Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.

Schon in seinem Verhältnis zum Holzschnitt sahen wir den Betrachter und Beurteiler Goethe zum Anreger künstlerischer Arbeiten werden. Diese besondere Seite des Themas „Goethe und die graphischen Künste“ wird noch zu erörtern sein. Auch die zweite, noch viel wichtigere graphische Erfindung des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts neben dem Holzschnitt, der Steindruck, beschäftigte Goethe so intensiv, daß es nicht nur bei beurteilenden Äußerungen blieb.81 Beschränken wir uns jedoch hier zunächst auf diese.

Ein mächtiger Eindruck war es, den der frühe deutsche Steindruck, zehn Jahre nach seiner Erfindung durch Senefelder, Goethe übermittelte: die Bekanntschaft mit Dürers Handzeichnungen zum Gebetbuch Kaiser Maximilians, die 1808 in vollendeten lithographischen Reproduktionen Strixners in München zu erscheinen begannen.8? Wir wiesen schon oben darauf hin, daß dadurch Goethes Urteil über Dürer noch einmal eine entscheidende Wandlung erlebte. Voll Ehrfurcht bekennt er, daß sich ihm erst jetzt die volle Erkenntnis der Kunst des Meisters aufgeschlossen habe. Sind aber nicht in der Tat die Dürerschen Handzeichnungen und gerade die Randverzierungen zum Gebetbuch Maximilians eine ideale Versöhnung des so oft von Goethe betonten Zwiespaltes zwischen geistreicher flüchtiger Skizze und schärfster Genauigkeit der Formen? ,,Ich wünschte nicht gestorben zu sein, ohne sie gesehen zu haben“, äußerte er 1808 zu Riemer.

In den ersten Märztagen des Jahres 1808, noch ehe die Dürerpublikation erschien, wurde Goethe durch eine Sendung der Probedrucke aus München freudig überrascht. Fritz Jakobi, der ihm schon lange entfremdete Jugendfreund, der seit 1805 Präsident der Akademie der Wissenschaften in München war, hatte sie ihm im Auftrag des Herausgebers Christoph v. Aretin geschickt und dazu geschrieben: „Ich weiß, daß, was ich Dir heute sende, Dir große Freude machen wird.“ Und alsbald kam, am 7. März 1808, die schöne Antwort Goethes: ,,Da es zwischen Freunden doch manche Differenzen geben kann, so ist es höchst erquicklich, sich einmal zusammen ganz unbedingt an einer und derselben Sache zu freuen. Dieser Fall tritt ein, indem das Geschenk vor mir liegt, das mir durch Deine Hand zukommt. Die W. K. F. werden sogleich in unserer Literaturzeitung ihren Jubel darüber vernehmen lassen … Man hätte mir soviel Dukaten schenken können, als nötig sind, die Platten zuzudecken, und das Gold hätte mir nicht soviel Vergnügen gemacht als diese Werke.“ Und mit dem gleichen Enthusiasmus schreibt er, die Rezension des Dürerwerkes ankündigend, drei Tage später an Eichstädt, den Herausgeber der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung: ,,Der Fall kommt so selten vor, daß man von ganzem Herzen und mit vollen Backen loben kann. Glücklicherweise setzen uns die Münchner Freunde in denselben.“ Am 19. März 1808 erschien dann der Aufsatz über „Albrecht Dürers Christlich-mythologische Handzeichnungen“. W. K. F. (Weimarer Kunstfreunde) ist er unterzeichnet; die historischen Partien und die Niederschrift des Ganzen rühren wohl von Meyer her,84 der Gedankengang und die Charakteristik im einzelnen ist offenbar Goethes Eigentum. Überraschung, daß Dürer wirklich diese Zeichnungen geschaffen hat, verbindet sich mit rückhaltlosem Lob. Bei der Beschreibung werden die Zeichnungen nach großen, allgemeinen Gesichtspunkten zusammengefaßt. Das „Hohe und Würdige“ und „Edle und Zarte“ macht den Anfang, dann freuen wir uns am „Humoristischen“ und „Naiven“, und werden schließlich zum „Allegorisch Bedeutenden“ und „Christlichen“ geführt. In dem Abschnitt „Zierrathen“ kann zwar der eingefleischte Klassizist Meyer den Vergleich mit den „herrlichen antiken Mustern“ nicht ganz unterdrücken, aber die „Malerische Freyheit“ wird in einem besonderen Absatz gerühmt, und die Charakteristik der „künstlerischen Behandlung“ gipfelt in dem echt Goetheschen Wort: „Überall erscheint …. die sichere Fertigkeit eines großen Meisters, der mit wenigen Strichen viel zu bedeuten versteht.“ Mit der vollen Anerkennung der lithographisch-technischen Leistung schließt der Aufsatz, der noch heute das Feinste und Tiefste ist, das über dieses Wunderwerk Dürers gesagt wurde.

Die ferneren Lieferungen der Publikation wurden von München, wo man über die Rezension sehr beglückt war, jeweils sogleich an Goethe gesandt. Nach Abschluß des ganzen Werkes kündigt dieser in einem Brief an Eichstädt noch eine zweite Rezension an: „Man kann beinahe von dieser letzten Sendung noch mehr Gutes als von der ersten sagen, und wie glücklich fühlt man sich, wenn man einmal mit Grund etwas aus dem Grunde loben kann.“ Dieser zweite Aufsatz, der am 18. April 1809 erschien, ist im wesentlichen eine Arbeit Meyers, aber bei der wiederum vorzüglichen Interpretation hören wir mehr als einmal Goethe selbst sprechen. Die Worte aber, die er 1809 in die Tages- und Jahreshefte eintrug, zeigen vielleicht am deutlichsten, wie befreiend der leichte, natürliche Charakter der Zeichnungen im Gegensatz zu der großen Strenge der Stiche und Holzschnitte Dürers auf ihn wirkte. ,,In München wurden die Handzeichnungen Albrecht Dürers herausgegeben und man durfte wohl sagen, daß man erst jetzt das Talent des so hoch verehrten Meisters erkenne. Aus der gewissenhaften Peinlichkeit, die sowohl seine Gemälde als Holzschnitte beschränkt, trat er heraus bei einem Werke, wo seine Arbeit nur ein Beiwesen bleiben, wo er mannigfaltig gegebene Räume verzieren sollte. Hier erschien sein herrliches Naturell völlig heiter und humoristisch; es war das schönste Geschenk des aufkeimenden Steindruckes“.

Die Bewunderung Goethes für den Münchener Steindruck setzte sich alsbald in den Wunsch nach einem praktisch-lebendigen Gewinn für die Weimarer Kunstpflege um. Er trat mit Christoph v. Aretin, dem Herausgeber des Dürerwerkes, wegen der Ausbildung junger Lithographen aus Weimar in Verbindung. Dies führt uns aber schon zu den Bemühungen Goethes um Einrichtung graphischer Anstalten in Weimar, von denen unten ausführlich die Rede sein soll. Hier sei nur noch erwähnt, daß Goethe sogleich die hohe Bedeutung des Dürerwerkes für die heranwachsende deutsche Künstlergeneration erkannte. An den jungen, von Dürerschem Geiste erfüllten Peter Cornelius schreibt er am 8. Mai 1811: „Zunächst würde ich Ihnen rathen, die Ihnen gewiß schon bekannten Steinabdrücke des in München befindlichen Erbauungsbuches so fleißig als möglich zu studieren, weil nach meiner Überzeugung Albrecht Dürer sich nirgends so frey, so geistreich, groß und schön bewiesen, als in diesen gleichsam extemporierten Blättern.“ In den lithographischen Randzeichnungen zu seinen Gedichten, die Eugen Neureuther schuf, sah er eine herrliche Frucht der neu geschenkten Dürerschen Lehre.86 Auch darauf kommen wir unten ausführlicher zu sprechen.

Was schätzte aber Goethe an der neuen Reproduktionstechnik selbst so hoch ? Eben die weiten Möglichkeiten der Reproduktion, die freilich gerade im Vergleich mit dem Holzschnitt fast unumschränkt sind und jedem Stilcharakter mit größter Treue folgen können. Hören wir Goethe selbst darüber. Nach Empfang des ersten Heftes einer weiteren Münchener Veröffentlichung, der „Handzeichnungen berühmter Meister aus dem königl. bayerischen Kunst-Cabinette“, schreibt er an Meyer: „Diese Technik, vorausgesetzt, daß ein proportionierter Künstler dahinter steckt, ist fähig alles zu leisten“; und der scharfblickende Sammler fährt fort: ,,nur wird es — unter uns gesagt — vielleicht bey keinem Kunstwerk dieser Art so nötig sein, die ersten Abdrücke zu besitzen, als hier. Wir wollen das nicht gerade dem Publicum weis machen, das immer noch Gott danken kann, wenn es den schwachen Abdruck von etwas Gutem erhält“ (5. September 1809). Auch auf die Bedeutung der lithographischen Reproduktion für die damalige kunsthistorische Forschung weist uns Goethe hin, wenn er in den Annalen des Jahres 1821 von der Publikation der Boissereeschen Sammlung sagt: wir „werden, wie mit den oberdeutschen Künstlern durch Kupferstiche und Holzschnitte, so hier durch eine neuerfundene Nachbildungsweise auch mit den bisher unter uns kaum genannten Meistern des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts vertraut“.

Gerade der rege Gedankenaustausch mit Sulpiz Boisseree hielt Goethes Interesse an den Leistungen des Münchener Steindruckes d. h. an den Arbeiten der beiden berühmten Lithographen Strixner und Flachenecker dauernd wach. Die Brüder Boisseree ließen in Stuttgart das großartig angelegte Tafelwerk in Lieferungen erscheinen, das die Schätze ihrer einzigartigen Galerie in Lithographien nun allen Kunstfreunden bekannt machen sollte. Von den Sorgen und Mühen und von dem erfolgreichen Fortschreiten dieser Arbeit berichtet S. Boisseree in seinen zahlreichen Briefen an Goethe. Mit freudiger Teilnahme und wachsendem Beifall empfängt dieser die einzelnen Lieferungen. „Über alle Maassen sind auch Ihre Steinabdrücke preiswürdig und erfreulich. Mit großem Verlangen erwarte ich die Steigerung des Technischen“ (7. Juni 1824). „Köstlich wie immer sind die lithographischen Blätter. Schon vor ihrer Ankunft ließen sich die Weimarer Kunstfreunde in Rücksicht auf die früher gesendeten folgendermaassen vernehmen: Immer sind wir noch der Meynung, daß die vorzüglichsten Blätter, welche Herr Strixner in Stuttgart nach Gemälden altniederländischer und deutscher Meister aus den Sammlungen der Herren Boisseree und Bertram verfertigte, den Rang über alle anderen Steindrücke behaupten. Die äußerst zarte nette Ausführung, gewaltige Kraft und Tiefe der dunklen Partien im Bund mit gewissenhaft treuer Darstellung des eigenthümlichen Charakters der Vorbilder, machen diese Blätter — (und wir zielen hier zunächst auf die spätere Wiederholung des hl. Christophs nach Hemling wie auch auf die hl. Christina nach Schoreel) in doppelter Hinsicht hoch schätzbar; theils verhelfen sie zu richtigen Begriffen über die Kunstbeschaffenheit der dargestellten alten Gemälde und dem was die Meister derselben zu leisten vermocht: theils gehören sie auch hinsichtlich auf die mechanische Ausbildung des Steindrucks zu den vollkommensten Produktionen desselben“ (An Boisseree, 8. Januar 1826). „Von dem letzten Heft Ihrer Steindrücke konnte ich auch noch nicht mit Freude und Theilnahme sprechen. Jetzt nur soviel: da die vorigen schon so vortrefflich waren, denkt man doch immer es werde noch besser“ (An denselben, 20. März 1826).

Die unter dem Titel „Stuttgart“ 1826 in „Über Kunst und Altertum“ (V, 3) erschienene Rezension der Strixner-schen Lithographien nach den Sammlungen Boisseree und Bertram ist zweifellos von Goethe. Von den Leistungen Strixners sagt er:

„Es sind nun fünf Jahre seit Ausgang der ersten Lieferung und betrachtet man, was in der Zeit bezüglich auf lithographische Technik für das Werk geleistet ward, so bemerkt man eine ununterbrochene Steigerung; das Korn der Kreide ist immer feiner, dadurch die Zeichnung bestimmter und zarter geworden; die Schattenmassen haben an Kraft und Durchsichtigkeit, die Töne mehr an Klarheit gewonnen.“

In den folgenden Jahren versäumt er wiederum keine Gelegenheit, öffentlich seine begeisterte Anerkennung dem Münchener Steindruck auszusprechen z. B. in der Rezension der „Bildnisse ausgezeichneter Griechen und Philhellenen“ von Kratzeisen ,,in Steindrücken guter Art, wie man es von München her gewohnt ist“.89 Die Voranzeige von Flacheneckers Lithographie des Porträts der Frau Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach nach dem Gemälde von Julia Gräfin Egloffstein schließt: „Wir haben 18 Blätter vor uns liegen, welche dieser treffliche Künstler zu dem großen Werke der Münchener Galerie gearbeitet hat, woraus wir die Ueberzeugung schöpfen dürfen, daß er auch hier wie überall das Charakteristische der Gesichtszüge, das Bedeutende der Stellung, die Wahrheit der Stoffe, wie die Uebereinstimmung des Ganzen vollkommen nachbilden werde.“ Alle diese anerkennenden Urteile beruhten aber auch auf einer ernsten kritischen Prüfung der Blätter. Das beweist gerade eine Bemerkung im Brief an Bois-seree vom 24. November 1831:

„Ihre lithographischen Sendungen beschäftigen uns gar manchmal an hellen Stunden. Auch das Bild der drey Könige von Eyck ist vortrefflich; doch giebt es beym ersten Anblick nicht den heiteren Eindruck, den das Original in unserem Geiste zurückgelassen. Es mag daher kommen, daß man die Localtinten dem Schatten gemäß wie neuerlich auch in dem Kupferstich gefordert wird, auszudrücken suchte, wodurch das ganze vielleicht düsterer geworden, indem der dunklen Eigenschaft des Monochroms die Energie der Farbe abgeht, welche stets auch dunkle Stellen zu erleuchten scheint. Sagen Sie mir Ihre Gedanken hierüber, mich weiter aufzuklären.“

Neben den Münchener Lithographien hat Goethe schließlich auch den Steindrucken des Hamburger Künstlers Bendixen, der an einem Goethebildnis arbeitete, freundliches Lob gespendet. „Die Hamburger Steindrücke haben schon längst den Beyfall und die Bewunderung der Weimarischen Kunstfreunde erworben, wie sie solches auch öffentlich gern gestanden; und so dank ich denn ebenmässig für die letzte Sendung zum allerschönsten; nicht zweifelnd, daß mein unternommenes Bildnis glücklich gelingen werde“ (An Bendixen, 19. Dezember 1825). In den Annalen des Jahres 1821 waren schon die Leistungen des Hamburger Steindruckes gerühmt worden.

So hatte sich Goethe allmählich, obgleich er die Technik wohl nie selbst versucht hat, auch für den Steindruck eine außerordentliche Kennerschaft erworben. Er betätigte sie nicht nur bei der Herausgabe der „Weimarischen Pinakothek“ (1821), sondern auch dadurch, daß er jungen Künstlern bei der lithographischen Reproduktion ihrer Werke wertvolle Ratschläge gab. Hier muß vor allem die Korrespondenz mit Eugen Napoleon Neureuther genannt werden, dem er am 23. Sept. 1828 über eine Sendung von Zeichnungen zu seinen Gedichten schreibt: „Nur soviel sag ich: vervielfältigen Sie eben so geistreich und zart Ihre Zeichnungen im Steindruck und geben mir dadurch Gelegenheit, meinen Commentar beyfällig zu erweitern.“ Im Jahre 1829 kam das erste Heft von Neu-reuthers Randzeichnungen zu Goethes Gedichten mit der Widmung an den Dichter heraus, ein Werk, das von manchen sentimentalen Zügen und dem oft mangelhaften Figürlichen abgesehen, durch die Reinheit der Zeichnung uns noch heute fesselt. Das Vorbild der Randzeichnungen Dürers zum Gebetbuche Maximilians ist sofort zu erkennen. Bei der Hochschätzung Goethes für dieses Werk durfte Neureuther seines Beifalles sicher sein. In einem ausführlichen Briefe wird ihm dieser zuteil, aber Goethe betont wieder seine alte, so oft ausgesprochene Forderung, die er ja vergebens an sieh selbst einst gestellt hatte: daß die Komposition „Deutlichkeit und Entschiedenheit“ durch eine klare Schattierung besitze. „Ihre lithographischen Blätter haben mir, wie früher die Zeichnungen, viel Vergnügen gemacht, auch zweifle ich nicht, da Sie durch die Vervielfältigungen sich allgemeiner verbreiten können, an freundlicher Aufnahme. Wegen der Farbe lassen Sie mich soviel sagen: alle eingegrabenen Striche, Umrisse, Schraffuren stellen den Schatten vor, so wie alles dasjenige, was das Bild herausheben soll. Ist nun die Farbe zu helle, so geht der Zweck verloren und das Bild tritt dem Auge des Beschauers nicht entgegen. Deutlichkeit und Entschiedenheit ist der Vorzug eines Kunstwerkes, es sey von welcher Art es wolle; so muß man z. B. die lieblichen Intentionen des Mittelblattes erst einzeln aufsuchen, denn das Ganze fällt nicht ins Auge. Ebenso wäre der glücklich gerathene Todentanz auch durch stärkere Farbe deutlicher zu wünschen. Könnte ich in der Folge einen Abdruck erhalten, durchaus mit schwarzer Farbe, so würde es mir angenehm seyn, weil alsdann der Gedanke, durch reine Zeichnung ausgesprochen, in einer gleichen und ungestörten Folge sich hervortun würde. Weiter wüßte ich Ihnen nichts zu sagen, da Ihnen, auch auf dem Stein, die glückliche Naivität Ihrer Conzeptionen auszudrücken höchst lobenswert gelungen ist“ (25. August 1829). Auch bei den weiteren Lieferungen der Randzeichnungen konnte sich Neureuther nicht über Mangel an Beifall von Goethe beklagen. Ja, in einem Briefe Goethes vom 26. September 1830 lesen wir das doch wohl zu hoch gegriffene Wort: „In einer guten Stunde hoff ich Ihnen das Zeugniss zu geben: daß Ihre Randzeichnungen mit unter diejenigen Ereignisse gehören, die mir eigentlich das Schicksal erfreulich machen, so hohe Jahre erreicht zu haben.“ Eckermann berichtet wiederholt von der genauen, begeisterten Betrachtung, die Goethe den Neureutherschen Steindrucken zuteil werden ließ. Aber es geht zu weit, wenn im Gespräch vom 5. April 1831 gesagt wird: „In Randzeichnungen hat es auch niemand zu der Höhe gebracht wie er, und selbst das große Talent von Albrecht Dürer war ihm darin weniger ein Muster als eine Anregung.“ Maßvoller lobend ist die Charakteristik im Brief an Carlyle vom 2. Juni 1831: ,,Schon vor Jahren wurde in München ein altes Gebetbuch entdeckt, wo der Text den geringsten Raum einnahm, die Ränder aber von Albrecht Dürer auf die wundersamste Weise mit Figuren und Zierrathen geschmückt waren. Hievon wird genannter junger Mann entzündet, daß er, mit wundersamem Geschick, Randzeichnungen zu vielen meiner Gedichte unternahm und sie mit anmutig congruierenden Bildern commentierte. Wie dies geschehen, muß man vor Augen blicken, weil es etwas Neues, Ungesehenes und deshalb nicht zu Beschreibendes ist.“

Nicht so enthusiastisch, wenn auch voll aufrichtiger Bewunderung, hat sich Goethe über die lebensprühenden Lithographien von Eugene Delacroix zur Faustübersetzung von Stapfer geäußert. Die Auffassung der dargestellten Faustszenen entzückte den Dichter, das Skizzenhafte der Blätter zog den Kenner und Sammler von Studien und Skizzen ganz besonders an und nur das Ungewohnte, fast Nervös-Heftige in der Formensprache des großen Franzosen machte den Ästhetiker etwas bedenklich. In dem Aufsatz „Mythologie, Hexerei, Feerei“ (Aus dem Französischen des Globe; Über Kunst und Altertum VI, 1, 1827) würdigt Goethe am Schlüsse die Faustbilder von Delacroix. Er nennt ihn einen „Künstler, dem man ein entschiedenes Talent nicht ableugnet, dessen wilde Art jedoch, womit er davon Gebrauch macht, das Ungestüm seiner Konzeptionen, das Getümmel seiner Kompositionen, die Gewaltsamkeit der Stellungen und die Roheit des Kolorits keineswegs billigen will.“ Bei den zwei ihm vorliegenden Blättern „Faust und Mephistopheles, am Hochgericht vorbeireitend“ und „Auerbachs Keller“ verweilend, sagt er aber doch: „Beide Blätter sind zwar bloß flüchtige Skizzen, etwas roh behandelt, aber voll Geist, Ausdruck und auf gewaltigen Effekt angelegt/‘ Im folgenden Jahr wird in der Besprechung der Stapfer-schen Übersetzung (Über Kunst und Altertum VI, 2, 1828) der Künstler mit wenigen Worten vortrefflich gekennzeichnet: er habe „einen unruhig strebenden Helden mit gleicher Unruhe des Griffels begleitet“, und scheine „hier in einem wunderlichen Erzeugnis zwischen Himmel und Erde, Möglichem und Unmöglichem, Rohstem und Zartestem und zwischen welchen Gegenständen noch weiter Phantasie ihr verwegenes Spiel treiben mag, sich heimatlich gefühlt zu haben.“ Die mündlichen Äußerungen Goethes sind ganz ähnlich. IJckermann berichtet unter dem 29. November 1826 von Goethes Freude über das Verständnis des Malers für den Dichter: „Da muß man doch gestehen, daß man es sich selbst nicht so vollkommen gedacht hat.“ Soret gibt in seiner Aufzeichnung eines Gespräches vom 22. März 1828 auch ein stilistisches Urteil wieder: Goethe spendete manchen Blättern Lob, „nicht gerade wegen der Schönheit ihrer Zeichnung, aber wegen der Kühnheit und der Teufelei ihrer Konzeption.“

Eine letzte Frage drängt sich schließlich auf: spricht Goethe nie von dem Verhältnis der Lithographie zum Kupferstich ? Der Steindruck war durch seine rasche und außerordentliche Entwicklung ein sehr gefährlicher Nebenbuhler für die alte, vornehme Technik des Stiches geworden. In der Rezension des „Musterbuches der lithographischen Druckerey von A. Senefelder, F. Gleißner und Comp, in München“ (Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung, 18. April 1809) wird eine lithographische Nachbildung eines Stiches von Dietrich in Dresden über den Originalkupferstich gestellt. Allein, das ist kein allgemeingültiges Urteil, und zudem ist die Rezension jedenfalls von Meyer niedergeschrieben.96 Sicher von Goethe aber ist die Besprechung des Kupferwerkes von Pierre Adam ,,Collection des Portraits historiques de M. le Baron Gerard“ in „Über Kunst und Altertum“ (V, 3, 1826); Goethe sieht sich hier veranlaßt, gerade wieder auf die Reize eines guten Stiches, einer ,,höchst geistreichen Nadel“, im Gegensatz zu denen des Steindruckes hinzuweisen: „Wer, an die Leistungen des Pariser Steindruckes gewöhnt, hier das Gleiche der Bildnisse gleichzeitiger Männer oder der Galerie der Herzogin von Berry erwartet, wird sich nicht befriedigt, vielleicht abgestoßen finden. Hier ist noch, was man sonst so sehr zu schätzen wußte und noch von der Hand älterer niederländischer Meister teuer bezahlt, eine meisterhaft geistreiche Nadel, welche alles leistet, was sie will und nur will, was zum Zweck dient. Wer dieses erkennt und zugesteht, wird sich auch in diesen Kreisen gleich heimisch fühlen.“ Und wie Goethe in allen Erscheinungen eine wirkende Kraft zu erkennen vermag, so erhofft er auch aus dieser Konkurrenz zwischen dem Steindruck und dem Kupferstich für den letzteren einen Aufschwung. ,,Die Kupferstecherkunst hat an der Lithographie eine Nebenbuhlerin bekommen, welche durch die bedeutenden Fortschritte, die sie macht, immer mehr Anhänger gewinnt. Allein es kann daraus für die erstere selbst ein großer Nutzen erwachsen, indem durch die Vervollkommnung dieser die Künstler, welche sich jener gewidmet haben, ihren Vorrang zu behaupten aus allen Kräften sich bestreben müssen; wie denn auch wirklich in der Kupferstecherkunst in den neuesten Zeiten besonders Italiäner, Franzosen und Engländer das Außerordentlichste leisten. In Deutschland hat die Lithographie eine bedeutende Ausbildung erlangt, wird als Vervielfältigerin künstlerischer Ideen durch deren leichte Verbreitung dem Kunstsinn sehr förderlich und zeigt sich besonders auf Gegenstände anwendbar, deren Schönheit auf der Zeichnung und einfachen Größe mahlerischer Massen beruht“ (An W. Reichel zur Aufnahme in die Beilage der Allgemeinen Zeitung, 6. März 1829).

Die Hoffnungen Goethes auf eine neue Epoche des Kupferstiches im neunzehnten Jahrhundert sollten sich freilich nicht erfüllen; im Gegenteil, er erlag schließlich der übermächtigen Konkurrenz moderner Reproduktionsverfahren. Der Steindruck dagegen durchlief die großartige Entwickelungsbahn, die ihm Goethe von Anfang an verheißen hatte. Aber sie wurde doch in den Schatten gestellt durch den unerhörten Umschwung des gesamten Reproduktionswesens, den die Erfindung der Photographie verursachte (nach 1839). Und nun schieden sich die Wege: das gesamte photographische Reproduktionsverfahren konnte bis in die neueste Zeit nur relativ eine „Kunst“ genannt werden — es wurde eine „Technik“, bei der nicht mehr die Hand eines Künstlers nötig war, und erst in unseren Tagen bricht sich auch hier ernstes Künstlertum Bahn. Auf der anderen Seite aber behauptete sich vor allem die Radierung, aber besonders auch der Holzschnitt als diejenige Technik, die dem Künstler gewahrt bleibt und nur durch seine Hand Leben gewinnt. Für Goethe gab es diesen Zwiespalt noch nicht, wenn er ihn auch schon in einzelnen Fällen, wie der neuen Holzschnittechnik oder ganz fabrikmäßigen Kupfersticherzeugnissen gegenüber in seinen Urteilen andeutete. In dem Bunde von Kunst und Handwerk, der sich gerade in der Graphik aus dem großen Kunstschaffen vergangener Tage bis in das neunzehnte Jahrhundert erhalten hatte, liegt ja die unendliche Vielseitigkeit von Goethes Urteilen über die graphischen Künste begründet.

Text aus dem Buch: Goethe und die graphischen Künste (1913), Author: Brandt, Hermann.

Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.

Siehe auch:
Die altdeutsche Buchillustration
Deutsche Zeichenkunst im 19. Jahrhundert
Deutsche Exlibris
Die deutsche Graphik
Die deutsche Buchmalerei
Die altdeutsche Buchillustration