Im Muttertum liegt die höchste Ehre der Frau

Natürlich wird auch in Germanien Keuschheit gefordert; aber erstens hat diese Forderung für beide Geschlechter Geltung, und zweitens ist ihre Begründung eine wesensandere als die der orientalischen Lebensgebote.

„Vor Ablauf des zwanzigsten Jahres mit einer Frau Verkehr gehabt zu haben, halten sie für äußerst schimpflich.“ Diejenigen, die am längsten keusch geblieben sind, ernten bei den Ihrigen das höchste Lob; sie meinen, daß hierdurch die Leibesgröße gefördert und Kräfte und Sehnen gefestigt würden.“

Aus Cäsars Worten geht hervor, daß nicht etwa uns einer seltsamen Wertung des Natürlichen als Sünde, nicht uns Ängstlichkeit vor Verstrickung sexuelle Ausschweifungen deren Gefahr für die orientalische Mentalität um ein Bedeutendes größer ist als für das kühlere Blut des Nordens — der Norden in der Keuschheit sich einen Lobenswert gesetzt hat: und ferner geht daraus hervor, daß er sie nicht mit der Idee der Ehre verwechselt. Die Verletzung der Keuschheit bis zu einem bestimmten Alter oder, noch deutlicher gesagt, der geschlechtliche Verkehr in zu früher Jugend gilt in Germanien als leibliche und seelische Gefährdung des Menschen. Sie bedeutet eine Trübung des Vollkommenheitsideals vom Menschen und eine Bedrohung anderer germanischer Lebensgrundsätze. Hinter der Forderung der geschlechtlichen Unberührtheit des körperlich und geistig unreifen jungen Menschen steht der Wille, Reinheit und Kraft des Blutes nicht zu gefährden einerseits, andererseits der allgemeine sittliche Grundsatz der Selbstzucht, der für das ganze Leben des Germanen gilt.

Aus Verantwortung dem Blute gegenüber, das man in gleichwertiger Kraft dem Nachfahren zu geben hat, und aus Verantwortung vor dem eigenen Ich, dem Persönlichkeitswert, der von persönlicher Würde und Selbstachtung getragen wird, wird in Germanien Keuschheit vom unreifen Menschen verlangt. Ist dagegen der germanische Mensch an Leib und Seele zum vollen Menschen gereift, so ist es für ihn selbst verständlich, nicht dem Gesetz der Schöpfung und den Anlagen, die die Natur ihm gab, durch eigene krankhaft verzerrte Sinnsetzung zuwiderzuhandeln, indem er ihre Fruchtbarkeit und ihren ewigen Erneuerungswillen durch eine noch länger behauptete Keuschheit unterbindet. Nicht gegen die Natur und gegen ihre Gesetze lebt der Germane, sondern mit ihr.

Er läßt die Gaben, mit denen sie ihn bedachte, nicht aus einer menschlich vermessenen Entwertung heruas verkümmern, sondern er erblickt in ihrer Entfaltung erst die volle Erfüllung den Menschen, den die Natur zum Manu oder zum Weibe bestimmte, nicht aber zum geschlechtslosen Neutrum. Daher muß die Forderung einer übertrieben ausgedehnten Keuschheit, die Erklärung des enthaltsamen und zölibatären Lebens als dem eines höheren Menschentums in Germanien zunächst vollkommener Verständnislosigkeit begegnen, ja. muß sogar als Widerstand und Versündigung am ewigen Lebensgesetz  selbst empfunden werden. Keuscheit ist also nur eine bedingte Forderung der Lebenshaltung für germanischen Menschen kein absoluter sittlicher Wert, der uneingeschränkt über der ganzen Lebensführung des Menschen steht. Jungfrau und Mönch sind nicht germanische Vorbilder, sind nicht höherwertige Menschen, sondern, da sie die ihnen gegebenen Kräfte nicht voll entwickelt haben, eher das Gegenteil.

Diese Auffassung von dem bedingten, nur dem unreifen Menschen verpflichtenden Wert der Keuscheheit gilt in Germanien für den Mann und für die Frau. Daß die Jungfräulichkeit die Unberührtheit der Frau durchaus nicht bestimmend ist, ja, gar nicht in Erwägung gezogen wird bei der Wertung der freien Germanin beweisen am schlagendsten die Bestimmungen über Beischlaf- und Totschlagsbußen für Frauen Das schwäbische Volksrecht bestimmt, daß der Beischlaf mit einer verheirateten (muher) doppelt so hoch zu büßen ist wie der mit einer Jungfrau (virgo), also nicht die Jungfräulichkeit, Keuschheit und Unberührtheit setzen den Wert bzw. die Wertverletzung fest. Die salischen, ripwarischen und thüringschen Rechtsbücher bestimmen als Totschlagsbuße einer gebärfähigen Frau oder einer, die bereits zu gebären begonnen hat, das Dreifache von der einer noch nicht gebärfähigen Jungfrau.

Gerade diese Rechtsätze, bei denen ja der Unterschied zwischen der Jungfrau und dem Weibe (virgo und mulier) zur Sprache kommt, machen so recht deutlich, daß der Begriff der Keuschheit bei der Wertsetzung der Frau auch nicht im geringsten ausschlaggebend ist, daß man an ihn überhaupt nicht einmal denkt, denn die Tötung einer Frau wird als dreimal so schwerer Verlust gewertet wie die einer Jungfrau! Nicht die Keuschheit, sondern der biologische Wert der Frau, der im Gegenteil von der Aufgabe der Jungfräulichkeit zur Erfüllung der Mutterschaft abhängig gemacht ist, sind entscheidend für die Bewertung der Frau. Deutlicher kann die germanische Anschauung über den nur bedingten Wert der Keuschheit nicht gemacht werden als hier. Der gebärenden Frau, der Mutter, deren Empfängnis niemals eine Befleckung sein kann, kommt zunächst der höhere Wert in Germanien zu. du sie das Lebensgesetz für sich und ihr Volk erfüllt. Der persönliche Wert der Frau aber hängt, wie betont wurde, von ihren Anlagen, Leistungen und ihrem Charakter ab, von Seele und Herz, Geist und Gemüt.

Woher kommt nun diese Wertung der Keuschheit als sittlicher Begriff? Wie konnte die Unberührtheit in der Moralauffassung sogar eine Gleichsetzung mit „Frauenehre“ erlangen?

Wir erinnern uns, daß germanische Frauenideale, „germanische Heilige“ immer Mütter, Urmütter waren (Frigg, Frau Holle), daß nach germanischem Empfinden die Empfängnis kein Makel, keine Befleckung und Entwertung war, eher hingegen eine solche Deutung als Beleidigung der germanischen Mütter empfunden worden wäre. Wir erleben in den Sagas hundertfach, daß Witwen ebenso begehrt wie junge Mädchen sind und daß kein Germane je auf den Gedanken kommt, eine Witwe habe geringeren Wert, da sie nicht mehr unberührt ist.

Jüdisch-orientalischem Geist dagegen scheint die Jungfrau begehrenswerter als die Frau; mit Absicht ist hier das Wort „begehrenswert“ gewählt, denn es handelt sich bei der höheren Bewertung der Jungfrau nach orientalischem Empfinden ursprünglich wohl kaum um eine sittliche Wertung der Keuschheit. Wenn das heilige Buch des Islams, der Koran, den rechtgläubigen Muselmännern immer wieder als Belohnung in den paradiesischen Gärten „Jungfrauen, die noch kein Mensch und kein Geist vor ihnen berührt hat“ zu ihrem Genuß verspricht, so geht daraus hervor, daß die Keuschheit der Frauen für den Orientalen tatsächlich einen besonderen Wert haben muß. da sie ihm gewissermaßen ja als Belohnung und Freude des Paradieses vorgehalten wird.

Nur kann die Jungfräulichkeit, die Unberührtheit unmöglich ein sittlicher Wert, sondern muß ein sinnlicher in den „Wonnegärten Edens“ gewesen sein; denn die Keuschheit der Frau hat ja nur den einen Sinn, daß sie dem Manne versprochen wird, der sie in jenem höchsten Freudeleben des Jenseits zerstört. Der Besitz der „schwarzäugigen Jungfrauen, wie Perlen in der Muschel“, der Gotteslohn der Gläubigen im Paradies, spricht ganz eindeutig davon, daß die Keuschheit der orientalischen Frau nur für einen größeren Genuß des Mannes gefordert wird.

Damit haben wir gefunden, bei weither Rasse die Unberührtheit der Frau eine so augenfällige Rolle spielt und was hinter der Forderung der Keuschheit eigentlich steckt. Der Germane allerdings wäre kaum auf die Vorstellung einer jungfräulichen Mutter gekommen und hätte in ihr auch keinen höheren Wert erkennen können. Seine Göttinnen und die ihm lieben und hoben Frauen tragen mütterliche Züge und sind Mütter, Mütterlichkeit gerade erhöht sie. Wenn nun im Zuge einer eindringenden fremden Wertung die jungfräuliche Gottesmutter die mütterlichen Gottheiten Germaniens verdrängte, die Nonne über die germanische Sippenmutter gestellt und die Höherbewertung der Jungfräulichkeit als der Mütterlichkeit und Mutterschaft so lange dem germanischen Menschen eingehämmert wird, bis er sie in sein Gesittungsbild aufnimmt, so dürfen wir daran die ganze Tiefe des gewaltsamen Umbruchs germanischer Weltanschauung und die gewaltige Erschütterung des sicheren germanischen Lebensgefühls ermessen. Welchen Bruch im germanischen Menschen muß diese fremde Anschauung bewirkt haben, ehe sie germanische Bauerntöchter so weit aus der Sicherheit ihrer gesunden, lebensfrommen Weltanschauung heransriß, daß sie den Schleier nahmen, wie uns das von den Mädchen eines ganzen Dorfes berichtet wird!

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