Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Namenlose Stücke.

2. Namenlose Stücke.

Von der Menschwerdung Christi.

Der bei Pfeiffer gedruckte Tractat „Von der Menschwerdung Christi“ ist jener Münchner Handschrift (Cgm. 176. 14 sc.) entnommen, welche auch die oben besprochenen deutschen Bearbeitungen ursprünglich lateinischer Texte enthält. Er hat wie jene die Art einer theologischen Abhandlung, der Verfasser bewegt sich aber freier von der lateinischen Form, und zeigt durch die naive Sprache in einzelnen Stellen, dass er sich auch im Denken unabhängiger den französischen Vorbildern gegenüber fühlt. Die freiere Handhabung der deutschen Sprachform in eigentlich theologischen Erörterungen dürfte wohl vornehmlich eckhartischen Einwirkungen zuzuschreiben sein, und ebenso wird es vornehmlich auf Eckhart zurückzuführen sein, wenn solche Erörterungen eine höhere speculative Richtung nehmen. Ich gebe darum der genannten Abhandlung hier ihre Stelle. Der Verfasser redet von dem ewigen Rathschluss der Menschwerdung, von der Vorbereitungszeit des Heils, von der Nothwendigkeit der Menschwerdung und von dem Wunder des Altarsacraments.

Der Herr vom Himmelreich, so beginnt die Abhandlung, hat ein Gemahl. Wer ist die? Das ist seine Weisheit. Die hatte ihm den Sohn Jesum Christum in seiner Ewigkeit und in seiner Wohnung immerdar geboren. Wie? Wie wenn ein Maler ein gut Bild entworfen hätte und das noch nicht mit Farbe gefüllet wäre, so dass man es w’ohl sehen möchte, also wrar die Menscheit entworfen in der Gottheit. Diese Weisheit, so heisst es wreiter, ward schwanger, und da die Zeit kam, dass „die Kinder“ geboren sollten werden, dass er den Menschen schaffen w’ollte mit seiner Gemahlin, der Weisheit, da wirkte der Vater nie ohne den Sohn noch der Sohn ohne den Vater.

Wir werden später diese Stelle, bei welcher eine doppelte Auffassung der Weisheit zu Grunde liegt, sofern sie die unpersönliche göttliche Natur und sofern sie die Person des Sohnes ist, noch näher besprechen.

Der Verfasser unterscheidet dann die Wohnung des Paradieses und den Hort des göttlichen Reiches. Beide verhalten sich zueinander wie der vollkommenene Zustand auf einer niederen zu dem auf einer höheren Stufe.

„Denn hätte er uns gleich zuerst gesetzt in den Hort seines Reiches, so wären wir auch gefallen in den Abgrund der ewigen Hölle, wo sie nimmer erlöst w?erden können.“

Weil nun der Mensch durch den Fall mit Recht in die Gewalt des Todes und des Teufels kam, da hat, als seine Liebe uns gern erlösen wollte, seine Gerechtigkeit es nicht zugelassen, dass den Teufeln Gewalt geschehe.

„Da mochte er uns mit Gut nicht erlösen: es konnte nur geschehn, dass er ein Leben um das andere gab, einen menschlichen Tod für des Menschen Tod, und ein Kind um das andere Kind. Also mochte der Mensch nicht erlöset werden denn mit der Menschheit.“

Nach dieser Anschauung ist das Äquivalent dadurch begründet, dass die Menschheit, die Gattungsidee, in Christus Fleisch wird, und als gleichwertig gilt mit der Vielheit der zu erlösenden Menschen. Und dann

„war der Vater bei den Propheten mit seinem heiligen Geiste und wohnte des Vaters Wort mit ihnen und lehrte sie das Leben der alten Ehe (des alten Bundes) zu einer Bezeichnung (Vorbild) der neuen Ehe. Da ihr Leben und ihr Glaube da nicht wusste, was noch mochte werden in der Ehe, da nahm der eingeborne Sohn Gottes die Gottheit in der Gottheit und musste an sich nehmen die Menschheit in der Menschheit.“

Neben den Gründen für die Menschwerdung des Sohnes, die in dem Bedürfniss für unsere Erlösung liegen, wird einer angeführt, der auch ohne den Fall des Menschen die Menschwerdung zur Folge gehabt haben müsste. Dieser Grund ist:

„Dass er uns sein Bild wollte zeigen, damit wir, die er aus Liebe nach dem Bilde des Sohnes gebildet hatte, dies sehen möchten und seiner Liebe um so gläubiger würden.“

Von dem Worte Gottes in der Seele.

Auf dem Boden der alten Mystik stehend, aber berührt, wie mir scheint, von der Lehre Eckhart’s über die Geburt des ewigen Worts in der Seele zeigt sich der Verfasser eines Traktats, der von dem Worte handelt, das Gott in der Seele redet.

Wenn Gott selbst in der Seele wirkt, was immer nur kurze Zeit währt, so ist die Seele unversuchlich, in der Beschauung, der Leib in völliger Passivität. Gottes Wirken ist im Innersten und von innen aus, während der Engel und der Teufel von aussen her auf die Seele wirken. Der Teufel vermag die Weise der Wirkung Gottes nicht zu sehen, wohl aber die des Engels, und er ahmt diese nach und bildet unordentliche Uebung der Seele ein. Der Mensch gewinnt Licht, Leben und Kraft zu guten Werken von dem Worte Gottes. Dieses Wort aber ist nicht das äusserlich geredete, sinnliche, sondern das ewige Wort, das Fleisch geworden ist. Darum fallen jetzt viele geistliche Leute, weil dies Wort bei ihnen verstummt ist. Gott redet nämlich in zweierlei Weise mit dem Menschen, unmittelbar und mittelbar. Die unmittelbare Weise geht von der hohen Gottheit aus und wird nicht durch die Menschheit Christi oder irgend eine Creatur vermittelt. Wenn Gott in solcher Weise redet, so wird die Seele in die Höhe gehoben und geheftet in Gottes Schönheit. Um dazu zu gelangen bedarf es nach Gregor fünf Dinge: Abthun alles Zerstreuenden, dem Andern kein Leid thun, Unrecht des Andern in Lieb ertragen, sich vergänglichen Gutes nicht freuen, nicht Leid tragen beim Mangel desselben. Unter der Sehnsucht und Wunderung der Seele vollzieht sich die Einung Gottes mit der Seele; es wird in ihr ein Licht entzündet, das Gott selber ist (Geburt des ewigen Worts in der Seele). Von dem Lichte entspringt grosse Freude, die der Leib nicht verhehlen, aber der Mund nicht Bsprechen kann. In solchem Zustande war Paulus. Ist er vorüber, dann soll der Mensch sich behüten und der Süssigkeit der göttlichen Worte gedenken. Infolge der göttlichen Erleuchtung vermag der Mensch in grossen und kleinen Dingen den göttlichen Willen zu erkennen, und die Seele ist damit, dass Gott das Licht in ihr entzündet hat, Gottes Braut geworden. Einen solchen Menschen vermögen leibliche Dinge nicht mehr zu betrüben; er kennt nur Ein Leid, dass er nicht immer der Freude des Schauens gemessen darf. Gott entzieht sie ihm aber wieder, dass der Mensch erkenne was er an sich selber ist, und dass die Sehnsucht stark bleibe.

Gott schauen mit leiblichen Augen ist unmöglich; wir sehen ihn nur im geistigen Gesichte. Bei diesem Schauen wird Gott und Mensch vereint. Jesus ist es, der sich mit uns eint. Die in der Einigkeit Gottes erstorben und begraben sind, sind gehasset. Doch rührt sie das nicht, ebenso wenig wie der Menschen Lob. Gott begräbt sie in sich, dass sie das Lob nicht bewegen mag. So liess er Mose auf den Berg gehen, weil er nicht wollte, dass er angebetet werde. So lässt er auch die begnadeten Seelen auf den Berg der hohen Gottheit gehen und sich freuen mit der heiligen Dreifaltigkeit. Sie werden geminnet in dem Worte der Wahrheit, das Gott selber ist.

Nicht um Lohnes willen soll der Mensch Verschmähung leiden, sondern um dem Herrn gleich zu werden nach seiner Menschheit. Er soll auch nicht Gnade und Lob im Himmel ansehen, sondern nur das Lob Gottes allein.

Auslegung des Vaterunsers.

Die mystische Auslegung des Vaterunsers, welche Schönbach bekannt gemacht hat, zeigt ein Sprachmaterial, das bereits Gemeingut geworden ist und dem man das individuelle Gepräge in den eigentlich theologischen Abschnitten wenig mehr anmerkt. Schon um deswillen werden wir den Tractat nicht mehr in’s 13. Jahrhundert setzen dürfen. Der Verfasser besitzt einen gesunden Blick und einen auf die Innerlichkeit des religiösen Lebens gerichteten Geist. Er bringt Gedanken, wie sie auch die ältere Mystik kennt, aber mehrfach in Formen und Wendungen, wie sie durch Eckhart geläufig geworden sind.

Gott ist der Vater des Sohnes nach der Weise der Geburt, und mit dem Sohne des heiligen Geistes nach der Weise des Ausflusses. Hier ist er Vater von Natur, der Welt gegenüber von Gnaden. Nachdem nun der Verf. etwas umständlich die Geschöpfe angeführt, denen er Vater ist, und die Art bezeichnet hat, wie er es ist, spricht er davon, wie er ewig unser Vater war. Er hat uns ewig an sich gehabt an seiner Vorsehung, und es haben alle Dinge an Gott Licht und Leben und ist die mindeste Creatur in dem Morgenlichte (in der Idee bei Gott. Augustin) lauterer und klarer und schöner, denn der schönste Engel in dem Abendlichte. Dies Morgenlicht heisst göttliche Ewigkeit, in der haben alle Dinge natürlich Wesen und Einfältigkeit und sind nicht unterschieden von Gott.

Zu den Worten „du bist in den Himmeln“ bemerkt er: Wo aber die Himmel sind, da unser Vater inne ist, darüber höret Rede. Sie sind da, wo er selbst ist. Er ist in dem Sohn, im heiligen Geist in natürlichem Wesen; in den Engeln, in den Heiligen und in den guten Menschen mit seinem gnädigen Wesen, und ist da allermeist wo man die göttliche Natur erkennt und die drei Personen der unterschiedenen Gottheit. Er ist in allen Stätten und Dingen mit seiner Macht, sonst würden sie zu nichte „wie sie da waren da sie nicht waren“; er ist ihnen gegenwärtig mit seiner Weisheit, in der ihm alle Dinge offenbar sind; er ist in allen Dingen wesentlich in seinem natürlichen Wesen. Er ist ob allen Dingen, ohne von ihnen erhöht zu sein; er ist unter allen Dingen, sie tragend, ohne von ihnen beschwert zu sein; er ist in allen Dingen, ohne von ihnen beengt zu sein; er ist in jedem Dinge inwendiger, als ein Ding in sich selber ist. Er ist unser Wesen und Leben und unsere Kraft.

Wir heiligen seinen Namen, wenn wir erkennen, dass der Sohn alle Dinge in sich selbst hat und nicht von sich selbst sondern von dem Vater, und dass alle Dinge gewesen sind in dem heiligen Geist und nicht von ihm selbst, sondern von dem Vater und dem Sohn. Und aus der Erkenntniss entspringet Minne und daraus Dank und Lob und Vereinung des Willens und göttliche Sitte (heiliges Leben). Das heisset: geheiliget werde dein Name.

Wie hier die Erkenntniss Gottes und des Verhältnisses aller Dinge zu ihm in eckhartiscker Weise als die Wurzel eines heiligen Lebens betont wird, so werden wir wieder an Eckhart erinnert, wo er bei der Auslegung der G. Bitte davon spricht, wie selbst das Haften der Seele an dem, was Gottes ist, uns an der wahren Einigung mit Gott hindern könne. So kann die Lust an der Menschheit Christi uns ein Hinderniss werden, Trost zu suchen an seiner Gottheit. Die Apostel waren gehindert am Trost des heiligen Geistes, so lange sie Trost suchten an Christi Sichtbarkeit, wiewohl er doch Gott und Mensch war. Sie wären nocli mehr gehindert worden, hätten sie sich bekümmert mit einem einfältigen Menschen als mit Maria oder mit den Heiligen oder mit den Engeln, und nun führt er die Reihe frommer Hindernisse durch bis zu den hübschen Paternostern und schönen Bildlein, an denen die Andacht der veränsserlichten Kirche so gerne haften blieb.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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