Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 3. Bruder Kraft.

3. Bruder Kraft.

Dass Bruder Kraft der eckhartischen Schule angehöre, ist nach den Stücken, die wir ihm glaubten zuschreiben zu können (s. o. S. 108 ff.), unzweifelhaft. Seine Predigt: Illumina oculos etc. findet sich in der Oxforder Handschrift: das weist ihn der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu. Der Umstand, dass allein hei dieser Predigt die genannte Handschrift keinen Verfassernamen zu nennen weiss, scheint darauf hinzudeuten, dass er dem Erfurter Kreis nicht angehört habe. Die be-zeichnete Predigt findet sich auch in der Baseler Handschrift B XI, 10; allerdings auch ohne Namen: allein es kommt hier zugleich in Betracht, dass jene Bruchstücke Kraft’s, welche in den Altdeutschen Blättern mitgetheilt sind, gleichfalls aus einer oberdeutschen Handschrift stammen, und dass der Schreiber der Baseler Handschrift einen „Kraft von Boyberg“ wenigstens zu nennen weiss, wenn er auch den Namen fälschlich über ein eckhartisches Stück setzt. So dürfen wir vermnthen, dass Bruder Kraft derselbe mit Kraft von Boyberg, und dass er seiner Heimath nach ein Oberdeutscher gewesen sei.

Kraft’s Rede zeigt nicht den raschen und lebendigen Fluss Eckhart’s, aber sie trägt das Gepräge der vorherrschenden theoretischen Richtung des Meisters, und ihr Inhalt zeigt sich von der Lehre desselben beherrscht. An Eckhart erinnert gleich das erste der Bruchstücke. Wir sahen, wie sehr dieser von dem Aeusseren auf das Innere, von dem Werk auf den Geist und das Wesen dringt. Die Tugend besteht nicht in vereinzelten Leistungen, sie ist das gut Handeln, sofern es nns zur andern Natur geworden ist. Die Seele muss „durchgehen und übergehen alle Tugend“, sie muss absichtslos alle Tugenden aus ihr leuchten lassen „recht als ob sie die Tugend selbst sei“.1 2 Und Kraft sagt: der Mensch solle „alle Tugenden durchgehn und übergehn“, und hierin Gott gleich werden, der auch nicht Minne etc. habe, sondern der alles das, was man ihm zulege, selbst sei.

Der Tractat Eckhart’s von der Ueberfahrt der Gottheit und von dem Ausflusse des Vaters gehören einer Stufe seiner Entwicklung an, welche der früheren Erfurter Zeit zunächst folgt (vgl. I, 314). Das Verhältniss, in welchem Vernunft und Wille zu der Vereinigung mit Gott stehen, wird dort mit den Worten ausgedrückt: das mir mein Be-kenntniss gab, das minnte ich; das ich nicht bekannte, das konnte ich auch nicht minnen; aber doch ist der Wille edler als das Bekenntniss: er will Gott begreifen über alles Bekenntniss (vgl. 496 und 521). Gleicherweise den Willen vorzugsweise betonend sagt eine Stelle des ersten der beiden Tractate (509 f.):

„Will die Seele dazu kommen, dass sie nichts bedürfe und dass sie unbeweglicher werde denn Nicht, so soll sie alle ihre Kräfte sammeln in ihren freien Willen, also dass sie ungehindert bleibe von ihr selbst und allen Dingen und soll sich vereinen in dem unbeweglichen Gotte“.

Und so sagt nun auch Kraft im zweiten der Bruchstücke: Um unbeweglich in Gott, der blossen Gottheit, zu bleiben, müssen wir von dem Wirken (nach aussen) zurückgehen auf den Willen. Der Wille (als Grundrichtung des Gemüths gefasst) wirket nicht, er gebietet und verbietet (vgl. Eckli. Pf. 384,1 ff.). Wenn dein Verständniss versteht wahr (die Wahrheit) und das durchgeht, davon empfäht es Lust und in der Lust so wird es ihr (der Seele) eigen, wenn es der Wille will.

Die Predigt Illumina oculos meos, welche uns in der Oxforder Handschrift und in Basel B XI, 10 erhalten ist, handelt im Anschluss an Dionysius von dreierlei Licht, das den Menschen erleuchtet, dem natürlichen, dem geistlichen und dem göttlichen (De div. nom. 4. 7.). Mittelst des natürlichen Lichtes vermag der Mensch von den Dingen, die verursachet sind, auf eine Ursache aller Dinge zu schliessen, die von sich selber ist; und von der Wahrnehmung des in den Creaturen vertheilten Guten auf die Idee des absolut Guten, die identisch ist mit der Ursache aller Dinge. Daraus entspringet eine natürliche Minne zu der Ursache aller Dinge,

„denn von Natur hat die Seele, dass sie minnet ein jeglich Ding nach dem dass es gut ist“

, und also
„bekennet und minnet die Seele von Natur Gott über alle Dinge. Das andere Licht, das geistliche, entspringet im Glauben. Alles was der Glaube in sich beschlossen hat, das mag die Seele von Natur nicht erreichen. Dahin gehört, dass drei Personen sind in Einem Wesen, und dass sie nicht als drei sondern als Ein Gott wirken. Das dritte Licht, das Licht der Glorien, ist ein göttlich Licht. Die göttliche Natur, die grundlos ist, wird nur von einem grundlosen Verständniss ergründet; aber aller Creaturen Verständniss ist gemessen und begränzt. Sollen wir Gott unmittelbar erkennen, so muss das geschehen mit dem Bekenntniss, womit sich Gott selbst erkennet; dieses Verständniss ist kein anderes als das die göttliche Natur selbst ist. Und insofern sich das Licht senkt in die oberste Kraft, sofern wird Gott ohne Mittel erkannt. In diesem Lichte erkennet die Seele aller Dinge Edelkeit in Gott; denn alles das je ausfloss, oder nun ausfliesst, oder noch ausfliessen soll, das hat ewig Wesen und Leben in Gott. Nicht als es hier gebrechlich ist an der Creatur, sondern als es sein (Gottes) eigenes Wesen ist; denn es ist
seine Natur. Gott hat sein eigen Wesen nicht von nichte, er hat es von seiner eigenen Natur.

Während das was von der ersten und zweiten Art des Lichtes gesagt ist, keine Differenz von der herkömmlichen Anschauung bietet (vgl. Thorn. S. I, qu. 2, a. 3 u. qu. 12, a. 12 u. 13) so scheint die Lehre vom Lichte der Glorie die eckhartische Auffassung von der Ueber-formnng der Seele durch die wesentliche Vernunft, die Gott selbst ist, und die als „Funke“ in der Seele des Menschen wohnt (vgl. I, 417. 435. 488 und Pf. 583, 9 ff. und 587, 10 ff. 588, 14 ff. 34 ff.) zur Voraussetzung zu haben. Während Thomas das Licht der Glorie als geschaffen ansieht, ist dem Bruder Kraft dieses Licht die göttliche Natur selbst.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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