Illuminations-Feste auf der Mathilden-Höhe

Es gibt fast kein Gebiet der angewandten Kunst, das nicht in irgend einer Weise in den veredelnden Bereich der Künstler – Kolonie gezogen worden wäre. Selbst die künstlerische Ausgestaltung jener heiteren Garten-Feste, die unter sommerlichem Nacht-Himmel in unserer Zone abgehalten werden, wurde von den Künstlern in vorbildlicher Weise unternommen und durchgeführt Das Haupt – Dekorations – Element in diesen nächtlichen Festen ist das Licht. Es ist aber auch zugleich fast das einzige Schmuck-Element, das zur Verfügung steht, nur dass es sich in unendlich mannigfacher Form verwenden und ausnützen lässt. Abgesehen von dem Feuerwerke ist die »Lampe« das Haupt – Ausdrucks – Mittel moderner Illuminations – Kunst.

Unter den Lampen nimmt die erste Stelle das beliebte Lampion ein, die Laterne aus dünnem, farbigem Papier. Bei allen Volks-Festen begegnen wir ihm, teils mehr, teils weniger geschickt, zumeist jedoch mit grossem Ungeschmack verwendet. Als besonders verfehlt muss man bezeichnen, dass auf die Form des Lampions eine Zeit lang ein besonderer Wert gelegt wurde. Diese entgeht dem Beschauer fast stets, nur das Licht wirkt auf ihn ein, und vor allem die von diesem getragene Farbe. Das allein richtige Prinzip, dem man bei den Illuminationen auf der Kolonie folgte, ist das, auf letztere den Hauptwert zu legen, und Steigerung in Gleichheit und Einheit des Lichtes zu suchen.

Das erste Fest wurde anfangs Juni veranstaltet. Man hatte als Haupt-Farbe ein gedämpftes Zinnober-Rot gewählt. In diesem waren sämtliche Lampions gehalten. Auf dem Gelände kamen nun ca. 5 bis 6 Tausend Laternen der Art zur Verwendung, und in dieser Licht-Masse lag mit der Haupt-Reiz des Ganzen. Die Wege, sämtliche Beete der Garten-Anlagen waren mit sehr dichten Lampion – Reihen eingefasst.

Die Häuser waren zudem noch mit kleinen Flämmchen in roten durchsichtigen Karton – Becherchen in ausgiebigster Weise geschmückt. Selbst die Acetylen-Flämmchen im Platanen – Hain und auf den Beeten des Haupt-Platzes vor dem Künstler-Hause erglänzten in rotem Lichte. Im ganzen brannten, die Lampions mit eingerechnet, an dem Abend gegen 14000 Flammen. Das festliche Rot, durch keine andere Farbe gestört, verlieh dem ganzen Gelände eine märchenhafte Pracht, und übte auf die herbeigeströmte Menschheit eine elektrisierende Wirkung aus. Wer in den Bann des feurig-roten Licht-Meeres geriet, dem wallten die Sinne, und in »wunderbarer« Stimmung zog er dahin durch die roten Licht-Wellen, die ihn umfluteten.

Bei der zweiten Veranstaltung dieser Art wählte man statt des Rot ein Blau- Grün. Inbezug auf die Anzahl der Flammen und hinsichtlich des Raffinements im Arrangement ging man noch über den Luxus des ersten Abends hinaus. Ausserdem wurde hinter dem Ernst-Ludwigs-Hause ein reichhaltiges Raketen – Feuerwerk abgebrannt. Auch ein Scheinwerfer, der auf dem flachen Dache des Hauses Habich postiert war, trat in Thätigkeit. Das Portal des Ernst-Ludwigs-Hauses, das Haus Christiansen und das kleine Haus Glückert, sowie die Menschen-Menge auf dem Platze und die dunklen Baum-Gruppen wurden abwechselnd bestrahlt. Dennoch konnte nichts darüber hinwegtäuschen, dass das gewählte Blau-Grün nicht die geeignete Farbe für eine Illumination in diesem Maassstabe sei. Die Wirkung blieb unendlich hinter der des roten Lichts zurück. Obgleich die Farbe an und für sich recht angenehm war, besass sie doch nicht die Fähigkeit, zu strahlen und sich zu verbreiten. Die einzelnen Flammen blieben stets für sich; das Publikum blieb frostig wie das Licht, und die entzückten Ah’s und Oh’s des ersten Abends hörte man nicht.

Die dritte Illumination wurde in einer Orange – Farbe durchgeführt. Sie konnte jedoch auch nicht die Wirkung des feurigen Rot des ersten Festes erreichen.

Wenn nun auch diese weiteren Versuche nicht den Erfolg der ersten Veranstaltung aufwiesen, der Verdienst ist ihnen jedenfalls nicht abzustreiten, dass Pyrotechniker vom Fach, und Amateure, und das ist wohl jeder, der einmal in die Lage kommt, ein ähnliches Sommer-Fest zu arrangieren, eine Fülle optischer Erfahrungen aus ihnen schöpfen konnten und wohl auch geschöpft haben. Professor Hans Christiansen, der künstlerische Leiter der Illuminationen, kann dies Verdienst voll und ganz für sich in Anspruch nehmen. Er hat durch sie auf weite Kreise gewirkt. Jedem, der diese feurigen Nächte miterlebt hat, werden sie gewiss eine angenehme Erinnerung bleiben.

Bildverzeichnis:
Ad. Beyer-Kinderbildnis
August Wondra-Abend im Odenwalde
Ludwig Habich-Bronzegriff
Melchior Kern-Bauernhaus
Wilhelm Bader-Gemälde-Öl

Siehe auch:
Die Kunst vor Gericht
Moyssey Kogan
George Minne
Wirtschaft und Kunst
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer
Eine Deutsche Welt-Ausstellung?
Haus „Rheingold“ in Berlin
Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal
Sascha Schneider auf der Dresdner Kunstausstellung
Otto Greiner
Modelle zum Völkerschlacht-Denkmal
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz

von Hermann Kesser-Zürich.