Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift.

Oxforder Handschrift.

Die Oxforder Handschrift (Laud. Mise. 479. 8. membr.) stammt aus dem Karthäuserkloster zu Mainz. Sie ist aber, wie der Dialekt zeigt, in Thüringen geschrieben. Der Schrift nach gehört sie dem 14. Jahrhundert an. Sie enthält Predigten von Eckhart und einer Anzahl bisher wenig oder nicht gekannter Prediger. Sievers, der aus ihr 20 Predigten Eckhart’s veröffentlicht hat, vermuthet, die Sammlung sei zu Erfurt entstanden und wohl dem anregenden Einflüsse der dortigen Wirksamkeit Eckhart’s zu danken. Von den Verfassern der Predigten meint er, sie schlössen sich in ihrer ganzen Darstellung eng an Eckhart an und seien, wenn nicht alle, so doch grösstentheils als unmittelbare Schüler Eckhart’s zu betrachten.

Eine nähere Betrachtung der Handschrift ergibt, dass dieses Urtheil im Ganzen wohl begründet ist. Nur wird sich später zeigen, dass nicht alle Verfasser sich eng an Eckhart anschliessen. Die Sammlung ist überschrieben: „Dit buchelin heizit ein paradis der fornuftigin seleu. Der Sammlung der Predigten steht ein Inhaltsverzeichniss über die beiden Theile der Sammlung voran. Die Nummern des Verzeichnisses über den ersten Theil decken sich mit den Predigten bis auf die 19. Unter dieser Zalil sind im Verzeichniss zwei Predigten, während sie im Texte mit 19 und 20 numerirt sind. Dann steht im Verzeichniss die Nummer 24 zweimal bei zwei aufeinanderfolgenden Predigten, und dem an zweiter Stelle stehenden 24 ist des Ausgleichs wegen die Zahl 25 beigegeben. Das lässt vermuthen, dass wir in der Oxforder Handschrift das Original der Sammlung haben, da ein Abschreiber die in die Augen springenden Fehler sicher durch die richtige Numerirung beseitigt hätte, während sie im Original stehen blieben, um das Auge nicht durch die Correctur zu stören. Am Schluss des zweiten Theiles steht: Explicit paradisus anime intelligente. Auf der Rückseite des letzten Blattes 113 findet sich von etwas jüngerer Hand, wie es scheint: Iste Uber pertinel ad domum montis Sancte Michael prope mogunciam ordinis carthusiensis. So könnte also die Handschrift von den Karthäusern zu Mainz erst einige Zeit, nachdem sie geschrieben, erworben worden sein. In dieser zweitheiligen Sammlung bilden die Predigten Erkhart’s den Stamm: von den 31 Predigten des ersten Tbeils sind 13, von den 33 des zweiten Theils sind 18 Predigten von ihm. Die Predigten sind nicht nach den Verfassern, auch nicht nach den Sonntagen des Kirchenjahres geordnet, sondern nach Thematen, wie das auch am Beginne des zweiten Theils angedeutet ist: Incipiunt themata secunde partis. So bezieht sich z. B. eine Anzahl aufeinanderfolgender Predigten des 2. Theils auf die viel verhandelte Frage: Ob Vernunft edler sei oder Wille? Von den Predigten, die nicht von Eckhart stammen, gehören 3 dem Bruder Florentius von Utrecht, „der Unterlesemeister (I, 2, Lesemeister I, 30 resp. 31, II, 32) war zu Erfurt bei den Predigern“. Meister Hane der Karmeliter hat 3 Predigten; Bruder Johann Franke „der Lesemeister der Prediger“ 5 Predigten; Bruder Th. von Apolda „der Prediger“ 1 Predigt; Bruder Eckart Rübe „der Lesemeister im Predigerorden“ 6 Predigten; Bruder Erbe „der Prediger und Lesemeister“ 1 Predigt; Bruder Giseier von Slatheim, „der Lesemeister (Lector) war zu Cöln und Erfurt“, 5 Predigten; Bruder Herman von Loveia, Lector (Br. H. der Lesemeister von der Loveia, Lofeia), 3 Predigten; Bruder Albrecht von Driforte, der Lesemeister, 2 Predigten; Bruder Helwic von Germar, „der Lesemeister war zu Erfurt“, 2 Predigten ; ein Barfüsser Lesemeister 1 Predigt. Eine Predigt: Illumina oculos — Hi lerit sente Dyonisius etc., ohne Verfasserbezeichnung, gehört wie weiter unten gezeigt werden soll, einem Bruder Kraft an. Von diesen 11 Predigern, deren Predigten mit denen Eckhart’s vermischt stehen, sind drei: Th. von Apolda, Giseier von Slatheim, Albrecht von Driforte, deren Heimathorte in Thüringen liegen: Treffurt und Schlotheim etwa eine Tagereise westlich resp. nordwestlich, Apolda ebensoweit östlich von Erfurt. Es war die Regel, dass man in das Kloster trat, zu dessen Bezirk der Heimathort gehörte: so scheinen die drei Genannten dem Erfurter Dominikanerkloster angehört zu haben. Dass Theodorich von Apolda ein „Prediger“ war, ist ausdrücklich bemerkt; bei Giseier geht es aus einer Predigt hervor; bei Albrecht von Driforte ist es wahrscheinlich, da weitaus die meisten Predigten Dominikanern angehören, der Sammler auf Seite der Dominikaner gegen die Barfüsser steht, und bei zwei Verfassern deren Zugehörigkeit zu einem andern Orden bemerkt ist. Bei zwei Verfassern unserer Predigten, bei Florentius von Utrecht und dem obengenannten Giseier wird Erfurt als der Ort bemerkt, wo sie Lesemeister waren.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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