Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 6. Heinrich von Löwen.

6. Heinrich von Löwen.

Ich stelle den Niederländer Heinrich von Löwen unter die oberdeutschen Mystiker, nicht bloss weil sein Heimathkloster zur oberdeutschen Provinz des Dominikanerordens, zur Provinz Deutschland gehörte, sondern auch weil er längere Zeit in Oberdeutschland gelebt und gewirkt hat, und seine Art sich mehr mit der der oberdeutschen als der sächsischen Mystiker verwandt zeigt.

In den Handschriften des Klosters Roetdael bei Brüssel (Rubca Vallis) befand sich von der Hand des Kanonikus der regulirten Augustiner Johann Gillemans (um 1480) eine Vita Heinrich’s, aus welcher Choquet seine Mittheilungen über diesen geschöpft hat.1 2 Quétif und Echart bringen zu Choquet nur noch einige literarische Bemerkungen.

Den von Gillemans aus älteren Quellen geschöpften Nachrichten zufolge ist Heinrich aus der bei Löwen begüterten adeligen Familie derer von Calstris geboren, und heisst darum bei den Späteren auch Heinrich von Calstris; nach seinem Geburtsorte oder nach dem Kloster, wo er in den Orden der Dominikaner trat, wird er sonst Heinrich von Löwen oder „der von Löwen“ genannt. Er war ein Zeitgenosse und Freund Tauler’s, mit welchem er zu Cöln studirt hat. Darnach besuchte er die Schule zu Paris. Er gehörte eine Zeit lang dem Convente zu Cöln an, später war er Lector in Kloster Wimpfen in Schwaben. Gillemans berichtet von ihm verschiedene Visionen; Seelen, Dämonen, die Jungfrau Maria reden mit ihm. Es sind Erzählungen, wie wir sie bei den Ekstatischen jener Zeiten in ähnlicher Weise in Menge finden. Der Ruf seines heiligen Lebens scheint gross gewesen zu sein. Er starb um das Jahr 1340, nach dem Jahrzeitenbuch des Klosters zu Löwen: am 18. Oktober. Wir haben von ihm noch einen Spruch, einen Brief und eine Predigt. Er zeigt sich dem Geiste Tauler’s wie dem Suso’s verwandt. Der kurzen oder vielmehr gekürzten Predigt nach zu schliessen scheint er ein Redner von Lebendigkeit und Innigkeit gewesen zu sein.

Der in der Bas. Hdschr. B IX, 15 aufbehaltene Spruch bezeichnet es als das höchste Werk der Liebe, den andern zu Gott zu ziehen; nur soll es jeder in der ihm angemessenen Weise thun und keiner lehren wollen, was er selbst mit Leben noch nicht versucht und erfahren hat.

Womit der Mensch sich als ein Gotteskind erweise und bewahre, davon handelt der Brief. Was das äussere Leben betrifft, so sollen Geberden, Worte und Werke schlicht und zu Gottes Dienst und Ehren sein; im innera Leben sollen die Gedanken lauter und himmlisch, der Sinn von Gott allein eingenommen, der Wille darauf gerichtet sein, alle Dinge um Gottes willen zu lassen. Der Grund der Seele soll stille sein, gleich einem ruhigen Wasser, sonst mag das lautere einfältige Gut darin nimmer erscheinen. Nichts, weder Lieb noch Leid, soll ihn bewegen aus seiner Stille. Zwar ist kein Mensch ausser Christus und Maria, die nicht anfänglich Bewegungen hätten, welche die Seele aus ihrer Stille bringen; aber es gilt die Bewegungen innerlich zu überwinden, sobald man es gewahr wird. Man muss dahin kommen, dass alle Bewegung der Seele unter dem Gebete sich verliere, so dass kein Schatten davon bleibt.

Mit der Aufschrift:

„Diese Worte predigte unsere Frau vom Himmelreich in dem Gleichniss von Bruder Heinrich’s Person von Löwen (Löfen) auf dem Prediger Hof zu Cöln“

, findet sich eine Predigt Heinrich’s in verschiedenen Handschriften.

Die höchste Weisheit besteht in der Demuth und Reinheit des Herzens. Die Reinen sehen Gott und gebrauchen seiner. Unser Herr spricht von einer solchen Seele: was sie will, das will ich, und was ich will, das will sie. Sie soll nicht reden ohne mich, sie soll nicht hören ohne mich, und wir sind eins. Das ich bin von Natnr, das ist sie von Gnaden. Ich hab sie erwählt, sie erkennet es nicht im Leben. Gäbe ich ihr, das ich bin, in diesem Leib, sie vermöchte es nicht; nach diesem Leben will ich ihr kommen und ihr Dank und Lohn sein — da soll sie kommen zu voller Erkenntniss göttlicher Minne, da soll sie vereint werden. Eia armer Mensch, erbarme dich über dich selber! Dieweil du bist in diesem Leib, kehrest du dich auf Affenheit (Eitelkeit): das wird unser Herr von dir fordern. Kehre um, um des barmherzigen Gottes willen, und erbarme dich über dich selber, denn unser Herr ist barmherzig. Du armer Mensch, wTarura erkennst du nicht, dass du bist wie Staub und Asche in diesem Leib? Erbarme dich über dich selber. Denn ich bin bereit dich zu empfangen, spricht unser Herr. Eia lieber Mensch, ich will deine Minne sein und dein Trost! Eia lieber Mensch, lass es dich erbarmen, dass die zarte süsse edle minnigliche Gottheit nach dir sich sehnt und ihre Menschheit um deinetwillen dahingegeben hat! Erbarme dich über dich selber und komme zu mir!

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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