Hamburg als Handelsstadt : Aus Hamburgs Vergangenheit


Heute, da wir auf ein Vierfeljahrhundert kolonialer Tätigkeit zurückblicken, dürfen wir neben den Taten unsrer Kolonialheroen, Nachtigal, Liideritz, Peters usw., auch das Wirken der Handelsherren unsrer Hansestädte nicht vergessen. Sie waren es in erster Linie, die unsrer kolonialen Ausdehnung Uebersee die Wege gewiesen und geebnet haben. Insbesondere Hamburgs Handelsbeziehungen bildeten vielfach die Grundlage zu territorialen Erwerbungen für das Deutsche Reich. In allen unsern Kolonien war der Hamburger Kaufmann vor dem eigentlichen Kolonialpionier da, wenn er nicht, wie Adolf Lüderitz, sogar die territoriale Erwerbung unmittelbar veranlasste. Unsre Erwerbungen in der Südsee sind geradezu aus den Niederlassungen des Hamburger Hauses Godeffroy hervorgegangen. In Kamerun waren es insbesondere die Firma Woermann, in Ostafrika die Häuser O’Swald und Hansing, deren Niederlassungen den Gedanken an Landerwerbungen nalielegten. Doch das alles soll den Gegenstand einer späteren Darstellung bilden, denn es fällt in die neuere Geschichte der freien und Hansestadt Hamburg. Zunächst soll uns ein Blick in das Handelsgetriebe Alt-Hamburgs die eigenartige wellbeherrschende Stellung, die Hamburg auch heute noch im Weltverkehr einnimmt, verständlich machen.



Durch seine günstige geographische Lage geradezu zum Seehandelsplatz prädestiniert, konnte sich Hamburg  dank dem Rückhalt, dessen es sich durch den Bund der Handelsstädte, der „Hansa“, erfreute, schon seit dem Mittelalter jahrhundertelang beinahe ungestört und unangefochten zu seiner seebeherrschenden Stellung entwickeln. Störungen und Anfechtungen machten sich erst nach der im 17. Jahrhundert erfolgten Auflösung der Hansa geltend. Namentlich hatte die Stadt sehr unter den napoleonischen Kriegen um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts zu leiden, wie auch die andern Hansastädte, z B. Lübeck und Bremen. Immerhin fällt noch eine Hauptblütezeit Hamburgs in das letzte Drittel des 17. und in das 18. Jahrhundert.

In diese Zeit versetzen uns unsre Bilder zurück, die uns das althamburgische Kaufmannshaus mit seiner soliden, ehrenfesten, anderseits aber auch verhältnismässig luxuriösen äusseren und inneren Ausstattung vor Augen führen. Gustav Freytags klassischer Roman „Soll und Haben“ könnte statt in Breslau auch in jedem dieser alten Kaufmannshäuser spielen, wie denn überhaupt das dort geschilderte Milieu dem althamburgischen, das unlängst Dr. Th. Raspe in Velhagen und Klasings Monatsheften anschaulich vorzuführen wusste, sehr verwandt ist.

„Mancher Kaufmann“, sagt dort Dr. Raspe, „erinnert sich noch des ersten Eindrucks, den einst die alten Geschäftsviertel und das Innere der würdigen ernsten Häuser auf ihn machten. Ja wir können noch heute im Kirchspiel von St. Katharinen eine Ahnung vom ehemaligen Aussehen der Kaufmannsbauten oder ganzen Strassen und Fleetansichten bekommen. Aber es wirkt schon wie ein Traum von alter Herrlichkeit, wie eine Szenerie zu Grossvaters Erzählungen, an denen man sich inmitten der kalten modernen Strassen und des erregten Treibens erwärmt und beruhigt.“

Das isi aber nur die heutige Physiognomie der alten Hamburger Geschäftsstrassen. Noch vor wenigen Jahrzehnten, besonders aber vor 100—150 Jahren hat hier reges Leben geherrscht, ging doch von diesen Kaufmannshäusern der Welthandelsverkehr Hamburgs aus. ruhten doch hier die Wurzeln des soliden Reichtums, der auch heute noch der Stadt ein Uebergewicht über andre Handelsplätze sichert und ihr Geschäft bis zu einem gewissen Grade von dem internationalen Grosskapital unabhängig macht.

Die ganze Stadtanlage Hamburgs schon in jenen früheren Zeiten weist darauf hin, dass das Dichten und Trachten der Hamburger Bürgerschaft im Handel aufging Die Wasserstrassen — „Fleete“ — laufen bald gerade, bald in Krümmungen durch die Stadtviertel, sodass der Plan Allhamburgs richtige Häuser-inscln enthält und schon die zweckmässige Anordnung für den Handelsverkehr verrät. Das alles lassen noch Abbildungen und der gegenwärtige Zustand der Strassen ahnen. Nur das bunte, rastlose Leben der Barock- und Rokokozeit müssen wir diesen Bildern eingügen. Wenn die Rollen der Haspelwinden, die überall auf unsern Bildern noch zu sehen sind, rasselten und Warenballen, schwere Tonnen oder Kisten an Tauen in die Höhe befördert wurden, um in dunklen Lücken zu verschwinden, wenn auf dem Fleet das Gedränge von kleinen Fahrzeugen, Prahmen, Ewern, Schulen usw. begann und ein murmelndes Stimmengewirr den Geschäftslärm begleitete, fühlte der Fremde erst die wechselreiche Eigenart, des Hamburger Kaufmannsviertels. Hier stehen oder standen nun, eingeschlossen zwischen Fleet und Strasse, die Kaufmannshäuser, lange schmale Bauten.

„Die merkwürdig langgestreckte und schmale Gestalt des Kaufmannshauses — sagt Dr. Raspe in dem erwähnten Aufsatz — findet in einer Dreiteilung ihre einfache Begründung. Da Vorderhaus und Speicher eine besondere zweckmässige Lage an der Strasse einerseits, am Fleet anderseits beanspruchen, so wurde ein längerer Mittelbau nötig, um beide Hauptteile miteinander zu verbinden. Dieses Mittelbaus besass nicht einmal die ganze Breite der Front, sondern musste den Grund mit einem Hof, dem sogenannten „Steinhol“, teilen, der es in seiner vollen Länge, von der fensterreichen Dielentür an bis zum Eingangsportal des Speichers, begleitete. War der Typus dieser Einteilung auch fast allgemein angenommen, weil er der von der Praxis gegebene war, so wechselt doch die Gliederung und Ausnutzung der Räume je nach dem Bedürfnis zahlreicher Wohngelasse oder mannigfaltiger Warenlagerstätten. Jedenfalls blieb stets ein beträchtlicher Teil des Mitlelhauses dem Familienleben erhalten, das sich so wirklich zwischen den beiden Polen des Geschäftsbetriebes abspielte und manche recht charakteristischen Züge von dort aufnahm.“

Wie unsre Bilder erkennen lassen, spielt in dem althamburgischen Kaufmannshause die Diele eine besondere Rolle.

„Sie kann als das Herz des Kaufmannshauses gellen; denn hier laufen alle Wege vom Hofe und vom Speicher, vom Keller und vom Boden, von den Wohngemächern und den Winschaftsräumen zusammen; in der Diele vereinigt sich die ganze Interessenwelt des Hauses zum lebensvollen Bilde, und sie umschliesst auch das Geheimnis des poetischen Zaubers, den der kaufmännische Betrieb trotz aller Prosa ausübt. Die Diele ist ja gleichzeitig der Stolz der Familie und verrät ihr doppeltes Wesen in der Vereinigung von praktischen Anlagen mit künstlerischem Schmuck (Pfeiler, Treppen geiänder und Stuckdecke) und bürgerlicher Zierlichkeit. Während sich z. B. auf der Decke Arabesken oder Akanthusrankcn zwischen Rokokokartuschen und allegorischen Figuren hindurchwinden, durchbricht sie gleichzeitig fast roh und gewaltsam eine Luke, um die Kisten und Ballen an dicken Tauen zum Dachboden hindurchzulassen. Vielleicht liegt aber gerade in dieser zweckmässigen Zwitterstellung der Zauber der anheimelnden und lebensvollen Sprache der Kaufmannsdiele.“

Das alles mag nach unsern heutigen Begriffen etwas spiessbürgerlich anmuten. Man muss aber bedenken, dass damals zu dem heutigen Hasten und Jagen keine Veranlassung vorlag. Zu einer Zeit, als man von Telephon und Telegraph, Eisenbahn und Schnelldampfern noch nichts wusste, konnte sich das Handels geschält mit einer gewissen Bedächtigkeit abwickeln. Mit Stolz kann jedenfalls Hamburg sagen, dass in seinen alten Kaufmannsvierteln die Wurzeln unsres überseeischen Handels liegen und dieser Stolz kommt demCharakter des echten Hamburgers auch deutlich zum Ausdruck.

Bereitwillig wird ja heute noch Hamburg eine gewisse Sonderstellung neben der Weltstadt Berlin eingeräumt. Kann es sich mit diesem auch nicht hinsichtlich der Grossartigkeit der Anlage, des inneren Verkehrs messen, so hat es vor der Weltstadt Berlin doch den Vorzug voraus, dass man angesichts seiner Hafenanlagen den Pulsschlag des Weltverkehrs unmittelbar fühlt. Darum pflegt man auch im Reich dem manchmal vielleicht allzu fühlbaren Selbstbewustsein des Hamburgers ein gewisses nachsichtiges Verständnis entgegenzubringen. Man fühlt eben, dass dieses Selbstbewusstsein einer berechtigten Heimatliebe entspringt.

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    11. Oktober 2016
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