Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 7. Hartmann von Kronenberg.

7. Hartmann von Kronenberg.

Der Chronist der Dominikaner Johann Meyer von Zürich nennt unter den deutschen Dominikanern, welche sich zur Zeit des Ordensmeisters Hervßus 1318—23 durch Gelehrsamkeit ausgezeichnet hätten, mit Johann von Sterngassen und Johann von Greifenstein auch Hartmann von Kronenberg. Steill fügt bei, dass Hartmann aus adeligem Geschlecht gewesen sei, und nennt später noch einen zweiten ansehnlichen Ordensgenossen von gleichem Familiennamen, Konrad, der sich als Prediger hervorgethan habe und um 1350 gestorben sei. Wir haben eine Predigt, das Fragment einer Predigt und einen Spruch, die bloss mit dem Namen Kronenberg bezeichnet sind. Der Spruch findet sich mit Sprüchen anderer Meister, von denen nur noch Bischof Albrecht und Eckhart genannt sind, zu einem Stücke verbunden, in einer Züricher Handschrift vom J. 1393.1 Die zwölf Meister der Pariser Schule treten da zusammen und ein jeder sucht den besten Sinnspruch zu geben, den er zu geben vermag. Dass dieser Wettstreit nur fingirte Einkleidung für die Zusammenstellung sei, ergibt sich aus dem Nebeneinander von Bischof Albrecht und Eckhart zu Paris. Kann somit auf die Zeit unseres Kronenberger’s aus dem Stücke der „Zwölf Meister zu Paris“ nichts gefolgert werden, so lässt doch die Bezeichnung desselben als Meister vermuthen, dass unter den beiden Kronenbergem derjenige gemeint sein werde, von welchem Steill sagt, dass er sich durch Gelehrsamkeit ausgezeichnet habe, also Hartmann. Die beiden Predigten haben unzweifelhaft den gleichen Verfasser. Sie folgen in der Einsiedler Handschrift unmittelbar aufeinander, und bieten nach Stil und Inhalt nichts, was auf verschiedenen Ursprung schliessen liesse. Von ihnen aber lässt die vollständigere in der sinnreich spielenden Ausdeutung eines Bibelwortes den Verfasser des Spruches in den 12 Meistern wieder erkennen. So dürfte wohl Hartmann von Kronenberg der Verfasser der drei erhaltenen Stücke sein.

Die erste Predigt ergeht sich über die Worte, dass Christus die Seinen geliebet habe bis an’s Ende (Job. 13,1). Die Predigt zeugt von Scharfsinn, Geist und Innigkeit. Den Worten „bis an’s Ende“ wird ein fünffacher Sinn untergelegt. Bis an das Ende seines Lebens suchte er die menschliche Natur auf ihre höchste Seligkeit wiederzubringen. Bis an das Ende unseres Lebens minnet er uns; bis zum letzten Ziel der Seligkeit sucht er jeden nach seinem Masse zu bringen; bis in das äusserste des Leidens ist er in tiefster Demuth herabgestiegen; bis zur höchsten Hingabe offenbart sich seine Liebe, indem er sich uns zur Speise gibt. Dieser fünffachen Erweisung seiner Liebe soll unsere Gegenliebe entsprechen. Er hat uns geliebet bis in seinen Tod: so sollen wir ihn lieben bis in unsern Tod. Wir sollen um Gottes willen in göttlicher Natnr uns selbst sterben, wie er um unsertwillen in menschlicher Natur erstorben ist. Er liebt uns bis an das Ende unseres Lebens: so sollen wir ihn lieben bis an das Ende des göttlichen Lebens, das ist ohne Ende. In Bezug auf den fünften Punkt bemerkt er: Er gab dem Menschen alles das er ist und alles das er hatte, Leib, Seele und Gottheit. Er nahm sich ihm selber und gab sich dem Menschen. Also soll der Mensch sich selber ihm selber nehmen und sich Gotte geben. Davon spricht er selber, er habe die Seinen geminnet. Die Seinen sind, die sich allzumal Gotte gelassen haben. Denn will der Mensch sein selbst sein, so mag er Gottes nicht eigentlich heissen. Willst du ein sicher Zeichen, ob du dich Gott gelassen habest: das sollst du daran merken, wenn du Lieb oder Leid niemals so annimmst als ob es dir geschehen sei. Denn bist du dein selbst nicht, so mag dir auch nichts geschehen. Was dir geschieht, das ist ihm geschehen.

Das zweite der Stücke ist nur das Fragment einer Predigt über den Zeugentod des Stephanus und handelt von der rechten Art zu leiden.

Der Spruch in „den 12 Meistern“ beginnt, die Erwartung erregend:

„Gott hat alles, was er will — ihm mangelte nie ein Ding, denn nur eines“.

Die Lösung ist, dass seinem unendlichen Drange zu geben die Zahl der reinen und lauteren Herzen nicht entspreche, die seiner empfänglich sind.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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