III. Deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung

DER ERSTE EINDRUCK.

Nun ist die dritte deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung in Dresden wirklich eröffnet und bietet das, was in emsiger Arbeit schliesslich dort geleistet, offen jedem dar, der Freude und Interesse nimmt an jener jungen Bewegung, die sich in Deutschland in den letzten Jahren mit so überraschender Frische entwickelt und schon zu so erstaunlichen Resultaten geführt hat. Was ist der erste Eindruck derselben? Zunächst wohl der, dass hier ganz Ausserordentliches geleistet worden ist. Das ist bisher das Urteil so gut wie aller gewesen, die hier zu urteilen wirklich berechtigt sind. Eine Fülle und Mannigfaltigkeit des Ausgestellten, die schier in Erstaunen setzt, eine Einheitlichkeit der Stimmung und der Auffassung, wie sie kaum je eine Ausstellung vorher gezeigt hat; dazu eine Fülle von Geschmack und wirklich erstarktem Kunstgefühl, wie es auf dem Kunstgebiet, das die Ausstellung vertritt, bis vor wenigen Jahren noch niemand geahnt hätte, weiter ein mutiges Anfassen von selbst schwierigen Problemen, das den festen Willen bekundet, das junge frische Leben, das hier aufgeblüht ist, über das ganze, weite, unbegrenzte Gebiet der angewandten Kunst zu verbreiten und schliesslich eine ganze Reihe von Belehrungen und Anregungen, selbst von Gebieten her, die — nicht gerade zum Nutzen dieser Bewegung — fast schon alle Fühlung mit ihr verloren haben, das ist der Eindruck, der hier zunächst sich jedem auf drängen wird.

Man erkennt auf dieser Ausstellung sofort: hier hat ein festes Programm Vorgelegen, hier wirkte ein fester Wille in mehreren und führte zu einem gemeinsamen zielbewussten Arbeiten. Es ist das Erfreuliche an dieser ganzen jungen Bewegung, dass in ihr trotz mancher verschiedener Ansichten und Bestrebungen dennoch in den Hauptsachen eine Einmütigkeit und Geschlossenheit herrscht, die sonst nicht gerade das Eigentümliche der stark zum Individualismus hinneigenden Kunst, und namentlich in Deutschland zu sein pflegt. In der allgemeinen Strömung nach vorwärts finden sich noch keine allzu starken Nebenströmungen, die jene statt sie zu fördern, hemmen und in ihrer Kraft beeinträchtigen. Es ist das Erfreuliche an dieser Ausstellung, dass diese Einmütigkeit und Harmonie auch in ihrer Leitung in vollstem Maße zum Ausdruck gelangt ist. Darin liegt ein Teil des Geheimnisses ihres glücklichen Zustandekommens.

Darum auch hat sich hier in Dresden fast alles, was in Deutschland auf diesem Gebiete tätig ist, zu friedlichem Wettbewerb zusammengefunden. Es fehlt fast kein Name von Klang, es fehlt keiner der Führer und keiner des Nachtrabs und es sind manche hinzugekommen, die hier zum ersten Male einem grösseren Publikum sich vorstellen. Man darf sicherlich sagen, dass nie ein Stück deutscher Kunst sich irgendwo so lückenlos dargestellt hat, wie hier die neue dekorative deutsche Kunst. Es ist das richtige Gesamtbild der augenblicklichen Leistung auf diesem Gebiet, das sich hier offenbart.

Über das eigentliche Wollen dieser Ausstellung, das Programm, braucht an dieser Stelle nicht mehr geredet zu werden. Es ist schon einmal hier eingehend gezeigt worden, wie in dem Zusammenbringen dieser Ausstellung in erster Linie eine ganz bestimmte erzieherische Tendenz vorgewaltet hat, die sich über das ganze Gebiet dieser Kunst, so weit dies sich nur irgend ausdehnen lässt, zu erstrecken suchte, wie alle Mittel herbeigezogen wurden, um diese Tendenz so deutlich wie irgend möglich zum Ausdruck zu bringen, kurz, wie alles daran gesetzt wurde, um durch diese Ausstellung eine wirklich neue, allgemeine künstlerische Kultur herbeizuführen, die unser ganzes praktisches Leben durchsetzen und veredeln soll.

Ist dies Programm nun wirklich durchgeführt worden?

Zunächst ein paar Worte im Voraus! Das Programm, das die Dresdner Kunstgewerbe-Ausstellung sich gestellt hatte, war ein stark ideales, optimistisches, so stark, wie es kaum je eine Kunstausstellung gehabt hat, und es musste ein solches sein; denn nur der Idealismus und Optimismus führen zu wirklich neuen, frischen und gesunden Taten. Sie allein geben die Schwungkraft zu aussergewöhnlichen Leistungen. Aber ebensowenig lässt sich ein Ideal sofort verwirklichen. Es bedarf hierzu mehrfacher Anläufe, und ist man schliesslich so weit wie man anfangs gewollt, dann ist das Ideal meistens ein anderes, in noch weitere Ferne gerücktes. Das Streben nach dem Ideal ist wie die Jagd nach dem Glück, ein Streben nach Vorwärts, ein Hasten nach dem Flüchtigen, ein Niemalserreichen. So hat auch hier so mancher Teil des Programms nicht gleich ganz durchgeführt werden können. Die Kräfte versagten noch, die Erfahrung fehlte, bisweilen auch der Inhalt selber. Aber, was sind diese Schwächen gegenüber dem, was hier wirklich Positives geleistet worden ist, gegenüber diesem Gesamtresultat, das vor wenigen Jahren noch kein Mensch für möglich gehalten haben würde. Was für den Augenblick schon zu erreichen war, das ist hier wirklich erreicht worden, mit Anspannung aller Kräfte, mit Entfaltung aller Energie. Ein Mehr war kaum zu erwarten, kaum zu erlangen!

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Als eigentliches Hauptziel dieser Ausstellung galt von Anfang an die Feststellung des heutigen Standes der Raumkunst, jener Verbindung von Architektur und angewandter Kunst, die uns so lange zu unserem grossen Schaden fast gänzlich verloren gegangen zu sein schien. Sie ist ja die wichtigste Kunst, die wir, die wir heute fast beständig im Zimmer, im Raum leben, besitzen. Niemand wird leugnen können, dass die Vorführung dieser hier glänzend gelungen ist. Wem Zahlen imponieren, der mag zunächst erfahren, dass sich hier in der eigentlichen Abteilung der »Raumkunst« über 140 Innenräume darbieten. Dazu kommen noch eine ganze Reihe von eingerichteten Häusern und alle viels ist. Dennoch wäre die Ausstellung ziemlich verfehlt gewesen, wäre nicht in künstlerischer Beziehung auch für den finanziellen Durchschnittsmenschen gesorgt, der heute nur zu oft sich als der eigentliche Kulturträger darstellt. Es finden sich hier Bestrebungen, die ausdrücklich, und, wie es scheint, mit grösstem Erfolge darauf ausgehen, billige, aber trotzdem gute Wohnungs-Einrichtungen herzustellen. Ja, selbst für den Arbeiter ist gesorgt. Eine ganze Reihe vorbildlicher Arbeiterhäuser sind von den verschiedensten Seiten aufgebaut worden und gruppieren sich zum sogen. »Dorfe «, das hier gleichsam das sonst übliche, aber etwas abgenutzte Motiv der Ausstellungen, die »alte Stadt« vertritt. Man staunt hierbei, wie leicht es doch eigentlich ist, mit wenig Mitteln etwas wirklich Reizvolles zu stände zu bringen, und trauert, dass uns trotzdem in unserem Leben noch so viel Abgeschmacktes rings umgeben muss.

Es ist noch zu früh über die ganze Fülle dieser Raumgestaltungen heute schon eine Kritik, ein abschliessendes Urteil auszusprechen. Nur der allgemeine Eindruck, den sie beim Durchwandern hervorrufen, kann hier niedergelegt werden, und hierbei muss man gestehen: noch nie vielleicht, geht man selbst in die entferntesten Zeiten zurück, hat sich an irgend einer Stelle eine Kunst so rasch entwickelt, so breit entfaltet, wie die neue dekorative Kunst in Deutschland. Gewiss, es lässt sich nicht leugnen, es gibt hier noch Unklarheiten, Geschmacklosigkeiten, Verirrungen in Hülle und Fülle. Die Ausstellung zeigt aufs deutlichste, dass ein wirklicher Abschluss, ein wirkliches Resultat von bleibender, typischer Bedeutung noch fast auf keinem Gebiet gewonnen ist. Es herrscht noch überall ein Streben, Ringen, oft von fast verzweifeltem Charakter. Der »Auswüchse«, die der Laie immer so gern in der Kunst »beschneiden« will, gibt es noch genug. Es wird daher immer noch nötig sein, soll sich diese ganze Bewegung wirklich zur vollsten

Gesundheit weiter entwickeln, kräftigst Spreu von Weizen zu sondern, und es will scheinen, als ob man sich hierbei so mancher Persönlichkeit, die ob ihrer »Genialität« bisher zu den »Führern« gerechnet wurde, am allerersten entledigen müsste, da sie sich immer mehr als »Verführer« herauszustellen scheint Aber daneben, welch steigender Geschmack, welch wachsende Liebe für die hier vorliegenden Probleme, welche Fülle von Phantasie und Schöpfungskraft! Man merkt, hier hat ein Feld fast ein Jahrhundert brach gelegen, das ungeheuer fruchtbar, nun, nachdem es endlich wieder aufgeschlossen, diese Fruchtbarkeit mit einem Segen wieder von sich gibt, als müsste es das seit einem Jahrhundert Versäumte, schleunigst wieder nachholen.

An die Raumkunst reiht sich die Abteilung für kunstgewerbliche Einzelerzeugnisse und im Gegensatz die der Kunstindustrie. Es waren die schwierigsten Abteilungen dieser ganzen Veranstaltung; schon schwierig in Bezug auf ihre Trennung und scharfe Gruppierung. Denn, wo hört heute bei unserer gänzlich veränderten Produktionsweise das eigentliche Kunsthandwerk auf, wo fängt die Kunstindustrie an? Was ist heute nur Produkt der Maschine, was nur Produkt der Hand? Die Techniken haben sich vermischt, ergänzen und unterstützen sich. Die Grenzlinien sind völlig unsicher geworden. Nur eins scheint jetzt schon klar aus diesen Abteilungen hervorzugehen: jenes Produkt, das liebevoll mit dem höchsten Aufwand künstlerischer Kraft und Sorgfalt geschaffen wird, ganz einerlei, was es kostet und wie viel Zeit es erfordert, dies Haupterzeugnis der ganzen kunstgewerblichen Vergangenheit, muss erst wieder geschaffen werden, für dieses müssen erst wieder die Kräfte gewonnen werden, die es bestellen, die es besitzen wollen. Ohne Beihilfe der öffentlichen Geldkräfte, ohne Unterstützung von Stadt und Staat wird dies kaum möglich sein. Was in der Abteilung »Künstlerische Einzelerzeugnisse« ausgestellt ist, das sind mit einigen wenigen sehr rühmlichen Ausnahmen Erzeugnisse mittleren Charakters, die vielfach nicht mehr oder weniger künstlerische Handarbeit zeigen, als unbedingt nötig ist, um sie zu Produkten des Kunsthandwerks zu stempeln. Es sind achtbare Leistungen darunter, doch fast nichts, was die höchste Anspannung auf diesem Gebiete verrät, nur weniges, was nicht dem Massenprodukt der Industrie ziemlich nahe steht. Nur ein gewisses Mehr von Handarbeit dürfte sie in der Regel vor der Aufnahme in die eigentliche Industriehalle gerettet haben.

In letzterer Halle erblickt man den erfreulichen Anfang des Eindringens des neuen künstlerischen Lebens in die Massenproduktion unserer Zeit; freilich, nach dem, was hier ausgestellt ist, handelt es sich wirklich erst um einen Anfang, der freilich, Gott sei dank, nichts mit dem zu tun hat, was sonst die Industrie als »Jugendstil« oder »Sezession« auf den Markt zu werfen pflegt. Es handelt sich hier in der Hauptsache um wirklich ernste Versuche, um künstlerische Bestrebungen, nicht um Mode-Spekulationen. Sie weisen den Weg, der beschritten werden muss, um die Kunst wirklich wieder zum Allgemeingut zu machen. Doch die Hauptarbeit ist hier noch zu tun.

Es erübrigt noch auf die äusserst interessante Ausstellung der Schulen, eine der wichtigsten Veranstaltungen der Kunstgewerbe – Ausstellung, hinzuweisen, eine Vorführung, nicht etwa, wie es bisher üblich, leerer Zeichnungen auf Papier, vielmehr ausschliesslich von Schüler arbeiten im Materiale selber, wie es die neue Bewegung so gebieterisch verlangt hat, und wie sie glücklicher Weise von so vielen Kunstgewerbeschulen Deutschlands bereits versucht worden ist. Dann sei auch auf die reizende Abteilung Volkskunst hingewiesen, die hier in ihrer ungewöhnlich geschmackvollen Aufstellung zeigt, dass es eine Zeit gegeben hat — und sie soll noch nicht gar so weit entfernt liegen — in der die Stadt weniger Geschmack besass, als einst der Bauer, dann auch auf die retrospektive , der Versuch eine Muster-Ausstellung technisch wie stilistisch anregender Erzeugnisse aus der Vergangenheit, die erfreulicher Weise auch beim »modernen« Künstler vielen Anklang zu finden scheint, ein erfreuliches Zeichen, dass sich langsam die Fäden mit der Kunst der Vergangenheit wieder verknüpfen wollen.

Es ist auf diese Weise ein kleines Mustermuseum entstanden, das schon durch seine Beschränkung, sowie durch seine feinere Auswahl sich gegenüber dem ständigen, meist viel zu vollen Museen auszeichnet und durch die angestrebte, ruhige Aufstellung auch im Gegensatz zu den meisten Museen weit mehr als diese zur Betrachtung und zum Studium anreizen dürfte. In diesen beiden Abteilungen liegen die eigentlichen Anregungen der Ausstellung für die Künstler selber: es wird hier in der Volkskunst das naiv einfache aber absolut ehrliche Kunstschaffen innerhalb beschränkterer Grenzen gezeigt, in der retrospektiven Abteilung die Kunst in ihren höheren Aufgaben, in ihrer höheren Vollendung und wer das Typische dieser beiden Kunstarten erkannt, der wird sicherlich auch selber schneller wieder typisch schaffen lernen und schneller von dem allzu starken Individualismus loskommen, der in der dekorativen Kunst durchaus nicht immer am Platze ist. — Doch es sei genug mit diesem Hinweis auf die Fülle des Gebotenen, das nun in seinem interessantesten Teil durch Einzeldarstellungen näher zu beleuchten sein

E. ZIMMERMANN—DRESDEN.

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl
Holzschnitte von Josef Weiss
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Waldemar Rösler
Franz Hoch
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Kunstverständnis-Möglichkeiten Einst und Jetzt
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik