Hermann Wissmann

Von Dr. HEINRICH SCHNEE
früher Gouverneur von Deutsch-Ostafrika

In Hamburg wurde im November das Denkmal des grossen Afrikaners Wissmann wiederaufgerichtet. Es stand ursprünglich in Daressalam, der Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas. Als die Engländer während des Weltkrieges im Jahre 1916 Daressalam besetzten, sandten sie das Denkmal nach England. Nach dem Friedensschluss haben sie es an Deutschland wiederherausgegeben.

Wissmanns Name ist mit der Geschichte der deutschen Kolonisation, vor allem unserer grössten Kolonie, untrennbar verknüpft. Der kühne Afrikaforscher, der als Leutnant unter deutscher Flagge den dunklen Kontinent durchquert hatte, erschien dem Fürsten Bismarck als der geeignete Mann, des 1888 an der ostafrikanischen Küste ausgebrochenen Araberaufstandes Herr zu werden. Er warb von Aegypten aus Sudanesen an, bildete aus diesen und anderen afrikanischen Eingeborenen mit Hilfe deutscher Offiziere und Unteroffiziere seine Truppe, die „Wissmanntruppe“, und warf den Aufstand in energischem Vorgehen schnell nieder. Nach glänzenden Erfolgen, die durch keinen Schatten verdunkelt waren, kehrte er nach Deutschland zurück. Er kam, wie Bismarck sagte, mit „weisser Weste“ heim, ebenso wie er ausgezogen war.

Von jener Zeit ab datiert erst die volle Inbesitznahme Deutsch-Ostafrikas, von da ab erst setzte die Erschliessung auch der entfernteren Teile der Kolonie ein. Wissmann selbst trug dazu bei, indem er den nach ihm benannten Dampfer „Hermann v. Wissmann“ an den die Kolonie im Innern begrenzenden grossen Binnensee brachte. Schliesslich wurde er selbst in der Mitte der 90er Jahre, als Gouverneur an die Spitze der Kolonie gestellt, welche ihm so viel zu verdanken hatte. Aber die ungeheuren Strapazen, welche er als Forschungsreisender, als Expeditionsjführer, als Kolonisator durchgemacht hatte, hatten seine Gesundheit zerrüttet. Wenig länger als ein Jahr konnte er die Geschäfte als Gouverneur führen, dann musste er endgültig seinem geliebten Afrika den Rücken kehren. Als Reichskommissar für koloniale Angelegenheiten vermochte er in der Heimat noch seine reichen Erfahrungen zur Verfügung zu stellen, bis ihn allzu früh ein plötzlicher Tod ereilte.

Wissmann bedeutet uns mehr als die grosse Einzelpersönlichkeit, die über See für Deutschlands Ehre und Deutschlands Ausbreitung gekämpft und gelitten hat. Der furchtlose Träger der deutschen Fahne durch den dunklen Erdteil, der Vorkämpfer der deutschen Sache jenseits des Meeres, welcher selbstlos und frei von jedem Makel sein ganzes Selbst für sein Vaterland ein setzte, verkörpert für uns den kolonialen Gedanken. Er ist uns ein Symbol deutscher überseeischer Kolonisation.

So hat die Wiederaufstellung des Wissmanndenkmals in Hamburg nicht nur die Bedeutung der Ehrung eines grossen Sohnes unseres Vaterlandes, dem die fremde Nation den Ehrenplatz in der von ihr als Mandat okkupierten Kolonie versagt. Sie drückt gleichzeitig die Entschlossenheit des Volkes aus, dass es an dem kolonialen Gedanken festhalten will. Die alte Hansestadt Hamburg, von der ja ein grosser Teil unserer Kolonialtätigkeit von jeher ausgegangen war, ist sicher die berufenste Stätte für die Wiederaufstellung des Denkmals des grossen Afrikaners. Aber Hamburg ist doch nur der Vorort des gesamten Deutschlands für überseeische Wirksamkeit. Dahinter steht der Wille des grossen deutschen Volkes, sich nicht auf alle Zeiten von kolonialer Betätigung abdrängen zu lassen. Es handelt sich für uns um bittere, wirtschaftliche Notwendigkeiten. Wir können unmöglich dauernd ausgeschlossen bleiben von der Teilnahme an der Erschliessung und Entwicklung jener überseeischen Länder, in denen wir dank Wissmann und anderen Kolonisatoren grosse Erfolge erzielt hatten. Wir dürfen uns nicht dabei beruhigen, dass einige wenige Nationen die gesamten überseeischen Rohstoffquellen mit Beschlag belegt haben und uns zur Rolle blosser Lohnarbeiter für jene Nationen herabdrücken. Und auch auf kulturellem Gebiet müssen wir verlangen, dass wir im Interesse der Eingeborenenvölker wie im Interesse der Menschheit zur Arbeit über See wieder zugelassen werden, in der wir auf dem Gebiet des Missions- und Schulwesens, der Gesundheitspflege und Seuchenbekämpfung, einer grosszügigen Sozialpolitik Vorbildliches geleistet hatten.

Ist es nicht traurig, zu sehen, wie gegenwärtig eine unfähige Mandatsverwaltung die unter unserer Herrschaft vor dem Kriege aufblühenden Kolonien in den Zustand wirtschaftlicher Stagnation, des Wiederumsichgreifens von Seuchen und kulturellen Rückgangs zurückgeworfen hat? Können jene Nationen es verantworten, dass sie gegen den Willen der eingeborenen Völker, die noch heute die deutsche Herrschaft sehnlich zurückwünschen, ihnen ihre Mandatherrschaft aufzwingen? Lässt sich ein Verfahren rechtfertigen, bei dem unter dem Deckmantel einer Vormundschaft die Mandatare in eigennütziger und gewinnsüchtiger Weise unter Ausschliessung anderer Nationen sich die Vorteile der von ihnen annektierten Gebiete zu sichern suchen und dabei das Wohl der Eingeborenen in übelster Weise vernachlässigen? Soll ein Zustand aufrechterhalten bleiben, bei dem die bedeutenden kolonisatorischen Fähigkeiten und Kräfte des deutschen Volkes von den Kolonien fern gehalten werden, obwohl die Mandatare infolge Uebersättigung mit eigenem Kolonialbesitz gar nicht in der Lage sind, mit ihren Kräften auch nur die eigenen, ungeheuren Kolonien zu entwickeln, geschweige denn die dazugekommenen Mandatgebiete? Soll Deutschland zum Darben und Hungern verurteilt bleiben, während drüben die Nahrungsmittel in unseren Kolonien verfaulen, die Plantagen verwildern und die Naturschätze ungehoben bleiben?

Die Wiederaufstellung des Wissmann-Denkmals führt uns das Ungerechte und — es muss ausgesprochen werden — Unsinnige der Kolonialverteilung des Versailler Friedens so recht vor Augen. Sie lenkt unsere Blicke zurück auf die Grosstaten deutscher Kolonialpioniere. Sie erinnert uns aber auch daran, dass die uns durch Punkte der Wilsonschen Grundsätze zugesagte „unparteiische Prüfung“ nicht stattgefunden hat, auf Grund deren die kolonialen Ansprüche der Nationen entschieden werden sollten. Sie lässt uns erneut empfinden, dass die Siegernationen sich unter dem fadenscheinigen Vorwände unserer kolonialen Unfähigkeit und Unwürdigkeit der deutschen Kolonien bemächtigt haben. Mit Männern von dem tadellosen Charakter eines Wissmann in der vordersten Reihe unserer Kolonialleute, können wir der Prüfung eines jeden unparteiischen Gerichtshofs der Welt mit Ruhe entgegensehen. Wir fordern diese Prüfung, die nur ein Ergebnis haben könnte: zu einer für uns günstigen Lösung der Kolonialfrage zu führen. Gerade Deutsch – Ostafrika, wo Wissmann gewirkt hat, hat durch die uns von seihen Eingeborenen während des Weltkrieges bewiesene Treue den besten Gegenbeweis gegen jene unwahren Behauptungen erbracht.

So möge das Wissmann-Denkmal in Hamburg emporragen, nicht nur als Zeuge grosser deutscher kolonialer Vergangenheit. Es möge auch ein Wahrzeichen sein für die Zukunft, für den künftigen Wiedereintritt unsres Volkes in die Reihe der kolonisierenden Nationen!

Siehe auch:
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