Hebung der Studentenkunst

Im Königl. Landes-Gewerbemuseum in Stuttgart fand kürzlich eine Sitzung statt, an welcher nicht nur der Rektor bezw. Prorektor der Landes – Universität Tübingen und der Technischen Hochschule Stuttgart nebst mehreren Dekanen, sondern auch Vertreter aller studentischen Korporationen der beiden genannten Hochschulen und verschiedene bekannte Künstler teilnahmen. Die interessanten mehrstündigen Verhandlungen hatten ein wichtiges Resultat: Es wurde übereinstimmend der Überzeugung Ausdruck gegeben, daß die unsere Studenten heute umgebende Kunst durchaus reformbedürftig sei, und daß die Aktion, welche das Landes-Gewerbemuseum in Stuttgart im großen Stile einzuleiten plant, der allgemeinen Unterstützung sicher sein kann.

Nachdem nun das Projekt sowohl von künstlerischer als auch von studentischer Seite lebhaften Anklang gefunden, hat sich die genannte Anstalt, unterstützt von den beiden erwähnten Rektoraten, an sämtliche deutschen Hochschulen auch außerhalb des deutschen Reiches gewendet und ist eben damit beschäftigt, einen großen Ehren-Ausschuß zu bilden, um das Unternehmen auf eine möglichst breite Basis zu stellen.

Durch Veranstaltung eines Preis-Ausschreibens, welches voraussichtlich besser dotiert sein wird, als es je ein kunstgewerbliches Preis-Ausschreiben war, und durch eine, damit zusammenhängende, groß angelegte Ausstellung in den Räumen des Stuttgarter Landes-Gewerbemuseums event. auch in zwei anderen Hochschulstädten, soll das Ziel erreicht werden. Die Ausschreibungen bezw. Wettbewerb-Bedingungen werden in der nächsten Zeit von Stuttgart aus allgemein zur Versendung gelangen und jedem deutschen Künstler und Kunstgewerbetreibenden, der sich diesbezüglich nach Stuttgart wendet, sofort kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Jeden deutschen Künstler und Kunstgewerbetreibenden nämlich berührt diese Angelegenheit, so exklusiv sie auch im ersten Augenblicke zu sein scheint. Offenbar nur der Umstand, daß mit Ausnahme der Architekten die meisten anderen Künstler mit den akademischen Kreisen bisher so wenig persönliche Fühlung genommen haben, ist schuld daran, daß man sich ein Gebiet entgehen ließ, auf dem nicht nur manche Lorbeeren zu pflücken sind, sondern das namentlich für die kunstgewerbliche Produktion auch nicht zu unterschätzende materielle Vorteile in sich schließt. Unsere Kunstgewerbetreibenden mögen ja nicht denken, daß die viel verbreitete Anschauung, der Student wäre ein schlechter Zahler, richtig sei.

Man braucht nur die Kataloge der Spezialfirmen von sogenannten Studenten-Utensilien in die Hand zu nehmen, um aus denselben zu entnehmen, daß alle die Hunderte von Sachen, die zum Schmuck und zur Ausstattung der Studenten-Kneipen und anderer studentischer Versammlungs-Lokalitäten, aber auch als gegenseitige Geschenke und Widmungsartikel verwendet werden, sehr hoch im Preise stehen.

Den Katalogen ist aber auch zu entnehmen, wie verhältnismäßig leicht die Konkurrenz mit Gegenständen ist, die vom Geschmacks-Standpunkte meist so ungeheuer viel zu wünschen übrig lassen. Sehen wir uns doch nur einmal die Trinkgefäße an! Jeder Keramiker, jeder Glasmaler, jeder Zinngießer, jeder Goldschmied, der in das Wesen der modernen Stilbewegung auch nur einigermaßen eingedrungen ist, wird nicht in Verlegenheit sein, ungleich Besseres an die Stelle zu setzen. Der Tischlermeister wird auch gewiß nicht sonderlich erbaut sein von den verschiedenen Zigarrenschränkchen oder Präsidiumsstühlen, die »nach Muster F« in zahllosen Exemplaren verfertigt und recht äußerlich mit dem Zirkel oder Wappen irgend eines Studentenvereines »dekoriert« werden; nichts leichter als hier Gelungeneres zu schaffen.  Wie viel Gutes wäre da für die Kunststickerin, für den Elfenbeinschnitzer, für den graphischen Künstler, für den Buchbinder zu leisten!



Hoffentlich werden sich alle unsere bewährten Kunstgewerbler, aber auch viele talentierte junge Kräfte in allen deutschen Landen, auch jenseits der reichsdeutschen Grenzen, recht ausgiebig an diesem eigenartigen Unternehmen beteiligen. Im Interesse unseres heimischen Kunstgewerbes liegt es jedenfalls, daß sich die von Stuttgart aus eingeleitete Aktion nicht nur auf die einzelnen Hochschulstädte, von denen manche ein noch wenig entwickeltes künstlerisches Leben aufweisen, beschränken würde, sondern sich allüberall gute Kräfte dafür gewinnen ließen. Für unsere studentischen Kreise, ob es sich nun um Aktive oder »Alte Herren« handelt, wird es ein sehr Leichtes sein, selbst in den entlegensten deutschen Gauen etwa einem Elfenbeinschnitzer oder einem Glasmaler mit ihrem Rate beizustehen, damit Jeder Gelegenheit habe, sich an dem Wettbewerb und an der Ausstellung, die, als erstmaliges Unternehmen dieser Art, eine große Anziehungskraft auf die verschiedensten Kreise ausüben dürfte, zu beteiligen.

Jedenfalls wollen wir alle unsere Leser schon jetzt auf das Stuttgarter Unternehmen aufmerksam zu machen nicht unterlassen.

P.









Bildverzeichnis:
Franz Metzner-Brunnen-Rheingolds Töchter-Haus Rheingold-Berlin
Franz Metzner-Holz-Relief-Mahagoni-Saal-Haus Rheingold-Berlin
Franz Metzner-Steinsaal-Eingangstür-Haus Rheingold-Berlin
Franz Metzner-Steinsaal-Gewölbe-Pfeiler-Haus Rheingold-Berlin
Franz Metzner-Steinsaal-Gewölbe-Pfeiler-Haus Rheingold-Berlin-II
Franz Metzner-Steinsaal-Gewölbe-Pfeiler-Haus Rheingold-Berlin-III
Franz Metzner-Steinsaal-Haus Rheingold-Berlin
Franz Metzner-Steinsaal-Stirnwand-Haus Rheingold-Berlin
Franz Metzner-Steinsaal-Stirnwand-Relief-Haus Rheingold-Berln
Franz Metzner-Steinsaal-Stirnwand-Relief-Haus Rheingold-Berln-II
Hermann Feuerhahn-Holz Paneau-Pfeiler Saal-Haus Rheingold
Hermann Feuerhahn-Holz Paneau-Pfeiler Saal-Haus Rheingold-II
Hermann Feuerhahn-Holz Paneau-Pfeiler Saal-Haus Rheingold-III

Siehe auch:
Die Kunst vor Gericht
Moyssey Kogan
George Minne
Wirtschaft und Kunst
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer
Eine Deutsche Welt-Ausstellung?
Haus „Rheingold“ in Berlin
Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal
Sascha Schneider auf der Dresdner Kunstausstellung
Otto Greiner
Modelle zum Völkerschlacht-Denkmal
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz