Gesetz und Gefühl

Viel Unfug wird jetzt getrieben, indem, was gefühlsmäßig entstanden, nachträglich mit Worten ausgeputzt und auf irgend eine geheimnisvolle Lehre zurückzuführen versucht wird. Wohl die meisten jungen Künstler, die expressionistisch arbeiten, tauchen lediglich in die strömende Bewegung ein, ihre größte Mühe ist, sich richtig einzustellen, so daß sie von sich aus den neuen Stil treffen. Direkte Nachahmung von Äußerlichkeiten der Manier ist dabei gar nicht so häufig. Vielmehr sucht jeder seine eigene Manier zu finden. Der Verstand hilft da wenig. Denn trotz der Überschwemmung mit gedanklichen Theorien, der Maler muß doch in erster Linie auf das bildmäßige, farbige oder graphische Aussehen achten. Der Künstler kommt intuitiv auf seine neuen Farben und Gebilde, und sein Verstand, oder der eines guten Freundes, erfindet nachher die zugehörige Theorie, den — ismus. Denn das gehört heute zum guten Ton. Wer als Künstler etwas auf sich hält, der muß seinen eigenen Ismus haben.

So ergibt sich die merkwürdige Erscheinung, daß wir einen ansehnlichen Reichtum an Bildschöpfungen, Farbeneffekten und graphischen Witzen vorfinden, die an sich, nur mit dem Auge betrachtet, höchst amüsant wirken und eine geistige Betrachtung gar nicht nahelegen, daß wir uns aber den sinnlichen Genuß dieser Reize selbst vergällen, indem überall eine Bedeutung, ein tiefer Sinn, eine Theorie gesucht wird. Es ist nicht zu leugnen, daß allerdings vielen Künstlern die Theorie nachträglich, hintenherum, doch noch in den Pinsel pfuscht, und so manch schönes Blatt verdorben wird.

Ein vollkommenes Mißverständnis von dem „Geistigen“ in der Kunst liegt dem zugrunde. Geistig heißt doch nicht verstandesmäßig und nicht literarisch. Die Schönheit eines Kristalls ist höchst geistiger Art, und sie enthüllt sich doch dem naiven Auge. Ob auch die wissenschaftliche Formel des Kristalls einfach, knapp, interessant ist, das hat mit seiner formalen Schönheit gar nichts zu tun. So kann die geistvollste Theorie optisch tote Werke hervorbringen, während zu einem Bild von höchster Wirkung der Verstand oft eine sehr blöde Erklärung serviert.

Pinsel und Stift sind zur Zeit sehr ausgelassen und rücksichtslos. So muß die arme Theorie die tollsten Purzelbäume schlagen, unglaubliche Verrenkungen ausführen, um allen diesen „Bewegungen“ zu folgen. Das könnte uns kalt lassen, wenn es sich nicht immer wieder zeigte, wie Künstler von starker gefühlsmäßiger Begabung durch ihre Kommentatoren verwirrt werden.

Anton Jaumann.

Bildverzeichnis:
Hermann Geibel-Erwachung

Siehe auch:
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Quellen des Behagens
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer