Homer

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Im sechsten Jahrhundert ist die homerische Sammlung entstanden. Es ist durchaus möglich, daß ein Dichter Homer gelebt habe, und es ist gewiß, daß einzelne Stücke des Heldengesanges, in dessen Mittelpunkt der trojanische Krieg steht, schon seit dem achten, wenn nicht einem früheren Jahrhundert vorhanden waren; die Sammlung jedoch geschah erst in Athen gegen 530. Hier ist einzuschalten, daß die Griechen in eine fast unübersehbare Reihe von Stämmen zerfielen. Die wichtigsten davon waren die Äoler, die Jonier und die Dorer. Das Heldenepos ist, ebenso wie die frühestePhilosophie und Geschichtsschreibung, in jonischer Sprache verfaßt worden. Was bedeutet nun Homer? Er ist der Abglanz einer versinkenden und der Herold einer kommenden Welt. Er schildert Zustände, wie sie vor der hellenischen Besitzergreifung in der Balkanhalbinsel und in Kleinasien herrschten, jedoch in einer Auffassung, die dem Geiste des neuen, des Eroberervolkes gemäß war. Seine Helden tragen durchweg nichtgriechische Namen. Die Taten, die er besingt, gehören zu einem großen Teile nichtgriechisehen Völkern an. Aber all dies bunte, vielgestaltige, verwirrende Fremde ist vollkommen von griechischer Freudigkeit und Helligkeit, von griechischer Bildkraft, endlich von griechisehenVorstellungen über Schuld und Schicksal durchdrungen. Homer ist bis in die spätesten Zeiten die Grundlage aller griechischen Kultur geblieben; ja fürwahr, er ist zu einem nicht geringen Teile noch die Grundlage der höheren Bildung von heute. Dasselbe was der jonische Sänger für die Griechen, das leisteten die Dichter, die Sals und Rustems Taten verbreiteten, für Iran und leistete das Mahabharata für die Hindu. In den persischen und indischen Heldengesängen werden ebenfalls die frühesten geschichtlichen Erlebnisse in dichterischer Gestalt zusammengefaßt und der aufhorchenden Nachwelt überliefert. Nur war im Osten die Sammlung, die endgültige Redaktion der Gesänge viel später. Das Mahabharata dürfte erst um die Zeit Christi zum Abschluß gelangt sein, und Firdusi, der Vollender des persischen Epos, wirkte gar erst gegen 1000 nach Christi.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas