Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Maler dieser Epoche

Die Anzahl der Maler, welche die deutsche Kunst in dieser Epoche in einer würdigen Weise vertreten, ist aus den oben angegebenen Ursachen nur mässig, wird aber noch durch den Umstand verringert, dass die Mehrzahl der Deutschen von namhaftem Talent, wie die beiden Ostade, Gaspar Netscher, Govaert Flink, Johann Lingelbach, sich schon früh nach Holland wendeten, wo sie sich den Geist und die Technik jener Schule durchaus aneigneten, dort lebten und starben und zum Theil Schüler zogen, so dass sie mit Recht der holländischen Schule beigezählt werden. Selbst von den Meistern, welche den Gegenstand unserer Betrachtung ausmachen, sind einige die Schüler holländischer Maler, nur sind sie nach Deutschland zurückgekehrt und nehmen eine selbständigere Stellung ein. Andere deutsche Künstler standen auch in dieser Epoche früher unter dem Einfluss der italienischen Schulen der Carracci und des Michelangelo da Caravaggio, oder der Eklektiker und Naturalisten, später unter dem des Pietro da Cortona, des Trevisani und anderer Maler der späteren, venetianischen Schule. Ja einige, wie Ulrich Loth und sein Sohn Carl aus München, nahmen nicht allein die Weise dieser Schule durchaus an, sondern sie lebten auch in Venedig, so dass sie mit Recht zur italienischen Schule gerechnet werden. ,

Ich betrachte zuerst die Historienmaler.

Paul Juvencl, geboren zu Nürnberg 1579, gestorben zu Presburg 1643, war der Sohn des niederländischen Perspektivmalers Nicolas Juvenel, welcher sich in Nürnberg niedergelassen und ihm auch den ersten Unterricht in der Kunst ertheilt hatte. Sein zweiter Meister war indess Adam Elzheimer. In den einzigen, mir von ihm bekannten Werken, den Malereien an der Decke des kleinen Saals im Rathhause zu Nürnberg, huldigt er zwar in dem Hauptbilde , welches einen deutschen Kaiser von vielen allegorischen Figuren umgeben, darstellt, dem wenig glücklichen Zeitgeschmack der Allegorien, indess sind zwei andere Bilder, Horatius Coeles, welcher die Brücke vertheidigt, und der Einzug des Attila in Rom, recht lebendig aufgefasst, alle aber, in einer kräftigen Farbe fleissig ausgeführt.

Ungleich bedeutender ist der 1606 in Frankfurt geborene, 1688 in Nürnberg gestorbene, Joachim von Sandrart. Nachdem er das Zeichnen bei Theodor de Bry und Mathaeus Merian, das Kupferstechen bei Egidius Sadeler gelernt hatte, besuchte er für die Malerei die Schule des Gerard Honthorst in Utrecht. Im Jahr 1627 ging er zuerst nach Venedig und dann nach Rom, wo er, während eines mehrjährigen Aufenthalts, als Künstler, wie als vielseitig gebildeter Mann von einer unabhängigen Lage, nicht allein mit den ersten Künstlern, sondern auch mit anderen bedeutenden Männern, wie Galilaei und dem Marchese Giustiniani, in einen freundschaftlichen Verkehr trat. Nach seiner Rückkehr fand er als Künstler in Deutschland, namentlich in Baicrn und Oesterreich, die lebhafteste Anerkennung, und sehr gross ist die Anzahl der Altarbilder, welche er für München, Augsburg, Würzburg, Bamberg, Regensburg, Eichstädt, Freising, Landshut, Salzburg, Linz, Wien und verschiedene österreichische Klöster, ausgeführt hat. Ausserdem aber behandelte er auch mehrfach Gegenstände aus dem Gebiet der Geschichte, der Mythologie und Allegorie, und malte eine grosse Anzahl von Porträten. Das Talent von Sandrart war von Haus aus entschieden realistischer Art und erhielt daher von Honthorst nur die ihm entsprechende Pflege. Obwohl aber in vielen seiner Bilder, selbst bis zur späteren Zeit, der Einfluss desselben unverkennbar ist, so gewahrt man doch auch häufig eine starke und öfter recht glückliche Einwirkung des Rubens und van Dyck. Mit vielem Sinn für Composition und einer guten Zeichnung verband er eine sehr geübte Pinselführung. Hierzu kommt, in seinen meisten Bildern bis zum Jahr 1645, eine warme und klare Färbung. Später verfiel er leider mehr und mehr in einen schwerbraunen Ton. Folgende Bilder sind für ihn besonders charakteristisch. Sein noch in Rom, mithin vor dem Jahr 1634, für den Marchese Giustiniani ausgeführter Tod des Seneca, No. 445, im Museum zu Berlin. Bei Nachtbeleuchtung ganz in der Art des Honthorst aufgefasst, feiner als jener gezeichnet, indess ungleich minder klar in der Färbung. Das beste, mir von Sandrart bekannte Bild ist die Amsterdamer Schützengesellschaft, bei der Einholung der Königin Maria von Medici, deren Büste in der Mitte aufgestcllt ist, No. 71, im neuen Rathhause zu Amsterdam. Dieses, ohne Zweifel während eines längeren Aufenthalts, welchen er nach dem Jahr 1637- iu Amsterdam nahm, ausgeführte, Bild ist grösser in der Auffassung der Form, lebendiger in den Köpfen, von denen einige des van Dyck nicht unwürdig sind/klarer in der Färbung, meisterlicher in der Behandlung, als man sonst diesen Meister kennt. Es seheint, dass die Nähe der grossen, holländischen Meister, eines van der Heist, eines Rembrandt u. s. w., sein gewöhnliches Vermögen bis zu dieser Höhe gesteigert hat. Als tüchtiger, derber Realist im Geschmack des Honthorst erseheint er in den zwölf Monaten in der Gallerie zu München, welche, wie in den Kalendern, durch die, in jedem übliche Beschäftigung, dargestellt sind. So z. B. der Januar, No. 101, durch einen alten Mann im Lehnstuhl, weleher sich am Feuer wärmt, der Februar, No. 102, durch einen wohlbeleibten Koeh. In dem ersteren sieht man hier den offenbaren Einfluss des Rembrandt, in dem zweiten den des Jordacns. Die übrigen tragen die Nrn. 115, 116, 117, 140, 141 , 142, 159, 160, 161, 163. In eigentlichen Allegorien folgte er vornehmlich dem Rubens. Ein gutes Beispiel der Art, Pallas und Saturn, welche die Genien der schönen Künste gegen die Furien des Neides beschützen, bezeichnet und 1614 datirt, befindet sich in‘ der Gallcrie zu Wien. Wie sehr es ihm aber versagt war, Gegenstände der Mythologie mit Erfolg zu behandeln, beweist sein Apollo, welcher sich über die Erlegung des pythischen Drachen freut, in der Gallerie degli Uffizi zu Florenz. Der Gott ist hier ebenso gemein in seinen Gesichtszügen, als in seiner Bewegung. In einem kleinen Bilde, der Vermählung der heiligen Catharina, datirtl647, in der Gallerie zu Wien, wird, bei übrigem Einfluss des Rubens, der Ton schon fahl und schwach. Ein Archimed mit dem Cirkef ebenda, sehr fleissig in der Manier des Honthorst gemalt, vom Jahr 1651, ist vollends im Fleisch von schwerer, braunrother Färbung. Obwohl ungleich minder gut, als die Schützengilde in Amsterdam, besonders, mit Ausnahme der Köpfe, sehr schwer und dunkel in der Farbe, ist sein 1650 ausgeführtes Fest des west-phälischen Friedens, No. 65, in der Sammlung des Landauer Brüderhauses zu Nürnberg. Die Portraite, zumal das des Künstlers zur Rechten im Yorgrunde, sind recht lebendig und in einem warmen Ton tüchtig gemalt. Ueber Sandrart als Kunstschriftsteller habe ich mich schon an einer anderen Stelle ausgesprochen.

Carl Screta, geboren zu Prag 1604, gestorben ebenda 1674r bildete sich als Künstler in Italien, namentlich in Rom aus, welches er 1634 in Gesellschaft von Wilhelm Baur besuchte. Er war in dess ein so originelles und namhaftes Talent, dass man in seinen Werken nicht die Nachahmung eines bestimmten Künstlers erkennt, sondern nur gewahr wird, dass er sich dort alle darstellende Mittel der Kunst aneignete. Er war mit einer ungemeinen Leichtigkeit der Erfindung begabt. Manche seiner historischen Gemälde zeigen ein dehl Rubens verwandtes Feuer. In seinen männlichen Heiligen herrschen Kraft und Würde, in den weiblichen viel Sinn für Schönheit, in beiden ein edles und warmes Gefühl. Dabei haben seine besten Bilder eine treffliche Haltung und verrathen eine tüchtige Kenntniss des Helldunkels. In der Führung des Pinsels ist er endlich geistreich und von grosser Weiche. Mit Ausnahme seiner Portraite, welche an Lebendigkeit der Auffassung und Klarheit und Kraft des Tons an die früheren Bilder des van der Ilelst erinnern, erkennt man indess in den schweren, dunklen Schatten den Einfluss der gesunkenen Technik der Schule der CarraccL Sein Feuer reisst ihn dabei öfter zu übertriebenen Stellungen und Incorrectheiten der Zeichnung hin. Ja viele seiner Bilder sind in allen Theilen flüchtig und stehen tief unter seinem Kunstvermögen. Von den 103 Altarblättern, welche Dablacz1 von ihm aufführt, kann ich natürlich nur einige erwähnen. Unter verschiedenen, in der Theinkirche zu Prag befindlichen, nenne ich, als besonders gelungen, Lucas, der die Maria malt, auf dem Altar der Maler. Ein treffliches Beispiel seines Talents für sehr grosse und sehr dramatische Compositionen gewährt das Bild auf dem Hochaltar der Maltheserkirche in dem Theil von Prag, welcher die Kleinseite genannt wird. Auf die Bitte Johannes, des Täufers, und mehrerer Johanniterritter um den göttlichen Beistand gegen die Saracencn, schleudert das Christuskind (ein mir neues Motiv), der Erzengel Michael und andere Engel den Blitz auf die Flotte der Türken, deren Untergang man im Hintergründe sieht. Die Erfindung ist von grosser Kühnheit, die Färbung kräftig, die Köpfe der Johanniter edel. Auf einem anderen Altarbilde derselben Kirche, die Tödtung der heiligen Barbara von ihrem eignen Vater, weil sie die Anbetung der Götzen verweigert, ist besonders die Heilige schön und edel im Charakter und Ausdruck. Ein gutes Beispiel des Screta als Portraitmaler, gewährt das eines sitzenden Mannes mit einer Rcissfeder, welcher ein neben ihm stehendes Weib ansieht, in der ständischen Gallerie zu Prag, welche auch verschiedene andere gute, wie geringe Bilder des Meisters enthält. — Von den zehn Bildern des Screta in der Dresdener Gallerie, No. 1731 bis 1740, gehört die Mehrzahl zu seinen schwächeren Arbeiten. Am meisten zeichnen sich noch der heilige Gregorius, No. 1735, und Moses, No. 1739, aus.

Mathias Simbrecht, auch Zimbrecht geschrieben, geboren zu München, gestorben an der Pest zu Prag 1680. Sein Meister ist nicht bekannt, doch beweisen seine Bilder, dass er sich vornehmlich nach Raphael gebildet hat und lassen auf einen längeren Aufenthalt in Korn schliessen. Er scheint nur Bilder religiösen Inhalts ausgeführt zu haben. Mir ist kein anderer Maler bekannt, welcher in einer so späten Zeit sich von seinem grossen Vorbilde die ungemeine Einfachheit und Ruhe der Composition, den Adel der Formen, die Reinheit des Gefühls, den trefflichen Geschmack der Gewänder in dem Maasse angeeignet hätte, als dieser Simbrecht. Hiermit verbindet er überdem meist eine warme und kräftige Färbung. Nach der geringen Zahl der noch von ihm vorhandenen Bilder möchte er kein hohes Alter erreicht haben. Das Hochaltarblatt in der Kirche des heiligen Stephanus in der Neustadt von Prag ist eine grosse Composition von guter Anordnung. In den einzelnen Theilen erkennt man hier indess den Einfluss der Schule des Carracci. Die Färbung ist von einer Kraft, welche an Rubens erinnert. Die heilige Rosalia, auf einem Altar derselben Kirche, zeigt schon entschieden jenen Einfluss von Raphael. Noch deutlicher tritt indess derselbe in zwei, für die Hibernerkirche gemalte, jetzt in der ständischen Gallerie aufbewahrte Bilder, Anna und Joachim, welche die Maria lesen lehren, und der Heimsuchung Mariä, hervor.

Johann Georg Heintsch, geboren in Schlesien, lobte vom Jahr 1673, bis zu seinem Tode im Jahr 1713, in Prag und bildete sich in manchen Stücken nach Karl Screta aus. Er verfolgte indess eine mehr ideale Richtung. Er hat besonders ein lebhaftes Gefühl für Anmuth der Bewegungen und für die Reinheit und Lieblichkeit in den Köpfen von Frauen und Kindern. In der Färbung hält er eine kühle, aber helle Stimmung fest. Er ist sowohl einer breiten, als einer zarten Behandlung gewachsen. Besonders bemerkenswerte Bilder von ihm sind: Christus, zwölfjährig, im

Tempel lehrend, in der ständischen Gallerie in Prag. Der Kopf Christi erinnert in der reinen Kindlichkeit an Borgognone. Der Ausdruck in den Köpfen der Maria und des Joseph ist würdig und’ lebendig. Maria stehend, im Jahr 1696 ausgeführt, auf einem Altar der Kirche auf dem Karlshof zu Prag. Trefflich in Form und Ausdruck! — Christus nach der Versuchung von Engeln mit Speis und Trank bedient im Sommerrefectorium des Klosters Strahow zu Prag. Von höchst origineller Auffassung! Christus sitzt au einem Tisch, welcher von vielen anmuthigen Engeln reich mit Speisen besetzt wird. Einer von ihnen fliegt mit einer Schüssel, worauf ein grosser Krebs, herbei. Der Heiland, in Form und Ausdruck durchaus würdig, hat sich soeben eine Auster erkoren. Die Engel geben bei ihrer Verrichtung die grösste Ehrfurcht zu erkennen.

Heinrich Schönfeldt, geboren zu Bibcrach 1609, gestorben zu Augsburg 1675, war ein Schüler des Johann Sichelbein, vollendete aber seine Kunstbildung durch eine Reise nach Italien. Er war ein sehr vielseitiger Künstler, denn er behandelte Gegenstände aus der heiligen, wie der Profangeschichte, aus der Mythologie und Allegorie. Er malte endlich auch Idyllen und

Landschaften. Dabei ist die Anzahl der von ihm ausgeführten Bilder, namentlich der Altarblätter in Kirchen zu München, Bamberg, Salzburg, Eichstädt, Augsburg, Brixen, Ingolstadt und Nördlingen sehr ansehnlich. Er hat ein grosses Geschick im Componiren und häufig etwas Gefälliges in seinen Figuren, auch fehlt es seinen Bildern nicht an Haltung. Die Zeichnung ist indess oberflächlich, die Färbung nur ausnahmsweise klar, in der Regel aber schwach, bunt und in den Schatten schwer. Sein Vortrag ist bald breit und kräftig, bald weich und zart. Die Bilder von ihm sind von höchst verschiedenem Werth. Als ein gutes Beispiel seiner Altarbilder führe ich eine Kreuzigung im Dom zu Würzburg an. Unter seinen Darstellungen aus dem alten Testament zeichnet sich in Composition, Haltung im Silberton und fleissige Ausführung seine Versöhnung von Esau und Jacob in der Gallerie zu Wien aus. Ein etwas grösseres Bild desselben Gegenstandes und dessen Gegenstück, Gideon der sein Heer aus dem Jordan trinken lässt, beide in derselben Gallerie, gehören dagegen zu seinen kalten und bunten Bildern. Am widrigsten erscheint er in stark bewegten Vorgängen aus der Mythologie, wie in seinem Kampf der Giganten, in der Dresdener Gallerie, Ko. 1742. Dagegen sind zwei Bilder ebenda, Ko. 1743 und 1744, musikalische Unterhaltungen im Kostüm seiner Zeit, in den Motiven lebendige, in der Färbung klare, in der Ausführung fleissige Decorations-malereien.

Ich gehe jetzt zur Betrachtung der Genremaler über.

Bei weitem der ausgezeichnetste derselben ist Johann Heinrich Roos, welcher 1631 zu Otterndorf in der Rheinpfalz geboren, 1685 zu Frankfurt in einer Feuersbrunst den Tod fand. Schon als Knabe nach Amsterdam gekommen, empfing er dort von seinem 9teu bis zu seinem 17ten Jahre den Unterricht des Malers Juliaen Dujardiu, später den des Adriaen de Bye. Wann er Holland Verlässen hat ist ungewiss, sicher aber, dass er sich im Jahr 1671 in Frankfurt niederliess. Er legte sich fast ausschliesslich auf die Malerei von Thieren in Landschaften, welche durch das Anbringen von Gebäuden, Ruinen und Brunnen im italienischen Geschmack den Einfluss des Jan Baptist Weenix und Berchem verrathen, und häufig zu sehr den Eindruck des Componirten, im Gegensatz der frischen und unmittelbaren Naturanschauung, machen, wodurch die Landschaften in den Viehstücken des Paul Potter und Adriaen van de Velde so sehr anziehen. Uebrigens verband er einen gewählten Geschmack für die Coniposition mit dem feinsten Naturgefühl für die Thiere, von denen ihm vor allen die Schafe gelingen, und einer vortrefflichen Zeichnung. Obwohl seine Bilder auch in der Haltung, in der Wärme und Klarheit des Tons öfter durchaus befriedigen, war doch der Farbensinn die schwächere Seite seines Talents, so dass manche Bilder von ihm bunt ausgefallen, andere in einem fahlen und kalten Ton gehalten sind. Auch kommt er, wie frei, und auch wieder wie delikat, seine Pinselführung ist, im Impasto den grossen, niederländischen Thiermalern nicht gleich. Da die Anzahl seiner Bilder, unerachtet ihrer sehr in’s Einzelne gehenden Ausführung, und des massigen Alters von 54 Jahren, welches er erreichte, sehr zahlreich ist, muss er sehr fleissig gewesen sein. Yon den Gallerien in Deutschland haben die zu München und Frankfurt die meisten Bilder von ihm aufzuweisen. Das frühste, mir von ihm bekannte, mit einem Datum versehene Bild ist eine, 1663 be-zeichnete, ruhende Heerde mit einem Hirten, welcher einem Mädchen ein Lamm bringt, No. 124, der Münchener Gallerie. Es ist ansprechend in der Composition, brillant beleuchtet und ungewöhnlich kräftig impastirt, doch etwas bunt. Als ein Beispiel, wie schreiend bunt dieser Maler bisweilen ist, führe ich einen weissen Stier, der durchs Wasser geht, ebenda No. 107, an. Reizend in der Composition, harmonisch und saftig in der Färbung und von fleissiger Ausführung ist dagegen ebenda, No. 132, eine ruhende Heerde, worauf ein Hirt und eine Hirtin mit einem springenden Bock spielen. Zwei der schönsten Bilder von ihm, beide mit 1682 bezeichnet, besitzt indess die Gallerie zu Wien. Das eine, worauf einiges Yieh in der Nähe eines Brunnens, ist schön componirt, sonnig beleuchtet, in allen Theilen klar, und höchst delicat in der Ausführung. Das andere, mit weidendem Vieh in der Nähe einer Felswand, vereinigt mit ähnlichen Yorzügen eine noch grössere Kraft und für ihn seltne Wahrheit in der harmonischen, abendlichen Sonnenbeleuchtung. Ungleich minder harmonisch,  und durch den Reichthum der Composition ausgezeichnet, ist ein mit 1683 be-zeichnetes Bild, No. 909, im Berliner Museum. Die stattliche Landschaft enthält ausser einer zahlreichen Heerde von Vieh noch eine, sich an einem Brunnen erfrischende, Jagdgesellschaft. Unter den Viehstücken in Frankfurt zeichnet sich, No. 278, eine neben

Säulen ruhende Heerde, und ein Hirt mit einem. Lamm, datirt 1674, am meisten durch die Klarheit des Tons aus. Dort befindet sich aber auch, No. 277, sein eignes, von ihm gemaltes Brustbild in Lebensgrösse, welches, sowie ein anderes, No. 123, in der Gallerie zu München, durch die gute Zeichnung, die treffliche Modellirung, die meisterliche Behandlung zeigt, dass er auch solcher Aufgabe durchaus gewachsen war. Nur die Farbe ist auch hier kaltröthlich und schwer. In seinen Radirungen, wo die Farbe wegfällt, steht II. Roos indess ganz auf einer Höhe mit den grössten holländischen Malern. Die ausserordentliche Naturwahrheit der Thiere, vor allem der Schafe, worin ihm, meines Erachtens kein anderer Meister gleich kommt, die treffliche Zeichnung, welche auch dife schwierigsten Verkürzungen mit Sicherheit handhabt, finden sich hier mit einer ausserordentlichen Gewandtheit der leichten und geistreichen Nadel, welche alle Einzelheiten, z. B. die verschiedene Art des Fells der Thiere, der Kühe, der Schafe, der Ziegen auf das Glücklichste wiedergiebt, vereinigt. Hierüber aber ist die allgemeine Haltung und die Beobachtung des Helldunkels in keiner Weise vernachlässigt. Den 39, von Bartsch beschriebenen Blättern hat Weigel noch 3 hinzugefügt, so dass wir jetzt 42 von ihm besitzen. Zu den schönsten unter diesen gehören No. 31, welches Bartsch „labergere“ nennt, und wovon, ungeachtet der grossen Seltenheit, sich zwei Abdrücke in der Kupferstichsammlung des britischen Museums befinden, und No. 38, eine reiche Landschaft im italienischen Geschmack, in derem Vorgrunde ein schlafender Schäfer mit seiner kleinen Heerde. Die Wirkung dieses Blattes ist ebenso malerisch und warm, als die Behandlung breit und geistreich.

Philipp Roos, genannt Rosa di Tivoli, Sohn und Schüler des vorigen Meisters, geboren zu Frankfurt 1655, gestorben zu Rom 1705, malte in der früheren Zeit in der Weise seines Vaters, bildete aber später, als er sich zu Tivoli niedergelassen, sich eine davon ganz verschiedene aus. Er malte nämlich in breiter, dekorativer Weise Bilder von ansehnlichem Maassstabe, worauf Menschen und Thiere in Naturgrösse dargestellt sind. Gelegentlich fügte er seinen Thieren Figuren aus der heiligen, oder Profangeschichte, als Noah, der die Arche verlässt, oder Orpheus, welcher die Geige spielt, bei. Unerachtet er die Thiere mit grosser Wahrheit auffasste und in geistreicher Weise mit breitem Pinsel malte, machen doch die Mehrzahl seiner Bilder, durch den, bis auf die Lichter, schwerbraunen Ton und eine zu flüchtige Behandlung einen widrigen Eindruck. Bessere Bilder von ihm sind, Noah von allerlei Thieren umgehen in der Gallerie zu Dresden, No. 1762. Eine Heerde mit dem schlafenden Hirten in der Gallerie zu Wien. Ebenda befinden sich auch zwei Reitergefechte, eine seltne Form des Meisters, und eine Ansicht des Wasserfalls von Tivoli, ein fleissiges Bild von kräftiger Farbe. Auch unter den 21 Bildern von ihm in der Gallerie und den Schlössern von Kassel, gehören einige zu seinen besten Werken.

Karl Ruthard. Yon diesem Meister ist nichts bekannt, als dass er etwa von 1660 —1680 geblüht und dass er Italien besucht hat. Er malte vorzugsweise Hirsch- und Bärenjagden, wobei indess die Jäger ganz fehlen, oder nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Oefter gefiel er sich aber auch das Leben dieser Thiere, so wie das von Löwen, Panthern und Wasservögeln in der Wildniss, in Ruhe, oder im Kampf miteinander, darzustellen. In der Regel sind alle diese Thiere in kleinem Maassstabe, ausnahmsweise aber auch lebensgross gehalten. Ruthard fasste das Leben der Thiere, zumal in den augenblicklichsten Bewegungen der Jagd und des Kampfes, mit vielem Geist, und, als trefflicher Zeichner, auch mit grosser Treue auf. Seine Compositionen haben iudess öfter etwas Verworrenes und seine Färbung ist kühl, häufig selbst schwer. Seine sehr fleissige Ausführung verfällt, in dem Bestreben die einzelnen Haare des Fells der Thiere wiederzugeben, öfter in das Kleinliche. Bilder von ihm kommen am häufigsten in deutschen Gallerien vor. So besitzt die zu Dresden mehrere Hirsche an einem Abhange, No. 177«. Hirsche von Hunden angefallen, No. 1779, und einen Kampf zwischen Bären und Hunden, No. 1780. Die zu Berlin unter No. 973 und 979, Bilder der beiden letzteren Gegenstände, von denen die Hirschjagd mit dem Namen des Künstlers bezeichnet ist. Eine, mit dem Monogramm bezeichnete Hirschjagd in der Gallerie zu Wien ist besonders dunkel und schwer in den Farben. In ausserdeutschen Gallerien ist mir nur ein sehr gutes Bild im Louvre, No. 476, welches eine Bärenjagd vorstellt, bekannt.

Johann Philipp Lembke, geboren 1631 zu Nürnberg, gestorben zu Stockholm 1713, lernte die Kunst bei Mathaeus Weyer und bei Georg Strauch. Er malte vornehmlich Vorgänge aus dem Soldatenleben, Scharmützel, Schlachten, Märsche, Belagerungen, und zeigte darin eine grosse Lebendigkeit der Auffassung, eine tüchtige Zeichnung, eine kräftige, klare Färbung und einen breiten und freien Vortrag. Diese Eigefischaften besitzt ein Scharmützel in der Wiener Gallerie, das einzige, mir aus eigner Anschauung von ihm bekannte, Bild. Seine Hauptbilder müssen sich in Stockholm, wohin er an den Hof berufen wurde, namentlich im Schlosse Drott-ningholm, befinden.

Frans Werner Tamm, geboren zu Hamburg 1658, gestorben zu Wien 1724, besuchte Italien und legte sich dort auf die Malerei von Früchten und Blumen. Hiebei folgte er vornehmlich der mehr dekorativen Malerei des Mario Nuzzi, wusste seinen Bildern aber durch die Zuthat von todten Vögeln, Wild und allerlei Gefässen eine grössere Mannigfaltigkeit zu geben. Obwohl in der Anordnung geschickt und von guter Zeichnung, sind seine Bilder dieser Art doch meist in der Farbe etwas schwer, in der Behandlung dekorativ. Später, an den Hof nach Wien berufen, wendete er sich dem Studium der Holländer, eines Jan Weenix, eines Melchior Hondekoeter, zu, und führte ungleich fleissiger und in einer klareren Färbung Bilder in ihrer Weise aus. Unter sieben Bildern, welche die Gallerie zu Wien von ihm besitzt, zeichnet sich am meisten das mit Federvieh und einem weissen Kaninchen im Vorgrunde aus. Es kommt in der Wahrheit und in der meisterlichen Behandlung dem Hondekoeter nahe. Auch die Gallerie Liechtenstein zu Wien hat mehrere Bilder von ihm aufzuweisen.

Text aus dem Buch: Handbuch der deutschen und niederländsichen Malerschulen (1862), Author: G.F. Waagen.

Siehe auch:
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Vorrede
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Erstes Kapitel von 800-1150
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Zweites Kapitel von 1150-1250
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Der Germanische Stil
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Ausbildung der eigentlichen selbständigen Malerei
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – vollständige Ausbildung des germanischen Kunstnaturells im Geiste des Mittelalters
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule der Brüder van Eyck his gegen Ende des 15. Jahrhunderts
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule der van Eyck bis zu ihrem Ausgange
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in ihrem Übergange von der Kunstweise der vorigen Epoche zum Realismus bis zum Jahr 1460
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in der realistischen Richtung der van Eyck’schen Schule von 1460-1500
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule von Köln und dem Niederrhein
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in der vollständigen Entwicklung ihrer Eigenthümlichkeit Von 1500-1550
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die fränkischen Malerschulen
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Sächsische Maler
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die schwäbische Schule
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Malerei am Niederrhein und in Westphalen
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Verzerrung des germanischen Kunstnaturells in der Historienmalerei durch Nachahmung der Italiener
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Malerei in Deutschland
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Zweite Blüte des germanischen Kunstnaturells in der Form der modernen Geistesart
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule von Belgien
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Zeitgenossen und die Schüler von Rubens
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die holländische Schule
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Rembrandt van Ryn
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Schüler und Nachfolger von Rembrandt
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Genremaler
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Maler der Blumen, Früchte, Pflanzen oder sogenannte Stillleben

Weiterführendes zu Rembrandt:
Rembrandt 1606-1669
Rembrandt als Naturbeobachter
Rembrandt im Kunstmuseum Hamburg
Rembrandt und seine Zeitgenossen
Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung
Rembrandts Handzeichnungen
Rembrandts Radierungen
Rembrandts Verworfene Blätter
Rembrandts wiedergefundene Gemälde
Rembrandts Zweifelhafte Blätter