Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Pergamentblätter in Haupt und Hoffmann’s altdeutschen Blättern

Pergamentblätter in Haupt und Hoffmann’s altdeutschen Blättern H, 97 ff.

In Haupt und Hoffmann’s altdeutschen Blättern werden mehrere Bruchstücke mystischen Inhalts mitgetheilt, welche sich auf zwei durch Abschneiden verkürzten Pergamentblättern erhalten haben, so dass nun keines dieser Bruchstücke mit dem andern im Zusammenhang steht. Da jede Seite der zwei Blätter doppelte Columnen hatte, so sind es solcher Bruchstücke. Für das dritte und vierte fand ich in der Oxforder Sammlung die Predigt, der sie ursprünglich angehören. Es ist die Predigt: Illumina oculos meos. Aus ihr lässt sich ersehen, dass das, was von den beiden Pergamentblättern weggeschnitten ist, ungefähr eben so viel Zeilen waren, als sich noch erhalten haben, etwa 10—11. Die Predigt Illumina, welcher das 3. und 4. Bruchstück an-gehören, unterscheidet sich von allen Predigten in der Oxforder Sammlung dadurch, dass sie die einzige ist, bei der kein Verfasser angegeben wird; denn wenn es in der Aufschrift heisst: „Hie leret sente Dyonisius, daz di sele muz habin drigir leige licht, di da kumin sal zu dem luterin bekenntnisse godis“, so wird sofort aus der ganzen Predigt klar, dass nur die Unterscheidung eines dreifachen Lichtes auf Dyonisius zurückgeführt sein will und dass wir in allem übrigen die Ausführung eines Predigers der eckhartischen Schule vor uns haben. Wer ist nun der Verfasser dieser Predigt? Das erste von den acht Bruchstücken in den altdeutschen Blättern enthält einen Verfassernamen. In der Mitte desselben heisst es: Bruder Kraft sprach auch — so waren also diese Pergamentblätter Bestandtheile eines Sammelwerkes ähnlich wie Cod. bas. BXI, 10 und so viele andere, und im ersten Bruchstücke hätten wir vonzwrei Stücken Bruder Kraft’s von dem einen den Schluss, von dem andern den Anfang. Die Frage ist, ob dieser Kraft auch der Verfasser der Predigt Illumina oculos meos sei. Die Antwort wird vielleicht gegeben werden können, wTenn wir erst ermittelt haben werden, ob das zweite der Bruchstücke die durch die Scheere gestörte Fortsetzung von Bruder Kraft’s angefangener Belehrung ist. Das Thema, über das Bruder Kraft sprechen will, ist das Wort des Herrn: Bleibet in mir. Wenn man bleibet, so hebt er an, so beweget man sich nicht. Bewegung ist, so erörtert er, an den Kräften und an den Gedanken „vnd als man vn — hier tritt nun die Lücke ein. Welchen Weg hat Kraft mit den hier ausgesprochenen Gedanken betreten? Einen Weg, auf welchem sich die eckhartische Mystik sehr häufig finden lässet.

So sagt Eckhart (509):

Nun sollen wir unbeweglicher werden denn Nicht. Wie? das merke. Wenn Gott die Seele in ihrer selbst Freiheit hat gesetzt also, dass er Uber ihren freien Willen ihr nimmer etwas thun will und von ihr nicht gemuthen das sie nicht will, darum was die Seele erwählt in diesem Leibe mit ihrem freien Willen, darauf mag sie wohl bestehen. Will sie denn dazu kommen, dass sie nichts bedürfe und dass sie unbeweglicher werde denn nicht, so soll sie alle ihre Kräfte sammeln in ihren freien Willen, also dass sie ungehindert bleibe von ihr selber und von allen Dingen und soll sich vereinen in dem unbeweglichen Gotte. Die Forderung also der Unbeweglichkeit der Seele, welche am Schluss des ersten Bruchstücks gestellt ist, sehen wir bei Eckhart mit dem freien Willen in Verbindung gebracht. Nun bewegt sich unser zweites Bruchstück gleich im Anfang um den gleichen Gedanken, so dass kein Zweifel sein kann, dass es zu der im ersten Bruchstück angefangenen Unterweisung des Bruder Kraft gehört. Demi also beginnt es: „is su (die Seele?) wre an vnderlaz in di blozen goteheit, des in is nicht, wen su hat zu wirkene, des in hat der wille nicht, der in hat nicht zu wirkene, dan he gehütet und verhütet“. Der Gedanke ist: die Seele hat zu wirken, wird abgezogen nach aussen, sonst wäre sie ohne Unterlass in die blosse Gottheit gerichtet; aber der Wille kann ohne Unterlass dahin gerichtet bleiben. Dann heisst es weiter: „Swanne die verstentnisse verstet war vnd das durchgeht, da vone inphet iz löst vnd in der lust so wirt iz ir eigin, wan iz der wille wil“.

Wir können somit das zweite Bruchstück als für Bruder Kraft gesichert betrachten. Ist aber dies der Fall, dann werden wir auch die Predigt Illumina oculos meos, aus der das 3. und 4. Bruchstück stammen, als dem Bruder Kraft angehörig betrachten dürfen. Denn es führt uns auf den gleichen Verfasser nicht bloss der Umstand, dass diese Predigt in der Handschrift ursprünglich auf die beiden vorausgehenden Stücke Kraffs folgte, sondern auch die Gleichartigkeit in der Sprache und der verwandte Inhalt einiger Sätze.

Das erste Bruchstück geht von dem Gedanken aus, dass die Seele aus der Zertheilung und Vereinzelung in das Wesen zurückgehen müsse, „alle tagende durch ge und vberge; wan swer sal si ein war gizuggotis, der sal eine glicheit gotis trage“. Gott hat nichtWillen,noch Minne, noch Verständniss sein selbst — was Gott hat, das ist er selbst.

Im wesentlichen dieselbe Anschauung liegt einem Theile der Predigt zu Grunde: „alliz daz gudis ist geteilit in alle dinc, daz ist zu mole beslozzin in der Sache aller dinge“. Die Creatoren sind durch diese Ge-theiltheit gebrechlich. Und „also vil alse die sele sines (Gottes) glich-nissis hait (ausgeht von den Creaturen), also vil ist si unbegreiflich (ungebrechlich?)“.

Das zweite Bruchstück sagt: „Swanne die verstentnisse verstet war (die Wahrheit) vnd daz durchget, davon inphet iz lust“, und in der Predigt Illumina heisst es: „wan di sele von naturlicheme bekenntnisse ist cumen uf die sache allir dinge, und daz allez, daz gudis ist, ist beslozzen in der sache allir dinge, fon deme natur-lichime bekentnisse intspringit ein natürlich minne“.

Pfeiffer bringt aus der obengenannten Handschrift im 3. Bande der Germania unter dem Titel „Sprüche deutscher Mystiker“ eine grössere Anzahl von Sprüchen, die aber nur dem kleineren Theile nach diese Aufschrift verdienen. Der Zusammensteller hat am Rheine gesammelt. Die meisten Namen weisen dahin. Von Baseler Predigern ist ein Herr Heinrich von Augsburg,1 Leutpriester zu St. Peter in Basel, angeführt, und ein Barfüsser. In das Rheinland weisen die den Vornamen beigegebenen Heimathorte Gengenbach, Neuenburg, Durlach. Der Predigerbruder Düring könnte der von dem Chronisten Meyer angeführte Prior Türing von Kamstein sein, unter welchem 1302 ein Provinzialcapitel zu Basel gehalten wurde. Der Prediger Lesemeister Sterngassen predigt nach dem Zusammensteller zu St. Nikolaus in den Unden in Strassburg. Nach Strassburg ist möglicherweise auch Bruder Thomas, Lesemeister zu den Augustinern, zu setzen. Ein Augustiner, Thomas, Magister der Theologie, wird unter denen genannt, die mit Tauler zu Strassburg wirkten (s. Schmidt-Tauler 51). Unter „dem Lesemeister zu Cöln“ ist, wie ich nachgewiesen habe (Kritische Studien a. a. 0. S. 515 ff.), Eckhart zu verstehen. Nach Cöln weist ferner „der von Tennestetten, Prediger und hoher Lesemeister zu Cöln“. „Bruder Heinrich von Cöln“ ist, wie das mitgetheilte Stück ergibt, Heinrich von Löwen. Der Zusammensteller besitzt wenig Verständniss. Er findet es für werth, von dem „von Franken“ (Franke von Cöln?) hervorzuheben, dass er zu dem Spruch Jakobi: Seid aber Thäter des Wortsund nicht Hörer allein, damit ihr euch selbst betrüget. Denn wer da ist ein Hörer und nicht auch ein Thäter, der ist gleich einem Manne, der sein leiblich Angesicht im Spiegel beschauet. Denn nachdem er es beschauet hat, gehet er von Stund an davon und vergisset wie er gestaltet war“ bemerkt habe: „Also geschieht auch dem, der die Predigt höret und nicht darnach wirket.“ Nicht viel mehr Werth hat eine Reihe von anderen Sprüchen.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

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    2. Oktober 2015

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