Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.

„Weit mehr als eine ausführliche Beschreibung zieht ein gesudeltes Gemälde, ein kindischer Holzschnitt den dunkeln [naiven] Menschen an … Die großen Bilder der Bänkelsänger drücken sich weit tiefer ein als ihre Lieder, obgleich auch diese die Einbildungskraft mit starken Banden fesseln/4 Diese Worte Goethes aus „Wilhelm Meisters theatralischer Sendung“ erinnern uns sogleich daran, daß schon die Phantasie des Knaben durch alte, primitive Holzschnitte erregt wurde. In der berühmten Rezension von „Des Knaben Wunderhorn“ (Jenaische Allgemeine Literaturzeitung 1806) fällt wiederholt bei der Charakteristik der einzelnen Volkslieder nur das kurze, aber treffende Wort: „holzschnittmäßig“ oder „holzschnittartig“, „in der Holzschnittart“. „Einen alten Holzschnitt“ will uns ja auch „Hans Sachsens poetische Sendung“ erklären. Und als Goethe in hohem Alter in der Szene von Fausts Tod eine Schilderung der Hölle aufrollte, da standen ihm sehr wahrscheinlich außer dem Fresko des Camposanto zu Pisa altdeutsche Holzschnitte, die in kindlicher Sprache von den Schrecknissen der Hölle erzählen, vor Augen.

Mit der Technik dieser ganz besonders stark zur Einbildungskraft sprechenden Kunst, des Holzschnittes, hatte sich Goethe frühzeitig vertraut gemacht. Wir wissen ja, daß der kunstbeflissene Leipziger Student bei seinem Lehrer Stock neben dem Radieren auch das Holzschneiden versuchte. Er hat diese Technik später nie wieder, wie das Radieren, aufgenommen, aber sein Interesse dafür blieb immer lebendig. Namentlich die sog. „Clairobscur-Drucke“ italienischer und deutscher Graphiker des sechzehnten Jahrhunderts, die als „Nachahmung von braunen Zeichnungen durch mehrere Holzstöcke“ den Anfang des Farbendruckes darstellen,75 sind in Goethes Sammlung reich vertreten, und im historischen Teil seiner Farbenlehre erwähnt er ausdrücklich die Glairobscurblätter des Andrea Andreani.76 So vermochte Goethe denn auch mit vollem Verständnis den Wandlungen zu folgen, die am Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit dem Holzschnitt vor sich gingen. Durch Johann Georg Unger und Johann Friedrich Gottlieb Unger war der Holzschnitt in Deutschland aus Vergessenheit, ja Verachtung, wieder zu einiger Bedeutung gelangt. Im Streben nach Verfeinerung der Technik, die in sauberer, klarer Zeichnung und im Reichtum der Töne mit dem Kupferstich zu wetteifern suchte, wurden Johann Christian Friedrich Gubitz und Friedrich Wilhelm Gubitz die Nachfolger der beiden Unger. Im Februar 1804 machte F. W. Gubitz, der damals trotz seiner achtzehn Jahre durch seine Holzschnitte schon einen Namen zu haben schien, Goethe in Weimar seine Aufwartung. Er berichtet,77 wie Goethe, als er seinen Namen hörte, freudig überrascht ausgerufen habe: ,,Wer sind Sie? Doch nicht der Gubitz, der sich durch seine Holzschneidekunst auszeichnete ?“, und wie er sich über die große Jugend des Künstlers nicht genug wundern konnte. Anderen Tages ließ Goethe seine Sammlungen für Gubitz öffnen und erzählte diesem ,,in bester Laune, daß er als Student in Leipzig sich im Breitkopfschen Hause auch mit dem Holzschnitt beschäftigt habe, also wisse er wohl, was mir (Gubitz) gelungen“.

Schon einige Jahre vor dieser Begegnung mit Gubitz hatte sich Goethe mit einer epochemachenden Neuerung in der Holzschneidekunst eingehend beschäftigt. Während die beiden Unger und Gubitz trotz mancher Abwandlungen im wesentlichen an der alten Holzschnitt-Technik festhielten, die die schwarzen Linien im Langholz stehen läßt und die weißen Flächen herausholt, war in England ein neues Verfahren aufgekommen. Der englische Kupferstecher Thomas Bewick war der Erfinder dieser „neuen Manier“, er und sein Bruder John, sowie der Amerikaner Anderson, verschafften ihr bald auch im Auslande Geltung. Worin besteht die Neuerung ? Das harte Hirnholz des Buchsbaumes wird wie die Platte des Kupferstechers mit dem Stichel behandelt. Wir haben also einen „Holzstich“, „die Fläche des Holzstockes wird als tiefste Schattenbasis betrachtet und nun vom Dunkeln ins Helle gearbeitet. Die Holzschnitte bestehen nicht mehr aus dunkeln Strichen auf weißer Fläche, sondern umgekehrt aus hellen Strichen auf dunklem Grunde“.78 Es ist, wie Goethe sagt, ,,eine Zeichnung, da das Schwarze mit Weiß aufgehöht wird“. Ein starkes, ja heftiges Aufleuchten der Linien aus tiefstem Schwarz oder weichem schraffiertem Halbdunkel, ein malerisch zu nennendes Durcheinanderwogen von Hell und Dunkel wird so erreicht.

Goethe wandte gerade im Hinblick auf die künstlerische Ausstattung seiner Werke wie auch der Schillers der neuen Technik, die für den Buchschmuck besonders wichtig ward, sein Interesse zu. Im Sommer 1798 ließ er den Steinschneider Facius zunächst in Kupfer den Stil der neuen Holzschnittmanier nachahmen, und zwar bei einer Decke für Schillers Musenalmanach auf das Jahr 1799. Er war aber von dem Resultat nicht recht befriedigt, wie er in einem Brief vom 15. Juni 1798 aus Jena Meyer mitteilt. Dieser Brief beweist, wie eingehend er sich mit diesem zunächst rein technischen Problem beschäftigt hatte; eine Veröffentlichung darüber lag daher nahe. Diese kündigt denn auch der Brief an Schiller vom 28. Juni 1798 an, in dem das bemerkenswerte Wort fällt: „In der Anzeige der neuen Anaglyphik gebe ich ein Beispiel, wie man wohl sogar jedes Mechanisch-Einzelne an das Allgemeine der geistigen Kunst immer künftig anschließen sollte.“ Diese Abhandlung „Ueber den Hochschnitt“, in den Propyläen (I, 2) 1799 erschienen, ist nun freilich als Ganzes das Werk Meyers, von dessen Hand Manuskriptentwürfe erhalten sind.79 Aber, wie aus seinen Briefen hervorgeht, ist der geistige Urheber der Abhandlungen kein anderer als Goethe. Und einzelne wichtige Partien des Aufsatzes, namentlich das Schlußwort, sind mit Sicherheit ihm zuzuerkennen. Der Aufsatz gibt einen kurzen historischen Überblick über die Entwicklung des Holzschnittes und weist auf zwei Dürerschen Blättern (dem großen Ecce Homo und dem Porträt des Kaisers Maximilian) eine der neuen Technik verwandte Behandlung nach; er charakterisiert dann die englischen Blätter im einzelnen und vergleicht sie zu ihren Gunsten mit den Leistungen der alten Manier. Zum Schluß wird aber der Wunsch geäußert, J. F. G. Unger, der Goethes Verleger war, möchte ,,über die Behandlungsart des ältern, bisher bekannten Holz-Schnittes“ sich äußern; „vielleicht würden wir indes auch mit den englischen Handgriffen bekannt, um solche nach Deutschland zu überpflanzen.“ Unger selbst tat dazu den ersten Schritt und 1800 macht Goethe in den „Propyläen“ (III, 2) die Mitteilung: „In zwei neuen Holzschnitten übte Herr Unger in Berlin mit glücklichem Erfolg die Manier aus, deren sich die Engländer Bewick und Anderson bedient haben.“ Einer dieser Schnitte ist eine kleine Vignette zum siebenten Teil von Goethes „Neuen Schriften“, die bei Unger erschienen, und stellt eine geflügelte Muse dar, der andere Holzschnitt ist eine allegorische Komposition. „Besonders ist die Ausführung des letztem musterhaft sauber geraten.“

Wiederholt rühmt Goethe auch noch in späteren Jahren die neue Technik und ihre ungemeine Sauberkeit. In den Annalen des Jahres 1818 berichtet er von der „in mehr als einem Sinne bedeutenden Acquisition“ holzgeschnittener Blätter Jacksons für seine Sammlung und fügt den allgemeinen Satz dazu:

„Jede Technik wird merkwürdig, wenn sie sich an vorzügliche Gegenstände, ja wohl gar an solche wagt, die über ihr Vermögen hinausreichen.“

Das Problem dieser neuen graphischen Technik war aber für Goethe doch mehr eine handwerkliche als eigentlich künstlerische Angelegenheit. In dem Aufsatz über den Holzschnitt heißt es:

„Die alten Künstler … strebten einzig darnach, das hohe Ziel der darstellenden Kunst in Bedeutung und Form zu erreichen. Ein gewisser Grad von Ordnung und Reinlichkeit folgte schon von selbst aus diesem Begriff. Die neuern Engländer sind mehr als geschickte Handarbeiter zu betrachten, deren höchster Zweck ist, saubere Arbeit zu machen.“

Goethe vermochte nicht in einer neuen Technik den Ursprung einer neuen Kunstepoche zu sehen. In dem unzweifelhaft von ihm verfaßten Schluß des eben genannten Aufsatzes sagt er : ,,Ob wir nun gleich für die Kunst im höheren Sinne von beiden erwähnten Holzschnittarten nichts zu erwarten haben, denn die Kunst kann wohl auf den Mechanismus, der Mechanismus aber umgekehrt nicht auf sie eine günstige Wirkung äußern, so werden wir doch in Betracht, daß jede Ausübung eines vorzüglichen Talentes allemal schätzbar sein muß, gelegentlich wieder auf diesen Gegenstand zurückkehren“.

Text aus dem Buch: Goethe und die graphischen Künste (1913), Author: Brandt, Hermann.

Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.

Siehe auch:
Die altdeutsche Buchillustration
Deutsche Zeichenkunst im 19. Jahrhundert
Deutsche Exlibris
Die deutsche Graphik
Die deutsche Buchmalerei
Die altdeutsche Buchillustration