GOETHE UND DAS MAURERTUM

I. FORM UND GEIST

DASS die Freimaurerei die Königliche Kunst heiße, weil sie ihre Formen aus den Händen Salomos, des Königs von Israel, und Hirams, des Königs von Tyrus, erhalten, wird heutzutage niemand mehr im Ernst behaupten. Aber ebenso unsicher wie die Veranlassung zu dieser ehrenden Bezeichnung ist der Ursprung ihrer Einrichtung. Wie weit ihre Vorgeschichte mit der Geschichte der altevangelischen Gemeinden, der Handwerkergilden, der Akademien und Sozietäten, der sozialen Reformpläne eines Andreä, Bacon, Comenius, Hartlieb zusammenhängt, ist noch nicht genügend aufgehellt, obwohl neuzeitliche Forscher, allen voran Ludwig Keller, dem lange vernachlässigten Gebiete ihre Aufmerksamkeit zugewandt haben. Ihre sichergestellte Geschichte beginnt in England mit der Gründung der Londoner Großloge am Johannistage 1717, in Deutschland zwanzig Jahre später mit der Errichtung der Loge de Hambourg, die anfangs zwar in französischer Sprache, aber zweifellos auf Grund des englischen Konstitutionenbuchs von 1723 arbeitete, 1740 von der Londoner Großloge durch Eintragung in deren Register sanktioniert wurde und für ihren Vorsitzenden Meister, Matthias Albert Luttmann, die Bestallung als Provinzialgroßmeister von Hamburg und Niedersachsen erhielt. Nachdem am 15. August 1738 durch eine nach Braunschweig entsandte Deputation der Hamburger Loge der Kronprinz von Preußen (Friedrich der Große) zum Freimaurer gemacht worden war, wurde unter seiner Leitung Loge gehalten, auch nach seiner Thronbesteigung, wie aus den erhaltenen kurzen Nachrichten über die „Loge du Roi, notre Grand-Maitre“, hervorgeht. So ist auch für die im September 1740 in Berlin eröffnete Loge zu den drei Weltkugeln (anfangs Aux trois Globes) anzunehmen, daß sie nach dem Hamburger — also dem englischen — Ritual arbeitete. Doch hatten die weiterhin in Deutschland entstehenden Logen, selbst wenn sie sich von London ein Patent erbaten, nur lockeren Zusammenhang mit England. Die jenseits des Kanals gebräuchlichen Rituale und Instruktionen wurden nur mündlich überliefert und erlitten naturgemäß mancherlei Abänderungen. Und mit der Form änderte sich allmählich der Geist. Das Streben, das Glück der menschlichen Gesellschaft — oft doch nur der in diese engeren Kreise beschlossenen Gesellschaft! — zu fördern, ließ allerlei „ökonomische Pläne“ entstehen und führte zur Beschäftigung mit den geheimen Künsten der Alchemie, der Geisterseherei u. dgl. Die Aufnahme in die Gesellschaft aber, die Einführung in ihre mehr oder weniger phantastischen Bestrebungen sollte besonders eindrucksvoll gemacht werden durch immer neu ersonnene feierliche Gebräuche. Bedeutsame Vorgänge mit symbolischen Handlungen zu verknüpfen, war uralte, von Geistlichen und Gelehrten, in Kirche und Universität, vom Ritter- und Bürgertum von jeher gepflegte Überlieferung. Vereine, in die man unter symbolischen Handlungen aufgenommen wurde, in vorgeschriebener Form in Scherz, und Ernst verkehrte, gab es vor und neben der Freimaurerei allenthalben. Von Goethe erfahren wir, daß er während seiner Tätigkeit am Reichskammergericht in Wetzlar, 1772, sich in eine Rittergesellschaft aufnehmen ließ: „An einer großen Wirtstafel (im Gasthof zum Kronprinzen) traf ich beinah sämtliche Gesandtschaftsuntergeordnete, junge, muntere Leute, beisammen; sie nahmen mich freundlich auf, und es blieb mir schon den ersten Tag kein Geheimnis, daß sie ihr mittägiges Beisammensein durch eine romantische Fiktion erheitert hatten. Sie stellten nämlich mit Geist und Munterkeit eine Rittertafel vor. Obenan saß der Heermeister, zur Seite desselben der Kanzler, sodann die wichtigsten Staatsbeamten; nun folgten die Ritter nach ihrer Anciennität . . . Übrigens wurde dieses fabelhafte Fratzenspiel mit äußerlich großem Ernst betrieben, ohne daß jemand lächerlich finden durfte, wenn eine gewisse Mühle als Schloß, der Müller als Burgherr behandelt wurde, wenn man die vier Haimonskinder für ein kanonisches Buch erklärte und Abschnitte daraus bei Zeremonien mit Ehrfurcht vorlas. Der Ritterschlag selbst geschah mit hergebrachten, von mehreren Ritterorden entliehenen Symbolen. Ein Hauptanlaß zum Scherze war ferner der, daß man das Offenbare als ein Geheimnis behandelte; man trieb die Sache öffentlich, und es sollte nicht davon gesprochen werden … In dieses Ritterwesen verschlang sich noch ein seltsamer Orden, welcher philosophisch und mystisch sein sollte und keinen eigentlichen Namen hatte. Der erste Grad hieß der Übergang, der zweite des Übergangs Übergang, der dritte des Übergangs Übergang zum Übergang, und der vierte des Übergangs Übergang zu des Übergangs Übergang. Den hohen Sinn dieser Stufenfolge auszulegen, war nun die Pflicht der Eingeweihten, und dieses geschah nach Maßgabe eines gedruckten Büchleins, in welchem jene seltsamen Worte auf eine noch seltsamere Weise erklärt oder vielmehr amplifiziert waren.“

Solche Formen, mit einem erkünstelten Ernste geübt und den Neulingen eingeprägt, waren offenbar Nachahmungen alter Gebräuche, die kaum noch verstanden oder absichtlich ins Mißverständliche und Lächerliche gewendet waren; sie dienten eben nur als Würze der Geselligkeit. Für geselligen Verkehr unter geregelten Formen blieb nun Goethe auch weiterhin empfänglich. In der ersten Zeit seines Freundschaftsbundes mit dem jugendlichen Karl August mögen die Vergnügungen der „Lustigen von Weimar“ derartige Formen verschmäht haben. Was dazu beigetragen, während der Schweizerreise die Neigung dazu wieder lebendig werden zu lassen, läßt sich — wie schon bemerkt — nicht erkennen. Nach der Heimkehr aber, als Goethe sich der Loge anzuschließen wünscht, gesteht er offen in seinem Schreiben an Herrn v. Fritsch: „Das gesellige Gefühl ist es allein, was mich um die Aufnahme nachsuchen läßt.“ Der Briefwechsel mit Lavater, der so schöne Einblicke in sein Gemütsleben während und nach der Reise gewährt, enthält keinerlei Aufschluß über die tiefer liegenden Beweggründe zu seinem Schritte. Nur die vollendete Aufnahme meldet er dem „Bruder“ (was jedoch nicht als freimaurerische Anrede aufzufassen ist) in der kurzen Nachschrift zu einem Briefe vom 3. Juli 1780: NB. Ich bin Freimaurer geworden! Was sagt ihr dazu?

Im Tagebuch ist am 23. und 24. Juni die Loge erwähnt, und am 26. erhält Frau v. Stein die geheimnisvolle Botschaft: Ein geringes Geschenk, dem Ansehen nach, wartet auf Sie, wenn Sie wiederkommen. Es hat aber das Merkwürdige, daß ich’s nur einem Frauenzimmer ein einzigs Mal in meinem Leben schenken kann.

Jeder Freimaurer erhält bei seiner Aufnahme ein Paar Frauenhandschuhe, zum Zeichen der Hochschätzung, welche die Brüder dem weiblichen Geschlecht, obwohl den Frauen die Loge verschlossen bleibt, entgegenbringen; sie werden dem Neuaufgenommenen eingehändigt mit der Erwartung, daß er sie seiner treuen Lebensgefährtin (der gewönnenen oder dereinst erwählten) überreichen werde. Daß diese hier gemeint sind, geht aus dem Briefchen vom 24. Juli hervor: Knebel schreibt mir, daß er auch einige Worte von Ihnen zu sehen wünscht. Hier ist sein Brief, heute abend kann ich ein Zeilchen mit wegschicken. Die berühmten Handschuhe kommen hierbei. Adieu, meine Beste.

In der Folge findet sich keine weitere Anspielung auf die Loge bis zum Johannistage 1782, dem Tage, der für die Loge Amalia so verhängnisvoll war. Goethe schreibt: Heute abend, ehe ich mich in die Geheimnisse vertiefe, bringe ich Dir Deine Schlüssel selbst. Danke für das Buch und bin eben über meinem geliebten dramatischen Ebenbild — (wo also der Logengeheimnisse und des Wilhelm Meister unmittelbar nebeneinander gedacht wird).

Weniger verschwiegen zeigt er sich dem Herzoge gegenüber, welcher selbst der Loge noch nicht angehörte, wenn er am 26. Juni 1781 launig erzählt: Unsere Johannisloge war magerer als ein Hof zur Kurzeit, und wenn Bode nicht noch durch einen Spaß bei Tische die Vorsteher beleidigt hätte, so daß gar der alte Germar den Hammer niederlegen wollte und Rothmaler eine lange Rede aus dem Stegreif hielt, so wären wir ohne das geringste Interesse geschieden. Mehr Böcke sind wohl überhaupt im Ritual und Formal an keinem Johannistage vorgegangen. Ein deputierter unpräparierter Meister vom Stuhl, zwei Vorsteher aus dem Stegreif usw. Und sobald von so etwas der Pedantismus getrennt ist, dann gute Nacht.

Diese Kritik des neuen Br. Gesellen (Goethe war am Tage vorher in den zweiten Grad befördert worden) kann sich nicht auf die eigentliche Logenversammlung beziehen; denn diese wurde vom Br. v. Fritsch geleitet und erhielt eine besondere Weihe durch das huldreiche Geschenk, das Anna Amalia den Brüdern mit ihrem Bildnisse gemacht hatte. Darauf meldet das Logenprotokoll nur noch:

„Nach der Lehrlingsloge wurde eine vergnügte Tafelloge gehalten.“

Daran nahm offenbar Br. v. Fritsch nicht teil. Der Vorsitz war dem Br. v. Schardt übertragen. Bei der wenige Tage zuvor abgehaltenen Beamtenwahl war er zum ersten Vorsteher, Br. v. Klinkowström zum zweiten Vorsteher ernannt worden. Letzterer war am Erscheinen behindert, und da Br. v. Schardt den ersten Hammer führte, so waren die Ämter der beiden Aufseher den Brüdern v. Germar und v. Rothmaler (zwei weimarischen Offizieren) vertretungsweise anvertraut worden. Bedenkt man außerdem, daß die Logenversammlungen in jenem Jahre verhältnismäßig selten waren, so erklärt sich — und entschuldigt sich wohl auch — die unsichere Handhabung des Rituals. Immerhin ist Goethes Forderung berechtigt, daß die Formen mit „Pedantismus“, in der einmal festgesetzten, den Brüdern vertrauten Weise gehandhabt werden; andernfalls werden sie leicht lästig und lächerlich. Daß er es auch späterhin mit der Beobachtung der formalen Bestimmungen sehr genau nahm, zeigt sein Bedenken gegen die Teilnahme der Frauen an der Totenfeier für Wieland.

Ein förderlicher Verlauf von Versammlungen ist kaum denkbar ohne bestimmte Formen, die entweder überliefert oder für eine besondere Veranlassung verabredet sind. Ihren Wert erhalten sie einerseits durch die sichere Handhabung, anderseits durch den Sinn, der ihnen innewohnt oder beigelegt wird. Dieser ihnen beigelegte Sinn, ihre Symbolik im engeren Sinne, ist vielfach nur nach besonderer Belehrung zu erfassen. Das Bewußtsein des gemeinsamen Verständnisses erhöht dann das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Eingeweihten, und so gehen Freude am Gebrauchtum und Freude am Geheimnis Hand in Hand. Im Zeitalter der Aufklärung entspricht diese Freude einer Forderung des Gemüts im Gegensatz zu den Ansprüchen des nüchternen Verstandes. Äußere Erfahrungen und innere Erlebnisse sollen im engeren, wohlgehüteten Kreise unter geziemenden Gebräuchen mitgeteilt werden. So spielen geheime Gesellschaften und deren Gebräuche eine große Rolle in dem 1731 anonym erschienenen Romane des Abbö Terrasson: Sethos; histoire ou vie tiröe des monumens anecdotes de l’ancienne Egypte; in Hippels Kreuz- und Querzügen des Ritters A bis Z. (1793—94), und in Jung-Stillings allegorischem Roman: Das Heimweh (1794—96), zu dem vielleicht — nach A. Kobersteins Ansicht — Hippels Buch als Vorbild gedient hat, das aber noch auffälligere Berührung mit dem Sethos zeigt. „Es soll,“ sagt der Verfasser, „den Christen auf seiner Heimreise, seine Bildung zum Kreuzritter in dem Tempel von Jerusalem, unter den Prüfungen des geheimen Ordens der Felsenmänner darstellen und ist ausdrücklich gegen die Ritter vom flammenden Stern der Aufklärung geschrieben;“ er scheint damit auf die Freimaurerei anzuspielen, deren Absichten -er mißbilligt, während er sich ihre Äußerlichkeiten aneignet.

Nicht minder auffällig ist die Übereinstimmung zwischen Terrassons Buch und Schikaneders Text zur Zauberflöte. Ob in Mozarts großartiger letzter Tonschöpfung wirklich eine allegorische Darstellung der Schicksale der Freimaurerei in Österreich zu erblicken ist, bleibe dahingestellt; eine freimaurerische Oper ist sie jedenfalls:

„Sieg des Lichts über die Finsternis, des Guten über das Böse, Prüfung und Reinigung der Menschen ist das moralische Wesen der Fabel;“

diese Grundidee hebt Herder in der Adrastea hervor. Dies symbolische Element der Zauberflöte hatte auch Goethe vor Augen, wenn er (im Gespräch vom 29. Jan. 1827) zu Eckermann gelegentlich seiner Helena sagte, die Menge der Zuschauer habe ihre Freude an der Erscheinung:

„dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen“.

Wie lebhaft Goethes Interesse daran war, beweist „Der Zauberflöte zweiter Teil“, den er 1796 zu schreiben begann, bis 1807 nach verschiedenen Unterbrechungen mehrmals wieder vornahm, aber schließlich unvollendet ließ. W. v. Biedermann erkennt in dem Kinde von Tamino und Pamina (ebenso wie H. Boos) den Genius der Aufklärung, den die heilige Priesterschaft am Leben zu erhalten sucht. Die Königin der Nacht, von Monostatos unterstützt, vermag nicht durch rohe Gewalt den Genius zu vernichten; er entzieht sich, in höhere Sphären entschwebend, der brutalen Verfolgung durch Wächter und wilde Tiere.

Während sich hier das Geheimnisvolle in einer erdichteten Welt entfaltet, wo ihm volles Bürgerrecht zugestanden werden kann, wird es im Wilhelm Meister, dessen Anfänge mit Goethes Eintritt in die Loge zusammenfallen, in das wirkliche Leben hineingetragen. Wilhelm bemerkt, daß trotz der freundlichen Aufnahme, die er bei Lothario gefunden, ihm anfangs manches verheimlicht wird. Bald aber stellt Jarno ihm die Einführung in eine Gesellschaft in Aussicht, in welcher er lernen soll,

„sich in einer großen Masse zu verlieren, um anderer willen zu leben und seiner selbst in einer pflichtgemäßen Tätigkeit zu vergessen“.

Wilhelm wird in einen geheimnisvollen Turm geführt; von unsichtbaren Stimmen gelenkt, tritt er in einen schwach beleuchteten Vorraum, dann in einen Saal, der ehemals eine Kapelle gewesen zu sein scheint, und nimmt einem Altar gegenüber Platz. Drei Personen kommen der Reihe nach zu ihm, mit kurzer, rätselhafter Anrede, hinter einem Vorhang hervor, der sie ebenso plötzlich, als er sich auf getan, wieder verbirgt. Ein an der Wand hängendes Bild scheint zu ihm zu reden (der gleiche Zug findet sich im „Heimweh“); der Abbö bringt ihm seinen Lehrbrief und entläßt ihn mit einem Glückwunsch, daß seine Lehrjahre nun vorüber sind. Wie „Stillings Eugenius von Östenheim bemerkt er, wie er in seinem bisherigen Lebensgange, ohne sein Wissen, von der Gesellschaft beobachtet worden ist. Sie bildet ein Ganzes, das wie durch ein Gleichnis die Gestalt eines Handwerks angenommen hat, das sich bis zur Kunst erhob, und ist demgemäß in Lehrlinge, Gehilfen und Meister gegliedert. Diese Stufen müssen aufs strengste beobachtet werden; es können dabei viele Abstufungen gelten, aber Prüfungen können nicht sorgfältig genug sein. Wer herantritt, weiß, daß er sich einer strengen Kunst ergibt, und er darf keine läßlichen Forderungen von ihr erwarten; ein einziges Glied, das in einer großen Kette bricht, vernichtet das Ganze. Die Oberen der Gesellschaft — einer Vorschule zu einem „Sozialstaate“ — welche fortan seine Schritte leiten sollen, bleiben meist im Hintergründe. Der Aufseher, dem er seinen Sohn übergibt, unterrichtet ihn über die Grundsätze, die hier gelten. Alle werden durch die drei Ehrfurchten zur Ehrfurcht vor sich selbst erzogen. Ln dreierlei Gebärde sind sie angedeutet (Wanderj. II, i): Das erste ist Ehrfurcht vor dem, was über uns ist. Jene Gebärde, die Arme kreuzweis über die Brust, einen freudigen Blick gen Himmel: das ist, was wir unmündigen Kindern auflegen und zugleich das Zeugnis von ihnen verlangen, daß ein Gott da droben sei, der sich in Eltern, Lehrern, Vorgesetzten abbildet und offenbart. Das zweite, Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist. Die auf den Rücken gefalteten, gleichsam gebundenen Hände, der gesenkte, lächelnde Blick sagen, daß man die Erde wohl und heiter zu betrachten habe; sie gibt Gelegenheit zur Nahrung, sie gewährt unsägliche Freuden; aber unverhältnismäßig hohe Leiden bringt sie. Wenn einer sich körperlich beschädigte, verschuldend oder unschuldig, wenn ihn andere vorsätzlich oder zufällig verletzten, wenn das irdische Willenlose ihm ein Leid zufügte, das bedenke er wohl; denn solche Gefahr begleitet ihn sein Leben lang. Aber aus dieser Stellung befreien wir unsern Zögling baldmöglichst, sogleich wenn wir überzeugt sind, daß die Lehre dieses Grades genugsam auf ihn gewirkt habe; dann aber heißen wir ihn sich ermannen, gegen Kameraden gewendet, nach ihnen sich richten. Nun steht er strack und kühn, nicht etwa selbstisch vereinzelt; nur in Verbindung mit seinesgleichen macht er Front gegen die Welt.

Und weiter wird gelehrt:

Ungern entschließt sich der Mensch zur Ehrfurcht, oder vielmehr, entschließt sich nie dazu; es ist ein höherer Sinn, der seiner Natur gegeben werden muß, und der sich nur bei besonders Begünstigten aus sich selbst entwickelt, die man auch deswegen von jeher für Heilige, für Götter gehalten hat . . . Die Religion, welche auf Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, beruht, nennen wir die ethnische; es ist die Religion der Völker und die erste glückliche Ablösung von einer niederen Furcht; alle sogenannten heidnischen Religionen sind von dieser Art, sie mögen übrigens Namen haben, wie sie wollen. Die zweite Religion, die sich auf jene Ehrfurcht gründet, die wir vor dem haben, was uns gleich ist, nennen wir die philosophische: denn der Philosoph, der sich in die Mitte stellt, muß alles Höhere zu sich herab-, alles Niedere zu sich heraufziehen, und nur in diesem Mittelzustande verdient er den Namen des Weisen. Indem er nun das Verhältnis zu seinesgleichen und also zur ganzen Menschheit, das Verhältnis zu allen übrigen irdischen Umgebungen, notwendigen und zufälligen, durchschaut, lebt er im kosmischen Sinne allein in der Wahrheit. Nun ist aber von der dritten Religion zu sprechen, gegründet auf die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist: wir nennen sie die christliche, weil sich in ihr eine solche Sinnesart am meisten offenbart; es ist ein Letztes, wozu die Menschheit gelangen konnte und mußte. Aber was gehörte dazu, die Erde nicht allein unter sich liegen zu lassen und sich auf einen höheren Geburtsort zu berufen, sondern auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach und Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen, ja Sünde selbst und Verbrechen nicht als Hindernisse, sondern als Fördernisse des Heiligen zu verehren und liebzugewinnen! Hiervon finden sich freilich Spuren durch alle Zeiten; aber Spur ist nicht Ziel, und da dieses einmal erreicht ist, so kann die Menschheit nicht wieder zurück, und man darf sagen, daß die christliche Religion, da sie einmal erschienen ist, nicht wieder verschwinden kann; da sie sich einmal göttlich verkörpert hat, nicht wieder aufgelöst werden mag.

Gedanken, wie sie hier, wie sie an andern Stellen in Goethes Schriften ausgesprochen sind und weiterhin noch zu berühren sein werden, erscheinen als freimaurerische Gedanken nicht sowohl deshalb, weil Goethe sie aus der Loge übernommen hat, als vielmehr, weil seine Auffassung edeln Menschentums im Verein mit den wesentlich damit zusammenstimmenden Anschauungen Herders allmählich in die Loge übergegangen ist, läuternd und fördernd auf das Maurertum des 19. Jahrhunderts eingewirkt hat. Um seine Stellung zur Loge als Trägerin solcher Anschauungen zu verstehen, muß in Betracht gezogen werden, welcher Art die Zustände des deutschen Logenwesens zur Zeit seiner Aufnahme in die Loge zu Weimar waren, und wie die Schicksale gerade dieser Loge sich weiterhin gestalteten.

Geschichtlich die Irrwege zu verfolgen, auf welche die Maurerei um die Mitte des 18. Jahrhunderts geraten war, ist eine ebenso schwierige als unerquickliche Aufgabe. Die schlichten Formen des Handwerks, die der Logensymbolik zugrunde liegen sollen, hatten namentlich in Frankreich der Sucht nach glänzenden Äußerlichkeiten und hochtönenden Worten nicht mehr genügt. Zu der wohlbegründeten handwerksmäßigen Dreiteilung der Logenmitglieder in Lehrlinge, Gesellen und Meister trat eine immer zunehmende Mannigfaltigkeit der Abstufung — ohne inneren Grund, ohne nützlichen Zweck, mit einem sonderbaren Gemisch von Benennungen und Gebräuchen — eine Quelle des Hochmuts und der Unduldsamkeit. In Deutschland, wo man für französische Sitte und Mode so empfänglich war, fand man auch daran Gefallen. Die Sage, einige der Tempelherren, die 1313 der Vernichtung ihres Ordens in Frankreich entgangen wären, hätten vom letzten Ordensmeister wichtige Geheimnisse erhalten, nach Schottland gerettet und in den dortigen Bauhütten fortgepflanzt, fand in Großbritannien und Frankreich — wie später in Skandinavien — bereitwilliges Gehör. Aus Paris kam der erneute Orden nach Deutschland durch den Reichsfreiherrn Karl Gotthelf von Hund und AJtengrottkau (1722 zu Mönau i. d. Oberlausitz geboren), der sich im guten Glauben an sein von unbekannten Oberen ihm verliehenes Patent als Heermeister der Tempelherren benahm, sich in dieser Würde durch den mit unglaublicher Frechheit und unbegreiflichem Erfolge auftretenden Betrüger Johnson49) bestätigen ließ, teils auf seinen Gütern in der Lausitz, teils in Thüringen sich auf hielt und, nachdem er zur katholischen Kirche übergetreten, 1776 in Meiningen starb. Das von ihm eingeführte System bestand aus den drei maurerischen Graden, einem vierten oder Schottengrade, welchem noch die des Novizen, des Tempelritters und des „Eques professus“ folgten. Wie weit der Einfluß der höheren Grade auf die unteren gegangen sein mag, ist schwer zu erkennen. In den Protokollen über die Logenarbeiten in Weimar ist keinerlei Anspielung darauf zu finden — nur in den Mitgliederverzeichnissen ein Hinweis auf die Zugehörigkeit zum Schottengrade. Dessen Mitglieder scheinen die eigentliche Logenverwaltung geführt zu haben. Daß aber der Logenleiter als „Hauskomtur“ bezeichnet worden wäre, bestätigt sich nicht; dem alten Herkommen gemäß heißt er stets Meister vom Stuhl. Wenn in den siebziger Jahren die Logenarbeiten nur in unregelmäßigen, längeren Zwischenräumen stattfanden, so ist dies wohl daraus zu erklären, daß sich das Interesse hauptsächlich jenen höheren Graden zuwandte. Bode, der „Ritter von der Maienblume“, und J. v. Fritsch, der „Ritter vom Rundschilde“, waren einflußreiche Ordensmitglieder, und es wurde später (1785) sogar in Aussicht genommen, das Ordensdirektorium und Archiv nach Weimar zu verlegen, worauf jedoch Karl August nicht einging. Ganz abgesehen von seiner Verbreitung in den Nachbarländern, namentlich in Frankreich, erlangte der Orden in Deutschland eine beträchtliche Ausdehnung; gegen dreißig deutsche Fürsten gehörten ihm an. Die ganze Einrichtung nimmt sich, wenigstens nach den Papieren, welche aber nur spärlich erhalten oder schwer zugänglich sind, sehr bedeutend aus. Strenge Disziplin wurde gefordert, unbedingter Gehorsam gegen die Höherstehenden, die sich in ihren Anordnungen auf die unbekannten Oberen beriefen. Die zusammengebrachten Gelder, wozu v. Hund mit seiner Gutmütigkeit und Menschenfreundlichkeit einen bedeutenden Teil beigetragen hatte, waren teils zu Wohltätigkeitsanstalten, teils zur Hebung des Wohlstandes der ritterlichen Mitglieder bestimmt: letztere Verwendung stand jedenfalls obenan. Die entstandenen Bedenken und Zwistigkeiten konnten durch den Konvent zu Wilhelmsbad (1782) nicht beseitigt werden, und damit fand die strikte Observanz ihr Ende. Abzweigungen und Fortsetzungen haben für die Logengeschichte Weimars keine Bedeutung.

In Gotha hatte inzwischen der Illuminatenorden Eingang gefunden. Bode und der weimarische Kammerherr Adolf Ludw. v. Knigge (der bekannte Schriftsteller) waren für seine Ausbreitung tätig gewesen, und in Gotha waren der vortreffliche Landesfürst, Herzog Ernst II., dessen stetes Streben es war, „Menschenbeglückung durch Menschenveredelung zu fördern“, mit seinem Bruder August dafür gewonnen worden. Von einem Exjesuiten, dem Ingolstädter Professor Adam Weishaupt (1748—1830) gegründet, hatte der Geheimbund eine dem Jesuitenorden ähnliche Organisation und suchte seinen Zweck der Veredelung seiner Mitglieder, Verbreitung geistiger Bildung, Bekämpfung des kirchlichen und staatlichen Despotismus, einesteils durch erziehliche Bestrebungen, andernteils durch Gewinnung politischen Einflusses zu erreichen. Auch hier wurden die Freimaurerlogen als geeignete Vorschule angesehen, so daß die alte Mutterloge zu den drei Weltkugeln in Berlin sich im November 1783 zu der Erklärung veranlaßt sah: „Wir gestehen frei, daß wir ihre Anhänger niemals für Freimaurer erkennen oder den mindesten Umgang mit ihnen haben, am wenigsten Zutritt zu unsern Logenarbeiten ihnen verstatten werden. Verflucht ist der Freimaurer, der die Religion der Christen zu untergraben und die erhabene edle Maurerei zu einem politischen System herabzuwürdigen und zu einem solchen umzuschaffen sich nicht entblödet. Der augenscheinlichen Gefahr nicht zu gedenken, daß dadurch der weltliche Arm später oder früher gegen die Maurerei erregt werden dürfte.“ In Bayern begann 1784 von Staats wegen eine Verfolgung der Bundesglieder. Weishaupt fand eine Zufluchtsstätte in Gotha, wo er „seinem öffentlichen Wandel zufolge, allgemein als ein redlicher und hochachtbarer Mann galt“. Herzog Ernst, der nach dem Bekanntwerden der Ordensschriften bedenklich geworden war, und dem es widerstrebte, „ein Werkzeug des Ehrgeizes und geheimer Nebenabsichten einiger Häupter“ zu sein, gab die Verbindung mit dem Orden auf, und schließlich erlosch er, ohne recht eigentlich in Wirksamkeit getreten zu sein.

Aber noch hörten die Versuche nicht auf, der Freimaurerei ganz fremdartige Absichten unterzuschieben, die ihrem ursprünglichen Zweck völlig zuwider waren und ihr Ansehen bedauerlich schädigten, wie denn halbverstandene, absichtlich entstellte Berichte über derlei Erscheinungen sie noch heutigen Tags manchem in falschem Lichte erscheinen lassen. Abenteurer wie Schrepfer, St-Germain, Cagliostro, die sich als Freimaurer gebärdeten, der Freimaurerei neue Ziele setzten und neue, unerhörte Erfolge verhießen, erregten allgemeines Aufsehen. Schillers unvollendeter Roman: Der Geisterseher, Goethes Lustspiel: Der Großkophta geben davon Zeugnis. Das Sitten-gemäide, das Goethe hier in lebendigen Farben auf rollt, läßt so schwere Verirrungen erblicken, daß man zweifeln darf, ob das Bühnenwerk wirklich ein Lustspiel heißen dürfe. Die Anknüpfungen an maurerische Gebräuche, in Handlung und Wort, läßt auch hier Goethes fortdauerndes Interesse an einem Ritual bemerken, dessen ernste und berechtigte Handhabung er allerdings in Weimar nur wenig hatte kennen lernen.Unmittelbar nach seiner Erhebung in den Meistergrad war das Logenleben tief eingeschlafen, und strikte Observanz und Illuminatismus, wenn sie fortbestanden hätten, würden ihm kein reineres Bild der Maurerei haben geben können.

Dadurch wird es verständlich, daß sein Gutachten vom Jahresschluß 1807 so wenig günstig lautet, daß ihm die Freimaurerei einen Staat im Staate zu bilden scheint und er eine neue Logengründung bedenklich findet. Karl August hatte offenbar eine freiere Auffassung der Verhältnisse, und er legte Wert darauf, daß die Loge in Weimar wiederbelebt würde. Wenn nun einige Monate nachher Goethe auf diesen Plan eingeht, mit dem Vorschläge, es möge nach dem früheren Ritual geschehen, womöglich unter der Leitung des 77 jährigen Herrn von Fritsch, so kann er von dem neuen Geiste, der im neuen Jahrhundert durch Schröders und Herders einmütiges Zusammenwirken in die Loge eingezogen war, keine genauere Kenntnis gehabt haben. Er gibt jedoch zu, daß das seit sieben Jahren in Rudolstadt heimisch gewordene Schrödersche System „sehr vernünftig“ sei, und tritt dem Entschlüsse bei, dieses System, unter Anschluß an die Hamburger Großloge, in die wiedererweckte Loge Amalia einzuführen. Es begann danach unter Bertuchs Leitung eine regelmäßige, ernste und gedeihliche Logentätigkeit. Daß Goethe die Versammlungen nur zeitweilig besuchte, 1812 sein Wegbleiben mit der Häufung seiner Geschäfte begründete und auf die Dauer entschuldigt zu sein wünschte, daß er fortan nur ausnahmsweise und seit der Aufnahme seines Sohnes nicht mehr kam, ist schon erwähnt worden. Zunächst mag er sich wenig Gewinn davon versprochen haben, da er mit Bertuch zwar höflich und rücksichtsvoll verkehrte, ihn aber nicht gerade hochschätzte. Dennoch richtete er 1810, als Bertuch sich zum Rücktritt von dem wohlgeführten Amte genötigt sah, die freundlichen (wenn auch sehr lakonischen) Zeilen an ihn: Den verehrten Meister vom Stuhl würde brüderlich dringend ersuchen, seine Amtsführung fortzusetzen. —

Die Brüder Ridel und von Müller standen Goethe näher. Hochschätzung für den verstorbenen Ridel war es jedenfalls, was ihn bestimmte, dessen Nekrolog durch seine Betrachtung über die Bedeutung der Trauerloge einzuleiten. Der vertraute Umgang mit dem Kanzler und deputierten Meister bot ihm Gelegenheit, sich über wichtige Vorgänge in der Loge zu unterrichten, die im Logenleben eingetretene Läuterung zu erkennen und die Bedeutung zu würdigen, die der Bund „nach seinem Grundcharakter für edle Gesinnung und Ausbildung seiner Glieder, für echte Humanität und Zivilisation und dadurch für die Ruhe und Sicherheit der Staaten haben kann und soll“: sein früheres Bedenken gegen die Maurerei war also gehoben, und bei geeigneter Gelegenheit gab er gern Teilnahme und Zustimmung den Brüdern zu erkennen.

Hat demnach Goethe durch persönliches Erscheinen in den Logenversammlungen nur in beschränktem Maße auf die Brüder einwirken können, so hatten die Mitlebenden und haben die Nachlebenden doch das Recht, mit Br. v. Müller es freudig und dankbar auszusprechen: Er war unser! — Altertümlich dunkel klingt es, von der Freimaurerei als der königlichen Kunst zu reden; schlichter und klarer heißt sie uns die Lebenskunst. Wer aber hätte die Kunst zu leben besser verstanden und geübt als Goethe ? Seine Empfindungsweise entspricht seiner Überzeugung:

edlen Seelen vorzufühlen, ist wünschenswertester Beruf.

Und noch höherer Beruf ist es, vorbildlich zu wirken, wie es Goethe getan. In seinem langen und reichen Leben sehen wir Weisheit, Stärke und Schönheit in wunderbarem Gleichmaß vereint.

Eine Fülle von Weisheit zeigt sich uns — mögen wir sie in Selbsterkenntnis oder Welterkenntnis, in angesammelten Wissensschätzen oder in tiefem Verständnis für die rechte Lebensführung erblicken. In Goethes nach allen Richtungen ausgebreitetem Wissen — vom Verständnis der Gotik des Straßburger Münsters bis zur Lehre von dem Zwischenknochen, von dem Herzensleben eines Werther bis zu der zauberhaften Poesie des west-östlichen Divans — überall ist das erfolgreiche Bestreben erkennbar, die Natur in ihrer Einheit zu erfassen und dem Menschen seine richtige Stellung im Universum und im Ganzen der Menschheit anzuweisen. So äußert er einmal, daß

„die Menschheit zusammen erst der wahre Mensch ist, und daß der einzelne nur froh und glücklich sein kann, wenn er den Mut hat, sich im Ganzen zu fühlen“.

Bei aller Erkenntnis der Überlegenheit seiner eignen Individualität, bei den unzähligen Huldigungen, die ihm bei Lebzeiten zuteil wurden, verlor er nie das klare Bewußtsein seiner menschlichen Beschränktheit, wollte er nie heraustreten aus dem Ganzen, nie die brüderliche Gleichheit aufgehoben wissen, die vor allem in der Loge herrschen soll, „wo sich jeder bescheidet, in Betracht höherer, allgemeinerer Zwecke auf alles Besondere Verzicht zu leisten“. Er erkennt also an (mit Spinoza), daß dem Menschen nichts nützlicher sei als der Mensch, daß er die größte Bürgschaft für sein Lebensglück erreiche im Lebensglück anderer:

Edel sei der Mensch,

Hilfreich und gutl Denn das allein Unterscheidet ihn Von allen Wesen,

Die wir kennen.

Heil den unbekannten Hohem Wesen,

Die wir ahnen!

Ihnen gleiche der Mensch;

Sein Beispiel lehr’ uns Jene glauben.

Und mit diesem Hinweis vom Menschlichen auf das Göttliche schließt diese Dichtung, wie sie begonnen:

Der edle Mensch Sei hilfreich und gut!

Unermüdet schaff’ er Das Nützliche, Rechte,

Sei uns ein Vorbild Jener geahneten Wesen!

Was hier als das Göttliche, ja mit antikisierender Wendung als eine Mehrheit geahnter Wesen bezeichnet ist, anderwärts ehrfurchtsvoll das Höchste genannt wird, ist „der Allumfasser, der Allerhalter“, zu welchem in Goethes Namen sich Faust bekennt. Und zu jeder Zeit seines Lebens hat Goethe in seinen Werken, in brieflichen Äußerungen und im vertrauten Gespräch seine Hochschätzung der Religion ausgesprochen, seine persönliche Religiosität bekundet. Diese Gesinnung zum Ausdruck zu bringen, war die groß angelegte Dichtung: Die Geheimnisse bestimmt. Ihr Gegenstand läßt sich nach H. Baumgart (Goethes „Geheimnisse“ und seine indischen Legenden; Stuttgart 1895, S. 29) dahin zusammenfassen: „das Verhältnis der geheimnisvollen Umhüllungen, der symbolischen Mythen der Religionen, zu dem Kern und Wesensinhalt der Religion darzustellen“. In der Allegorie sollten zwölf Rittermönche auftreten, von allen Enden der Erde versammelt, deren jeder Gott auf seine eigenste Weise verehrt; der Hörer sollte im Geiste durch alle Länder und Zeiten geführt werden, überall das Erfreulichste erfahren, was die Liebe Gottes und der Menschen unter so mancherlei Gestalt hervorbringt. Daß auch hier, wie im Wilhelm Meister, dem Christentum die bedeutendste Stellung zugedacht war, ist durch das Zeichen des mit Rosen umwundenen Kreuzes angekündigt, das am Eingänge zu dem „ideellen Montserrat“ den Pilger begrüßt. Es darf dabei erinnert werden, daß die gleichen Symbole für die geheime Brüderschaft gewählt waren, deren Bestehen in früheren Jahrhunderten mehr behauptet als bewiesen ist, der Pflege des unverfälschten Christentums (im Sinne der altevangelischen Gemeinden) und der Erforschung der Natur gewidmet — ‚der Pansophie des Comenius. Allerdings scheint der Orden der Gold- und Rosenkreuzer, welcher als Fortsetzung der älteren Gesellschaft auf trat und Anschluß an die Freimaurerlogen suchte und hier und da auch fand, sich vorzugsweise mit Goldmacherei befaßt zu haben. Daß in seine Blütezeit — soweit überhaupt von einer solchen die Rede sein kann — die Entstehung von Goethes „Geheimnissen“ fällt, erscheint immerhin bemerkenswert.

Neben dem Gottesgedanken ist für die Ausgestaltung der Religion die Unsterblichkeitsfrage vor allem bedeutsam. Für Goethe war die Fortdauer nach dem Tode eine selbstverständliche Sache. In diesem Punkte hat er sich sein ganzes Leben hindurch von jedem grundsätzlichen Meinungswechsel ferngehalten. Aus der vorweimari-schen Periode stammen verschiedene Stellen, in denen auf ein Fortleben und Wiedersehen nach dem Tode verwiesen wird; an Knebel schreibt er 1781:

„Ein Artikel meines Glaubens ist es, daß wir durch Standhaftigkeit und Treue in dem gegenwärtigen Zustande ganz allein der höheren Stufen eines folgenden wert und sie zu betreten fähig werden, es sei nun hier zeitlich oder dort ewig“

; zu Karoline v. Egloffstein sagt er 1818:

„Das Vermögen, jedes Sinnliche zu veredeln und den totesten Stoff durch Vermählung mit der geistigen Idee zu beleben, ist die sicherste Bürgschaft unseres überirdischen Ursprungs, und wie sehr wir auch durch tausend und abertausend Erscheinungen dieser Erde angezogen und gefesselt werden, so zwingt uns doch eine innige Sehnsucht, den Blick immer wieder zum Himmel zu erheben, weil ein unerklärbares tiefes Gefühl uns die Überzeugung gibt, daß wir Bürger jener Welten sind, die so geheimnisvoll über uns leuchten, und wir einst dahin zurückkehren werden“

; und wieder zu Eckermann 1824:

„Der Mensch hebt forschend und sehnend den Blick zum Himmel auf, weil er tief und klar in sich fühlt, daß er ein Bürger jenes geistigen Reiches sei, woran wir den Glauben nicht abzulehnen noch aufzugeben vermögen. In dieser Ahnung liegt das Geheimnis des ewigen Fortstrebens nach einem unbekannten Ziele“, —

und ein andermal:

„Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der Tätigkeit; denn wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Daseinsform anzuweisen, wenn die jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag.“

Bis an das Ende rastlos zu wirken, ist eine hohe Forderung an die menschliche Natur, die in manchem Menschenleben unerfüllt bleibt. Nicht jedem ist es vergönnt, sie in solchem Umfange zu erfüllen, wie es Goethe getan, bei dem sich mit der Weisheit aufs schönste die Stärke verband. Wollen wir die Stärke sich bewähren sehen der eignen Person gegenüber — in der Selbstbeherrschung, oder der Welt gegenüber — in allseitiger Verwertung und Dienstbarmachung verliehener Kräfte: beides erblicken wir in Goethes Leben verwirklicht. Mit einem starken Eigenwillen und heißer Empfindungsfähigkeit trat er ins Leben; von der Wiege an war das Glück ihm hold: für manchen anderen Grund genug zu Verweichlichung und genießender Ruhe. In ihm aber sehen wir zu der Fülle geistig-sinnlicher Triebe die erkennende Weisheit und die beherrschende Kraft sich gesellen, und in harmonischer Einigung erwächst aus den anfangs divergierenden Mächten der willensstarke Charaktermensch, zu vielseitiger tiefer Einwirkung berufen und fähig. Faßt man zunächst die sozusagen alltägliche Veranlassung ins Auge, anderen nützlich zu werden durch Übung der Wohltätigkeit, Goethe hat sie gern und liebevoll geübt, und ohne viele Worte davon zu machen. „Ich bitte Gott,“ sagt er einmal, „daß er mich täglich haushälterischer werden lasse, um freigebig sein zu können, es sei mit Geld oder Gut, Leben oder Tod.“ Vielfach unterstützte er Künstler und Gelehrte, nahm er sich mit Rat und Tat der Hilfsbedürftigen an. Aus Gera hatte sich — um nur an ein Beispiel zu erinnern — ein verarmter, heruntergekommener Mann bittend an ihn gewendet, unter dem angenommenen Namen Kraft. Goethe schrieb ihm nicht nur freundliche Trostesworte, er schickte ihm auch Kleider und Geld und unterstützte ihn sieben Jahre hindurch, bis 1785 der Unglückliche starb und Goethe auch noch die Kosten des Begräbnisses übernahm. „Sie sind mir nicht zur Last,“ hatte er dem durch die empfangenen Wohltaten Bedrückten geschrieben, „vielmehr lehrt’s mich wirtschaften. Ich vertändele viel von meinem Einkommen, das ich für den Notleidenden sparen kann. Und glauben Sie denn, daß Ihre Tränen und Ihr Segen nichts sind? — Es ist mehr eine Wohltat von Gott, wenn er uns, da man so selten was tun kann, einmal einen wirklich Elenden erleichtern heißt.“ Nicht zufrieden damit, durch seine Schriften Unzähligen Freude und Erhebung zu gewähren, ließ er sich die Förderung auch des materiellen Wohlstandes anderer angelegen sein; und wenn seine private Werktätigkeit der Natur der Sache nach nur einzelnen Personen nützen konnte, auch seine Wirksamkeit als Staatsbeamter durch die engen Grenzen des weimarischen Landes beschränkt war, seine Gedanken waren auf umfassendere Werke gerichtet. Besonders am Schlüsse des Faust ist diese Richtung erkennbar. Nach Goethes Absicht sollte im zweiten Teil seine große Dichtung „sich aus den bisherigen kümmerlichen Sphären erheben und einen solchen Mann in höhere Regionen durch würdigere Verhältnisse durchführen“. Zwar erscheint diese Absicht nicht ganz erreicht. Nicht eigentlich handelnd tritt Faust auf in den ersten vier Akten des zweiten Teils; statt seiner ist „unversehens ein anderer Held eingeschoben, ein sehr ideeller, aber dafür auch ganz unpersönlicher . . . An Stelle der Geschichte Fausts tritt die Geschichte der Hauptrichtungen der menschheitlichen Entwicklung, an die Stelle der Tragödie eine dichterisch behandelte Philosophie der Geschichte“ — an sich also auch ein Gegenstand von allgemein menschlichem Interesse. Anders aber im fünften Akte, wo Faust aus der Rolle des teilnehmenden Zuschauers hinaustritt in die eines gemeinnützig Handelnden und Schaffenden. Dem Meere fruchtbares Land abzugewinnen, entwicklungsfreudige Ansiedlungen zu gründen, „auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehn“ — das ist das Ziel, dem seine letzten Kräfte gelten. So finden sich hier ähnliche Gedanken, wie sie in den Wanderjahren noch bestimmter gefaßt und weiter ausgeführt sind, wenn auch nicht so sicher begründet, daß sie praktisch durchführbar wären. Auf das Gebiet der Sozialpolitik ist die Humanitätsidee des 18. Jahrhunderts übertragen, die der Gegenwart ziemlich fremd geworden ist, aufs deren Pflege aber im Grunde die Bedeutung der Freimaurerei beruht. Wer das Erbe Fausts antreten wird, das läßt die Dichtung nicht erkennen; es fehlt der tröstliche Gedanke: er lebt im Sohne 1 Ihm selber doch gereicht die Entfaltung seiner Tatkraft, womit sein Erdendasein abschließt, zum Segen; es winkt ihm die Verheißung:

„Wer immer strebend sich bemüht,

Den können wir erlösen.

Und hat an ihm die Liebe gar Von oben teilgenommen,

Begegnet ihm die selige Schar Mit herzlichem Willkommen.“

Die selige Geisterschar, die Faustens Unsterbliches empfängt, denken wir uns im ewigen Lichte wohnend, im Vollgenuß ewiger Schönheit. Auch das irdische Dasein wird harmonisch erst dadurch, daß darin mit Weisheit und Stärke sich die Schönheit vereint, daß Verstand und Tatkraft mit dem Gemüt in beständiger gedeihlicher Wechselwirkung stehen. Auf die doppelte Quelle des Gemütslebens deutet der Ausspruch Kants von den Dingen, die es mit immer neuer Bewunderung und Ehrfurcht erfüllen : der bestirnte Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns — Quellen der inneren menschlichen Schönheit und der äußeren natürlichen Schönheit,, zwischen die als verbindendes Glied die Schönheit der Kunst tritt. Von jeglicher Schönheit durchdrungen stellt sich das Leben Goethes dar. Von der inneren Schönheit seines Wesens und Wirkens ist schon zu reden gewesen. Empfänglich war er von Jugend auf für das Schöne in Natur und Kunst. Bemerkenswert ist es, daß das erste regelrechte Kunstwerk, das ihn mit hoher Bewunderung erfüllte, ein Bauwerk war. Die Schönheit des Straßburger Münsters begeisterte ihn zu seiner Abhandlung: Von deutscher Baukunst — gewissermaßen als Vorbereitung zu eigner geistiger Maurerarbeit seiner späteren Jahre. Noch im Wilhelm Meister, wo die Handwerke für Künste erklärt und durch die Bezeichnung „strenge Kunst“ von der „freien“ abgesondert werden, sind zuerst die Steinmetzen genannt, die den Grund- und Eckstein vollkommen bearbeiten, den sie mit Beihilfe der Maurer am rechten Orte in der genauesten Bezeichnung niedersenken. Weniger durch die Gesetze der Mechanik, durch Anpassung an das Material gebunden und freierer Entfaltung fähig sind Maler- und Bildhauerkunst, denen‘ Goethe dauerndes eingehendes Interesse zuwendet. Wenn er dabei in späterer Zeit für die Kunst des klassischen Altertums überwiegende Wertschätzung hat, so darf als ein Gegenstück dazu aus der freimaurerischen Literatur die Vorliebe angeführt werden, die das alte Konstitutionenbuch, indem es die Entwicklung des Maurerbundes an die Geschichte der Baukunst anknüpft, für den „Augusteischen Stil“ kundgibt.

Vor allem aber beschäftigten Goethe die Schöpfungen der Dichtkunst, von den gewissermaßen spontanen Äußerungen des Gefühlslebens, in denen Herder die „Stimmen der Völker in Liedern“ erkannt hatte, bis zu den tiefst durchdachten und formvollendeten Dichtungen aller Zeiten, die Goethe zu einer Weltliteratur zusammenzufassen vorschlug. Was er nun selbst zu jeder Gattung schöner Literatur beigetragen, das hat, von seiner unmittelbaren Wirkung auf das Gemüt abgesehen, den Gegenstand so vielfacher, liebevoller und feinfühliger Studien gebildet, daß sich hier jede weitere Bemerkung erübrigt. Nur andeutungsweise ist im Vorhergehenden, dem besonderen Zwecke unserer Betrachtung entsprechend, ein Teil seiner Werke erwähnt worden; vielleicht ließen sich damit noch neue Gesichtspunkte zu ihrer Würdigung gewinnen. Eine unerschöpfliche Fundgrube des Wahren, Guten, Schönen bieten seine Dichtungen insbesondere den Jüngern der königlichen Kunst — edlen Genuß, wertvolle Belehrung, ernste Mahnung, Erbauung, Bestätigung.

An Goethe den Dichter denkt man wohl zuerst, wenn sein Name genannt wird. Aber nicht vergessen sei, daß er ein vollendeter Mensch gewesen, weil in ihm alle Phasen allgemeiner Menschlichkeit sich in stufenweiser Entwicklung vollzogen haben. Und „ein solcher Mensch im höchsten Stile, dem die Klarheit des Erdenlebens, eine nicht zu stillende Sehnsucht nach gleich klarer Erkenntnis des ewigen Ostens einflößte, der noch in den Armen des Todes mit brechendem Auge nach „mehr Licht“ verlangte — er ist notwendig auch ein Bruder Freimaurer im höchsten Stile gewesen!“55) So werden mit Recht auf ihn selbst die Worte bezogen, die er 1814 bei Eröffnung des Theaters in Halle durch den Mund der Atropos dem kurz zuvor verstorbenen J. Chr. Reil gewidmet hat:.

Er lebt! lebt ewig in der Welt Gedächtnis,

Das von Geschlecht sich zu Geschlechtern reiht. Sein Name wirkt, ein heiliges Vermächtnis,

In seinen Jüngern fort und fort erneut:

Und so in edler Nachfolg’ und Gedächtnis Gelangt die Tugend zur Unsterblichkeit.

Zu gleichem Preise sieht sich aufgefodert,

Wem gleicher Trieb im edlen Busen lodert.

Text aus dem Buch: Goethe und die königliche Kunst (1905), Author: Wernekke, Hugo.

Hier geht es weiter:
Goethe und die königliche Kunst – Vorwort
GOETHE UND DIE LOGE AMALIA
Goethe und die königliche Kunst – ZWISCHEN DEM ALTEN, ZWISCHEN DEM NEUEN
Goethe und die königliche Kunst – IM FREIMAURERBUNDE

Weiterführendes über Goethe:
Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes Anregungen zu graphischen Werken.
Goethe und die graphischen Künste – Goethe und die Einrichtung von graphischen Anstalten in Weimar.