Heinrich Vogeler

Wer in der wirklichen Welt arbeiten kann und in der idealen leben, der hat das Höchste errungen.

Boerne.

Es war schade, daß Worpswede zum Schlagwort wurde, denn aus seiner Modeberühmtheit von 1895 konnte jeder Kundige schon damals schließen, daß zehn Jahre später die Spatzen sich erzählen würden, Worpswede sei tot und endgültig überwunden. Das neue Schlagwort ist nicht besser als das alte und um nichts richtiger, ln diesen letztvergangenen Wochen hat die Nachlaß-Ausstellung Fritz Overbecks in der Bremer Kunsthalle uns davon überzeugen müssen, welche unverbrauchte Kraft und welche erfrischende Größe in der schlichten Natur-Auffassung lag. Und wenn die Übrigen Jahre gehabt haben, in denen die Fruchtbarkeit ihrer Produktion größer gewesen ist als ihre schöpferische Kraft, so ist doch unser Vertrauen in ihre Kunst darum nicht geringer als damals, als ihr Ruhm neu und ihr Wollen original schien.

Am wenigsten wird man Heinrich Vogeler gerecht werden, wenn man ihn mit dem Schlagwort von der Worpsweder Mode heute preist oder morgen gering schätzt, freilich war er auch niemals mit den Äußerlichkeiten der Moorlandschaft am Weiherberg so verknüpft wie die übrigen, die Landschafter. Er hatte vom ersten Tage an seine besondere Art, die Menschen und Dinge um sich her zu sehen. Die einen sagten, wie sonderbar; die andern nannten es gewollte Naivität; und erst weiden Menschen kannte, der verstand den Künstler, der fühlte, daß dieser Mann nur so und nicht anders malen könne; denn so sah die Welt aus, die er in seinem Herzen trug.

Es gibt nun einmal Menschen, die am helllichten Tage Märchen träumen, und man tut gut daran, sie nicht zu stören. Sie sehen die Madonna und Rittersleute und Quellnymphen leibhaftig und alle Tage vor sich, und haben recht, wenn sie uns nicht glauben wollen, daß all das nur triviale Alltagsmenschen seien. Und Vogeler ist eines von diesen Sonntagskindern, denen die Welt sich mit Wundern auftut überall, wo sie gehen.

Und weil Mensch und Künstler in ihm immer und selbstverständlich eins gewesen sind, so kann er gar nicht anders, als diese Wirklichkeitswunder, diese in tausend Liedern singende Natur festzuhalten. Von phantastischer Erfindung, von Romantik im üblichen Sinne kann kaum gesprochen werden; denn was er malt, ist alles wirklich, und nur der Hauch, in dem es uns begegnet: ein merkwürdiges Zusammentreffen von wildem Dornengewirr und zarter Rosenpracht, dort eine bizarre Naturform, ein Lichtschimmer oder eine rätselhafte Geste machen die Wirklichkeit zum erlebten Märchen.

Für Künstler von Heinrich Vogelers Art sind schlechte Zeiten. Die Romantik steht heute nicht hoch im Preis; wenigstens nicht in der Malerei. Die Kenner haben das Glaubensbekenntnis unserer Zeit so formuliert, daß es auf Monet, Cézanne und Liebermann paßt; d. h. der Mensch im Künstler kommt nur soweit in Frage, als er den Natureindruck in seine Farbenpartikel zerlegen und aus diesen so eindrucksvoll als möglich wieder aufbauen Fantasie ist nur im Sinne eines Farbenrausches schätzbar; und da der Stoff nichts, dasWie der Wiedergabe alles bedeutet, jedes Gemälde also nichts weiter als ein Natureindruck, gesehen durch ein Farbentemperament, sein kann, so bleibt nicht nur die Seele, das menschlich Persönliche des Gemüts Verzeihung, daß ich von solchen Dingen zu sprechen wage, ich weiß, es ist längst nicht mehr der Brauch — sondern auch alle eigentliche formale Gestaltungskraft in dieser heutigen Ästhetik unfruchtbar und unverwendbar, ausgeschlossen.



Es ist noch immer nicht aufgeklärt, wie in dieses Glaubensbekenntnis der Kenner die unvermittelt und unerwartet ins Land gekommene Begeisterung für Hans von Marées sich reimen soll; sie ist der einzige, menschlich schöne Irrtum in dem sonst so dogmatisch streng gehüteten System der heute gültigen Kunstreligion. Ich fürchte also, daß Heinrich Vogeler, der nun einmal nicht anders kann als bilden, gestalten und fabulieren, vorläufig dieser Ästhetik nicht genehm sein wird.

Die Gemeinde der Seinigen wird darum nicht klein sein. Vogeler hat noch einen zweiten Fehler; er ist Zeichner, d. h. auch in seinen Gemälden ist die Zeichnung der Träger des Ganzen. Und er lieht das Detail, den vollen Reichtum im Formenspiel zarten Gezweigs, die Zierlichkeit der Gräser, die leisen Regungen in den Linien eines Arms; er lieht und versteht das alles zu beleben wie einer unserer alten deutschen Meister vor vierhundert Jahren; jene solide Reife der Handwerksarbeit und jene liebevolle Hingabe an das Detail, ich wüßte nicht, wer unter den Heutigen sie noch so ungewollt und selbstverständlich besäße, wie eben Vogeler. Das Lüftein und Kläubeln, von dem Dürer spricht, es ist sein eigenstes Wesen, und was wir bei Schongauer lieben, warum soll es uns hier unwert sein ? Es gehört in der Tat ein ungewöhnlich feinzusehendes Auge und überdies ein sonntägliches Gemüt dazu, um die Natur so zu uns reden zu machen.

Als Vogeler anfing, neigte seine Malerei zur Illustration; das Erzählende, der Stoff- und Stimmungsgehalt überwog oft und beeinträchtigte die Formgestaltung. Das lag nahe und war in seiner gleichzeitigen Graphik fast ein Vorzug. Die ersten Jahre seiner Arbeit waren nach dieser Richtung von erstaunlicher Ergiebigkeit; was seitdem entstand bis auf seine neuesten Gemälde herunter, liegt fast alles in den Bildentwürfen seiner damaligen Skizzenbücher schon fest. Oft haben sie damals schon bald durch die Stärke des Naturausdrucks wie „Die heiligen drei Könige im Schnee“ bei Wolde und ,,Die Mutter in der Rosenlaube“ in der Bremer Kunsthalle oder aber durch die klare Herausarbeitung des Formproblems wie in der „Verkündigung“ das Wesen der Illustration überwunden und bis auf den letzten Rest abgestreift. Schon damals und in den letzten Jahren häufiger zwingt sich der Künstler, gleichsam um die Natur nicht zu verlieren und um den oft allzu spitzen Pinsel zu breiter Sicherheit zu gewöhnen, zur Wiedergabe einfacher Naturausschnitte.

Sein Wohnhaus und die nächste Umgebung der Landschaft gibt ihm dazu die Motive. Außerdem entstehen Stilleben einfachster Art, ein Stück der Atelierwand, eine Sofaecke mit ein paar Silhouetten und Bildchen, die drüber hängen, und ähnliche Motive. Der „Vorfrühling“ und der Blick vom Hügel auf die weite Fläche des sonnenbeschienenen Moors unter den hier wiedergegebenen Gemälden gehören auch noch in die Gruppe dieser Exerzitien. Auch das Bildnis seiner Gattin, wie sie in weißem Kleide im Schatten am Stamm eines Baumes sitzt, hat der Künstler so als durchgearbeitete Naturstudie vor der Natur entstehen lassen.

Seine letzten Gemälde gehen dagegen den Weg, den seine unvergleichlichen Radierungen schon vorher gewiesen haben, den Weg, der den Natureindruck überwinden und neu gestaltet als ein klar gelöstes Formproblem zu bilden lehrt. Diese Bücherzeichen sind einfacher und größer in der Auffassung geworden. Man spürt ein neues kräftiges Formempfinden aus ihnen; so auch in den Gemälden.

In dem Gemälde „Kommender Frühling“ tritt dies Streben zum ersten Male hervor. In dem schlank schreitenden Rhythmus des jungfräulichen Körpers, den er als den kommenden Frühling zwischen dünnen Birkenstämmchen über die Heide schreiten läßt, ist diese große Form durch die Kompositionsarbeit am reinsten und selbstverständlichsten erfaßt. Die an zarter Finesse der Nadelarbeit unübertreffliche kleine Radierung „Die Nymphe“ war offenbar eine Vorstufe zu diesem Akt im Freien. Nun tauchen die uralten Themen wieder auf. Das „Wintermärchen“ von den heiligen drei Königen und die Ansicht des eigenen Wohnhauses. Sie werden nicht mehr als Naturkopien oder im Sinne illustrativer Erzählung behandelt, sondern mit einem neuen starken Formgefühl, das die einzige Richtschnur für Komposition und Aufbau gibt.

Vielleicht nähert sich Vogeler damit den alten Meistern noch um einen Schritt mehr; zum mindesten entfernt er sich in der Auffassung wie in der runden Klarheit seiner Technik noch mehr von denen, die in skizzierender Improvisation das augenblickliche Leben des Natureindrucks farbig festzuhalten streben. —

Was wir sonst aus den letzten Jahren an Arbeiten des Künstlers mitzuteilen haben, verdankt seine Entstehung der Tatsache, daß Vogeler nicht zufällig nur, sondern von Herzen ein Worpsweder ist, und daß er darum nicht müßig zusehen mag, wie mit dem Wachstum des Dorfes am Weiherberg durch nicht verstandenes Bauen die Landschaft verunziert wird. Manchen hübschen Erfolg haben diese architektonischen Bemühungen im Sinne des Heimatschutzes schon getragen; und das feine Empfinden des Malers weiß diesen bescheidenen Bauwerken mit überraschend einfachen Mitteln persönlichen Reiz und Stimmung zu verleihen. Mit dem Kunstgewerbe-Haus in Worpswede zusammen hat Vogeler endlich in mühevoller Arbeit ländliche Werkstätten ins Leben gerufen, in denen ein solides Mobiliar hervorgebracht wird, das, angelehnt an altheimische Formen und Schmuckmotive, geeignet sein könnte, dem Landhaus des Städters und der Stube der wohlhabenderen unter den Bauern ein gut Teil von der Behaglichkeit zu erhalten, die ihnen der alte Hausrat bis in die Tage unsrer Großväter gegeben hat.

Dr. Karl Schaeffer.

Bildverzeichnis:
Heinrich Vogeler-Antikes Märchen-Gemälde
Heinrich Vogeler-Federzeichnung
Heinrich Vogeler-Juni-Abend-Gemälde
Heinrich Vogeler-Kommender Frühling-Gemälde
Heinrich Vogeler-Sonnenschein im Moor-Gemälde
Heinrich Vogeler-Vorfrühling-Gemälde
Heinrich Vogeler-Wintermärchen-Gemälde

Siehe auch:
Die Kunst vor Gericht
Moyssey Kogan
George Minne
Wirtschaft und Kunst
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer
Eine Deutsche Welt-Ausstellung?
Erste Ausstellung der „Künstler-Vereinigung Dresden“
Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal
Sascha Schneider auf der Dresdner Kunstausstellung
Otto Greiner
Modelle zum Völkerschlacht-Denkmal
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
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Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
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Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz