Im chinesischen Theater zu Tsingtau


Vom Besuch eines chinesischen Theaters war mir zwar abgeraten worden, weil „bei dem Getöse ein jeder Europäer schon nach zehn Minuten wieder davon liefe“. Im grossen ganzen konnte man ja auch diesen Standpunkt teilen, wenigstens, so fern man die Theater-Vorstellung als ein Vergnügen, als eine Zerstreuung auffassen wollte. Ich aber bezweckte etwas anderes. Mir lag daran, vor meiner Rückreise nach Deutschland nochmals eingehend die chinesische Schauspielkunst zu beobachten und betrachtete es mehr als Studium der Sitten und Gewohnheiten der Chinesen auch in ihren Lustbarkeiten. In einer Loge auf der Galerie nahm ich Platz und zwar ganz vorn direkt über der Bühne.

Der recht geräumige Saal, dessen Galerie in lauter Logen eingeteilt war, war dicht besetzt; auch unten im Parterre. Ein jeder Zuschauer hatte vor seinem Platz sein Tässchen Tee stehen; auch ich erhielt mein kleines Täschen ohne Henkel. In diesem befanden sich die bekannten chinesischen grünen Teeblätter, auf welche von dem ständig umhergehenden Tee-Mann oder vielmehr Wasser-Mann stets wieder heisses Wasser zugegossen wurde, sobalb dasTässchen geleert war. So trank ich in den zwei Stunden meines Aufenthaltes wohl 8 bis 10 Tassen, wofür der Kuli ein Trinkgeld erhielt. Ob eine bestimmte Gebühr dafür zu en richten ist, konnte ich nicht erforschen. Auf der in den Saal hineingebauten Bühne ging es nun recht bunt und lebhaft zu. Eine Menge Schauspieler, alles Männer, denn auch die Frauenrollen werden in China von den Herren der Schöpfung gespielt, marschieren stets mit langsamen, abgemessenen Schritten unter theatralichen Hand- und Armenwegungen auf dem Poudium umher. Die langen, herabhängenden Aermelkrauscn verschaffen den steifen tragikomischen Bewegungen noch zu grösserer Wirkung. Der hohe wunderbare Kopfputz, die buntseidenen vielfach ausserordentlich hochwertigen Kostüme mit Stickereien waren zum Teil wundervoll. Rote Schminke und vor allem der Puder spielten die Hauptsache; einzelne Gesichter sahen geradezu weiss übertüncht aus. Zwischen der Handlung des Theaterstückes erschienen mächtig aufgetakelte Gestalten mit grässlich aussehenden Tanzmasken. Pausen gab es nicht. Und wohl als Unterbrechung für die Schauspieler wurden abwechselnd kriegerische Tänze mit Schwertern oder auch Lanzen, die oft hoch in die Luft geschleudert wurden, aufgeführt; ferner andere ruhigere Tänze, also eine Art Ballett, wobei gewaltiges Armeschwingen die Hauptsache zu bilden schien.

Die Handlung auf der Bühne wickelte sich gemütlich, frei und ungeniert ab, wie ich dies schon bei einer herumreisenden Theatertruppe im Lauschan-Gebirge gesehen hatte.

Die spärlichen, einfachen Requisiten, wie zwei Holzstühle, ein roher Tisch, ein Fusskissen, trugen die Kulis in ihren gewöhnlichen blauen Strassenkitteln herbei oder schafften sie wieder weg. Wurden Kostüm-Umwandlungen notwendig, so vollzog sich dies in der denkbar einfachsten Weise.

Einige Schauspieler stellten sich vor die betreffende Person als Schutzwand und der Kuli zog dem Schauspieler das Kostüm, die Perücke, Maske usw. aus. Gegenüber einem an der Hinterwand angebrachten grossen Spiegel vervollkommnten die „Künstler“ dann ihre Toilette. Während des ganzen Abends schenkten auch die Kulis den Musikanten, den Schauspielern und sich selbst fortwährend die Teetässchen ein und rauchten ihre kleinen Pleifchcn. Den Hauptclou bei den ganzen Vorführungen bildete aber der mörderische Spektakel, den die Musik und die Schauspieler vollführten. Einer suchte den anderen durch fürchterliches Geheul zu übertreffen, meist mit Fistelstimme, um so die höchsten Töne herauszuholen. Namentlich bei den kriegerischen Tänzen fand ein derartig betäubender, nerven-zerreissender Lärm statt, dass ich mir oft die Ohren zuhalten musste. Durch Schlagen der Pauken, der Blechteller, der xylophonartigen Instrumente wurde der Lärm zum sichtbaren Vergnügen der Zuschauer noch vermehrt. Glaubte ich, der Skandal müsste seinen Höhepunkt erreicht haben, dann ging es doch noch einmal bei den hauptsächlichsten Elfekten um so gewaltiger los, als ob das jüngste Gericht nahe wäre.

Und das war auch der Höhepunkt der Begeisterung des chinesischen Publikums. Durch „Uff“-Rufe gab cs seiner Befriedigung beifälligen Ausdruck bei besonderen Leistungen und überraschenden Tricks.

Die Musik war ziemlich reich vertreten. Sie bestand aus kleinen und grossen Gongs, grossen Zinndecken, von denen ausgiebig Gebrauch gemacht wurde; dann einer mächtigen Pauke, zwei Fiedeln und anderen primitiven, nur mit einer einzigen Saite bespannten Instrumenten, ferner einer Art Holzflöte, einem Holzschlag-Instrument (wie die japanischen Nachtwächter es ungefähr verwenden) und als schlimmstes: ein ähnliches Radau-Werkzeug (den Namen „Musik – Instrument“ kann man unmöglich dafür anwenden), eine Art Xylophon, das geradezu trommelfellzerreissend wirkte.

Instrumente bedienten sich kunstbeflissene Chinesen in einfachen blauen seidenen Kitteln. Die Vorhänge der Eingangs- und Ausgangs-Tür auf der Bühne waren prunkvoll und kostbar. Ich sage absichtlich „Eingangs- und Ausgangs-Tür“, denn um mehr Abwechslung und Leben in das Spiel noch zu bringen, marschierten die Schauspieler in abgemessenen Schritten zur linken Tür (der Hinterwand)- hinaus, und kamen zur rechten Tür im Gänsemarsch wieder auf die Bühne.

Von 9 bis II Uhr hielt ich das Getöse aus, dann war es mir nicht mehr möglich, den Lärm länger zu ertragen. So begab ich mich wieder nach meinem Hotel, obwohl ein Ende der Vorstellung noch nicht abzusehen war.

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