Hans Holbein der Jüngere-Vorzeichnung zum Bildnis des Bürgermeisters Jakob Meyer von Basel

Die erste gesicherte Porträtzeichnung ist mit harter, graubrauner Kreide auf weißes, mit dünner Kreide-Schicht grundiertes Papier gerissen und an den Augenrändern, an Nase, Backen, Mund und Kinn mit Rotstift leicht angetönt. Im linken Obereck steht von Holbeins Hand: „ogen schwarz, barét rot mosfarb, brauenn geller dan das har augenn. wie Prauenn.“

Erstauniich ist die Sicherheit des Strichs, und die Präzision, mit welcher der junge Künstler die charakteristischen Formen des Gesichtes wiedergibt. Die Stellung des Kopfes in starker Drei-Vierteldrehung hat Holbein mit Vorbedacht gewählt, um sowohl beide Augen als auch die Profilansicht geben zu können. Trotz einer gewissen Trockenheit besitzt die Zeichnung schon in hohem Maße die Vorzüge des genialen Porträtisten.

Der überlegene Blick und die keineswegs edeln Züge des Mannes aus dem Volke wirken sympathisch, lebensvoll. Der Ausdruck ist ungezwungen und selbstverständlich, überall tritt ein feines Empfinden für das Lebendige, für das belebende Motiv hervor. Die Wimper zuckt, der Mund ist zusammengepreßt, und die Haarlocken sind leicht bewegt. Das mit peinlicher Sorgfalt beobachtete Detail berührt die Stimmung nicht; denn es drängt sich nicht auf. Holbeins Fortschritt gegenüber Vater und Bruder liegt besonders darin, daß er das Leben zufällig, in nebensächlichen Dingen zu fassen sucht, nicht nur im Gesamt? ausdrucke. Den harten Strich und die ängstliche Modellierung hat er im Verlaufe weniger Jahre zu ausdrucksvolleren Mitteln ausgebildet.

Die Vorzeichnung zum Bildnis der Frau ist ähnlich; beide übertreffen die gemalten Porträts an Natürlichkeit und Frische und zeigen deutlich, daß Holbein als geschulter Zeichner nach Basel kam und das Malen dort erst gründlich erlernen mußte. Ambrosius, der ältere Bruder, war ihm damals in der Ölmalerei überlegen.

Siehe auch:
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus