Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata

Wir sind über das große Wasser nach Buenos Aires und auf der Eisenbahn nach Nordargentinien gefahren. Auf dem Rücken des Maulesels ritten wir durch die Wildnis des Chaco. Nun geht es weiter nach Norden.

Im Oktober 1908 reite ich mit meinen zwei schwedischen Begleitern über den Rio Grande, den südlichsten Nebenfluß des Amazonenstromes. Wir folgen dem Wege, der längs der letzten Ausläufer der Anden von Argentinien nach Sta. Cruz de la Sierra führt. Bei Florida, das von der Blumenpracht der Büsche und Bäume seinen Namen bekommen hat, verlassen wir die große Landstraße und kommen auf elende, lebensgefährliche Gebirgssteige. Wir reiten durch Hohlwege und über Bergkämme. Der skulptierte Berg bei Samaipata lockt mich. Dort sollen die sonderbarsten Figuren in Fels gehauen sein, und man sagt, daß große Schätze in dem Inneren des Berges verborgen liegen. Da gibt es ein tiefes Loch, „una boca de mina“, in welches sich keiner hineinwagt, denn ein Frosch mit feurigen Augen, so groß wie Teller, bewacht den Schatz. Ein kleiner Knabe hat auf dem Berge bei Samaipata kleine Llama-tiere aus Gold gefunden. Ein Ausländer war hier, aber niemand weiß genau, wieviel Gold er fand. Vielleicht hat er die versteckten Schätze gefunden, diese „gringos“1 wissen ja soviel mehr als andere. Noch immer träumen die Nachkommen Pizarros und Almagros von vergrabenen Schätzen, „tapados“. Wie oft bekam ich diese Erzählungen zu hören, wenn die Mestizen abends um das Lagerfeuer saßen; lodernde Flammen hatten sie gesehen, wo die Schätze vergraben waren; während der Nacht schlichen sie an Ort und Stelle, begannen zu graben, aber Gespenster erschienen und erschreckten sie, so daß sie nicht wagten, tief genug zu graben. Diese Geschichten von Urnen und Schätzen haben mich nicht selten zu archäologischen Entdeckungen geführt. In den Urnen aber, die die Schatzgräber fanden, war kein Gold gewesen, sondern nur Knochen hatte man gefunden, denn es waren alte indianische Graburnen.

1 Verächtliche Bezeichnung- für Ausländer.

Vierhundert Jahre lang haben die Spanier und ihre Nachkommen nach Gold, Gruben, Chinarinde und Kautschukwäldern gesucht. Man trieb Raubbau mit der Natur und den Indianern, die überall für die goldhungrigen Weißen arbeiten mußten. Die Gier nach schnellem Verdienst ohne Gedanken an die Zukunft wurde das Unglück dieser Gegenden. Die Landschaft zwischen Florida und Samaipata ist ein wildes, herrliches, zerklüftetes Bergland, nur spärlich bewohnt von Mestizen. In vergangenen Tagen streiften hier Einsammler von Chinarinde umher, aber das lohnt sich nicht mehr. Den Chinabaum hat man ausgerottet und keine anderen dafür gepflanzt, das war Raubbau. Hier wohnen keine Indianer, aber in der Nähe von Samaipata sind die kultivierbaren Plätze größer und die Bevölkerung recht zahlreich. Sie macht zwar einen rein spanischen Eindruck, dürfte aber doch mit Quichuaindianern vermengt sein. Nicht weit von Samaipata beginnt die Quichuagegend, die sich über einen großen Teil des Berglandes von Ostbolivia ausbreitet. Der skulptierte Berg bei Samaipata wird „el fuerte del Inca“ genannt, „Festung der Inka“. Ganz sicher ist hier nie eine Festung gewesen. Der erste, der von dem Berge spricht, ist d’Orbigny. Er ist der Meinung, daß man dort Gold gewaschen habe. Dies ist jedoch nicht möglich ; der Berg bei Samaipata kann keine praktische Verwendung gehabt haben.

Der skulptierte Berg ist eine große, flache Kuppe aus losem, rotem Sandstein, in dessen etwa 1000 qm messende Oberfläche zahlreiche Reihen von Nischen gehauen sind, die aus der Entfernung wie Fenster und Türen aussehen. Schatzgräber haben versucht, mit Sprengschüssen die Türen zu öffnen, aber keinem gelang es, „den richtigen Eingang“ in das Innere des Berges zu finden, wo die Schätze verborgen liegen. Sonst ist der ganze Berg mit eigentümlichen Figuren, Sitzen, Treppen, Bassins u. a. übersäet. Einige der auffallendsten sind hier (Tafel I—V) abgebildet. In einiger Entfernung von den Figuren findet sich das erwähnte Loch. Wirseilen Moberg ab, der eine kleine Schlange als einzigen Verteidiger vorfindet. Das Loch ist 15 m tief und 1—3 m breit.

Eine Woche lang bleiben wir auf dem Berge, um zu photographieren und nach Grab- und Wohnplätzen zu suchen. Um den Berg herum liegen bebaute Kulturterrassen. Da gibt es auch schlecht erhaltene Grundmauern von einigen kleinen Gebäuden. Gräber finden wir nicht, dagegen machen wir eine Anzahl loser Funde. Nebenbei kaufen wir etliche Gegenstände, die von Mestizen und ihren Kindern auf den Feldern gefunden sind, die um den Berg herum liegen. Es sind nicht viele Sachen, aber sie sind interessant, weil sie der bolivianisch-peruanischen Bergkultur angehören. Da gibt es eine bronzene T-förmige Axt, ein Stück von einer Schalnadel, „topu“, aus Silber, Schleudersteine und einen steinernen Morgenstern. Derartige für die Bergkultur charakteristische Gegenstände findet man im Tiefland nicht. Auf dem Berge bei Samaipata hat man, wie erwähnt, auch Llamas aus Gold gefunden.

Der skulptierte Berg bei Samaipata scheint der äußerste Vorposten der Bergkultur, „Inkakultur“, gegen die Urwälder gewesen zu sein. Die Figuren, Sitze und Nischen erinnern vollständig an ähnliche Berge in der Gegend von Cuzco in Peru, wovon uns Uhle eine wertvolle Beschreibung gegeben hat1. Seiner Meinung nach dienten sie zur Verehrung der Vorfahren. Die Rinnen und Bassins waren nach Uhle dazu da, um Speise und Trank zu opfern. So hat man also den Berg nicht für irgendwelche praktische Zwecke behauen, sondern für religiöse Zeremonien. Was den Samaipataberg so interessant macht, ist, daß er so weit von ähnlichen Denkmälern entfernt liegt, an der Grenze der großen Ebene im Osten, an der Grenze des Urwaldes. Wenn wir nun durch dieUrwälder des Tieflandes und die Flüsse entlang weiterziehen, so finden wir, daß die dortigen Menschen außerhalb des Einflusses der mächtigen Inkakultur lebten. Wie eine Mauer haben die Urwälder am Ostfuße der Anden die Bewohner der Hochebene und der Gebirgstäler von den schiffbaren Flüssen getrennt. Andere Natur, andere Menschen.

In Samaipata hat man Knochen von einem sehr großen Riesenfaultier, Megatherium, gefunden. Ich erwähne dies deshalb, weil es sich vielleicht für jemand lohnen kann, der Spur zu folgen. Unter Sturzregen verließen wir Samaipata auf dem einzigen Wege, der aus dem Inneren Boliviens nach Sta. Cruz de la Sierra führt. Pfui! so ein schlüpfriger, erbärmlicherSteig. Die Bäche waren zu brausenden Flüssen angeschwollen, und wir konnten nur mit größter Schwierigkeit oder gar nicht hinüberkommen. Moberg und Andersson reiten in jugendlichem Übermut in die Furt hinein und halten mich, den Vorsichtigen, für einen Feigling. Aber sie bekommen sehr bald eine nützliche Lehre in südamerikanischem Flußübergang. Andersson reitet ungeniert zwischen Steinblöcken in einen tosenden, kleinen Strom, bis der Maulesel nicht mehr kann und stürzt. Dem Manne gelingt es jedoch nach einem ordentlichen Bad ans Land zu krabbeln, aber der Maulesel wird ein ziemliches Stück mitgerissen, ehe er wieder Land unter die Füße bekommt. Am schlimmsten war das für die Satteltasche, denn von ihr und ihrem Inhalt ist nicht viel übrig. Das ist sehr ärgerlich, denn sic enthielt viele Topfscherben von Samaipata, verschiedenes Apothekerzeug, Revolver u. a., lauter Dinge, die für uns unentbehrlich und kostbar sind. Die Geister der Toten vom Samaipatabergc haben sich gerächt, würden die Indianer und Mestizen sagen.

Stückweise ist der Weg so schlecht, daß sich die Maulesel nur mit größter Mühe durcharbeiten können, und doch ist dieser Weg viel benützt. Ständig begegnen wir langen Karawanen, die von Sta. Cruz kommen. Unter den Lasttieren gibt es Maulesel, aber noch mehr davon sind Esel und viele von den I reibern sind Quichuaindianer von Cochabamba. Dieser Weg zwischen Cochabaipba und Sta. Cruz de la Sierra macht einen gewaltigen Bogen. Ein Berggebiet, das mit Urwald bedeckt ist und dessen Flüsse nicht schiffbar sind, ist äußerst schwer zu erforschen. Das ist die Ursache, warum es hier zwischen den Städten Cochabamba und Sta. Cruz de la Sierra, die schon im sechzehnten Jahrhundert angelegt wurden, so bedeutende Wald- und Gebirgsstrecken gibt, die nur wenig oder gar nicht erforscht sind. Ein Spanier namens Espana, versuchte vor einigen Jahren zwischen diesen bedeutenden Städten einen direkten Weg quer durch den Urwald anzulegen. Er hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen; schließlich wurde er von seinen eigenen Leuten ermordet. Das Gebirge in Bolivia wird, außer von den weißen Herren, von Quichua- und Aymaraindianern bewohnt. Auf dieser Reise habe ich keine von ihnen als Kolonisten oder Arbeiter im Tiefland oder Urwald gesehen. Nachdem wir den Kontakt mit der Bergkultur gesucht hatten, verließen wir wieder das Gebirge und kamen in die Ebene von Sta. Cruz, wo die zahlreichen Fiederpalmen und Massen von Korbarbeiten in den Hütten der Mestizen davon Zeugnis geben, daß wir El Gran Chaco hinter uns gelassen haben und uns an der Grenze der üppigen Urwälder von Nordostbolivien befinden. Die Menschen dieser Gegenden werde ich hier schildern.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)

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