Hamburg als Hafenstadt II


Der Binnenländer — oder die „Landratte“, wie der Seemann sagen würde, der sich nur an der Hand seines Konversationslexikons über den Hamburger Hafen unterrichtet und mit Staunen von dessen gewaltigen Ausmessungen gelesen hat, wird wohl zweifelnd mit dem Kopf schütteln, wenn man ihm sagt, dass die Hafenanlagen von Hamburg, die doch eigentlich ein Kind der letzten zwanzig Jahre sind, schon wieder zu klein zu werden beginnen, um den heutigen Verkehrsbedürfnissen vollauf entsprechen zu können. Wir empfehlen den Zweifler, einmal nach Hamburg zu fahren und um die frühe Morgenstunde in kleinem Boot den Hafen zu kreuzen, dann wird ihm Angesichts des dort herrschenden beängstigenden Gewimmels von grossen und kleinen Dampfern, grossen und kleinen Segelschiffen, Barkassen, Schuten, Ewern, Motorbooten und wie die Fahrzeuge alle heissen, bald das Verständnis dafür aufgehen, dass ein noch so gross angelegtes Hafenbecken, der stetigen Entwicklung unseres Handelsverkehrs und den Anforderungen, welche die modernen Hafeneinrichtungen stellen, nicht gewachsen sein kann. Damit soll nicht etwa gesagt sein, dass der Hamburger Hafen hinter der Zeit zurückgeblieben sei. Im Gegenteil, kein Hafenplatz der Welt verfügt über eine so rationelle Raumverteilung und so moderne technische Hilfsmittel, wie Hamburg.



Staunend steht der Besucher Hamburgs, auch wenn Blick er von der Welt schon etwas gesehen hat, vor der schier unübersehbaren Wasserfläche, die dicht angefüllt ist mit Dampf- und Segelschiffen aller Art. Im hellen Morgensonnenschein bietet das Hafenbecken mit seinem Wald von Masten und Schornsteinen, den bunten Flaggen aller Länder, den stolzen Schiffen und Lagerhäusern, gewaltigen Kränen usw. einen überwältigenden Anblick. Aber fast noch packender wirkt das Bild, wenn uns bei trübem Wetter ein düsteres Chaos von schwarzem Wasser, grauem Dunst und den dunklen Schatten und Silhouetten massiger Schifsrumpfe, ragender Masten, Kräne und Hafenbauwerke entgegenstarrt, darüber ein dumpfes Getöse arbeitender Maschinen, heulender Sirenen, das Bild des mit allen Mitteln moderner Technik geführten Kampfes ums Dasein. Unsere Bilder vermögen nur eine schwache Vorstellung zu geben von dem fieberhaften Leben im und am Hafen, von dem gefährlichen Gewimmel, das sich doch immer wieder harmonisch löst. Ein Binnenländer vermag sich überhaupt den Eindruck der technischen Hafeneinrichtungen, der Riesenkräne, der Elevatoren nicht vorzustellen; kein noch so grosser Industriebetrieb kann sich damit an äusserer Wirkung messen. Geradezu beängstigend ist der Betrieb früh, wenn die Masse der Schauerleute, Lagerarbeiter, Kohlenarbeiter nach allen Richtungen hin in zahllosen kleinen Dampfern ihren Arbeitsplätzen zustrebt. Da herrscht ein solches Gewimmel auf der weiten Wasserin einen Lagerschuppen fläche, dass man meint, es könne nicht ohne zahlreiche Kollisionen abgehen. Aber nur selten passiert etwas, und nach 20 Minuten ist der normale Zustand wiederhergestellt. Doch reissen wir uns von diesem Anblick, wie er sich uns von der Höhe zwischen der Altstadt und St. Pauli, vom Seemannshaus und der Seewartc bietet, los und nehmen wir an einer Rundfahrt auf einem der kleinen Fahrzeuge der Hafen-Dampfschiffahrts-Aktiengesellschaft teil, welche den Passagierverkehr von einer Hafenspitze zur andern besorgt.

Man darf sich den Hamburger Hafen nicht als eine ununterbrochene Wasserfläche vorstellen, die nur am äusseren Rand den Schiffen Gelegenheit zum Anlegen bietet. Das Hafenbecken ist vielmehr durch ein strahlenförmiges System langer Steindämme, die gewaltige nach beiden Seiten ins Wasser abfallende Lagerhäuser mit Zufahrtsgeleisen tragen, in kleinere Häfen zerlegt. An den Kaimauern am Fuss dieser Lagerhäuser liegen die zahllosen Dampfer und Segelschiffe, die täglich in Hamburg kommen und gehen. In der Mitte dieser Einzelhäfen sind lange Reihen mächtiger Pfahlbündel in den Grund gerammt. Dort legen die neuankommenden Schiffe an und warten bis der ihnen zugewiesene Platz an der Kaimauer frei wird und sie sich ihrer Ladung entledigen oder neue Ladung nehmen können.

Ein gutes Dutzend langgestreckter Hafenbecken bietet da einigen hundert Schiffen Raum: der Baken-Hafen, der Segelschiff-Hafen, der Hansa-Hafen, der India-Hafen, der Kaiser-Wilhelm-Hafen, der Petroleum-Hafen und wie sie alle heissen. Besondere Kainamen deuten in diesen Häfen wieder auf die Schiftslinien hin, die sie zu benützen pflegen, so der Afrika-Kai, der Amerika-Kai, der Oswald-Kai usw.

Betrachten wir uns das Leben, das sich an diesen Kais abspielt, mit aufmerksamen Augen, so tut sich eine ganze Welt vor uns auf. Hier nimmt ein Postdampfer, der nach Ostasien fährt, Kohlen ein. Dort wird ein Getreideschilf aus Amerika entladen. Das geht ganz ohne Lärm zu. Ein riesiger Elevator streckt lange Röhren wie Säugrüssel in den Bauch des Schiffes und saugt es lautlos leer. Auch im Petroleumhafen wird geräuschlos gearbeitet. In einem einfachen Rohr wird das minder angenehm duftende Nass in riesige am Kai stehende Tanks gepumpt. An einer andern Stelle löscht ein Woermann-Dampfer seine afrikanische Fracht: Ballen mit Hanf, Baumwolle, Säcke mit Kautschuk, Fässer mit Palmöl und andre schöne Dinge holen die Kräne aus ihm heraus, ein grosses Segelschilf aus Chile entledigt sich zahlloser Säcke mit Guano und Salpeter, ein andres duftet lieblich nach Südfrüchten, wieder ein andres nach Kaffee. Seitwärts hält mitten im Fahrwasser ein gewaltiger „Hapag“-Dampfer. Eben steigen die letzten Fahrgäste, von einem Motorboot herbeigebracht, die Schilfstreppe empor und werden vom Kapitän und den Offizieren empfangen. DieSchilfskapelle spielt „Deutschland, Deutschland über Alles“, und dann setzt sich der Koloss in Bewegung. Eben ist der Hapag-Dampferblicken  Lücken entschwunden, da gleitet ein deutscher Südamerikadampfer, kenntlich an der rot-weissen Flagge, und kurz darauf ein Woermanndampfer mit blau-weissgrüner Flagge an uns vorbei die Elbe hinab.

Zu den grössten Sehenswürdigkeiten des Hamburger Hafens gehören die grossen Schiffswerften von Blom & Voss, die Staatswerft und der Hamburger „Vulkan“. Schon von der Ferne sehen wir gewaltige Eisenkonstruktionen kirchenhoch in die Luft ragen. Es sind die Gerüste für die Ozeanriesen, welche hier gebaut werden. Ohrenbetäubend stampfen hier die Niethämmer an den Schiffsrümplen herum, und man ist froh, wenn man aus dem Höllenlärm wieder heraus ist. Längs des Ufers sitzen in riesigen Schwimmdocks die beschädigten und bewachsenen Schiffe, um geflickt, gereinigt und frisch gestrichen zu werden.

Gegenwärtig bietet der Hamburger Hafen etwa zwanzigtausend laufende Meter Liegeplätze an festen Kais dar, und er vermag, einschliesslich der Liegeplätze an Pfahlgruppen, ungefähr dreihundertfünfzig Seeschiffen die Möglichkeit gleichzeitiger Abfertigung zu bieten.

Trotz alledem wird der Hamburger Hafen aber allmählich zu klein und man plant eine prossartige Erweiterung. Zuerst soll das Freihafengebiet erweitert werden, damit mehr Raum wird für die Industrien, die das eingeführte Rohmaterial zollfrei einführen und verarbeiten — „veredeln“ heisst der Fachausdruck. Hand in Hand damit soll die Vergrösserung des Hafenbeckens gehen. Ferner beabsichtigt man die Elbe einzudämmen und zu vertiefen, denn die heutigen grössten Ozeandampfer können den Hafen nur noch mit Mühe erreichen, weil sie beständig den Grund streifen. Wer nach zehn Jahren wieder einmal nach Hamburg kommt, wird über die gewaltigen Veränderungen, die bis dahin vollbracht sind, staunen.

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