Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 6. Sprüche.

6. Sprüche.

Von dem gewöhnlichen Spruche, welcher eine Vemunftwahrheit oder eine sittliche Wahrheit in leicht behaltbarer, prägnanter Form ausdrückt, können wir als besondere Art den Sinnspruch unterscheiden, in welchem ein Gedanke zuerst in auffallender, paradoxer Weise oder wie ein Räthsel ausgesprochen wird, um dann nach einigen folgenden erläuternden Sätzen als evident zu erscheinen. Die Vorliebe für diese Form der Lehre im Mittelalter erklärt sich aus der sinnigen Weise des Volkes, und es ist bei der Natur der Mystik begreiflich, dass sie selbst vor allem davon Gebrauch macht. Schon Eckhart erscheint als ein Meister solcher Spruchweisheit, insbesondere auch des Sinnspruchs. So nennt er unter den sechs Tugenden, die ein vollkommener Mensch haben soll, neben einer stillen Frage, einer friedsamen Ruhe eine schlafende Wachbarkeit, eine nüchterne Trunkenheit. Der summarischen Aufzählung folgt dann die Erläuterung, der Aufschluss. In den „12 Meistern zu Paris“ (s. vor. Abschn.) schliesst Eckhart die Reihe der Sprechenden. Es sind Wahrheiten religiös praktischer Natur, welche in dieser Zusammenstellung von den meist ungenannten Meistern vorgetragen werden. Der erste und siebente Meister meinen, es sei besser, Sünde lassen als Sünde büssen oder wider Gottes Wort sich für das Reich Gottes opfern wollen. Wie die Sünde von Gott entferne, die Tugend ihm nahe bringe, davon reden der achte und zweite Meister. Von der Wichtigkeit des Leidens für die Heiligung handeln der vierte und fünfte, von der inneren Selbstverläugnung als dem grössten Werke der dritte, zehnte (Albrecht) und zwölfte Meister (Eckhart). Wie Gott der mit Andacht und Innigkeit sich erhebenden Seele mit sich selbst, dem ungeschaffenen Gute lohne, das spricht der sechste Meister, wie er sich vollkommen in die lautere Seele gebe, der elfte (Kronenberg), wie er sein Wort da gebäre, der neunte Meister aus.

Für den unbenannten sechsten Meister bietet die Züricher Handschrift den Namen an einer andern Stelle, wo derselbe Spruch ausführlicher als ein Spruch des Bruders Johann von Hasla mitgetheilt ist. Es ist ohne Zweifel Johann von Hasslach gemeint, den der Nekrolog der Freiburger Dominikaner (zum 9. März) als früheren Lesemeister bezeichnet.

„Herr“, so schliesst der Spruch, „halt inne mit der Welt (von der du mir so viel gegeben hast); ich habe auch mit dir zu rechnen. Ich gab dir in jener Welt (die Erde ist gemeint) ein Paternoster zu kaufen, das hast du mir wenig vergolten. Du weisst wohl, dass ich empfangen habe der Dinge, die du geschaffen hast; das weisst du wohl, dass mir damit mein Paternoster nicht vergolten mag werden: gib mir Herr dich selber und vergilt (so) deine Schuld.“

Der unbenannte vierte Meister ist in B IX, 15 genannt, wo der Spruch, dass der viel seliger sei, den Gott tritt mit den Füssen, als der, welchen er küsset mit dem Munde lachend, dahin weiter ergänzt wird, dass der Mensch alles vermöge mit Leiden und Schweigen, mit Leiden und Sterben. Der Verfasser heisst da der „von Sachs“.1 Es ist wohl Nikolaus von Sax (Saxen), der Lesemeister zu Basel, welcher von dem Chronisten Meyer in die Zeit um 1343—1345 gesetzt wird.

Von den „Sprüchen deutscher Mystiker“, welche von Pfeiffer in der Germania mitgetheilt sind, verdient ausser den schon bezeichneten kaum einer der besonderen Hervorhebung. Eine grosse Menge von meist namenlosen Sprüchen, die zu einem guten Theil den Geist der neueren Mystik vermerken lassen, hat noch im 14. Jahrhundert Bruder Eberhard von Ebrach gesammelt Die Münchener Bibliothek bewahrt zwei Exemplare dieser wie es scheint beliebten Sammlung.3 Unter den nicht mit Namen bezeichneten sind manche von Eckhart und Suso; doch ist Eckhart auch zuweilen genannt; neben seinem und Dietrich’s Namen begegnen noch die des „Flemit“, des „Ruhit“, des Hermann von Linz. Der „Flemit“ meint:

„Gott minnet den Menschen nicht, wie er ist, sondern wie er begehrt zu sein“.

Eine Bemerkung des Ruhit (der Rauhe?) lautet: Gott gebe sich in ein jegliches Leiden, wie er sich im Sacramente gebe. Nur weil wir zuweilen das Leiden als Leiden und nicht als Gabe nehmen, wie sie der Freund dem Freunde gibt, darum empfangen wir nicht so viel Gutes in dem Leiden wie im Sacramente. Es liegt der Mystik nahe, die Heilsgnade auch unabhängig von Wort und Sacrament sich wirksam zu denken. Man könnte hier eine solche Meinung vermuthen, wenn nicht, was mir wahrscheinlich ist, nur ein möglichst starker Ausdruck gebraucht w ird, um den grossen Segen anzudeuten, den Leiden bringen kann. Mit dem Leiden beschäftigt sich überhaupt eine grosse Zahl der Sprüche. Es ist der Weg der Menschheit Christi, den die neuere Schule vor allem gehen heisst, um in die Gottheit zu gelangen. „Es sassen sechs Lesemeister“, so beginnt ein anderes Stück, „und wurden zu Rede, was Gott aller-löblichst wäre und dem Menschen allernutzbarst“. Sie alle sprechen: geduldig leiden, und ein jeder begründet das auf seine Weise. „Geduldig leiden“, spricht der fünfte, ist also gut, dass Gott selber spricht, niemand mag mit keiner Art Gutem sich meiner Gottheit mehr gleichen und seine Menschheit mengen mit mir in meiner göttlichen Lauterkeit als mit willigem geduldigem Leiden, und solchem Menschen will ich geben das allerhöchste Gut, das ist mich selbst. Ein Schmähwort geduldig ertragen um Gottes willen, so schliesst der sechste, bringt mehr,Lohnes, als mit St. Paulo verzückt werden in den dritten Himmel.

Sinnig und volksthümlich drückt die Mahnung zum willigen Leiden der Reimspruch aus :

„Neig dich in Leiden“: das lass sein Dein’n Schrein;

Und „minne die Feinde“

Das leg darein;

„Meid dein’ Freund“

Das leg dazu;

„Sei geduldig in Widerwärtigkeit“,

Und schliess wieder zu!

Aber nicht bloss das Leiden willig zu ertragen, sondern es auch aufzusuchen, wird angerathen.

„Ein Lehrer spricht: Minne Armuth und suche Leiden und begehre Schmachheit: so darfst du weder bitten noch flehen; denn das Himmelreich ist in dir.“

Wir wissen, wie unter vielen andern auch Meister Eckhart’s geistliche Tochter Katrei nach diesem Rathe handelt. Auch Suso folgt ihm lange Zeit. Es ist eine gefährliche Mahnung, und Meister Eckhart selbst hat einen solchen Rath nie als allgemein für alle, die nach dem Höchsten streben, hinstellen wollen. „Und also“, so hatte er gesagt, „achte ich das besser als alle Dinge, dass sich der Mensch Gott lasse grösslich, wenn er auf ihn etwas werfen will, es sei was Leidens das sei, dass er es mit Freude und Dank nehme und lasse sich Gott mehr führen, denn dass sich der Mensch selber darein setze“ (563). Auch Suso hält es für gut, dem Eifer, wie er in der Zeit lag, Schranken zu ziehen und Warnungen folgen zu lassen. Bezeichnend ist, wie er seiner geistlichen Tochter Elisabeth Stagel abräth, in selbsterwähltem Leiden es ihm nachthun zu wollen. „Luge allein ein jeder Mensch auf sich selbst und merke, was Gott von ihm haben wolle, und sei dem genug, und lasse alle anderen Dinge bleiben. Der Rath Suso’s für Elisabeth ist es Gott zu überlassen, mit welchem Kreuz er sie üben wolle.

„Gott hat mancherlei Kreuz, womit er seine Freunde kasteit. Ich versehe mich des, dass dir Gott ein anderlei Kreuz wolle auf deinen Rücken laden, das dir noch peinlicher wird; das Kreuz empfahe geduldiglich, so es dir kommt (Vita 37).“

Auch Tauler warnt vor eignen Aufsätzen: Nicht was wir wählen, sondern was Gott wählt, und das hinnehmen und sich seiner selbst gänzlich verziehen, in allen Weisen, im Haben und im Hangeln, das bereitet besser, um in den Grund der Wahrheit eingeführt zu werden, als wenn der Mensch Steine und Dornen ässe, ob es anders die Natur erleiden möchte:

„Erkenneten die geistlichen Menschen den grossen gefährlichen Schaden, den sie sich selber thun mit ihren eigenen Aufsätzen: ihr Mark in ihrem Gebein dorrete und ihr Blut schwände in ihrem Leibe“ (Pr. 33).

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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