Goldgewinnung an der Goldküste

Nach Aufzeichnungen eines Goldsuchers geschildert von Wilhelm Gajewski.

Um den Besitz dieses westafrikanischen Küstenstriches, der Goldküste, haben der Handel und das Christentum schon seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts gerungen Von dem dänischen Fort Christiansborg neben Akkra aus, von wo aus auch die Baseler Missionsgesellschaft seit 1828 lange vergeblich festen Fuss zu fassen gesucht hatte, legte dann im Jahre 1850 nach vielen blutigen Kämpfen mit den eingeborenen, besonders den Aschantis, England die Hand auf das Goldland und nahm dadurch alle von den verschiedensten Nationen erschlossenen Erwerbsquellen unter seinen Schutz. Nicht weil von Axim, an dem Kap Three Points, lag die alte brandenburgische Kolonialgründung, bestehend aus dem Fort Gross-Friedrichsburg und Dorothea. Sie fiel erst 1872 in die Hände der Engländer.

Uns interessiert von der gesamten Goldküste nur der Teil vom 1. Grad östlicher bis zum 2. Grad westlicher Länge, von Lome (Togo) über Kitta, Akkra-Christiansborg, Cape-Coast-Castle, Chama und Sekondi. Dort liegen die Goldminen, von Tarkwa, Abontiakoon und Adja Bipo, nach welchen der Küstenstreifen den Namen „British Gold-Coast-Colony“ führt.

Die Zugangspunkte zu den Minenbezirken bilden die Orte Cape-Coasl-Castle und Sekondi. Wählen wir die letzte Zugangspforte.

Die Bahnstation Sekondi liegt bereits im aufsteigenden Strandwall, im savannengelben und tropengelben Buschwald. Mit seinen Wellblechhäusern sieht sie aus, als ob morgen oder übermorgen ihr Abbruch zu erwarten, als ob ihre Bewohner, eines höheren Kommandowortes gewärtig, hier nur eine vorübergehende Lagerübung zu bestehen hätten. Hier wohnt alles, was sich zur Elite der Minenverwaltung rechnet, vom Direktor der Eisenbahn, vom Consolting-lngenieur bis zum obersten Goldschmied.

Die Aschantis, welche durch den grausigen Despotismus ihrer Könige zu jenem traurigen Rufe der Menschenschlächterei gelangt sind, hatten mit ihren goldenen Arm- und Beinringen und anderen Goldgeräten, besonders in dem Bantama, der Begräbnisstätte ihrer Könige, in welcher die Skelette der Verstorbenen, mit Goldfesseln beschwert, dem grossen Erwachen entgegenharrten, die Aufmerksamkeit der Europäer schon auf sich gelenkt.

Zwei Deutsche, ein Arzt und sein Sohn, sollen es zuerst gewesen sein, welche hier die Goldgräberei anfingen. Aus Dankbarkeit für die glückliche Errettung eines einflussreichen Häuptlings aus schwerer Krankheit hatten die Neger dem Arzte im Flussgebiet des Ankobra ein Goldlager gezeigt und ihm die Ausbeute desselben gestattet. Beide aber sollen ihres Schatzes nicht froh geworden sein; denn die Wilden bewachten diese Einwanderer als geschätzte Fetischmänner bis zum frühen Tode, so erzählt die Negertradition.

Aehnlich wie bei den Indianern Amerikas führten andere Goldsucher auch hier den Alkohol als begehrtesten Austauschartikel ein. Er dämpfte zu Zeiten sogar die angeborene Grausamkeit der afrikanischen Wilden.

Viele Jahre hindurch schon versuchen es Goldgierige, das Versteck des massiv goldenen Krönungsstuhles der Aschantis, der nur dann ausgegraben wird, wenn eine neue Negermajestät auf den Thron gehoben werden muss, zu entdecken. Das Geheimnis, das über diesem Heiligtum schwebt, kennt aber nur der jeweilige König allein; denn die 30 Knaben, welche den Thronsessel vergruben, hat der schwarzflutende Greve gewaltsam, lautlos und ungesehen verschlungen.

An die Stelle des Feuerwassers sind in neuerer Zeit zum Teil Seiden- und Baumwollstoffe, europäische Bekleidungsstücke, Messer und Waffen, Eisen-, Glas- und Porzellanwaren als Tauschwerte getreten. Aus dem einfachen Goldsucher ist durch den Schutz der englischen Militärmacht, welche die raubtierartigen Gelüste der Wilden im Schach hält, ein Goldgräber, Minenbesitzer grossartigen Stils geworden. Seine Gelehrten und Ingenieure  studieren die Sandlager des Ankobra, des Pra, Axim und Gröve, durchwühlen die Gesteinsschichten des Fetisch-, des Oboosogebirges. So entstanden die Minen um Tarkwa. Tarkwa selbst liegt geraden Wegs über Sekondi, 50 bis 60 km nordwestlich von Chama.

Bei der heutigen Blüte dieser Mine, die bergmännisch betrieben wird, bemerkt man nichts mehr von den primitiven Uranfängen, hat man alle Kämpfe mit den Wilden, alle Strapazen und Sorgen der Vergangenheit, allen Hunger und Durst, alles grause Sterben und Verderben, alle anfängliche Not an Arbeitskräften vergessen.

Heute herrscht hier vielbewegtes Leben. Kruneger, Aschantis, Haussas; Engländer, Niederländer, Deutsche, Amerikaner, Araber; Minenarbeiter, Händler, Weiber, Negerschönheiten, alles wimmelt durcheinander, drängt sich wie Motten um das glühende Licht. Jene finden ihrer Unzuverlässigkeit wegen nur als Erdarbeiter, diese ihrer Treue und ihres Fleisses wegen als Gruben- und Mühlenarbeiter, Maurer, Sortierer, Maschinisten, Elektrotechniker, Schreiber, Dolmetscher, Aufseher u. dgl. Verwendung.

Die Lage der Baulichkeiten, die zum Minenbetrieb gehören, der Stampfmühlen, der Sorlier-häuser, der Tanks, der Laboratorien, der Schmelzhütten, der Buchhalterei, des Direktorhauses, der Wohnstätten für die weissen und die schwarzen Minenarbeiter, sowie die des Klubhauses ist oben auf den luftigen Höhen verhältnismässig gesund und schön.

Auch bei Nacht ruhen die Minenbetriebe hier nicht. Es rauschen die Wasser in den Pumpwerken, in den Bassins und vom Steigewerk rieselt, tropft es, klatschen Sand- und Gesteinsmassen, den Stampfmühlen entronnen, in gewaltige Tanks. Durch Zuleitungsrohre drängen Kompresser den Sandbrei über breite Kupfertische, die mit Quecksilber bestrichen sind. Das Gold verbindet sich mit dem Quecksilber zu dem sogenannten Goldamalgam und aus diesem entfernt man das Quecksilber durch Destillation.

Andere Goldteilchen, die sich hier noch nicht absetzen, werden in weitere Tanks geschwemmt und mit Salpetersäure übergossen. Die Säure greift diejenigen Metallmassen, welche der Goldgewinnung noch hinderlich sind, an, löst sie und lässt das Gold allein zurück.

Unaufhörlich stampft, rollt, keucht, rasselt, pfeift es die ganze Nacht hindurch da oben, pocht und hämmert es da unten in den Stollen der Berge, Gruben. Ueber das ganze Tohuwabohu ist das hellbläuliche Licht der Elektrizitätswerke ausgegossen, bis die erste Schicht, die von 11 Uhr nachts bis 7 Uhr morgens dauert, beendet ist und die erste Schicht schmutz-, staub- und schweisstriefend nach hochnotpeinlicher Taschen-, Kleider- und Körperrevision, übernächtig zu ihrem Quartier wankt. Gleich darauf fährt die zweite Schicht ein, der die Zeit von morgens 7 Uhr bis nachmittags 3 Uhr zugemessen ist, um dann von der dritten Schicht von 3 Uhr nachmittags bis 11 Uhr nachts abgclöst zu werden.

Achtstündige Arbeitszeit bei nicht selten recht karger Selbstbeköstigung mit einem Stundenlohn von 6 Pence oder 50 Pfennigen, 16stündige Ruhepause, das sind die gegenseitigen Leistungen beider Teile, des Arbeitnehmers und Arbeitgebers, Tag für Tag, bis am Sonnabende vor der Buchhalterei, wo auch die erste okulare Schätzung, die eventuelle Annahme, Eintragung der Arbeitskräfte in die Personallisten und die Aushändigung der Arbeitskarten stattgefunden hat. endlich die Auszahlung des Wochenlohnes und des Lohnes für etwaige Ueberstunden erfolgt ist.

Die fertigen Goldbarren, die versiegelten Säckchen mit dem kostbaren Goldstaub werden in den eisernen Tresors untergebracht. Es liegt da ein unendlicher Schatz, der manchem armen Teufel auch diesseits nachhaltig auf die Beine helfen könnte, ln letzterer Zeit ist der Minenertrag nach Entdeckung neuer Goldadern gegen die Vorjahre um das Doppelte gestiegen. Und was das heisst, lehrt der Vergleich mit den Goldertragsziffern des Jahres 1888: Das Jahr nennt als Ausfuhrquote das hübsche Sümmchen von rund 482 000 Pfund Sterling, das sind nach deutschem Gelde etwa ebensoviel 20 Markstücke.

Ursprünglich wurden, um zum goldhaltigen Grundsande zu kommen, die Flusswasser in flachliegendere Betten geleitet, abgestaut. Das machte viel Arbeit und zeitigte nur geringe Erfolge. Da übertrug man die Vorarbeit der Goldwäscherei, das Sandschöpfen, Hand-, später sogar flachgehenderen Dampfbaggern.

Hand in Hand ging mit der Anhäufung der zu durchsuchenden Rohstoffe der Einbau maschinell zu bewegender Siebe, aus welchen die Sandmassen und dasFlussbettgerölIc stufenweise vom weit- bis zum engmaschigsten Netze durchsiebt, durchschlemmt, durchsucht wurden, der Anbau ähnlicher Tanks wie bei den Tarkwa-Minen zur Behandlung der Sandmassen mit Säuren, die auch die letzte Unze Gold blosslegten.

Neuerdings wurde unterschweren Strapazen und Kämpfen mit den Eingeborenen das Goldfeld Adja Bipo erschlossen.

Nach glücklicher Verbindung mit den Hauptminen, nach dem Wechsel der Mannschaft und neuer Lebensmittel-Versorgung durch schwarze Läufer hat hier vorläufig nur die ureigenste, primitivste Goldwäscherei Platz gegriffen.

Dem materiellen Werte dieser genannten Goldminen gesellt sich auch noch ein kultureller bei. Der Verkehr mit zivilisierten Leuten hat Handwerker, Schmiede, Maurer, Zimmerleute u. a. herangebildet, welche dartun, dass die Wilden doch nicht so stumpfsinnig sind, wie man anzunehmen geneigt war. Schmiede hat es schon lange vorher an dieser Küste gegeben, ebenso Goldschmiede.

Die Goldschmiede haben sich in den Minengebieten deshalb ein recht beachtenswertes Ansehen zu verschaffen gewusst. Sie sind auch zumeist Aufkäufer anderer von den Schwarzen oder anderen Leuten, die nicht in den Gruben, Wäschereien angestellt sind, gemachten Goldfunden. Ihr Reichtum ist sprichwörtlich geworden: Die Koloniebesitzcr stellen aber die Erlaubnis nur denjenigen Goldschmieden aus, welche die gemachten Ankäufe gegen Aufgeld zuerst der Kolonie anbieten.

Das schliesst aber einen Schmuggel mit Goldstaub und Goldkörnern nicht aus. Die arabischen Händler machen dabei die Vermittler und die noch nicht von der Kultur beleckten fremden Neger die Diebe, Hehler, Verkäufer, Goldsucher; denn gerade letztere kennen noch manches neue Goldfeld, das auf diese Weise der Kolonieverwaltung verloren geht.

Und nun noch etwas über die Heimkehr unserer Deutschen, die in den Goldminen beschäftigt sind. Es sorgt schon ein jeder dafür, dass seine Ersparnisse für die nicht gerade so billige Heimfahrt auf einem der monatlich mehrere Male auf der Reede Anker werfenden Dampfer reichen. Aufseher erhalten auf ihr Verlangen alle Jahre vier Monate für den Aufenthalt in der Heimat Urlaub. Und bei dem ungesunden Klima ist der Aufenthalt in der Heimat zur Auffrischung der Gesundheit sehr notwendig.

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