Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Lehre der neueren Schule.

1. Quellen: Baseler und Strassburger Handschriften. Oxforder Handschrift. Blume der Schauung. Königsberger Handschrift. Heiligenleben des Hermann von Fritslar. Pergameutblätter in Haupt und Hoffmann’s altdeutschen Blättern. Berliner Handschrift Nr. 191.

Baseler Handschriften B XI, 10 und B IX, 15 und Strassburger Handschrift A. 98.

Die meisten Handschriften des 14. oder 15. Jahrhunderts, in welchen eckhartische Predigten oder Tractate gesammelt sind, bringen auch Stücke von andern Verfassern, welche in Eckhart’s Geiste predigten und schrieben. So die beiden Baseler Handschriften B XI, 10 und B IX, 15, die beiden Einsiedler Handschriften 277 und 278, die beiden Strassburger A 98 und F 145, die Oxforder Handschrift Laud. 479, die Nürnberger Handschrift C VI, 46 h. und andere. Aber die Handschriften sind mit ihren Angaben von Verfassernamen nicht alle von gleichem Werthe. Von B XI, 10 habe ich im 1. Theile und anderwärts dargethan, wie wenig zuverlässig ihre Aufschriften sind. Ich wies gegen Pfeiffer nach, dass einzelne Stücke, die sie dem Kraft von Boyberg, dem von Sterngassen, dem Franke von Cöln zuschreibt, dem Meister Eckhart angehören. Meine Nachweise sind seitdem durch weitere gewichtige Zeugnisse bestätigt worden. Zu dem Zeugnisse der Strassburger Handschrift F 145, dass der dem Franke von Cöln zugeschriebene Tractat dem Eckhart gehöre, kommt nun das indirecte Zeugniss der nachher zu besprechenden Oxforder Handschrift hinzu, welche eine Anzahl von Predigten Franke’s enthält, die nach Stil und Auffassung zeigen, dass dieser Autor lange nicht die Bedeutung hat, welche dem Autor jenes von B XI, 10 dem Franke zugeschriebenen Tractats beizumessen ist. Wir werden die Predigten Franke’s im Anhang mittheilen. Dass B XI, 10 auch zwei weitere Predigten Eckhart’s fälschlich mit Namen seiner Schüler bezeichne, erwies ich aus inneren Gründen und aus einer andern Baseler Handschrift B IX, 15, deren Werth vor B XI, 10 ich zu begründen suchte. Auch liiefür bringt nun die Oxforder Handschrift weitere Rechtfertigung. Sie bestätigt, dass nicht Kraft von Boyberg sondern Eckhart der Verfasser der Predigt von dem höchsten Gute sei. Ich wies nach, dass der Sammler der Predigtstücke von IX, 15 ein Schüler Eckhart’s sei. Damit werden wir für die in IX, 15 gegebene Sammlung, die sehr wahrscheinlich die Originalhandschrift selbst ist, bis auf die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurückgeführt. Eine Vergleichung der Schriftweise von IX, 15 mit XI, 10 stimmt mit meinem Nachweise zusammen; denn der Charakter der Schrift von IX, 15 ist ein entschieden älterer. Nun aber gehört auch XI, 10 noch dem 14. Jahrhundert an. Dürfen wir aber die Sammlung von B IX, 15 der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zuschreiben, so ist für die darin vorkommenden Prediger Johann von Sterngassen, für den von Laufen und von Sax eine ungefähre Zeitgrenze gewonnen.

Pfeiffer hat für seine Ausgabe von Eckhart’s Predigten die Handschrift A 98 der früheren Stadtbibliothek zu Strassburg benützt, welche einst den dortigen Johannitern gehört hatte und aus dem 14. Jahrhundert stammte. Diese von mir selbst noch eingesehene Handschrift war von verschiedenen Händen geschrieben. Die Stücke der einen Hand (St. 2—27) enthielten nur Eckhartisches, die der andern (St. 28 —45) bildeten eine Sammlung von Stücken Eckhart’s, Sterngassen’s und anderer. Diese letztere Sammlung (wie sehr wahrscheinlich auch die erste) rührt von einem Schüler Eckhart’s her. In einer der Predigten (der 17. bei Pfeiffer) gibt sich der Sammler mit den Worten: „Und das spricht unser Meister“ als einen Schüler Eckhart’s zu erkennen. Ich habe im 1. Theile S. 310 die Merkmale zusammengestellt, aus denen ersichtlich wird, dass die hier aufgeschriebenen Predigten Eckhart’s der Zeit seines Aufenthalts in Strassburg angehören. Da ist es nun für die Zeitbestimmung von Werth, dass mehrere mystische Gedichte von beachtenswerthem Inhalte, die wir später besprechen werden, in diese zweite Sammlung aufgenommen sind. Das 45. Stück derselben war die Tochter von Sion in ihrer kürzeren Fassung, nach welcher sie fälschlich dem Mönch von Heilsbronn zugeschrieben worden ist.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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