Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Flämische Malschule

Am schwächsten ist es hier, wie ich schon angedeutet, mit der Historienmalerei bestellt. Folgende zwei Meister sind besonders geeignet eine Vorstellung von derselben zu geben.

Balthasar Beschey, geboren zu Antwerpen 170S, gestorben 1776. Obwohl er in der Jugend Landschaften im Geschmack des Jan Breughel malte, welcher noch in dieser späten Zeit viele Nachahmer fand, wendete er sich doch nachmals der Historien- und Bildnissmalerei zu. Nach zwei Bildern aus der Geschichte Josephs, No. 496 und 497, des Museums zu Antwerpen, scheint er sich unter den früheren Meistern Caspar de Craeyer zum Vorbild genommen zu haben. Es fehlt ihm nicht an Talent und an Sinn für Harmonie. Aber Gefühl, Formen, Färbung sind abgeschwächt. Im Fach der Bildnissmalerei erscheint er ebenda, No. 498, in seinem eignen, als bequem in der Auffassung und fleissig in der Ausführung, aber matt und bunt in der Färbung. Mehrere jüngere Brüder von B. Beschey übten nach seinem Unterricht ebenfalls die Malerei aus. Sie malten meist recht fleissige, doch in der Farbe schwache Kopien im Kleinen nach Bildern des Rubens und van Dyck.

Andrics Cornelis Lens, geboren zu Antwerpen 1739, gestorben ebenda 1822, war ein Schüler von Carel Eyckens, und Balthäsar Beschey. Dieser Maler bezeichnet die letzte Ausartung und das ohnmächtige Hinsterben dieser einst so grossen Schule. Er nimmt in derselben eine ähnliche Stelle ein, wie Fugger in Wien für die deutsche, nur dass er diesem an Talent weit nachsteht. Seine Compositionen sind lahm in den Motiven, seine Köpfe von einer einförmigen und schwächlichen Süsslichkeit, sein Fleisch von einem durchaus unwahren, bald rosafarbigen, bald honigartigen Ton, sein Vortrag unbestimmt und Verblasen. Merkwürdig ist es, dass dieser letzte und unwürdigste Sprössling der Schule es unter seiner Würde hielt, der Malergilde des heiligen Lucas in Antwerpen, welche doch Meister wie Quentin Massys und Rubens zu ihren Mitgliedern zählt, anzugehören, und dass diese wirklich auf seinen Betrieb aufgehoben wurde. Als Beläge für meine Würdigung dieses Künstlers führe ich von historischen Bildern eine Verkündigung Mariä, No. 503, und eine allegorische Darstellung vom Jahr 1763, No. 505, des Museums von Antwerpen, so wie eine Delila, welche dem Simson das Haar abschneidet, No. 128, im Museum zu Brüssel an. In Deutschland besitzt, meines Wissens, nur die Gallerie zu Wien vier Bilder von ihm aus dem Kreise der griechischen Mythologie, von denen Pallas, welche den Mars mit einem Steinwurf niederstreckt, und Hectors Abschied von Andromeda zu seinen besseren Arbeiten gehören. Selbst seine Bildnisse, wobei er doch unmittelbar auf die Natur angewiesen war, sind, wie die des-Kupferstechers Martenasie, No. 504, des Museums zu Antwerpen, und des Kaiser Leopold, No. 129, des Museums zu Brüssel, beweisen, leer in den Formen und conventionell in der Farbe.

Obgleich an sich von sehr untergeordnetem Werth, sind doch die Bilder verschiedener Genremaler, welche damit meist die Landschaft in der Art des Jan Breughel verbanden, um etwas erfreulicher.

Balthasar van den Bossche, geboren 1681 zu Antwerpen, gestorben 1715, zeichnet sich unter diesen besonders vortheilhaft aus. Er malte in der Regel Maskeraden, Apotheker in ihren Laboratorien, Marktschreier u. s. w., aber auch gelegentlich Portraite. Seine Bilder sind mit Einsicht angeordnet, die Köpfe lebendig, und gut individualisirt, die Färbung kräftig und warm, wenn gleich im Fleisch von einem zu einförmigen Ziegelroth, die Führung des Pinsels von einer gewissen Weiche. Als Beispiel seiner Kunst nenne ich die Aufnahme eines Bürgermeisters von Antwerpen in die jüngere Gilde der Armbrustschützen im dortigen Museum, No. 448.

Jnn Joseph Horemans, geboren zu Antwerpen 1682, gestorben ebenda 1759, malte in der Regel Conversationsstücke, Bauerngesellschaften, Quacksalber u. s. w. Er hatte viel Geschick in der Composition, und führte recht sorgfältig aus, doch die schwere, in allen Theilen unwahre Färbung, machen seine Bilder wenig geniessbar. Yon mir bekannten Gallerien besitzen nur die zu Kassel, unter Ko. 774—778, fünf, die zu Dresden, unter Ko. 1025 und 1026, zwei Bilder von ihm, welche Gegenstände der erwähnten Art vorstellen. Im Museum von Antwerpen befindet sich von ihm, Ko. 450, die Aufnahme des Abts von St. Michael in die Genossenschaft der Fechtkunst.

Theobald Mich au, geboren 1676 zu Tournay, gestorben 1755. Er malte Bilder im Geschmack des Bout, welche in ansprechender Weise componirt und fleissig und geschickt ausgeführt, aber schwach gefärbt sind. Besonders ist bei ihm ein ziegelrother Ton des Fleisches unangenehm. Die Gallerie zu Wien besitzt zwei, mit seinem Kamen bczeichnete Bilder, welche viele Figuren in einer Sommer- und einer Winterlandschaft enthalten.

Karel van Falens, geboren zu Antwerpen 1684, gestorben zu Paris 1733, ahmte mit einigem Erfolg den Wouverman nach. Kur ist er im Tortrag zu geleckt. In der Dresdener Gallerie befindet sich von ihm, Ko. 1024, ein Aufbruch zur Falkenjagd, in der zu Berlin, Ko. 1005, Menschen und Thiere in einer Landschaft.

Jan Frans van Bredaei, geboren zu Antwerpen 1683, gestorben 1750 ebenda, ahmte gleichfalls mit vielem Geschick Wouverman nach. Er steht indess in jedem Betracht, besonders in den schweren, braunen Schatten, jenem wreit nach. Zwei Bilder von ihm befinden sich, unter Ko. 1607 und 1608, in der Dresdener Gallerie.

Karel Breydel, geboren zu Antwerpen 1677, (?) gestorben zu Gent 1744,(?) ein Schüler des Pieter Rysbraek, malte bald Rheinansichten im Geschmack des Jan Griffier, bald Vorgänge aus dem Soldatenleben, worin er van. der Meulen nachahmte. In Gallerien kenne ich von ihm nur ein Reitergefecht in der Sammlung des Herzogs von Aremberg zu Brüssel.

Pieter Snyers, geboren zu Antwerpen 1681, gestorben 1752, welcher Portraite, Blumen und Landschaften malte, zeigt sich in einer gebirgigten Landschaft, Ko. 449, des Museums von Antwerpen, als einer der ausgezeichneteren Künstler dieser Epoche.

Simon Denys, geboren 1755 zu Antwerpen, gestorben zu Neapel 1813, besuchte das Atelier des II. J. Antonissen, ging 1786-nach Italien und liess sich später in Neapel nieder, wo er zum ersten Maler des Königs ernannt wurde. Er malte Landschaften im italienischen Geschmack, welche mit Einsicht componirt, und mit vielem Geschick ausgeführt, aber in der Färbung von einem fahlen und schweren Ton sind. Das Museum von Antwerpen besitzt, unter No. 510, 511 und 512, drei Bilder dieser Art von ihm.

Zuletzt nenne ich den im Jahr 1755 zu Antwerpen geborenen und erst im Jahr 1826 ebenda gestorbenen, Balthasar P aul Ommeganki Er besuchte ebenfalls das Atelier von H. J. Antonissen, und bildete sich zu dem ersten Maler von Vieh, namentlich von Schafen, und zu einem der besten Landschaftsmaler seiner Zeit aus. Er folgte entschieden der realistischen Richtung und benutzte in seinen Bildern häufig Naturstudien der malerischen Gegenden der Maass im wallonischen Belgien. Seine Schafe sind von einer grossen Naturwahrheit und sehr fleissigen Ausführung, die Landschaften von sehr guter Gesammthaltung, in grossen Massen genommener Beleuchtung und feiner Luftperspektive. Seine Färbung ist indess schwer, häufig kalt im Ton, sein, übrigens sehr gewandter, Vortrag etwas mager im Impasto und öfter zu Verblasen. Seine sehr zahlreichen, mit wenigen Ausnahmen in Privatsammlungen befindlichen, Bilder, sind übrigens von sehr verschiedenem Werth. Von Gallerien besitzt der Louvre zwei Landschaften mit Vieh, unter dem die Schafe vorwalten, No. 364 und 365, von denen das erste von 1781 datirt ist, die Gallerie zu Brüssel unter No. 149, eine Landschaft aus den Ardennen, von brillanter und sehr zart abgetönter Beleuchtung, aber trüben Schatten, und zu wollig in den Thieren, die Gallerie und das Schloss Wilhelmshöhe zu Kassel drei Bilder, No. .1035, 1036 und 1037, welche zu seinen besten Arbeiten gehören. Unter den mir in England von ihm bekannten Bildern ist eins in der Sammlung von Thomas Baring das zugänglichste, gehört indess zu seinen, in der Farbe unscheinbaren, in der Behandlung zu glatten Arbeiten.

Text aus dem Buch: Handbuch der deutschen und niederländsichen Malerschulen (1862), Author: G.F. Waagen.

Siehe auch:
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Vorrede
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Erstes Kapitel von 800-1150
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Zweites Kapitel von 1150-1250
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Der Germanische Stil
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Ausbildung der eigentlichen selbständigen Malerei
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – vollständige Ausbildung des germanischen Kunstnaturells im Geiste des Mittelalters
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule der Brüder van Eyck his gegen Ende des 15. Jahrhunderts
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule der van Eyck bis zu ihrem Ausgange
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in ihrem Übergange von der Kunstweise der vorigen Epoche zum Realismus bis zum Jahr 1460
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in der realistischen Richtung der van Eyck’schen Schule von 1460-1500
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule von Köln und dem Niederrhein
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in der vollständigen Entwicklung ihrer Eigenthümlichkeit Von 1500-1550
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die fränkischen Malerschulen
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Sächsische Maler
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die schwäbische Schule
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Malerei am Niederrhein und in Westphalen
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Verzerrung des germanischen Kunstnaturells in der Historienmalerei durch Nachahmung der Italiener
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Malerei in Deutschland
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Zweite Blüte des germanischen Kunstnaturells in der Form der modernen Geistesart
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule von Belgien
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Zeitgenossen und die Schüler von Rubens
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die holländische Schule
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Rembrandt van Ryn
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Schüler und Nachfolger von Rembrandt
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Genremaler
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Maler der Blumen, Früchte, Pflanzen oder sogenannte Stillleben
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Maler dieser Epoche
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Epoche des Verfalls von 1700-1810

Weiterführendes zu Rembrandt:
Rembrandt 1606-1669
Rembrandt als Naturbeobachter
Rembrandt im Kunstmuseum Hamburg
Rembrandt und seine Zeitgenossen
Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung
Rembrandts Handzeichnungen
Rembrandts Radierungen
Rembrandts Verworfene Blätter
Rembrandts wiedergefundene Gemälde
Rembrandts Zweifelhafte Blätter

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