Hans Holbein der Jüngere-Leaina vor den Richter

Entwurf zu einem Wandgemälde, ehemals an der Fassade des Hertensteinhauses in Luzern

Zum erstenmal hat Holbein für das Haus des Schultheißen Jakob von Hertenstein eine Fassadendekoration entworfen, in der er dem einfachen gotischen Gebäude nicht nur bildlichen Schmuck, sondern auch eine reiche architektonische Gliederung nach dem Vorbilde italienischer Renaissancepaläste zudachte. Er ordnete die Darstellungen in friesartigen Streifen, nach Stockwerken, übereinander und baute nur im Erdgeschoß, als feste Unterlage, eine Scheinarchitektur.

Zwischen den Fenstern des obersten Stockwerkes schilderte er Begebenheiten aus der alten Geschichte, heroische Szenen in einfacher Gruppierung, mit architektonischer Umrahmung und sorgfältig abgewogener Komposition für die Fernwirkung. Das zweite und das vierte Bild, Leaina vor den Richtern und Lucretias Tod sind Gegenstücke, sowohl durch die Vierzahl der handelnden Figuren und ihre Aufstellung, als auch durch die perspektivische Verkürzung der Architektur gegen die Mitte der Fassade hin. Die tief in die Bildfläche herabhängenden Nasen gehören zu dem gotischen Bogenfriese, der sich unter dem Dache über die ganze Hausfront hinzog. Wo es anging, hat Holbein das störende Stück in die Komposition hineingezogen, wie an der Seite rechts.

Da diese Wandbilder für das oberste Stockwerk bestimmt waren, schildert der Künstler in starker Unteransicht, wie die Geliebte des Aristogeiton sich vor Gericht die Zunge abbeißt, um den Tyrannenmörder nicht verraten zu müssen. Die Figuren sind in zwei Reihen aufgestellt, die in der Achsenrichtung des Saales liegen, aber so, daß der sitzende Richter den Mittelpunkt der Gruppe bildet. Der Kopf dieser Hauptfigur liegt im Schnittpunkt der Diagonalen des eigentlichen Raumes und wird zudem durch die Mittelsäule hervorgehoben. Die zierliche Gestalt des jungen Mädchens löst sich von der Umrahmung durch eine Neigung des Oberkörpers und bedeutet einen Fortschritt gegenüber den Basler Frauentrachten.

Die perspektivische Darstellung des Raumes, die Gruppierung der handelnden Figuren, sowie das Verhältnis zur Architektur erinnern an die Reliefkunst der Oberitaliener aus der Wende des XV. zum XVI. Jahrhundert.

Siehe auch:
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Vorzeichnung zum Bildnis des Bürgermeisters Jakob Meyer von Basel
Hans Holbein der Jüngere-Aus der Folge der Basler Frauentrachten