Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.

Nur die zeitgenössische englische Kunst konnte für Goethe in Betracht kommen, denn die graphischen Künstler des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts treten daneben völlig zurück. Die Arbeiten des vielleicht bekanntesten englischen Stechers des achtzehnten Jahrhunderts, William Hogarth, dessen technisches Können hinter seiner Erfindungsgabe weit zurücksteht, waren ihm von dem geistvollen Verfasser des Textes zu den Karikaturen Hogarths, Lichtenberg, zugesandt worden. Die Antwort Goethes lautete freundlich, aber zurückhaltend:

„Ew. Wohlgeboren haben mir durch die Übersendung der Hogarthischen Kupfer und des Werkchens, womit Sie solche begleitet, ein sehr angenehmes Geschenk gemacht. Ich hatte sie wohl oft gesehen, und das geistreiche darin theils erkannt, theils dunkel gefühlt, niemals aber so im Ganzen eingesehen als jetzt, da Sie uns auf eine so freundliche Art belehren“ (1794).

Goethe fand nicht viel Gefallen an Hogarths Stil und Satire. In ,,Der Sammler und die Seinigen“ spricht er von dem „Schlängler* und meint dabei Hogarth, der die S-Linie für das Schönste erklärt hatte. In den Paralipomena zu den Annalen von 1796 heißt es (in dem Abschnitt über Lavater):

,,Denn was ist Hogarth und alle Karikatur auf diesem Wege als der Triumph des Formlosen über die Form ?“

Von den übrigen Engländern des achtzehnten Jahrhunderts schätzte er besonders Robert Strange wegen seiner trefflichen Reproduktionen nach Guercino, Wright, der ,,in punktierter Manier, überaus zierlich und zart behandelt, dabei kräftig und von schöner malerischer Wirkung“ das Bildnis Goethes von Dawe gestochen hatte.

Über die im achtzehnten Jahrhundert in England zu hoher Blüte gelangte Technik der Schabkunst äußert sich Goethe nirgends ausführlicher. In einer sehr minderwertigen Abart, dem sog. „Stipplework“, diente die Schabkunsttechnik zur Reproduktion süßlich-sentimentaler Bilder; diese oft leicht kolorierten Blätter waren am Ende des achtzehnten und bis lange ins neunzehnte Jahrhundert hinein als Wandschmuck weit verbreitete englische Mode. Über diese Geschmacklosigkeiten findet sich eine anmutig-schalkhafte Kritik in dem Briefe Juliens aus „Der Sammler und die Seinigen“:

„Die schönsten gemalten Kupfer —  …. Aber was sind das nicht auch für lange weiß gekleidete Schönen mit blaßroten Schleifen und blaßblauen Schleiern! Was sind das nicht für interessante Mütter mit wohlgenährten Kindern und wohlgebildeten Vätern! Wenn das alles einmal unter Glas und Mahagonirahmen, geziert mit metallenen Stäbchen, auf einem Lilagrund das Kabinett der jungen Frau zieren wird !“

Von solchen Geschmacksverirrungen sich abwendend, erkannte Goethe in einem jüngeren, damals völlig totgeschwiegenen englischen Graphiker, in dem Radierer David Charles Read, eine über das Mittelmaß hinausgehende, eigenartige Begabung, und er zögerte nicht, mit seinem Einfluß für diesen Künstler in der edelsten Weise einzutreten. Blättern wir heute die Mappen von Read durch, so sind wir überrascht von diesen merkwürdig modern anmutenden Landschaftsradierungen, aus denen bisweilen eine fast feierlich große Stimmung zu uns spricht. Der ermunternde Zuruf an Read lautet:

„Zu einer Zeit wo uns die Englischen Forget me not und andere dergl. Jahresbücher mit der mikroskopischen Geschicklichkeit dortiger Kupferstecher bekannt machen, war es mir eine höchst angenehme Erscheinung, eine Sammlung von Blättern eines Künstlers zu sehen, der mit einer zarten Haltung so wohl vertraut ist, und mit Rembrandt die Widerscheine, selbst eines schon fern geschiedenen Lichtes, sodann mit Ruisdael die anmutig und glücklich erwachsenen, in Garben zierlich aufgestellten Feldfrüchte zu empfinden weiß. Hat irgend ein Kunsthändler den Auftrag Ihre Arbeiten ins größere Publicum zu bringen, so nennen Sie ihn, damit man die unsrigen deshalb aufmerksam machen kann“ (18. Oktober 1829).

Beim Empfang englischen Besuches vergißt Goethe nicht, von Read zu sprechen, und wie ernst es ihm mit dem Eintreten für diesen verkannten Künstler war, zeigt der Brief an John Murray den jüngeren vom 29. März 1831:

„Nun will ich Sie aber noch auf einen Mann aufmerksam machen, der in der Tages weit wohl schwerlich zum Vorschein kommen kann. Es ist der Maler D. G. Read in Salisbury, der mir durch landschaftliche Radierungen bekannt geworden. Dieser wackere Künstler darf sich, wie schon gesagt, gegenwärtig keiner vorzüglichen Aufmerksamkeit getrosten, weil sein Talent im Widerspruche mit dem Tage steht. Alles, was der fashionablen Welt geboten wird, muß sich durch mikroskopische Stahlstiche und folglich eine mit dem natürlichen Auge kaum erkennbare Kunstfertigkeit zu empfehlen wissen. Der genannte Künstler hat aber in seinen Radierungen etwas Rauhes, welches besonders in den Wolken anstößig ist, die er nicht genug nach Howard studiert haben mag. In gewissen Nacht- und Dämmerungseffekten jedoch, sowie in ländlich geschmackvollen Kompositionen hat er schätzbare Blätter geliefert, und es sollte mich wundern, wenn es nicht unter den mannigfaltigen englischen Kunstfreunden auch welche gäbe, die dem geistigen frey natürlichen Vortrag einen billigen Werth beylegten. In London hat er gewiß einen Kommissionär, der wohl zu erfragen wäre. Vielleicht unterhält es Sie, sich nach ihm zu erkundigen. Ich wenigstens ergreife gern die Gelegenheit, mich um problematische Talente zu bekümmern, vrelche wegen der augenblicklichen Tagesrichtung nicht zur Evidenz kommen.“

Text aus dem Buch: Goethe und die graphischen Künste (1913), Author: Brandt, Hermann.

Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.

Siehe auch:
Die altdeutsche Buchillustration
Deutsche Zeichenkunst im 19. Jahrhundert
Deutsche Exlibris
Die deutsche Graphik
Die deutsche Buchmalerei
Die altdeutsche Buchillustration