Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 2. Heinrich von Egwint.

2. Heinrich von Egwint.

Unter diesem Namen finden sich vier Predigten in der Handschrift 278 des Klosters Einsiedeln.1 2 Eine Predigt in B XI, 10 trägt gleichfalls seinen Namen, hat aber Eckhart zum Verfasser. Jene vier Predigten sind von demselben Schreiber aufgezeichnet, der auch Stera-gassen noch gehört hat. Egwint gehört also der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts an. Der Name (abwechselnd in E auch Eggewint, Egwind, in B XI, 10 Egwin geschrieben) scheint auf die Schweiz als seine Heimath zu deuten.

Es sind vorherrschend eckhartische Gedanken, welche in seinen Predigten wiederkehren, wie dies namentlich bei der ersten und vierten Predigt hervortritt. In der zweiten und dritten Predigt ist uns von Werth zu sehen, wie er die eckhartische Lehre vom Seelengrunde auffasst (s u.). Inder vierten sagt er:

„Das Wesen aller Creaturen ist ein Ausfluss von dem lauteren Brunnen des göttlichen Wesens und göttlicher Natur, die das Wesen selber ist.“

Dieselbe Predigt erwähnt auch das Buch von dem „Brunnen des Lebens“. Es ist die Schrift Fons vitae, welche den Avicebron3 (wahrscheinlich derselbe mit Ibn Gebirol, einem spanischen Juden im 11. Jahrhundert) zum Verfasser hat, und welche, wie die häufigen Erwähnungen bei andern Schriftstellern beweisen, auf lange hinaus von Einfluss war. Nach Avicebron stammt auch die Materie aus der göttlichen Substanz. Ich habe gezeigt, dass Eckart das göttliche Wesen auch als den potentiellen Grund für das materielle Sein ansehe, nur dass er zugleich eine durch den freien schöpferischen „Willen Gottes bewirkte Verschiedenartigkeit des Wesens der Creatnr von dem Wesen Gottes lehrt. Gegen eine Umdeutung dieser eckharti-schen Lehre im thomistischen Sinne sichert nun auch wohl die Berufung seines Schülers auf die Fons vitae.

Egwint ist von lebendiger Anschauungskraft, bilderreich, aber durch Häufung der Begriffe schwerfällig, oft undeutlich. Seine Weise bietet das Gegentheil von dem lichten, klaren Flusse der Rede Sterngassen’s.

In der ersten Predigt: „Meister, wo wohnest du?“ ist die Frage, wo man Gott finde, das Wo der Gottheit, das eigentliche Thema. Man findet Gott, ist die Antwort, auf dem Berge der Myrrhen (Cant. Cant. 4, 6) d. i. in der Höhe der Busse; in dem grünenden Bnsche der Wüste (Ex. 3), d. i. im hohen Muthe, welcher in der Höhe der Gottheit grünet und blühet; auf dem Berge der Nebel (Ex. 20, 21), wenn der Wille der Seele wirkt nach eingeschriebener Form göttlichen Willens; wie Elia in der Gruft (1 Kön. 19) im süssen Maienthau (Luther: ein stilles sanftes Sausen): das ist im Gemüth, das an einer göttlichen Gleichheit süsser Wandlung in dem ewigen Worte formet vernünftige Worte (d. h. unser Geist sich einend mit dem ewigen Wort redet Worte), in welchen der begehrende Geist mit Gott leise raunet ohne Wort und ohne Laut und in ihm singet der Minne Ton und doch ohne Schall, über den Engeln, in dem Vater, in dem Beginne (Job. 1, 1). Nur die vier ersten Punkte sind ausgeführter, die letzten von dem Schreiber nur angedeutet.

In der zweiten Predigt: „In den Händen sollen die Laternen brennen“, versteht er unter den Laternen das Licht der Gnade, das uns in die Regel der Wahrheit führt, die in dem obersten Reiche der Seele ewig blinkt; das ist der Funke oder Glanster (Ganster) der Seele, in welchem wir uns mit allen Menschen als eine Menschheit fassen, in dessen Licht eingerückt wir der höchsten Wonne gemessen; er ist das Bild in des Gemüthe8 Verborgenheit (abditum mentis vgl.I, 299 Anm.); hier ist das höchste Gut, das in deiner Seele leuchtet; wenn da der Geist gesetzt ist in das freie Wesen Gottes, dann stirbt alle Furcht und Enge der Herzen; da folget zuweilen der Leib nnd hanget inmitten der Lust. Aber die Seele mag sich nicht erbieten in das iiberschwebende Licht (das mit Unrecht von etlichen Meistern als ein natürliches Licht bezeichnet wird), sie wäre denn widerschlagen (s. u.).

Die dritte Predigt: „Seht alle Dinge verneue ichu führt ans, wie die Seele alle Dinge sei und wie sie vemeuet werde. Die Seele mag zunehmen ohne Ende, das stellt sie höher als die Engel. Wie schwerfällig durch Häufung der Begriffe Egwint wird, mag unter anderm fulgende Stelle zeigen: die Creaturen sind geschaffen, dass sonderlich Engel und Mensch „die nberflnthige Wonne in den dreien Personen in ihrer (der Engel und Menschen) selbst Wesen hätten an einem Blicke des Geistes auf göttlicher Naturen Essentie, in einer verstrickten wesentlichen Gegenwärtigkeit der bildfreien Form göttlichen Wesens* (vgl. das in der 2. Predigt vom Funken gesagte). In dem Ortlichte (ürlichte) der Vernunft des Geistes liegt der Grund der Seligkeit.

Die vierte Predigt: Si quis vult etc. Wer zu mir kommen will, der verleugne sich selbst, beginnt: Damm hat Gott sein natürlich Bild, seinen Sohn, den Leuten geoffenbart, dass sie, ihm nachkriechend, geleitet werden in eines entgeisteten Geistes Uebung. Wie diese Entgeistung geschehen soll, wird nach Stellen aus Gregor, Augustin, Origenes, Chrysostomus und dem Buche von dem „Brunnen des Lebens“ (s. o.) dargelegt. Dann folgt: mich dünket, dass man diese Worte: „Wer mir folgen will“ künstlicher verstehen möge. Er legt den Unterschied zwischen Gott und den Creaturen dar: Gott ist Wesen, die Creatur hat Wesen. Von der Creatur mag ich nicht (in absoluter Weise) sprechen:’ das ist, sondern ich spreche z. B. das ist ein Engel und versage ihm damit das andere Wesen, das andere Creaturen haben. Wie hier, so folgt er dann dem Thomas in der Bestimmung des Unterschieds vom Wesen der Engel und dem der Menschen. Jeder Engel hat, was die Stufe auf der er steht, leisten mag; nicht so der Mensch; daher auf den Grad menschlicher Natur viele Menschen gehen, jeder Engel aber einen eigenen Grad repräsentirt. Aller Creaturen Wesen aber ist ein Ausfluss aus dem lauteren Brunnen göttlichen Wesens und göttlicher Natur — alle Ausflüsse streben wieder nach ihrem Ursprung. Der Mensch soll sich daher werten in das Wesen, das zu Gott wieder natürlich (nicht: widernatürlich, wie der Text bei Pfeiffer hat) kriechend ist.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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    17. Oktober 2015

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