Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die holländische Schule

Einfluss der italienischen Naturalisten und der Kunstweise des Rubens

Bei der ursprünglich realistischen Richtung dieser Schule darf cs nicht Wunder nehmen, dass die Kunstweise des –Michelangelo da Caravaggio, welche die Natur ohne feinere Auswahl und Geschmack, jedoch mit einer grossen Wahrheit und ungemeiner Meisterschaft des Machwerks nachahmte, auf manche holländische Maler, welche Rom besuchten, einen sehr grossen Einfluss ausgeübt hat. Der namhafteste unter diesen ist der 1592 zu Utrecht geborene Gerard Honthorst,  welcher, obwohl er die Malerei bei Abraham Bloemart erlernt hatte, sich doch mit grossem Erfolg die Kunstweise jenes italienischen Meisters aneignete. In Rom fanden seine Bilder einen grossen Anklang. Besonders war der Marchese Giustiniani sein Beschützer. Hier erhielt er, da er vorzugsweise Nachtstückc malte, den Beinamen „Gherardo dalle Notti“, welcher ihm in der Kunstgeschichte geblieben ist. Nach seiner Rückkehr eröffnete er eine zahlreich besuchte Schule, und führte viele Werke aus, welche seinen Ruhm so sehr vermehrten, dass er einen Ruf an den Hof Karl I. von England erhielt und auch in der kurzen Zeit von sechs Monaten mehrere historische Bilder für den Festsaal im Palast von Whitehall, so wie einige Bildnisse ausführte. Reich belohnt nach Utrecht zurückgekehrt, trat er in die Dienste des Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien, für den er besonders in den Schlössern im Busch in der Nähe des Haags und zu Ryswick viele Bilder malte. Auch für den König von Dänemark führte er eine Reihe von Bildern aus der dänischen Geschichte aus. In seinen späteren Jahren legte er sich vornehmlich auf die Bildniss-malerei, und wurde in diesem Fach, sowohl von dem Hof jenes Prinzen von Oranien, als von dem grossen Kurfürsten von Brandenburg vielfach beschäftigt. Er starb im Jahr 1662. Bei einer erstaunlichen Leichtigkeit im Hervorbringen ist die Anzahl seiner Bilder ausserordentlich gross. Sie verbreiten sich über das Gebiet der heiligen und Profangeschichte, der Mythologie, der Allegorie und des Genres. Seine Auffassung ist zwar ungleich mehr dem jedesmaligen Gegenstände angemessen, als die seines Vorbildes Michelangelo da Caraveggio, huldigt indess ebenfalls jenem sehr derben Realismus, welchen ich mit den Italienern Naturalismus nenne. Auch fehlt seinen Bildern, wie sehr sie sich auch durch eine oft geschickte Anordnung, eine gute Zeichnung, eine vortreffliche Haltung, eine ausserordentliche Kraft und Klarheit von Lichteffekten, endlich eine meisterliche Behandlung geltend machen, zu sehr an Adel und Wärme des Gefühls, um länger zu fesseln. Ja bisweilen verfällt er gradezu in Gemeinheit und in den Lichtern seiner Nachtstücke in einen unangenehmen, schwefelgelben Ton. Sehr merkwürdig ist, dass, während alle seine übrigen Bilder mit einer, seinem Yorbilde sich annähernden Freiheit und Breite behandelt sind, seine Portraite in der Regel noch, in einer gewissen Glätte und an Härte grenzenden Bestimmtheit der Formen, an die Weise der vorhergehenden Generation erinnern. Seine ganze Kunstweise hat in Holland wenig Nachfolge gehabt. Gute Beispiele für seine Art der Auffassung biblischer Gegenstände bei Nachtbeleuchtung, sind Christus vor Pilatus, wahrscheinlich das für den Marchese Giustiniani gemalte, schon von Sandrart gepriesene, Bild in der Sammlung des Herzogs von Sutherland in London, und die ebenfalls aus der Sammlung Giustiniani stammende Befreiung Petri aus dem Gefängniss, im Museum zu Berlin, No. 431. Dass er in allegorischen Darstellungen ganz in der geschmacklosen Weise seiner Zeit befangen war, beweist das, wahrscbeinlicb in dem Brande des Schlosses Wbitehall zerstörte, grosse Bild, worauf Karl I. und seine Gemahlin als Apollo und Diana auf Wolken thronten, und unten der Herzog von Buckingham als Mercur jenen Göttern die sieben freien Künste vorstellte, während Hass, Neid und andere schlimme Eigenschaften in den Abgrund gestürzt werden. Als Beispiele für mythologische Gegenstände ist sein Triumph des Silen im Louvre, No. 217, und Ceres, welche den sie verspottenden Knaben in eine Eidexe verwandelt, in der Gallcrie zu München, No. 328, charakteristisch. Für das Genre gewährt ebenfalls der Louvre in einer mit dem Jahr 1624 bczeichncten Gesellschaft, welche ein Conzert macht, No. 216, ein besonders gutes Beispiel. Ebenda befinden sich auch zwei für ihn sehr bezeichnende Bildnisse des Churfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, No. 218, und des Prinzen Ludwig aus derselben Familie, No. 219. In einem Bildniss der Maria von Medici vom Jahr 1638 im neuen Rathhause zu Amsterdam, No. 7, kommt er ausnahmsweise dem van Dyck an Zartheit nahe. Ausserdem sind zwei Hauptbilder dieses Fachs, die Tochter Jacob I., als Königin von Böhmen, und, ganz besonders, der Herzog von Buckingham und Familie im königl. Schlosse von Hamptoncourt. Die grösste Zahl von Portraiten von ihm in England in der Sammlung des Lord Craven kenne ich nur von Hörensagen.

Ein jüngerer Bruder von ihm, Wilhelm Honthorst, welcher ebenfalls Geschichts- und Bildnissmaler war, ging im Gefolge der Prinzessin Louise Henriette von Oranien, Gemahlin des grossen Kurfürsten, im Jahr 1650 nach Berlin, wo er eine Reihe von Jahren am Hofe arbeitete, kehrte aber 1664 nach Holland zurück, wo er im Jahr 1 666 starb. Die von ihm noch in den königl. Schlössern enthaltenen Bildnisse haben eine grosse Aehnlichkeit mit denen seines Bruders, sie sind indess noch um etwas glatter und verschmolzener in der Ausführung.

Kornelis Poelenburg, geboren zu Utrecht 1586, gestorben ebenda 1660, lernte die Malerei bei Abraham Bloemart, folgte in Rom nachmals eine Zeitlang dem A. Elzheimer, legte sich jedoch später darauf, die zierlichen Formen der Italiener in kleinen, landschaftlich aufgefassten, Bildchen, welche häufig aus der heiligen Geschichte genommen, am gewöhnlichsten aber, meist unbekleidete, im Baden begriffene Mädchen darstellen, mit grosser Zartheit, in einer warmen Färbung, aber wenig sicheren Zeichnung nachzuahmen. Da hierzu eine zarte Abtönung und eine sehr feine, verschmolzene Ausführung kommt, fanden seine gefälligen, aber etwas einförmigen Bilder einen sehr grossen Beifall und trifft man deren noch heute fast in allen Gallerien Europas ail. Ein Bild im Louvre, Ko. 383, die Verkündigung der Hirten, gehört durch die Composition, die schlagende Beleuchtung, die „Wärme der Farbe und die treffliche Ausführung, zu seinen ausgezeichnetsten Werken. Verschiedene Maler haben mit mehr, oder minder Erfolg in seiner „Weise gearbeitet, keiner ihn jedoch erreicht. Die namhafteren sind: Joan van der Lys, Daniel Vertanghen, Frans Verwilt, Jan van Bronkhorst, C. Kuylenburg und Moses Uytden-Broeck.

Frans Hals, geboren zu Mecheln 1584, gestorben zu Haarlem 1666. Ob dieser grosse Portraitmaler, von dessen Leben wenig mehr bekannt ist, als dass er dem Trunk und dem Wohlleben übermässig ergeben gewesen, ein Schüler von Karl van Mander dem älteren gewesen, lasse ich dahin gestellt sein, jedenfalls aber ist er der erste, welcher die ganz freie und pastose Behandlung, wie sie von Hubens und seiner Schule ausgeübt, nach Holland gebracht und mit der grössten Meisterschaft gehandhabt hat. Offenbar ist er es, welcher der grossen holländischen Schule des 17. Jahrhunderts hierin, theils unmittelbar als Lehrer, theils mittelbar durch seine Werke zum Vorbild gedient, und dadurch eine Bedeutung in der Kunstgeschichte hat, welche bisher nie gehörig anerkannt worden ist. Zu der wunderbaren Sicherheit, womit er die auf der Palette gemischten Töne in seinen Bildnissen unvertrieben neben einander gesetzt, welches ihm mit Recht die grosse Bewunderung des van Dyck erwarb, kommt eine ausserordentliche Frische und Lebendigkeit der Auffassung, eine feste und sichere Zeichnung, und eine treffliche, meist gegen das Kühle gehende Gesammthaltung. In der Färbung des Fleisches ist er sehr ungleich. Bisweilen ist sie mehr goldig, bisweilen mehr hellgelb, gelegentlich auch fast silbern, meist klar, aber auch wohl schwer und dunkel. Seine Bilder sind indess von sehr ungleichem Werth. Die erstaunliche Leichtigkeit seiner Pinselführung hat ihn öfter zu einer zu grossen, fast dekorativen Breite und Flüchtigkeit der Behandlung verleitet. Auch das Maass der Bezahlung und der jedesmalige Zustand, in dem er sich bei seiner Lebensweise befand, haben offenbar auf seine Arbeiten einen starken Einfluss ausgeübt. Obgleich er fast nur Portraite malte, so sind doch diese von höchst verschiedener Art. Öfter sind sie von sehr grossem Umfange und stellen, nach der damals in Holland sehr allgemein verbreiteten Sitte, Sehützengilden, oder Bürgerwachen, vor. Was der Künstler in Bildern solcher Art geleistet, kann man nur in Haarlem kennen lernen, wo sich auf dem Rathhause eine ganze Reihe befindet, von denen ich hier nur einige hervorheben kann. Ein Bild in der Burgermeesters Kaamer, welches 13 Mitglieder der Bürgerwache vorstellt, von. denen vier an einem Tische sitzen, erwähne ich besonders als ein Beispiel aus seiner früheren Zeit. Obwohl verschiedene Köpfe schon sehr lebendig, ist doch der Vortrag noch mehr verschmolzen, die Ausführung mehr ins Eifizelne gehend, aber etwas trocken. Auf der vollen Höhe seineT Kunst zeigt ihn dagegen ein eilf stehende Schützen vorstehendes Bild in demselben Raum. Kur selten hat er mit einer so geistreichen und energischen Auffassung eine (solche, dem van der Heist verwandte, Feinheit des Gefühls verbunden. Dabei ist die Färbung ebenso warm, als klar, die Ausführung durchweg, auch in der Individualisirung aller Nebendinge, ebenso frei, als fleissig. Auch eine Mahlzeit von Schützen in demselben Raum steht dem vorigen Bilde an Kunstwerth sehr nahe, wird aber durch ein Bild desselben Gegenstandes in der Rathskaamer übertroffen, welches in geistreicher Darstellung von Fröhlichkeit und Behagen, an allgemeiner Klarheit, an wunderbarer Meisterschaft der Behandlung, unbedingt zu dem Schönsten gehört, was je in dieser Art gemalt worden ist. Zwei Darstellungen von Vorstehern und Vorsteherinnen (in Holland Regenten genannt) in einer wohl-thätigen Anstalt, das „Oude Mans Huys“ genannt, darf ich ebenfalls nicht mit Stillschweigen übergehen. Das eine, sechs um einen Tisch versammelte Männer, kommt in der Meisterschaft, womit hier in sehr breiter Behandlung die grösste Lebendigkeit erreicht ist, wie in der Tiefe der Gesammthaltung, dem Rembrandt auf dev vollen Höhe seiner Kirnst sehr nahe; das andere, fünf Frauen, nur a la Prima mit künstlerischem Uebermuth hingeworfen, zeigt in welchem Grade Frans Hals es in der Gewalt hatte, den Charakter eines Kopfe mit wenigen Pinselstrichen wiederzugeben. Ebenso ist eine Schützengesellschaft im neuen Rathhause zu Amsterdam, No. 6, ein sehr ausgezeichnetes, wenn schon in der Farbe minder lebhaftes, Bild des Meisters. Eine andere Klasse seiner Gemälde bilden die Familienportraite, von denen das schönste, mir bekannte, sich in der Gallerte zu München befindet, No. 311. Die bequeme Anordnung, die lebendigen Köpfe, die trefflichen, dem van Dyck nahe kommenden Hände, die feine, kühle Haltung, die ebenso fleissige, als geistreiche Behandlung, machen dasselbe in einem hohen Grade anziehend. Unter der grossen Anzahl seiner Brustbilder in Lebensgrösse muss ich mich begnügen, als besonders ausgezeichnet, eins im Buckinghampalace und ein anderes im Museum zu Amsterdam, No. 105, zu erwähnen. Ungleich seltner sind Portraite im Kleinen, welche beweisen, dass er, obwohl‘ an eine so breite Behandlung gewöhnt, auch dergleichen ebenso sorgsam, als geistreich auszuführen vermochte. Zwei der Art befinden sich im Museum zu Berlin, No. 766 und 767. Diesen schliessen sich die sehr seltnen, kleinen Portraite in ganzer Figur von einer mehr genreartigen Auffassung an, wie ein Herr, der, sich auf einem Sessel behaglich wiegend, ein leichtes Rohrstöckchen biegt, in der Sammlung des Baron von Brienen van de Grootelinde in Amsterdam. In Auffassung, Zeichnung, kühler Haltung, geistreicher Behandlung, ein kleines Meisterwerk.

Auch ein jüngerer Bruder dieses Meisters, Dirk Hals, war ein geschickter Maler im Geschmack des Palnmedes. Seine Bilder sind indess höchst selten.

Da, abgesehen von dem allgemeinen Einfluss des Frans Hals auf die holländische Schule des 17. Jahrhunderts, er ganz speziell die Art und Weise ihrer Portraitmaler bestimmt hat, ist hier wohl die geeignetste Stelle, dieselben in näheren Betracht zu ziehen.

Zwei Zeitgenossen von ihm waren Jacob-Gerritz Cuyp, geboren 1575 , gestorben ?, und Jan van Ravestein, geboren 1580, 1655 noch am Leben. Wenn diese auch nicht die ihm eigene Freiheit der Auffassung und Breite der Behandlung erreichten, kamen sie ihm doch in Beiden sehr nahe. Der erste war sehr lebendig in der Auffassung, von grosser Kraft und Wärme der Farbe und einem vortrefflichen Impasto im Yortragc. Als Beweise hiefür erwähne ich hier nur das stattliche Bildniss einer alten Frau vom Jahr 1624 im Museum zu Berlin, No. 743, und ein treffliches Familienportrait von kleinerem Maassstabe im Museum zu Amsterdam, No. 60. Von J. van Ravestein befinden sich die ansehnlichsten Arbeiten auf dem Rathhause im Haag. Es sind zwei grosse Bilder mit zahlreicher Gesellschaft von Schützen, deren das eine mit dem Jahr 1610 bezeichnet ist, und ein kleineres mit drei Portraiten. Die Auffassung der Köpfe ist lebendig, doch etwas derb, die, Färbung klar, doch öfter etwas zu roth, die Behandlung von grosser Sicherheit.

Zunächst ist hier A. Lion zu erwähnen, von welchem sich ein, mit diesem Namen und 162S bezeichnetes, Bild mit den sehr lebendig‘aufgefassten und in einer warmen Farbe sehr tüchtig ausgeführten Bildnissen von 25 Schützen im neuen Rathhause zu Amsterdam befindet, Nö. 36. Ihm schliesst sich nahe der etwa von 1625— 1660 blühende Theodoor de Keyser an, von dem ein grosses, mit 1633 bezeichnetes Schützenstück, ebenfalls im neuen Rathhause, No. 38, vorhanden ist. Obwohl hier die Anordnung ziemlich kunstlos, auch die Gesammtwirkung etwas bunt, so spricht dasselbe doch durch die grosse Wahrheit und Lebendigkeit der, in einem hellröthlichen Lokalton, mit gelblichen Lichtern, und grünlichen Halbschatten fleissig ausgeführten Köpfe ungemein an. In seiner späteren Zeit hat dieser Meister offenbar einen höchst günstigen Einfluss des Rembrandt, von dem ich zunächst handeln werde, erfahren. Seine, in der Regel in einem kleinen Maassstab gehaltenen, Bilder aus dieser Zeit stehen auf der vollen Kunsthöhe der Schule. Die Anordnung ist bequem, die Köpfe sind höchst lebendig, die Harmonie fein abgewogen, die Färbung warm und klar, in der Weise der helleren Bilder von Rembrandt, der Vortrag sehr frei und geistreich. Von dieser Art sind: ein mit 1650 bezeichnetes Bild der Pinakothek, No. 418, Cabinette, welches einen jungen Geschäftsführer darstellt, der seiner Herrin, einer alten Frau, Rechnung ablegt. Eine Versammlung der Bürgermeister von Amsterdam gelegentlich der Ankunft der Königin Maria von Me-dicis, No. 76, und das Bildniss einer Magistratsperson in ganzer Figur, No. 75, beide in der Gallerie des Haags. Zu derselben Gruppe gehört endlich der 1608 geborene, 1641 gestorbene Jacob Baker. Das, an derselben Stelle No. 34, von ihm befindliche, Schützenstück, von erstaunlichem Umfang, zeigt ein grösseres Geschick in der Anordnung, eine klarere und, in den trefflichen Köpfen, mannigfaltiger individualisirte Färbung, als das grosse Bild des vorigen Meisters. Von einzelnen Bildnissen kommt das einer Frau in der Gallerie zu Dresden, No. U76, an Kraft und Klarheit der Färbung dem J. Jordaens nahe. In historischen Bildern, deren zwei in der Gallerie zu Braunschweig, ist er minder glücklich.

Weit der berühmteste der holländischen Portraitmaler dieser Epoche ist indess der, 1613 zu Amsterdam geborene, 1670 ebenda gestorbene, Bartholomaeus van der Heist. Obgleich nichts von seinem Meister bekannt ist, bin ich doch durch ein näheres Studium seiner früheren Bilder zu der Ueberzeugung gelangt, dass,‘ wenn Frans Hals nicht im eigentlichen Sinne sein Lehrer war , ’ er sich doch dui’chaus nach demselben gebildet hat. Ein solches ist das Bildniss des Yiceadmirals Kortenaar im Museum zu Amsterdam, Ko. 111 , wo die Auffassung der Form und das Stehenlassen der Pinselstriche sehr an F. Hals erinnern. Dahin gehören ebenfalls zwei grössere Bilder mit Schützen auf einer Gallerie des Bath-hauses zu Haarlem, deren kunstlose Anordnung, Mangel an Haltung, Einförmigkeit des, sonst sehr .warmen, Fleischtons ebenfalls auf die frühere Zeit des Meisters weisen. Bis gegen das Jahr 1640 bildete er indess seine Eigenthümlichkeit zu ihrer vollen Kunsthöhe aus. Die Anordnung, auch von Portraitstücken mit vielen Figuren ist sehr kunstreich und bequem, die Haltung trefflich, die Zeichnung meisterlich, die, Individualisirung der Köpfe nicht allein sehr lebendig, sondern von einer höchst anziehenden Gutartigkeit und Gemüthlickkeit des Gefühls, und, bei einer allgemein warm bräunlichen Farbe, doch fein abgestuft, der Vortrag zwar nicht so frei und geistreich, wie bei Frans Hals, aber fleissiger, und sich gleichmässiger über alle Nebensachen erstreckend. Auf dieser Knnsthöhe erhält er sich etwa bis zum Jahr 1660. Hauptbilder aus dieser Zeit von ihm sind: Ein Vorgang der Schützengesellschaft von Amsterdam vom Jahr 1639, mit dreissig Theilnehmern im neuen Bathhause zu Amsterdam, Ko. 13. Voll lebendiger Motive und in jedem Betracht dem folgenden an Vortrefflichkeit nahe verwandt. Das berühmte, mit dem Jahr 1643 bezeichnete Schützenfest zur Feier des westphälischen Friedens, Ko. 117, im Museum zu Amsterdam, eine Versammlung von 24 Personen. Das Hauptgewicht dieses Werks liegt in der ungemein lebendigen und treuen Individualisirung aller Theile in Form und Farbe, der trefflichen ‚Zeichnung, welche sich besonders bei den Händen geltend macht, in der kräftigen und klaren Färbung, endlich in der Art der, eine glückliche Mitte zwischen Bestimmtheit und Weiche haltenden Ausführung. In der Gesammthaltung steht es dagegen nicht auf gleicher Höhe. Dieselbe ist etwas bunt, und bei den Figuren auf dem zweiten und dritten Grunde ist die, nach den Gesetzen der Luftperspective erforderliche, Abtönung der Liebe zur durchgängig glcichbestimmten Ausführung des Einzelnen in etwas aufgeopfert. In dieser Beziehung ist .ein Bild im Werkhuys zu Amsterdam vom Jahr 1650, mithin nur zwei Jahr später gemalt, ungleich vorzüglicher. Es stellt im Vorgrunde zwei Frauen und zwei Männer im Gespräch, iu einem anderen Raum einen Mann mit einem Buche, im Hintergründe aber eine Predigt dar, und ist auch in Zeichnung, Wärme und Klarheit des Tons, wie in einem gewissen Helldunkel eins der schönsten Werke des Meisters. Würdig schliesst sich ein Bild mit vier Herrn der Schützengesellschaft, dem Kastelan derselben und einem Knaben mit einem Becher vom Jahr 1656 im neuen Rathhause, Ko. 30, an. Der Ton, obwohl noch immer warm, ist hier etwas minder kräftig. Im folgenden Jahr, 1657 , führte er das mit vollem Recht in Holland unter dem Kamen „bet doelenstück“ berühmte Bild für die dortige Schützengesell-schaft aus, welches jetzt im Museum von Amsterdam befindlich ist, Ko. 118. Dieses, drei der Vorsteher jener Gesellschaft mit prächtigen, goldenen Preisgefässen, und eine vierte, für den Künstler selbst gehaltene, Person darstellende Bild, zeigt allerdings eine sehr glückliche Schwebe eines höchst feinen Katurgefühls, und einer trefflichen Ausführung des Einzelnen mit einer vollendeten Haltung. Es wird aber fast noch durch eine, früher im Besitz eines Herrn Jan de Graaf in Amsterdam,1 jetzt im Louvre, Ko. 197, befindliche Wiederholung in einem kleineren Maassstabe übertroffen, welche van der Heist im folgenden Jahr 1658, wahrscheinlich für einen jener Herrn, malte. Jedenfalls ist diese besser erhalten und eines der schönsten Portraitstücke, welche die holländische Schule überhaupt hervorgebracht hat. Diesem Bilde schliesst sich in der Zeit und Güte ein anderes in der Sammlung des Herrn H. T. Hope in London an. 2 In seiner späteren Zeit trat eine grosse Veränderung in seinen Bildern ein. Allmäklig nimmt der warme Fleischton ab und geht zuletzt iu einen feinen Silberton über, die Formen werden weniger bestimmt angegeben, die Pinselführung wird sehr weich und delikat, die ganze Farbenstimmung kühl. Ein besonders charakteristisches Beispiel dieser Weise ist das Bildniss des Viceadmirals Augustus Stellingwerf im Museum zu Amsterdam, No. 121. Nächst Amsterdam kann man diesen Meister nirgend so vollständig kennen lernen, als in der Eremitage, welche, ausser vier trefflichen grossen Bildern mit ganzen Figuren, die aus seinen verschiedenen Zeiten herrühren, noch mehrere halbe Figuren von vorzüglicher Art besitzt.

Obgleich es nicht bekannt ist, dass van der Heist eigentliche Schüler gezogen, so lehrt doch der Augenschein, dass verschiedene Portraitmaler sich durchaus nach seiner Weise gebildet haben. Namentlich ist dieses mit Folgenden der Fall.

Joannes Spielberg. Er führte im Jahr 1653 ein grosses Bild mit einer Mahlzeit von 22 Schützen aus, welches sich jetzt im neuen Bathhause zu Amsterdam befindet, No. 19. In dem Geschick der Anordnung und in der Trefflichkeit der Ausführung kommt er dem van der Heist sehr nahe. Auch sind die Köpfe recht lebendig aufgefasst, nur leerer in den Formen. Zudem ist der gelbliche Fleischton etwas einförmig. — Abraham van den Tempel, geboren 1618, gestorben 1672, war zwar ein Schüler des Georg van Schooten, folgte aber in seinen, mit wenigen Ausnahmen im Besitz holländischer Familien befindlichen, Bildnissen vornehmlich der späteren Weise des van der Heist. Ein treffliches Bild, die lebensgrossen Portraite eines vornehmen Mannes und seiner Gemahlin, besitzt das Museum zu Berlin, No. 858. Auch ein anderer, sehr wenig bekannter Künstler, Lieve de Jongh, ist hier zu nennen. Eine Schützengesellschaft in der Malerakademie zu Rotterdam ist ein treffliches, sich in manchen Stücken dem van der Heist annäherndes, Werk. — Endlich kommt hier noch Pieter Nason in Betracht, welcher längere Zeit am Hofe des grossen Churfürsten in Berlin beschäftigt war. Seine Bildnisse sind mit vieler Einsicht angeordnet, edel aufgefasst, trefflich gezeichnet und sehr fleissig ausgeführt. Nur in der Farbe haben sie nicht; mehr die alte Klarheit. Vortrefflich ist von ihm ein Bildniss des grossen Kurfürsten in ganzer, lebensgrosser Figur vom Jahr 1667, im Schlosse zu Charlottenburg bei Berlin. Die Auffassung ist sehr lebendig und energisch, die Färbung warm und kräftig, die Ausführung, in einem sehr guten Impasto, meisterhaft, von ungemeiner Feinheit ein männliches Portrait im Museum zu Berlinin, No. 1007. A. vom Jahr 1670. Ein anderes, ebendaselbst befindliches Bild, No. 977, beweist, dass er auch gelegentlich mit dem besten Erfolg Stillleben malte. In Holland trifft man Bilder von ihm fast nur in den Familien an.

Text aus dem Buch: Handbuch der deutschen und niederländsichen Malerschulen (1862), Author: G.F. Waagen.

Siehe auch:
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Vorrede
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Erstes Kapitel von 800-1150
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Zweites Kapitel von 1150-1250
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Der Germanische Stil
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Ausbildung der eigentlichen selbständigen Malerei
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – vollständige Ausbildung des germanischen Kunstnaturells im Geiste des Mittelalters
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule der Brüder van Eyck his gegen Ende des 15. Jahrhunderts
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule der van Eyck bis zu ihrem Ausgange
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in ihrem Übergange von der Kunstweise der vorigen Epoche zum Realismus bis zum Jahr 1460
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in der realistischen Richtung der van Eyck’schen Schule von 1460-1500
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule von Köln und dem Niederrhein
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in der vollständigen Entwicklung ihrer Eigenthümlichkeit Von 1500-1550
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die fränkischen Malerschulen
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Sächsische Maler
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die schwäbische Schule
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Malerei am Niederrhein und in Westphalen
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Verzerrung des germanischen Kunstnaturells in der Historienmalerei durch Nachahmung der Italiener
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Malerei in Deutschland
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Zweite Blüte des germanischen Kunstnaturells in der Form der modernen Geistesart
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule von Belgien
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Zeitgenossen und die Schüler von Rubens

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