seine lateinische Ausgabe des Buchs der ewigen Weisheit kurze Zeit nach den Capiteln zu Herzogenbusch und Brügge, und noch in seinen letzten Jahren die Herausgabe seiner Vita, in welcher dieselbe Lehre, welche einst in seinem Buch der Wahrheit als ketzerisch beschuldigt wurde, von neuem vorgetragen wird. Ein Theil der Gottesfreunde geniesst das Abendmahl aus der Hand profanirender Priester, das ist solcher, die sich über das Interdict des Papstes hinwegsetzen. Giseier erklärt sich in seiner grossen Predigtsammlung über den päpstlichen Bann in einer Weise, dass die Furcht vor demselben verscheucht werden konnte. Frei bekennt er sich ferner in der Frage von der apostolischen Armuth zu der Lehre der schismatischen Minoriten, und beschuldigt damit, dass er sagt, dass er hierin nicht gerne reden wolle wider den Papst, diesen falscher Lehre. Wir werden sehen, wie Tauler und die ihm geistesverwandte Margarethe Ebner auf der Seite des gebannten Kaisers stehen. Mit reformatorischem Ernst strafen Suso, Tauler, Giseier den Verfall des Klerus und bekennen sich mit Entschiedenheit zu den Gottesfreunden, auf denen der Verdacht und die Missgunst der Kirche ruhte. Es ist kein revolutionäres, wohl aber ein kräftiges reformatorisches Element in der neueren Mystik, das zugleich die bei Eckhart verurtheilten Sätze mit oder ohne Polemik in der Hauptsache aufrecht erhält.

Man könnte bei einigen der folgenden Mystiker fragen, warum wir sie der neueren Schule zurechnen, da doch der Inhalt ihrer Stücke nichts in sich begreift, was nicht auch dem Gedankenkreis der älteren Mystik angehören könnte. Aber hier bilden die Redeformen, die ganze Sprach weise ein Kriterium. Durch Eckhart und Dietrich war die Lehre vom Wesen der Seele, vom Seelengrunde, wie wir in der Einleitung bemerkt haben, in den Vordergrund getreten. Die Wege, welche ihre Mystik vorschrieb, führten von den Sinnen ab nicht aufwärts, sondern einwärts, in den inneren verborgenen Grund, in das Nicht, das im Innersten der Seele leuchtet. Die Frage, wie der Mensch diesem Nicht gleichförmig werde, wie das natürliche Wesen des Menschen durchbrochen werden könne, um in diesen inneren Grund sich zu versenken, beschäftigt von ihm an die Mystik in vorwiegender Weise. Da erscheinen denn nun gar bald die Ausdrücke,. welche sich auf das Aufgeben, Vernichten des natürlichen Wesens beziehen, nicht mehr wie die selbsterzeugte Sprachfonn des Schreibenden oder Redenden, sondern als ein dem feststehenden Sprachschatz der Schule entnommenes Gut, das in gleicher Weise der Hauptsache nach bei den Meisten wiederkehrt und sich da, wo wir, wie bei Suso oder Tauler, ein reicheres Material für die Beurtheilung vor uns haben, als zugehörig zu den Gedanken der eckhartischen Schule erweist. Da werden wir denn auch z. B. bei Johann von Weissenburg und Heinrich von Löwen, in deren kurzen Stücken die charakteristischen Ideen der eckhartischen Schule nicht hervortreten, immerhin aus der Sprache schliessen dürfen, dass sie der neueren Mystik angehören.

Wenn wir jetzt eine Reihe von Repräsentanten der neueren Schule vorführen, so wird unsere Aufgabe eine doppelte sein müssen; erstlich gilt es die einzelnen für sich zu betrachten, das wenige, was wir von ihrem Leben und ihren Schriften wissen, und den Inhalt dieser Schriften in Kürze mitzutheilen, um die Fragen kennen zu lernen, welche den einen vor dem andern vorzugsweise beschäftigen; dann aber wird es nöthig sein, das Verhältniss der Schüler Eckhart’s zu den hauptsächlichsten Fragen der Theosophie und Mystik, wie sie durch den Meister angeregt worden waren, zu prüfen und zu sehen, welche Erläuterungen dieselben durch sie erfahren. Unter den Schülern Eckhart’s in Süddeutschland sind vor allem Suso und Tauler von der grössten Bedeutung. Aber um eben dieser Bedeutung willen werden wir ihnen besondere Theile unseres Buches zu widmen haben und ihr Leben so wie ihre Schriften in dieser Abtheilung unerörtert lassen. Nur in dem Abschnitt, in welchem wir die wichtigeren Sätze der eekhartischen Schule zusammenstellen und erörtern wollen, können sie nicht umgangen werden.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Albrecht der Lesemeister.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Mönch von Heilsbronn.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Gedichte.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Nikolaus von Strassburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Namenlose Stücke.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Lehre der neueren Schule.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Blume der Schauung.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Königsberger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Das Heiligenleben von Hermann von Fritslar.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Pergamentblätter in Haupt und Hoffmann’s altdeutschen Blättern