Goten-Waräger-Deutsche

Es war das germanische Volk der Goten, das den gewaltigen Raum von den Karpaten bis zum Kaukasus, vom Ladogasee bis zum Schwarzen Meer im 1. Jahrhundert nach der Zeitwende in staatliche Formen zwang.

Damals siedelten von der oberen Düna über die Wolga bis an die Ufer des Weißen Meeres Völker finno-ugrischer Sprache, die neben nordischen, primitiven europäiden und mongoloiden Menschen besonders im Westen zur ostbaltischen Rasse gezählt werden können.

Die Ostseeküste hatten Völker indogermanischer Sprachen inne, die in der Mehrzahl einen stark nordischen Einschlag verrrieten und stellenweise ostbaltisch durchmengt waren. Südlich davon saßen slawische Stämme. Den Raum zwischen Dnjepr und Don bewohnten Nachkommen indogermanischer Völker, Skythen, deren Blut stellenweise ebenfalls mit mongoloiden Bestandteilen durchsetzt war.

Alle diese Völker und Stämme wurden dann durch das Gotenvolk überschichtet, dessen hochentwickelte Bauernkultur durch die ausgegrabenen Geräte, Waffen, Gefäße und Schmuckstücke bezeugt ist.

Man unterscheidet die Ostgoten, die unter der Herrschaft der Amaler im Norden des Schwarzen Meeres siedelten, und die Westgoten unter dem Fürstengeschlecht der Balten zwischen der Ostsee und dem Dnjepr.

Um 370 hatte das Gotenreich des Königs Ermanarich seine größte Machtausdehnung und Blüte erreicht. Der Dnjepr war die Verkehrsachse dieses ganzen Staatssystems, das von germanischen Herulern, Bastarnen und Skiren im Südwesten flankiert war. So wurde die weite osteuropäische Ebene von einem germanischen Volk gegen jene Nomadenstämme gesichert, die das Europäertum und seine Kulturschöpfungen bedrohten.

Als aber hunnische Reiterheere nach Westen drängten, vermochte ihnen das Gotenreich nicht standzuhalten. Ermanarich, der den Zerfall seines Staates nicht verhindern konnte, gab sich seihst den Tod, und sein Nachfolger Winithar fiel im Kampf gegen die Hunnen.

Das Jahr 375 wurde also zum Schicksalsjahr von ganz Europa. Die Hunnen überrannten das Bollwerk am Don und drangen in das Herz des Abendlandes ein, doch fiel ihre Mehrzahl in den Kämpfen gegen die europäischen Heere, Erst im 5. Jahrhundert wichen sie wieder nach Osten zurück und verloren sich unter den Awaren und Chasaren.

Die Ostgoten aber verließen zum größten Teil ihre Wohnsitze und gingen nach Westeuropa. Noch im 18. Jahrhundert befaßte sich ein Umsiedlungsprojekt Katharinas II. mit ihren auf der Krim ansässig gewordenen Resten, den Krimgoten, deren Blut dort noch heute in manchem nordischen Menschen erkennbar ist.

Auch die Awaren drangen um 400 aus Mittelasien nach Westen. Sie erreichten im 6. Jahrhundert die Donau und nahmen die Siedlungsgebiete der Gepiden und Langobarden ein. Erst Pippin, Sohn Karls des Großen, brachte die awarischen Einfälle ins Frankenreich und nach Oberitalien zum Stehen, indem er sie im Jahre 796 vernichtend abwehrte.

Auf die Awaren folgten die Chasaren, ein interessantes Mischvolk. Ihr Herrschaftsbereich waren der Unterlauf der Wolga und das Dongebiet. Ein anderes Steppenvolk, die Petschenegen, bedrohte im 9. Jahrhundert ebenfalls Europa und drang bis an den Unterlauf der Donau vor.

Diesem Ansturm europafeindlicher Kräfte traten dann die normannischen Waräger entgegen und übernahmen damit das Gotenerbe. Die Chroniken berichten, wie Hroerekr (Rjurik) nach Holmgardr (Nowgorod), Signiutr zum Weißensee und Torwardr nach lsborsk mit ihren Mannen zogen. Damals erhielten slawische und finno-ugrische Stämme ihre erneute staatspolitische Zusammenfassung.

Der Schwerpunkt der Normannenherrschaft verschob sich allmählich nach Süden und ließ Koenugardr (Kiew) zu großer Blüte emporwachsen. Diese Stadt wurde zum militärischen und geistigen Mittelpunkt des Warägerreiches. Von der Bedeutung der warägischen Einwanderung zeugen Ausgrabungsfunde und nordgermanischc Ortsnamen südöstlich der Ostsee.

Im 10. Jahrhundert vernichtete der normannische Fürst Swjatoslaw die Chasaren am Unterlauf der Wolga, wodurch auch dieser Raum erstmalig seit der Gotenherrschaft für den Westen zurückgewonnen wurde.

Nicht allein durch seine Beziehungen zu Skandinavien, sondern auch durch den Handel mit Holland und Deutschland gewann Koenugardr, das spätere Kiew, das mit seinen Marktplätzen, Häusern und Türmen zu den reichsten Städten des Ostens zählte, im 11. Jahrhundert europäische Bedeutung. Die spätere Schwächung und der Verfall des Dnjeprstaates hatte seinen Hauptgrund in dem Versickern des nordischen Blutes. Gefördert wurde die allmähliche Verschmelzung mit dem eingesessenen Volkstum noch durch die Tatsache des beiden gemeinsamen byzantinisch-orthodoxen Glaubens.

Als nun in der Mitte des 13. Jahrhunderts die Mongolen nach Europa vordrangen, war der Untergang des warägischen Staates nicht mehr aufzuhalten. Nach der Zerstörung von Kiew (1240) geriet der Großteil der heutigen Ukraine unter den unmittelbaren Einfluß der mongolischen „Goldenen Horde“. Der Nomadensturm konnte zwar in der Schlacht bei Liegnitz (1241) durch ein vorwiegend deutsches Ritterheer abgewehrt werden, doch war die Grenze Europas wieder, wie zur Zeit des Hunneneinfalls, nach Westen zurückverlegt.

Die schon vorher durch die Berufung der Deutschen nach den Teilfürstentümern Halytsch und Wolodymyr eingeleitete deutsche Ostbewegung wurde in den folgenden Jahrhunderten immer intensiver. Am deutlichsten spricht davon sowohl die Anlage zahlreicher Städte, wie z. B. Cholin, Lemberg und Wolodymyr durch deutsche Baumeister als auch die Ausbreitung des Magdeburger Stadtrechts über Krakau und Kulm bis zur Linie Kiew—Tschernigow— Witebsk.

In der deutschen Ostbewegung spielte neben Magdeburg auch Lübeck eine hervorragende Rolle, das die Dünamündung in Besitz nahm, Riga durch deutsche Kaufleute und Ritter gründen ließ (1201), in Reval und der Hermannsburg an der Narva Bollwerke schuf und über Riga hinaus nach Süden vorsließ, wo nach der Eroberung Semgallens die Stadt Memel (1252) entstand. Die Burg Neuhausen was der östlichste Stützpunkt dieses Ordensstaates.

Fast gleichzeitig legte die „Goldene Bulle“ von Rimini (1226) den Grund zu einem zweiten deutschen Ordensstaat an der Unterweichsel, wo die Ritter eine Reihe von Burgen und Städten — Thorn, Kulm, Marienwerder, Elbing, Königsberg u. a. — gründeten und die Bauers das neue Land für das Deutschtum erschlossen.

Die Vereinigung der Livländischen Schwertbrüder mit dem Deutschen Orden (1237) führte zur Bildung eines machtvollen Staatswesens als Teil des gesamtdeutschen Reiches, dessen Grenzen sich nunmehr bis zum Peipussee erstreckten. Symbolhaft für die Verschiebung des staatspolitischen Schwerpunktes vom Mittelmeer nach Osteuropa war die Verlegung des Hochmeistersitzes von Venedig nach der Marienburg (1309).

Zu derselben Zeit erlangte die Hanse unter Führung Lübecks ihre Machtstellung. Ueber Wismar, Rostock, Königsberg, Memel, Riga, Reval und Narva beherrschten die Türme deutscher Städte die Ostseeküste. Dieses weit ausgreifende Europäisierung des Ostraumes fand ihren letzten Ausläufer in Naugard (später Nowgorod) am Ilmensee. Zum Wahrzeichen dieser gewaltigen Kulturleistung wurde das deutsche Handelskontor St. Peterhof.

Geschichtlich gesehen war diese Kolonisierung ein schrittweises Zurückerobern des uralten germanischen Bodens, der stellenweise zäh von antieuropäischen Mächten verteidigt wurde. Ihre Führung und Zielsetzung lagen nach dem Zerfall der „Goldenen Horde“ bei dem polnisch-litauischen Staat und dem allmählich erstarkenden Moskowitertum.

Im Jahre 1410 wurde dann von polnischer Seite her der Angriff auf den Ordensstaat und 1558 der entscheidende Schlag Moskowiens gegen Livland geführt, das 1561 für das Deutsche Reich verloren ging. Die Grenze Europas wurde wiederum zurückgedrängt. Und das von Moskau neugegründete Petersburg wurde zum Sinnbild des mächtigen Imperialismus des Ostens.

Bereits vor vier Jahrhunderten gab es auf moskowitischem Boden eine beachtliche Anzahl von Deutschen, jedoch wurde eine deutsche Kolonisation auf dem flachen Lande erst unter Katharina II. eingeleitet. Von den 1763 bis 1767 nach Rußland eingewanderten rund 30 000 Deutschen siedelte sich ein kleiner Teil um Petersburg an, und die Mehrheit ging an die mittlere Wolga, wo es damals schon 104 deutsche Dörfer gab. Im Jahre 1914 betrug ihre Zahl 192 mit insgesamt mehr als 600 000 Einwohnern.

Hauptsächlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden rund 55 000 deutsche Bauern am Nordufer des Schwarzen Meeres seßhaft. Sie zählten 1914 ebenfalls über 600 000.

Deutsche Siedlungen gab es auch in Wolhynien, Kaukasien, Sibirien und verstreut über ganz Rußland. Zahlreich waren die deutschen Kolonien in den Großstädten.

Insgesamt lebten vor 1914 in Rußland etwa 2,4 Millionen Deutsche, die 14 450 000 ha Land in ihrem Besitz hatten. Durch Krieg, Verselbständigung von Estland, Lettland und Litauen und durch den bolschewistischen Terror sank diese Zahl, wie die Volkszählung in der UdSSR, von 1939 ergab, auf nur 1 423 534 Menschen.

Siehe auch:
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Goten-Waräger-Deutsche
Das Balten-Gebet
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Das Ende Alt-Livlands
Rußlands Dauerprobleme mit seinen Ostseeprovinzen
Der Untergang des Deutschen Ritterordens
Und immer wieder russische Grausamkeiten
Der Erste Weltkrieg im Baltikum
Das Deutschtum in den baltischen Provinzen Russlands
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Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

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    31. August 2017
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    1. September 2017
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    1. September 2017

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