Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Nikolaus von Strassburg.

1. Nikolaus von Strassburg.

Nikolaus gehört um seiner Predigten willen und als Vertheidiger Eckhart’s der Geschichte der deutschen Mystik an. Wir geben ihm hier und nicht unter den Mystikern aus Eckhart’s Schule seine Stelle, weil er, wie die Predigten wahrscheinlich machen, auf dem Boden der älteren Mystik bereits stand, als er einzelne eckhartische Lehren aufnahm. Was wir von Predigten des Nikolaus noch besitzen, ist einer grösseren Sammlung entnommen. Denn die Stücke 3—5 bei Pfeiffer enthalten nur Fragmente, das fünfte aus verschiedenen Predigten. Die neunte Predigt bei Pfeiffer enthält eine Stelle, die aus Eckhart’s späterer Mystik stammt. Sie ist im Kloster der Dominikanerinnen zu Freiburg gehalten, wie eine St. Galler Handschrift angibt. Auch von den übrigen Predigten sind dieser Handsclirift zufolge sieben in Freiburg, eine in dem nahen Kloster Adelhausen gehalten.

Wenn in einzelnen Handschriften gesagt ist, dass die zu Freiburg gehaltenen Predigten von „Bruder Nikolaus, dem Lesemeister zu Cölnu gehalten seien, so kann dies entweder heissen, dass Nikolaus diese Predigten in einer Zeit gehalten habe, als er Lesemeister zu Cöln war, oder dass Nikolaus, welcher nach seiner letzten bedeutendsten Stellung als Lesemeister zu Cöln in der Erinnerung fortlebte, derjenige sei, der einst diese Predigten zu Freiburg gehalten habe. Die Aufschrift würde also nicht hindern, anzunehmen, dass Nikolaus die Predigten verfasst hätte, ehe er Lesemeister zu Cöln wurde, etwa als Konventuale des Freiburger Dominikanerklosters. Einen längeren Aufenthalt in Freiburg wenigstens scheinen die Predigten der St. Galler Handschrift vorauszusetzen. Bestimmtes über Nikolaus bringt uns erst der von dem Erzbischof von Cöln gegen Eckhart eingeleitete Inquisitionsprocess. Wir wissen, dass das zu Venedig 1325 gehaltene Generalcapitel der Dominikaner den Prior Gervasius von Angers mit Untersuchung der Anklage betraut hatte, welche gegen Brüder des Ordens in Deutschland um ihrer Lehren willen erhoben worden war. Die Anklage war vornehmlich gegen Eckhart gerichtet, und hinter derselben stand, wie es nach den späteren Akten zweifellos ist, der Erzbischof von Cöln. In Eckhart, einem seiner berühmtesten Mitglieder, war der Orden selbst, der Ruhm seiner Rechtgläubigkeit angegriffen. Dem Orden musste daran liegen, die Untersuchung in Händen zu wissen, von denen nichts zu fürchten war und aus denen sie nicht genommen werden konnte. Die Dominikaner hatten Privilegien, durch welche ihnen ziemlich ausgedehnte Inquisitionsrechte den Bischöfen gegenüber zugesprochen waren. Sie setzten es bei der Curie durch, dass mit der Inquisition für die Angehörigen der deutschen Ordensprovinz ein Mann betraut wurde, der alle nöthigen Garantieen bot. Es war dies unser Nikolaus, der eben damals mit Eckhart zu Cöln als Lesemeister wirkte und der Richtung desselben befreundet war. Nikolaus war im J. 1326 vom Papste mit allen Rechten eines Inquisitors ansgestattet worden, der Papst hatte ihn zu seinem besonderen Stellvertreter ernannt, und ihm die Vollmacht gegeben, alles, was Glaube und Wandel der Brüder des Ordens in Deutschland betreffe, vor sein Forum zu ziehen und rechtskräftig zu entscheiden. Schon um die Mitte desselben Jahres war Eckhart’s Sache von ihm untersucht und entschieden und zwar mit dessen Freisprechung. Wir haben gesehen, wie unzufrieden der Erzbischof mit diesem Ausgang war und wie er die Sache nun vor sein eigenes Tribunal zu ziehen beschloss. Aber sein Versuch scheiterte an dem entschlossenen Widerstande des Nikolaus und Eckhart.

Als sodann Nikolaus selbst auch als ein Freund der Häresie von den erzbischöflichen Inquisitoren in Anspruch genommen wurde, weigerte er sich Rede zu stehen und appellirte an die Entscheidung des päpstlichen Stuhls, vor dem er wie Eckhart am 4. Mai 1327 erscheinen wollte. Eckhart kam nicht mehr dahin, er starb in jenem Jahre; aber es ist sehr wahrscheinlich, dass Nikolaus zu der bestimmten Zeit in Avignon sich eingestellt habe. Aus der Appellationsschrift des Minoritengenerals Michael Cäsena vom 18. September 13281 ersehen wir, dass Nikolaus von seiner Ordensprovinz Deutschland zum Definitor für das nach Perpignan ausgeschriebene Generalcapitel ernannt worden war. Dieses Capitel wurde am 31. Mai 1327 eröffnet. Der Weg von Cöln dahin führte nahe bei Avignon vorüber. Auch lassen die Vorwürfe, welche Cäsena dem Papste macht, darauf schliessen, dass Nikolaus nach Avignon gekommen sei. Nachdem Cäsena hervorgehoben, dass Johann XXII., obwohl er das Urtlieil des Erzbischofs über Eckhart und Nikolaus erhalten hätte, dennoch die Ernennung des Nikolaus zum Definitor nicht beanstandet noch ilm seiner Stellung als päpstlicher Specialinquisitor enthoben habe, hebt er hervor, dass der Papst dem Nikolaus vielfach Rathschläge ertheilt und Gunst erwiesen habe. Ein Dominikanerbruder, der als Bote des Erzbischofs nach Avignon gekommen, um daselbst die Verurtheilung der beiden Verklagten zu betreiben, sei sogar längere Zeit gefangen gehalten worden. Cäsena, welcher vom 2. December 1327 bis 26. Mai 1328 zu Avignon vom Papste in einer Art Gefangenschaft gehalten wurde, konnte diese Dinge dort aus bester Quelle schöpfen.

Diese Gunsterweisungen des Papstes hatten ohne Zweifel ein politisches Motiv. Nikolaus war, wie schon seine Stellung in Cöln erweist, eines der angesehensten und einflussreichsten Mitglieder des Ordens in Deutschland. Der Papst bedurfte aber um diese Zeit des Ordens zu seinem Kampfe gegen Ludwig den Baier, der sich so eben zu dem kühnsten Angriff wider ilm erhoben hatte. Die Beschlüsse der Generalcapitel von 1327 und 13282 zeigen denn auch, welchen Gewinn es für den Papst hatte, den Orden in der eckhartischen Sache geschont zu haben. Doch wir wissen, wie bald ein Umschwing in der Stellung zwischen Kaiser und Papst eintrat. In der Zeit, als Cäsena seine Anklageschrift wider Johann erliess, war Ludwig’s Sache in Italien so gut wie verloren. Dem Papst musste daran liegen, dem Kaiser die Stützen seiner Macht vollends zu entziehen, Kreise, die der Kurie entfremdet waren, wieder zu gewinnen. Dem mächtigen Erzbischof und den Minoriten zu Gefallen wird im März 1329 die Bulle gegen Eckhart erlassen worden sein. Die Bulle bedroht zugleich alle die, welche die verdammten Sätze Eckhards vertheidigen oder billigen würden. Damit war auch Nikolaus getroffen. Welchen Einfluss dies auf des Nikolaus Verhalten und seine Stellung im Orden gehabt, wissen wir nicht, können aber wohl dessen gewiss sein, dass mit dem Erlass der Bulle seine Stellung als Specialinquisitor des Papstes verloren war. Weitere Nachrichten über den ferneren Verlauf seines Lebens fehlen uns.

Für die Beurtheilung des Nikolaus sind wir jetzt nur noch auf die bei Pfeiffer mitgetheilten 13 Predigten und Predigtstücke angewiesen, nachdem eine Strassburger Handschrift, welche des Nikolaus Schrift Le adventu Christi enthielt, bei dem Untergange der dortigen Bibliothek mit vernichtet worden ist. Diese Schrift hatte Nikolaus im J. 1326 dem Papste gewidmet, der ihn vor kurzem zu seinem Inquisitor in der Anklage wider Eckhart ernannt hatte. Die Schrift zerfiel in drei Theile, deren erster aus heidnischen Schriftstellern Zeugnisse für die Wahrheit des Christenthums beizubringen suchte, während der zweite mit Zeugnissen des alten Testaments für das Christenthum wider die Juden stritt, und der dritte vom Antichrist und dem Ende der Welt handelte. C. Schmidt, der sie näher kannte, bemerkt, dass Nikolaus darin mit ebensoviel Verstand als Gelehrsamkeit zu beweisen gesucht habe, dass den vielen Sagen und Prophezeiungen, welche in jenen ernsten Zeiten im Umlauf waren, wenig zu trauen sei, da man aus der heiligen Schrift nichts Genaues bestimmen könne über Zeit und Stunde des Endes der Welt, und da dies zu wissen überhaupt weder nützlich noch nothwendig sei.

 

Nikolaus erinnert durch seine Lebhaftigkeit an Eckhart, Die Rede setzt sich sehr häufig in Frage und Antwort oder ganze Strecken weit in den bewegtesten Dialog um. Der Lebhaftigkeit entspricht die Anschaulichkeit, mit der er darstellt. Er weiss überall zu individual i-siren; der eigene Name, seine Kutte, das Kloster, wo er predigt, müssen ihm dabei dienen. Auch den Text, über den er predigt, belebt er durch anschaulichere Züge. Nach dem Schrifttext „nöthigen“ die Emmausjünger den Herrn bei ihnen zu bleiben. „Sie zogen ihn bei den Kleidern und sprachen: Herr, du musst bei uns bleiben“ sagt Nikolaus. Er verläugnet den Lesemeister, den Dogmatiker ebenso wenig wie Eckhart; unvermittelt genug wird die theologische Frage, die ihm gerade wichtig scheint, an den Schrifttext angehängt. Aber wir bemerken, dass er nur durch Herkommen und Beruf, nicht durch die eigene Natur, wie Eckhart, auf speculative und dogmatische Fragen geführt wird. Die naive, die volksthümliche Auffassung liegt ihm viel näher als die wissenschaftliche. Eine Bemerkung Augustin’s benützend, beantwortet er die Frage, warum man dem Vater die Gewalt, dein Sohne die Weisheit, dem heiligen Geist die Güte zuschreibe ? dahin, dass man dies thue, um falsche Vorstellungen nicht aufkommen zu lassen. Denn man schreibe gewöhnlich älteren Leuten geringere Kraft, jüngeren geringere Weisheit zu und verbinde mit dem Begriffe Geist den eines aufbrausenden Wesens. So dienen die den einzelnen göttlichen Personen beigelegten Attribute, eine Uebertragung solcher falscher Vorstellungen abzuwrehren. Und von dem erhöheten Christus sagt er: Ihr sollt wissen, dass er jetzt sitzt auf dem Rücken des obersten Himmels und geht da in seinem Throne als ein biderber Mann in seinem Hause. Ueberhaupt kommt er der Neigung des Volkes, über die Geheimnisse der jenseitigen Welt, über das Schicksal der Seele nach dem Tode Aufschlüsse zu erhalten, auf das Bereitwilligste entgegen. Er folgt hierin dem Geiste der Kirche seiner Zeit. Mit der grössten Sicherheit weiss er von Dingen zu sagen, über die wir nichts wissen können. Das kleine Kind, das unmittelbar nach der Taufe stirbt, wird sofort so weise, dass es die Zahl aller Creaturen w’eiss und seine Seele ist so gross als eines dreissigjährigen Menschen Seele. — Wenn einer aus Liebe für einen andern 100 Jahre Fegefeuer auf sich nimmt, so muss er sie bestehen, es sei denn dass er hier noch so lange lebt, um sie abbüssen zu können; im andern Falle wird ihm zum Ersatz für das ausgestandene Leiden die Freude des Himmelreichs vergrössert. Nicht minder kommt er der Lust des Volkes am Wunderbaren entgegen. Es genügt ihm nicht, aus der Emmausgeschichte zu berichten, dass der Herr den Jüngern das Brod brach. Wenn der Herr das Brod brach, fügt er hinzu, so war es wie mit einem Messer geschnitten. Volkstümlich ist Nikolaus vor allem auch in der Art wie er die Lehre vortrügt. Beispiel, Gleichniss, Fabel werden häufig verwendet, und diese sind dem Anschauungskreise, dem Munde des Volkes selbst entnommen. Bezeichnend genug für das sinkende Kaiserthum und das aufstrebende Frankreich wird wiederholt der König von Frankreich als Typus verwendet, wenn es gilt, die Umwandlung in dem Schicksal der Armen und Elenden durch Reiche und Mächtige zur Illustration für das Verhältniss der Menschen zu Gott zu benützen. In der Form, wie er erzählt, gibt er den besten Darstellern der Zeit nichts nach. Er mahnt, aufzuklimmen an das Kreuz Christi, Trost nirgends als hier zu suchen.

„Ich will euch ein Gleichniss geben“, so fährt er fort. Es gingen einmal eine Katze und ein Fuchs miteinander über ein Feld. Da sprach der Fuchs: „Frau Katze, was könnet ihr?“ Die Katze sprach: „ich kann Bäume klimmen.“ „Ach“, sprach der Fuchs, „was Kunst ist das!“ Da sprach die Katze: „Herr Fuchs, was könnet ihr?“ — „Traun“ sprach er, „ich kann grosse List und hab dann noch einen Sack voll Kunst: so ich den entbinde, so kaim mir niemand gleichen.“ So sie also reden, so kommen Windhunde und wollen den Fuchs fangen. Die Katze entrami auf einen Baum und sprach: „Herr Fuchs, entbindet den Sack, es ist Zeit!“ — „0“, sprach der Fuchs, „Frau Katze, ich achtete eurer Kunst nicht. Nu wäre mir euere Kunst lieber denn alle Weisheit die ich je lernete.“ Kommt der Tod, das ist die Moral, so wissen die Weltleute mit all ihrer List nicht wohin sie entrinnen, so klimmen die guten Leute auf den Baum unseres Herrn Jesu Christi und in alles sein Leiden.

Die Behandlung des Textes bei Nikolaus zeigt die gleiche Willkür wie bei Eckhart und den meisten Predigern dieser Zeit. Er wird ihm zur Allegorie für das innere Leben, das er darstellen, zu dem er malmen will. Zuweilen folgt er dem Texte, zuweilen nimmt er ein einzelnes Wort heraus; bei dem Einen verweilt er nach Gutdünken, über Anderes eilt er hinweg; vom Texte nicht Veranlasstes, aber dem Bedürfniss des Augenblicks Entsprechendes wird ohne viel Vermittlung eingeführt. Jener oberdeutsche Prediger, den wir oben schilderten, zeigt weit genauere Disposition und gleichmässigere Durchführung,

So bekannt sich Nikolaus mit der Lehre der Schule zeigt, er lässt doch immer wieder das praktische Bedürfniss vorwalten und hebt nachdrücklich hervor, ‚wie sehr das Leben mit Christus die Hauptsache, wie wenig auf ein bloss schulmässiges Wissen zu geben sei.

„Hätte der einfältigste Bauer, so bemerkt er, der in einem Dorfe ist, mehr Minne und Demüthigkeit, denn der weiseste Pfaffe, der zu Paris je gelelirt wurde: so sie in das ewige Leben kämen, er gäbe ihm nicht sechs Pfennige um alle seine Kunst; denn unsere Seligkeit liegt an Minne und an Demüthigkeit; die gelm vor aller Welt Weisheit.“

Nikolaus steht auf dem Boden der älteren Mystik. Doch finden sich bei ihm auch eckhartische Elemente. Was ihn der mystischen Richtung überhaupt zugehörig macht, das ist sein Dringen auf Innerlichkeit. „Je innerlicher ihr unsern Herrn hier in der Zeit herberget, also viel sollt ihr ewiglich von ihm desto innerlicher geherbergt werden.“ Den Freund zu schauen, der vom Tode uns erlöst, ist ein natürliches Begehren. Die Mauer hinanklimmen, hinter der er sich birgt, sie übersteigen bringt uns leider noch nicht dahin, ihn von Angesicht zu schauen. Die Mauer ist unser Leib und die leiblichen Sinne. Wir sollen hinauf klimmen mit Minne und Begierde, sollen die Sinne und den Leib tödten in allen ihren leiblichen Werken, dass sie dem Geiste gehorsam werden. Je mehr das geschieht, je mehr werden wir ihn hier schauen in unserer Erkenntniss. Aber ihn zu sehen wie er ist, dazu gelangen wir hier nicht. Wir müssen damit harren, bis wir einst kommen in sein Königreich. Bei dem Verlangen, ihn zu schauen, mag der Mensch wohl von grosser Minne so inhitzig und feurig werden, dass er von sich selber kommt. Wenn wir an seine Minne gedenken, namentlich wie er sich uns mit allem was er ist darbietet zu einer Speise im heil. Abendmahl, wobei er sich uns bietet in einem fremden Kleide, dass wir nicht vor ihm zurückscheuen möchten: da mag unser Gemüth wohl so erhöhet werden, dass wir aller niedem Dinge vergessen und dass uns recht ist als ob wir fliegen sollen; und so wir unsern Herrn empfangen, so sollen wir eines Adlers Flug haben mit hochfliegenden Gedanken; und wäre auch dass der Adler mein Fleisch ässe: so ich stürbe, so würde mein Fleisch eins mit ihm und flöge mit ihm auf (295). Nikolaus denkt sich die Einigung im heil. Abendmahl mit Christus so, dass sich die Gottheit mit der Seele, die Menschheit mit dem Leibe vereinige, und dass durch Vermittlung der Seele die Gottheit ihre Kraft in den Leib, durch Vermittlung des Leibes die Menschheit ihre Kraft in die Seele fliessen lasse.

„Denn ihr sollt wissen, so ihr unseres Herrn Fronleichnam empfahet, so empfahet ihr die Menschheit in eueren Leib und die Gottheit in euere Seele.“

Und auf die Frage, wie die Gottheit auch dem Leibe, die Menschheit der Seele zu gute komme? antwortet er mit einem Beispiel:

Man lege einen Stein zum Feuer. Geht nun das Feuer in den Stein? Nein, die Kraft des Feuers geht in den Stein, dass er recht glühend wird. Also thut das Sacrament unseres Herrn Fronleichnam. Die Gottheit giesset die Kraft in den Leib durch die Seele, dass er recht entzündet wird von Minne, und die Menschheit giesset ihre Kraft (durch den Leib? diese Worte scheinen zu fehlen) in die Seele“ (295 ff.).

Dass Eckhart mit seinen Anschauungen von dem Seelengrunde Einfluss auf Nikolaus gehabt habe, das zeigt sich in der Art, wie er die Stelle auslegt:

„das ist ewig Leben, dass sie dich bekennen einen wahren Gott, und den du gesandt hast Jesum Christum“. „Liegt ewig Leben, so fragt er, daran, dass wir Gott sehen wie er an ihm selber bildlich ist? Nein, Gold sehen ist nicht Gold besitzen. — Wäre aber, dass das Gold so unmaterialisch und so kleinfüge wäre, und wäre geistlich vereint mit mir in meinen Augen, dass das Gold sich selber sähe in meinen Augen, so wäre das Gold mein und also wäre Gold sehen Gold besitzen. Also lieget unser Besitzen ewigen Lebens nur an dem Sehen, dass wir Gott sehen wie er mit uns vereint ist und wir mit ihm; denn eine geistliche Kraft ist gegeben meinem Gemüthe, in der Kraft ist Gott so eins, dass er sich selber darinnen sieht. Da ist das da siehet dasselbe, wie das da gesehen wird.“

Nikolaus vergleicht diese Kraft dem Pharisäer Simon, insofern Pharisäus der gesonderte heisse, denn sie sei gesondert von allen Dingen; er nennt sie die Schauerin (vgl. Eckhart, Pf. n, 672) d. h die Kraft, von der überformt wir Gott schauen (282, 36). Das erinnert an die Aussagen Eckhart’s von dem Funken, dem alles Geschaffene fremd ist, der sich selber als Gott bekennt (vgl. oben Nikolaus: in der Kraft ist Gott so eins, dass er sich selber darinnen sieht), oder wenn Eckhart sagt: es ist etwas in der Seele, das Gott so sippe ist, dass es ein ist und nicht vereint (vgl. wieder die obige Stelle aus Nikolaus: in der Kraft ist Gott so eins etc.); und wieder die Stelle bei Eckhart: das Auge, da inne ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, da inne mich Gott siehet. Mein Auge und Gottes Auge das ist Ein Auge und Ein Gesicht und Ein Bekennen und Ein Minnen (vgl. I, 418).

Wir sahen, es war einer der Klagepunkte gegen Eckhart, dass er den Funken als etwas Ungeschaffenes bezeichnete. So könnte Nikolaus auch um deswillen, dass er selbst diese Ansicht Eckhart’s theilt, vor das erzbischöfliche Gericht gerufen worden sein.

In anderen Fragen, wie über die Engel, ihr Wesen, über die Unwandelbarkeit des Zustands der guten Engel, über ihr Verhältniss zum Menschen schliesst er sich an Thomas Aquin, in der Frage über die sechs Tage der Weltschöpfung im Unterschied von Thomas an Augustin an, indem er sagt, Gott habe die Welt in einem Augenblick geschaffen. Die sechs Tage möchten wohl als die Stufenfolge zu fassen sein, nach welcher Gott die Ordnung der Natur den Engeln zum Bewusstsein gebracht, die Bilder der Dinge ihnen eingepflanzt habe.

Der Bemerkung wrerth ist es, wie die Anschauung von der obersten Kraft der Seele und die Frage von der Menschwerdung und Erniedrigung Christi sich bei Nikolaus berühren. Er lehnt sich in dem, was er über die Einigung der menschlichen Natur mit der Person des Sohnes Gottes sagt, offenbar an Thomas an, und hat dessen Auseinandersetzungen im dritten Tlieil der Summa im Auge. Aber doch weicht er auch in einigen Punkten wieder von ihm ab. Wenn Thomas sagt, Christus sei vor seinem Leiden comprehensor und viator gewesen, das erstere sofern er nach seinem Geiste secundum menten Gott vollkommen sah, das letztere sofern er eine leidensfähige Seele und einen leidensfähigen und sterblichen Leib hatte und in dieser Beziehung erst nach der vollen Seligkeit strebe, so sagt auch Nikolaus, Christus sei ein „Zielläufer“ und ein „Zielbesitzer“ zugleich gewesen. Aber während Thomas nur von der geschaffenen mens spricht, mittelst welcher Christus Gott schaute, ist es bei Nikolaus die oberste Kraft der Seele. Diese oberste Kraft der Seele aber ist ihm wie Eckhart die ungeschaffene göttliche Natur, zu welcher der Mensch hinzugeschaffen ist. Dieser Differenzpunkt hat dann, wie sich weiter unten zeigen wird, Einfluss auf die Frage, in wie weit Christi menschliches Wissen von Gott ein bescliränktes oder unbeschränktes war. Einen weiteren Differenzpunkt finde ich in der Frage über die Annahme der menschlichen Natur durch den Sohn Gottes. Nach der Summa lässt Thomas den Herrn sofort eine Leiblichkeit annehmen wie sie war in Folge der Sünde; Nikolaus aber eine glorificirte Leiblichkeit, auf die er aber sofort verzichtete, so dass sich die Entäusserung (Phil. 2) auf eine Herrlichkeit bezog, nicht des Mensch Werdenden, sondern des Mensch Gewordenen. Denn Nikolaus sagt: Christus in dem ersten Augenblick, da er empfangen ward in seiner Mutter Leibe, da war er nach der obersten Kraft der Seele in also grosser Wonne und Freude und in also grosser Weisheit, als sie heute dieses Tages ist; denn er war da so selig als jetzt nach der obersten Kraft der Seele; und er hatte seinen Leib da also wohl gekleidet mit ewiger Ehre, als da er von dem Tode erstund. Also war er ein Zielbesitzer in dem ersten Augenblick da er empfangen ward in seiner Mutter Leibe. — Ich spreche: In dem ersten Augenblick da er empfangen ward in seiner Mutter Leibe, da hatte er seinen Leib so wohl gekleidet mit ewiger Ehre als nach der Auferstehung. Das hatte er wohl ziemlich (als etwas das ihm gebührte, seiner Würde entsprechend war) gehabt; darauf wollte er verzichten und wollte einen leidlichen Leib an sich nehmen, dass er Lohn verdienen möchte.“ Nikolaus ist mit Eckhart auch ein Zeuge der Wahrheit für die Rechtfertigung nicht durch das Verdienst der Werke, sondern durch die Ergreifung des Verdienstes Christi. Nach der Lehre der mittelalterlichen Kirche, insbesondere des Thomas, haben die mit Hilfe der Gnade vollbrachten guten Werke den Charakter des Verdienstes, das heisst sie erwerben von Gott einen Lohn, der vom Standpunkt der göttlichen Gerechtigkeit aus nicht vorenthalten werden kann. Mit der Gnade Christi kann der Mensch durcli Thaten seines befreiten und freien Willens sicli Erlass der Strafe, Mehrung der Gnade und das ewige Leben verdienen. Wenn aucli das, was der Mensch leistet, in keinem Verhältniss steht zu dem Lohne, den er erlangt, so hebt das doch den Charakter des Verdienstes nicht auf, da es nur dem Verhältniss des endlichen Menschen zu dem unendlichen Gott entspricht, dass jener nach Massgabe seiner Kräfte leistet, dieser nach Massgabe seines Reichthums für die Leistung zahlt. Nun ist freilich nicht zu erwarten, dass Nikolaus die Wahrheit in dieser Frage mit solcher Ausschliesslichkeit hinstellt, dass er nicht auch die herrschende Auffassung als einen zweiten Weg noch gelten Hesse. Zu dieser Alleinherrschaft gelangte die Wahrheit erst durch die Reformation. Aber erstlich lässt uns Nikolaus nicht im Zweifel, welchen Weg er für sich erwählt, und zweitens stellt auch Nikolaus den andern der Zeitlehre geläufigen Weg in einer Weise dar, dass er nur in den Ausdrücken dieser Zeitlehre noch huldigt, dem Sinne nach eben doch auch wieder dabei das Wesentliche der Wahrheit ausspricht.

Während also nach römischer Lehre die guten Werke satisfac-torisch sind und Erlass der Sündenstrafe verdienen können, sagt Nikolaus 282, 9:

„Darum war das mindeste Werk, das mein lieber Herr je that, das war zu Niel für alle unsere Sünde. Warum wollte er da so überflüssig leiden und 33 Jahre nie guten Tag gewinnen — und alles sein Blut so reichlich ausgiessen und alle Jammerkeit leiden und zuletzt einen schändlichen Tod? Da hat er uns einen grossen Schatz zusammengelegt, da sollen wir hineingreifen und sollen zahlen unsere Schuld. Ja könnten wir weislich greifen in diesen Schatz, wir bedürften des Unsern nit dazu, nit ein Ave Maria.“

Und in der achten Predigt (nach Pfeiffer) lässt er fragen: Herre, womit zahlt man Schuld? Und antwortet:

„Das sage ich dir. Man zahlt Schuld mit einem Kehr des Willens ohne alle unsere Werke. Der Wille soll aber ganz sein, nicht halbirt, und soll stark sein, nicht zitternd; und dass du nimmermehr eine Sünde wollest thun, sonderlich Todsünde; und sollst sprechen: 0 mein lieber Herr Jesus Christ, ein Fürst unmässiger Würdigkeit, ein Zimmermann aller der Welt! Ich bm eine laue Sünderin, mache mich eine hitzige Minnerin! So mag der Kehr des Willens also kräftig werden vom Minnen, nnd macht (magst?) dich heften an das würdige Verdienen unseres Herrn Jesu Christi also kräftiglich: Hättest du hundert Todsünden gethan, Gott vergibt dir die Schuld und Strafe miteinander (283, 24 ff.).

Mit ungemeiner Lebendigkeit und volksthümlicher Klarheit lehrt er die gleiche Wahrheit in der folgenden Stelle (287, 24 ff.):

Käme ich in das Fegfeuer und fände da einen Menschen brennend, so spräche ich: „Was liegst du hier“ ? So spricht er: „Ich liege hier und zahle meine Schuld“. So spreche ich: „Ach, du rechter Thor, zahlst du hier mit deiner eigenen Kost! weisst du nit, dass das würdige Verdienen unseres Herrn für uns gebessert hat?“ — „Ja, ich weiss es wohl.“ — „Oder ist es unkräftiger als es ehedem war?“ — Nein, nein! es ist also kräftig als es je war, ja es ist joch (noch) so frisch grüne als da er an dem Kreuze hing. — „Ist es aber etwa verschlossen oder wehrt es jemand dem andern?“ — „Nein, nein!“ — „So dünket mich, Geselle, es sei deine Schuld, dass du liier liegst und zahlst mit deiner eigenen Kost; du warst entweder so unweise, dass du es nicht konntest suchen, oder aber so träge, dass du es nicht wolltest suchen und sind nur zwei Schritte dahin.“ Nu möchtet ihr sprechen: „Herre, muss man wegen Unwissenheit auch in das Fegfeuer? Ja, der Mensch möchte hundert (jar?) in dem Fegefeuer brennen wTegen Unwissenheit, so er nicht suchen wollte, dass er wissend würde. Dir ist recht geschehen als einem der wüsste, dass der König von Frankreich hätte einen so grossen Berg aus gemahlenem (geschrotetem, feinem) Golde, als einer in der Welt ist, und ist der gemein für alle Menschen und hätte aus lassen rufen, dass niemand solle zahlen mit seiner eigenen Kost; das ist das beste Gold: der sein nur ein wenig hätte, der zahlt alle seine Schuld; er wird auch gesichert davon und wehrt es niemand dem andern. Nun kommt einer, dem bin ich schuldig fünf Schillinge und spricht: „Bruder Niklaus, zahle mir meine Schuld!“ Ich thu meinen Seckel auf und zahle mit meiner eigenen Kost. Das siehet jener und spricht: „Du thörichter Mann, was zahlest du aus deinem Seckel! Weisst du nicht, dass der goldene Berg da liegt, der gemein ist und den niemand dem andern wehrt, und der König hat auslassen rufen dass niemand solle zahlen mit seiner eigenen Kost?“ So spricht er: „Ja, ich weiss wohl“. — „So bist du gar unweise, dass du nicht dahin kannst kommen, oder aber so träge, dass du dahin nicht willst, und sind nur zwei Schritte dahin, und wird den Leuten ohne Arbeit; denn es ist gemahlen Gold, und man darf es nicht hauen (ausbrechen): man greift nur drein und nimmt wie viel man will, recht wie einer der in Semmelmehl greift.“ So ist das hochgültig, würdig Verdienen unseres Herrn Jesu Christi; das ist hie nahe bei uns und ist so gut und so kräftig, wer sich nur mit Minnen dazu fügen kann und weislich drein kann greifen, der zahlt alle seine Schuld mit fremder Kost. Er legt nicht allein Schuld ab; er wird auch gereichert davon an innerlicher Minne und Gnade. Er bedarf des Seinen nit ein Ave Maria; denn alles, das mein lieber Herre je that oder litt in drei und dreissig Jahren, das war alles unser; er bedurfte sein nit.“

Wenn nun nach der Art wie in diesen Stellen Nikolaus redet, kein Zweifel sein kann, dass er selbst diesen Weg für den richtigen hält und für sich einschlägt, so bringt er doch der herrschenden Lehre insofern einen Tribut, als er den andern Weg als eine zweite Möglichkeit Schuld zu tilgen hinstellt, indem er ihn durch ein „auch“ dem ersten Wege coordinirt.

„Man zahlt auch Schuld ab, sagt er, mit Busse (satisfactorischen Werken), die man mir gibt.“ In diesem Falle „nimmt der Herr kleine Zahlung für grosse Schuld“. Welche Bedeutung hat da unsere geringe Leistung? Nach Nikolaus hat auch sie nicht den Charakter des Verdienstes, sondern ist nur das von Gott geforderte Zeichen des dem Verdienste Christi zugekehrten Willens, und das was Schuld tilgt, ist eben wieder nur das Verdienen Christi. Wenn man zum Sacrament des hochwürdigen Verdienens Christi (dem Buss-sacrament) geht, und der Beichtiger gäbe dir nur ein Paternoster, es wäre genug gebessert für hundert Todsünden. Denn der Beichtiger ist eine Röhre, durch die das Sacrament fliesset auf uns Schuld zu vergeben. „Der seine Busse wohl daran knüpfen kann und gerade halten (sein Gefäss) unter den Ursprung und weislich kann greifen in den unmässigen Schatz seiner Besserung: wie klein die Busse ist, sie ist vollkräftig für alle unsere Schuld? „Ich bekenne“, so lässt Nikolaus den also Büssenden sagen, „Grossheit deines hochgültigen Verdienens, und bitte dich, dass du mir zur Steuer lassest rinnen zu meiner kleinen Busse von dem unmässigen Schatze deiner Besserung, dass sie mit Kraft deines Verdienens kräftig werde abzulegen und zu vergelten alle meine Schuld.“

Auch der andere Gesichtspunkt, den Nikolaus hervorhebt, hat mit dem, was man unter Verdienst eigentlich versteht, nichts zu thun. Er sagt:

die auf erlegten Büssungen hätten den Gewinn, dass sie den Menschen vorsichtiger und geschickter machten, vor künftigen Sünden sich zu hüten. Er fasst sie also unter dem pädagogischen Gesichtspunkt. Wenn er nun fortfährt: „und verdienest auch Lohn damit“

, so meint Nikolaus, während die Werke nicht nötliig seien, Vergebung der Schuld und Strafe zu erwerben, so seien sie nöthig, um Mehrung dor Gnade zu gewinnen.

Dass er sich bei seiner Auffassung des Gegensatzes zur herrschenden Lehre bewusst sei, zeigt die 5. Predigt bei Pfeiffer (275): er meint, die Meister sprächen misslich über die Beschaffenheit der wahren Reue. Er weist den Gedanken des Aequivalents ab, und geht an dieser Stelle sogar soweit, dass er auch die Mehrung der Gnade allein von der kräftigen Zukehr des Willens zu dem Verdienste Jesu abhängig macht.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Albrecht der Lesemeister.
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