Hellenismus

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

In seinem Unterlauf wird ein Strom zwar trüber, aber auch tiefer und breiter. So war es dem Griechentum gegangen. Es verlor die Reinheit und Klarheit eines Homer und Sophokles, aber es breitete sich auf den fünf bis sechsfachen Raum aus. Griechische Laute erschollen von Kaschmir bis zur mittleren Rhone, und von den südlichen Zuflüssen der Donau bis zu den Katarakten des Nils. Des weiteren trat eine wissenschaftliche Vertiefung ein. Hipparch erkannte, vielleicht nach babylonischen Mustern, daß nicht die Erde, sondern die Sonne den Mittelpunkt unserer Welt bildet. Ein Rhodier wuchs so weit über die Anschauung hinaus, derzufolge Hellas den Mittelpunkt, oder, homerisch gesprochen, den Nabel der Erde bildete, daß er die Lehre von den vier Weltreichen aufstellte. Selbst die Kunst feierte noch Triumphe. Ein Massenbetrieb des Kunstgewerbes machte die entlegensten Völker, Berber und Inder, Thraker und Iberer mit griechischer Schönheit bekannt. Auch Rom konnte sich dem Einfluß der „hellenistischen“ Kultur nicht entziehen. Der Sieger wurde von den Besiegten überwunden. Bis tief in das zweite Jahrhundert hinein war, kulturlich betrachtet, Rom in der Hauptsache die Filiale Griechenlands. Erst mit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert beginnt römische Eigenart sich in Schrifttum und bildender Kunst reicher zu entfalten. Inzwischen wurde nicht nur römische, sondern auch ägyptische, kleinasiatisch-persische, und selbst jüdische und abessinische Art von hellenistischem Geiste überrieselt, und stark umgewandelt. Nicht minder wurden die Armenier und die Stämme des Kaukasus, wurden Gallier und selbst Germanen von den Griechen entscheidend beeinflußt. Der Hellenismus ging überall erobernd vor, und wie alle Eroberer bewies er wenig Rücksicht auf fremde Anschauungen. Am schärfsten zeigte sich in dieser Richtung Antiochus Epiphanes. Er war ein Fanatiker des Hellenismus. Er wollte das Judentum mit Haut und Haar vertilgen. Es ist durchaus möglich, daß, unter sanftem, unmerklichem Druck, das Judentum von selbst entvolklicht worden wäre, und zum mindesten in den leitenden Schichten ganz die griechische Sprache angenommen hätte. Bereits wurde es Mode, alttestamentliche Namen in solche griechischer Helden umzuwandeln. Ein Josua nannte sich hinfüro Jason, ein Eljakim Al-kimos, ein Menachja Menelaos. Eine Vorliebe für fremde Heroen, wie heute für Siegfried, eine Vorliebe, die merkwürdigerweise die Juden nur für westarische Namen, aber niemals für ostarische oder türkische oder etwa für solche der rasseverwandten Araber gezeigt haben. Selbst die heiligen Schriften der Juden wurden seit der Zeit des Antiochus auf griechisch verfaßt. Die Neigung zur fremden Sprache ging sogar bis über den Tod hinaus: auf den Grabsteinen jener Zeit liest man Inschriften, deren Text vollständiggriechisch ist; nur ein rituelles Schlußwort pflegt hebräisch zu sein, und wirkt wie ein erratischer Block in geologisch unverwandter Umgebung. Nun beging Antiochus den Fehler, seine löbliche Absicht allzusehr zu unterstreichen. Mit Gewalt wollte er den Juden etwas aufzwingen, was sie, ungezwungen, wahrscheinlich ganz von selber getan hätten. Sind nicht auch die Stoiker aus Syrern, folglich aus dem Semitentum, und zwar ausgerechnet im zweiten Jahrhundert hervorgegangen, und haben nicht gerade sie dazu beigetragen, den Glanz des Hellenismus zu erhöhen? Nun aber, da das Volk Israel so rauh angefaßt wurde, da es seine Mannen getötet und seinen Tempel durch Antiochus verwüstet sah, da raffte es sich zur Gegenwehr auf. Judas der Hammer, Makkabi, ward der Führer der Aufständigen und führte siegreich deren Sache.

Rom hat immer ein merkwürdiges Verhältnis zu dem Semitentum gehabt. Das erste, wirklich beweisfähige Lebenszeichen, das wir von Rom haben, ist ein Handelsvertrag mit Karthago, und dasselbe Karthago haben die Römer in zwei großen Kriegen bekämpft, und am Ende des dritten Punischen Krieges (133 vor Christi) zerstört. Jetzt verbündete sich Rom mit den Makkabäern. Es war das erste Bündnis, das die Stadt mit irgendeiner Macht in ganz Asien einging. Später aber haben römische Kaiser enge Beziehungen mit Judäa gehabt und wurde Rom von einer jüdischen Sekte erobert, um jedoch nur um so schärfer die beim Mosaismus verbliebenen Juden zurückzudrängen.

In jedem Falle hat, neben dem unvorsichtigen Eifer des Antiochus, die Bundesgenossenschaft Roms das Judentum gerettet. Viel Freude haben beide davon nicht gehabt. Schon zu Ciceros Zeit war das Imperium von der Regsamkeit des Volkes Israel unterminiert; andererseits hat die Stadt Jerusalem, die im Laufe der Jahrtausende fünfundzwanzigmal erobert ward, unter keiner Faust mehr gelitten, als der von Rom.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen