In bäuerlicher Gesittung lebt die germanische Ehrauffassung weiter

Die bäuerliche Gesittung auf dem Lande sieht auch heute noch nicht so aus, wie es nach den neuen Lehren gewünscht wird. Noch heute leben in alter Kraft jene Bräuche, die einst uns anderer, arteigener Sittlichkeit geboren wurden, einer Sittlichkeit, die sich mit der später gelehrten, fremdartigen nicht in Einklang bringen läßt. Trotz aller Bedrohung mit Höllenpein und Fegefeuer hat sich das Fensterln bei den südlichen deutschen Stämmen als anerkanntes Recht der jungen Menschen erhalten, und niemanden würde es einfallen, es als sündhaft anzusprechen. Selbst die zum Hüter und Richtcr der Sitlichkeit sich bestellt glaubende Obrigkeit sieht, wenn nicht verständnisvoll, so doch ohnmächtig darüber hinweg. Der grundsätzlich mutterschaftsfeindlichen christlichen Forderung der Keuschheit zum Trotz ist es nichts Seltenes, daß junge Bauernmädchen ihrem späteren Mann schon vor der christlichen Segnung und Eheschließung Kinder schenken. Sie werden aber deshalb noch nicht mit Schimpf und Schande belegt von den gleichgearteten bäuerlichen Menschen, unter denen sie leben, und die vorehelichen Kinder gelten nicht als mit Makel behaftete Sündenkinder. Erst wenn ein Mädchen ihre innere Haltlosigkeit zeigt, wird sie von dem sittlichen Gefühl der Gemeinschaft abgelehnt, durchaus aber noch nicht dann schon, wenn sie den Vater ihres Kindes erst nach dessen Geburt heiraten kann. Die fremde, orientalische Keuschheitswertung spricht hier wenig mit, wohl aber das alte germanische Sittengesetz von der Bewahrung des Blutes und der inneren Zucht. Die Verletzung der Keuschheit gilt daher auch heute noch nicht immer als Verlust der Ehre schlechthin, genau so wenig wie in Altgermanien. Hinter der Forderung der Keuschheit in Germanien stellt der Wille, die, Reinheit und Kraft des Blutes nicht zu gefährden einerseits, andererseits der allgemeine sittliche Grundsatz der Selbstzucht, der für das ganze Leben des Germanen gilt. Darum wird Keuschheit als Lebenshaltung auch in Germanien gefordert. Aber sie ist ein eigener Wert neben der Ehre, ein Besitz, dessen Verlust den Wert der Frau unter Umständen mindern kann, der aber nicht ohne weiteres einem Verlust ihrer Ehre gleichkam. Wem wäre es eingefallen, eine Thordis Surstochter für ehrlos zu schelten! Das Urteil der germanischen Gemeinschaft ist nicht so dogmatisch gebunden, sondern richtet sich auch da nach den jeweiligen Umständen.

Auch die Rechtshücher sprechen dafür, die die Beischlafbußen erst dann einstellen, wenn eine Frau sich mit dem vierten oder fünften Manne eingelassen hat, ihre innere Haltlosigkeit also bewiesen ist. In die gleiche Richtung deutet auch der Umstand, daß die Jungfräulichkeit in alter Zeit als Ideal nie bestanden hat, ja, kaum ein Begriff gewesen sein kann, denn es fehlt das Wort dafür. Das hängt natürlich damit zusammen, daß man die Aufgabe und das Ideal eines erfüllten Frauenlebens in der Mutterschaft erblickte. — Nach allem ist wohl klar, daß die Keuschheit den unreifen Menschen einer unter anderen bedingten Lebenswerten in Germanien ist, Ehre aber das höchste Lebensgesetz.

Keuschheit ist aber nicht Frauenehre. Diese Verengung, die Folge einer fremden, germanisches Frauentum verletzenden Wertung, eröffnet erschütternde Ausblicke in jene Prügelehen, denen wir vom Mittelalter an auf Schritt und Tritt in den Quellen begegnen, eröffnet aber auch Verständnis für die Verfallserscheinungen. die das Frauenleben der modernen Zeit zeigt. Denn was bleibt der Frau, nachdem man ihre Persönlichkeit von vornherein entwertet, sie von vornherein als Urheberin der Sünde, als sstoff- und fleischgebundene Verkörperung des schlechten Prinzips, dem geistigen besseren männlichen Pol entgegenstellt! Was bleibt ihr, wenn man sie obendrein noch aus dem festen Ruhmen des Sippenverbandes löst und nun auf ihr sündenbeladenes, schuldbelastetes Ich stellt bzw. sie dem Manne als ihrem „Herrn“ versklavt! Wo bleiben ihr Selbstbewußtsein, ihre Freiheit und Verantwortung, diese ersten Voraussetzungen aller Sittlichkeit!

Aher das „Er soll dein Herr sein“ bedeutet nicht nur die Zerstörung aller germanischen Frauengeltung, die Vernichtung jeder Möglichkeit ihrer selbständigen Mitarbeit an der Gestaltung der Volksgemeinschaft und insofern auch krankhafte Zerrüttung der Gemeinschaft, als die Frau der andere Bestandteil ist, aus dem sie sich zusammsetzt, sondern bedeutet eigentlich auch, daß der Mann sich das Monopol der Gesittung anmaßt, sozusagen Herr der Sittlichkeit wird. Tatsächlich wird er dann auch in den Fragen der Gesittung, der Moral. Ethik oder wie man es sonst nennen mag, maßgebend, der sie nach niedergcschriebenen dogmatischen Grundsätzen „lehrt“. Nachdem man der Frau die Sicherheit ihres Gefühls für Recht und Unrecht genommen, sie von ihrer Minderwertigkeit mehr oder weniger überzeugt und die ihr mit dem Blute gegebene Sittlichkeit als schlecht bezeichnet hat, konnte es natürlich nicht mehr allzu schwer sein, sie gerade in Gesittungfragen auszuschalten.

Margarete Schaperer-Haeckel

Siehe auch:
Die Ehre der germanischen Frau
Ehre ist das gemeinsame Ideal von Frau und Mann
Im Muttertum liegt die höchste Ehre der Frau
Ebenbürtigkeit in der germanischen Ehe
Leitgedanken