Hans Holbein der Jüngere-Madonna mit Kind

Holbein hat seine Entwürfe nur selten bezeichnet und datiert, aber seine künstlerische Reife hat sich so folgerichtig entwickelt, daß eine chronologische Einordnung der Blätter möglich sein sollte. Zu der Studie von 1519 gehören zwei weitere Blätter, auf denen das gleiche Motiv variiert ist. Das eine zeigt die Madonna auf einer Steinbank zwischen zwei Säulen sitzend, wie sie das Kind stillt, das andere die ganze heilige Sippe an den Stufen eines reichen Kirchenportals, in dessen Architektur und Ornamentik die Eindrücke aus Oberitalien nach? klingen. Auf allen drei Entwürfen ist nicht die Madonna, sondern die Mutter dargestellt, ein jugendliches, kräftiges Weib mit offen herabfallendem oder schlicht unter die Haube gebundenem Haar. Sorglich faßt sie das fröhlich strampelnde Kind unter den Ärmchen oder hält es am Beinchen fest und läßt den glücklichen Blick mit mütterlicher Liebe auf ihm ruhen. Den Künstler fesselt vor allem das intime Spiel zwischen Mutter und Kind, die daraus resultierenden Körperbewegungen und der Faltenwurf des weit ausgebreiteten Kleides; einzig ein schmaler Heiligenschein, der über dem Haupte der Frau schwebt, deutet auf ihre Heiligkeit hin. Holbein versucht die dekorative Wirkung der Gruppe dadurch zu vergrößern, daß er vor ihr Raum schafft durch ein Stück Fußboden, durch einen Sockel oder eine Treppenanlage und zudem den Faltenwurf so plastisch als möglich gestaltet.

Die Technik der drei Blätter ist gleich; schwarze Federzeichnung auf weißem, mit Wasserfarbe grundiertem Papier. Die Modellierung im Lichte mit Deckweiß, in den Schatten mit Tusche erzielt sehr schöne malerische Effekte. In Basel war diese Technik schon vor Holbein bekannt und beliebt; er hat ihre Vorzüge wohl erst dort gründlich ausprobiert.

Entwürfe zu Madonnendarstellungen sind in jener Zeit häufig; den liebenswürdigeren Typus wird ihm ebenfalls die Kenntnis der Werke oberitalienischer Meister vermittelt haben, in denen die Richtung Lionardos nachgewirkt hat. In statuarischer Auffassung zeigt sie ein Scheibenriß mit der Vedute von Luzern im Hintergründe und eine Zeichnung in Braunschweig vom Jahre 1520.

Siehe auch:
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Vorzeichnung zum Bildnis des Bürgermeisters Jakob Meyer von Basel
Hans Holbein der Jüngere-Aus der Folge der Basler Frauentrachten
Hans Holbein der Jüngere-Leaina vor den Richter
Hans Holbein der Jüngere-Erzengel Michael