Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika

Sta. Cruz de la Sierra
(Das Herz von Südamerika)

Wir reiten ein in Sta. Cruz de la Sierra, in die Hauptstadt der Ebene. So weit weg, so weit außerhalb guter Verbindungen, wie diese Stadt, gibt es wohl keinen größeren Ort in ganz Amerika. Wo die Anden ihre letzten Ausläufer gegen das riesige Tiefland im Osten senden, dort liegt sie. — Ganz in ihrer Nähe fließt der Rio Piray vorbei, einer von den südlichsten Zuflüssen des Amazonenstromes.

Sta. Cruz de la Sierra wurde in seiner jetzigen Lage im Jahre 1595 gegründet. Die Stadt hat 14000 Einwohner, 9000 Frauen und 5000 Männer. Die Bevölkerung, auch in den unteren Klassen, wirkt mehr spanisch als in den Bergstädten in Bolivien, wo das indianische Element überwiegt. Es herrscht ein gewisser Gegensatz zwischen den Einwohnern von Sta. Cruz, den Cruzenos, und den Collas1, den Bergbewohnern. Die ersteren sind faul, fröhlich, leichtsinnig, ironisch, oberflächlich, offen, herzlich, freigebig und gastfreundlich. Die letzteren dagegen sind fleißig, verschlossen, sparsam, gutherzig, zuverlässig und argwöhnisch. Die Cruzenos sprechen mit einer gewissen Verachtung über die Collas. Sie treiben beständig Scherz mit ihnen. Es gibt viele Geschichten von den Scherzen der Cruzenos mit den Bergbewohnern.

1Schimpfname für die Bergbewohner von Bolivien.

Es war einmal ein Cruzeno, der wollte ein paar Collas, die die Straße daherkamen, zum besten haben. Der Cruzeno legte sich an der Straße hin und stellte sich tot. Als die Collas ihn sahen, sagten sie: „Ach, der arme Mann ist hier einsam gelegen und gestorben und nun bekommt er kein ordentliches Begräbnis.“ Die guten Leute machten eine Bahre, legten den „toten“ Cruzeno darauf und banden ihn fest, und so nahmen sie ihn mit. Als sie ein Stück gegangen waren, kamen sie an einen Fluß, der sehr schwer zu durchwaten war. Sie versuchten, mit der Bahre hinüberzukommen, konnten aber die Furt nicht finden. Zaudernd standen sie mitten in dem brausenden Flusse und konnten nicht vorwärts kommen, da erhob der „Tote“ seine Stimme und sagte dumpf: „Als ich noch lebte, war die Furt weiter unten.“ Die erschrockenen Collas ließen die Bahre fallen, die der Strom mit sich riß. Von dem Cruzeno hat man keine Spur mehr gefunden.

Der Cruzeno liebt ein lustiges Leben. Hat er tausend Pesos in den Kautschukwäldern verdient, so reist er in seine geliebte Vaterstadt, verschafft sich Mädchen, Champagner, Wein, Maisbier und eine kleine Musikkapelle, und dann fliegt das Geld viel, viel schneller davon, als er es verdient hat. Eines Tages im Juli 1909 wurde die Entscheidung der argentinischen Regierung in dem Grenzstreit mit Peru bekannt. Daraus entstand ein unerhörter Aufruhr in ganz Bolivien. Das Haus der argentinischen Gesandtschaft in La Paz bewarf man mit Steinen und schrie nach Krieg.

Auch nach Sta. Cruz de la Sierra kam eine Schlagwelle der nationalen Erbitterung. Die Cruzenos erledigten die Angelegenheit auf ihre Weise. Sie rissen das Schild von dem argentinischen Konsulat herab, obgleich der Konsul, ein Deutscher, sie bat, es rücksichtsvoll zu behandeln. „Denn es ist sehr teuer“, setzte er hinzu. Man hielt Reden, man demonstrierte, man brüllte: „Viva Bolivia! AbajoPeru! Abajo Argentina!“ Man trank Champagner und Maisbier. Es war ein Fest. Es war so lustig, so schrecklich lustig. Das war etwas Neues, eine kleine Abwechslung in dem eintönigen Leben. Sehr großen Einfluß in Sta. Cruz haben die Deutschen. Der Handel liegt zum großen Teil in ihren Händen. Die eingeborenen Handelsleute können mit ihnen nicht konkurrieren. Es ist nicht ganz grundlos, wenn diese Ausländer verhaßt sind. Man sieht wohl ein, daß sie tüchtig sind, aber man kann sie nicht leiden. Ein Kreole sagte einmal zu mir: „Zuerst wohnten die Indianer am Marktplatze. Dann kamen wir, und die Indianer mußten in die äußeren Stadtteile übersiedeln. Darnach kamen die Deutschen, und wir mußten das Schicksal der Indianer teilen.“

Sta. Cruz de la Sierra ist so gebaut wie fast alle Städte in Südamerika. Die Straßen schneiden einander in rechtem Winkel; mitten in der Stadt liegt der Marktplatz, „plaza“ genannt. Da die Straßen während der Regenzeit häufig überschwemmt sind, hat man Pfähle in den Boden geschlagen, auf denen man sie trockenen Fußes überschreiten kann. Bauten von größerer architektonischer Schönheit gibt es kaum. Ein oder das andere alte, anspruchslose Haus kann aber doch recht malerisch sein. Im Inneren scheinen die Häuser ganz geräumig zu sein, aber man hat kein Verständnis für Komfort. Das ist charakteristisch für ganz Südamerika. Der Kreole kümmert sich sehr wenig um häusliche Bequemlichkeit. Nicht selten fehlen sogar Einrichtungen für die dringendsten Bedürfnisse. Ein Grammophon dagegen gehört zu den notwendigen Gegenständen eines besseren Hauses in Sta. Cruz. Der Fremde kann sich selten beklagen, daß er von den Cruzenos betrogen wird. Sie sind außerordentlich gastfrei und fragen nicht viel darnach, ob der zugezogene Europäer ein Abenteurer ist oder nicht. Hauptsache, daß er gemütlich und froh ist; wer er sonst ist, darum kümmert man sich nicht. Unterklasse und Mittelklasse sind ziemlich bigott; jedoch auch dies auf ihre Weise. Denn auch die Heiligen faßt man ein wenig von der heiteren Seite auf. Daß San Antonio die entlaufenen Maulesel suchen soll und, wenn cs ihm nicht gelingt, kopfüber in einen Mörser gesteckt wird, das hält er noch für erträglich, aber wenn ihm die frohen Mädchen eine Kerze opfern, auf daß er ihnen einen Liebsten schaffe für die Nacht, so denkt er wohl, das geht denn doch zu weit. San Antonio di Padova kann Sünden übersehen, nur darf man nicht gegen die alleinseligmachende Kirche sündigen. Er weiß ganz gut, daß die hiesigen eingeborenen Diener der Kirche oft eine schöne Haushälterin haben. Wenn die Hirten Wein und Mädchen lieben, — was kann man dann von den Schafen verlangen.

Man sieht nicht selten Indianer in Sta. Cruz. Guarayü von den Missionen der Franziskaner und Churäpa von Buenavista kommen dorthin, früher kamen auch zahlreiche Chane und Chiriguano. Manchmal, wenn sie betrunken waren, fing man sie ein und verkaufte sie in die Kautschukwälder, deshalb fürchten sie jetzt Sta. Cruz. Auch Weiße hat man in die Kautschukwälder verkauft. Man erzählt von einem Gouverneur, der einmal den ganzen Inhalt des Gefängnisses von Sta. Cruz an einige Kautschukpatrone verkaufte. Das war zwar rücksichtslos, aber vielleicht nicht so schlecht für die Gefangenen. Manche Cruzenos haben eine sonderbareArt, Geld zu verdienen. Gegen billige Entlohnung mieten sie in Sta. Cruz Diener, reisen dann mit ihnen zum Rio Beni und vermieten sie dort gegen große Taggelder. Es kommt auch häufig vor, daß rücksichtslose Werber an junge Leute größere Geldsummen leihen, die diese nicht zurückzahlen können. Dann müssen sie ihr Heim verlassen und in die Kautschukwälder reisen, wo sie einem dunklen Schicksal entgegengehen. Sta. Cruz de la Sierra ist eine Stadt mit einer großen Zukunft. Sie liegt in einer Gegend mit großen Entwicklungsmöglichkeiten. Eine wirkliche Bedeutung aber bekommt Sta. Cruz erst dann, wenn die Eisenbahn von Argentinien über Yacuiba dahin gebaut wird und andere Linien zum Rio Paraguay, nach Cochabamba und nach Las Juntas am Rio Grande gelegt werden. Sta. Cruz wird dann der Stützpunkt für die Entwicklung eines riesigen Gebietes im Inneren von Südamerika, das jetzt nur eine spärliche Bevölkerung besitzt und zum großen Teil unerforscht ist.

In diesen wenigen Zeilen habe ich das Charakteristische der Cruzenos und der Weißen, die Nordostbolivien eroberten und bewohnen, zu zeichnen versucht. Neben den Missionaren haben diese Menschen die „Zivilisation“ unter den Indianern verbreitet. Auch unter den Cruzenos gibt es ernste, tüchtige Leute, aber sie sind selten. Ein sehr gewöhnlicher Zug an ihnen, den ich nicht hervorhob, ist die Grausamkeit, ihr Raubbau mit den Menschen, die Indianer heißen, und ihr Unvermögen, an dieZukunft des Landes zu denken, das sie bewohnen. Wein, Weiber und Witze sind der Lebensinhalt des Cruzeno. Dazu braucht man Gold; aus den Indianern wurde es herausgepreßt. Die Cruzenos haben die freien Männer des Urwaldes zu Schuldsklaven gemacht, die Indianerinnen zu Kebsweibern.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata