Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz

Die Grenze von Sta. Cruz
(Eine natürliche Kulturgrenze)

Als ich in meinem Buche „Indianerleben“ die Indianerstämme in El Gran Chaco schilderte, und die, welche dem Flußgebiete des Rio Mamore angehören, für ein anderes Buch aufsparte, geschah das nicht willkürlich. Denn in der Ebene Ostboliviens, ungefähr bei Sta. Cruz de la Sierra, treffen wir auf eine scharfe, natürliche Grenze zwischen dem trockenen Chaco im Süden und den wasser- und vegetationsreichen Gegenden im Norden. Über die anthropogeographische Bedeutung des Gegensatzes zwischen Gebirgs- und Tieflandklima, Pflanzen- und Tierwelt habe ich mehrfach geschrieben. Dieser Gegensatz ist besonders scharf, wenn wir von Cuzco nach Sta. Cruz de la Sierra den Anden folgen, an deren Fuß üppige, schwerdurchdringliche Urwälder liegen. Südlich der genannten Stadt dagegen, wo die Berghänge nicht von ähnlichen riesigen Wäldern bedeckt sind,, ist dieser Gegensatz weniger bedeutend. Die anthropogeographische Bedeutung der Sta.-Cruz-Grenze habe ich jedoch vorher nicht betont oder betont gefunden, weshalb ich hier näher darauf eingehen will. Sie ist eine pflanzengeographische Grenze und wurde als solche von Herzog studiert. So fehlen südlich von Sta. Cruz, südlich des achtzehnten Breitegrades mehrere wildwachsende Pflanzen, die für die Indianer eine außerordentliche Bedeutung haben. Bevor wir weiterziehen, dürfte es daher für den Leser von Interesse sein, die wichtigsten dieser Pflanzen zu erwähnen.

Da gibt es z. B. nördlich der Sta.-Cruz-Grenze mehrere Baumarten, Ficusarten u. a., deren Rinde die Indianer zu Stoffen ausklopfen. Diese Bäume wachsen dagegen nicht südlich der Grenze. Man sieht dort nie Rindenstoffe. Nördlich der genannten Grenze verwenden alle Indianerstämme in Nordostbolivien, die Siriono ausgenommen, Rindenstoffe zu Kleidern u. a. Eine Folge davon ist, daß die Webekunst bei mehreren dieser Stämme nur wenig entwickelt ist. Eine für die Indianer außerordentlich wichtige Pflanze ist das Pfeilgras, „chuchio“. Ihr Blumenstengel wird als Pfeilschaft verwendet und liefert gerade, schöne Pfeile. Nördlich der Sta.-Cruz-Grenze verwenden alle Indianer der bolivianischen Ebene, ausgenommen die Itene am Rio Guapore, chuchio als Pfeile, während die südlich dieser Grenze wohnenden Indianer ihre Pfeile gewöhnlich aus dem Stamme von Arundo Donax verfertigen. Vergleicht man Pfeile aus diesem Schilfe mit solchen aus chuchio, so wird man finden, daß die letzteren immer mit größerer Sorgfalt ausgeführt sind. Das schöne Material verlockt zur Ausschmückung, zu sorgfältiger Arbeit. Die Itene verwenden die dünnen Zweige einer Bambusart. Aus den Blattscheiden des chuchio verfertigen alle nichtzivilisierten Stämme, die ich in Bolivia nördlich von Sta. Cruz kennenlernte, außer den Siriono, viereckige Körbe (Abb. 26). Die Männer verwenden sie zum Aufbewahren der Federn u. dgl. Diese Korbtype fehlt vollständig südlich der Sta.-Cruz-Grenze. Der Stamm des chuchio eignet sich dank seiner großen Zähigkeit ausgezeichnet als Kanustange. Besonders verwendet man diese „Grashalme“ bei Stromschnellen, wo man fortwährend einem kräftigen Anprall standhalten muß.

Manchmal benützt man ganze Chuchiopflanzen als Hausbaumaterial. Nördlich der Sta.-Cruz-Grenze kommen viele Arten von Palmen mit gefiederten Blättern vor. Mehrere von diesen, besonders die „motacü“, eignen sich als Material zum Korbflechten. Wir finden nördlich der Sta.-Cruz-Grenze mehrere Typen von leichtgeflochtenen Körben, die südlich dieser Grenze, wo es keine Fiederpalmen gibt, fehlen. Südlich der Sta.-Cruz-Grenze fehlen auch die aus Palmblättern geflochtenen Sitzmatten. Als ich 1909 wieder nach Süden in den Chaco wanderte, hatte ich Guarayüindianer bei mir. Südlich der Sta.-Cruz-Grenze konnten sie sich keine Tragkörbe der gewohnten Art anfertigen, da die Fiederpalmblätter fehlten.

Der Fischfang mit Gift ist im Chaco unbekannt; denn südlich der Sta.-Cruz-Grenze wachsen weder „barbasco“ noch „ochohó“, die beiden Pflanzen, die die Indianer für diese Art Fischfang verwenden. Die Bogen der Indianer nördlich der Sta.-Cruz-Grenze sind aus „chonta“4; auch diese Palme hat hier ihre Südgrenze. Außer diesen gibt es mehrere Gewächse von geringerer Bedeutung für die Indianer, die man südlich der Sta.-Cruz-Grenze nicht antrifft. So pflanzen die dortigen Indianer keine Bananen, die nur von den Weißen an einigen Stellen kultiviert werden. Wir sehen also, daß mehrere Pflanzen, die für die Indianer nördlich der Sta.-Cruz-Grenze zur Herstellung von Kleidern, Gerätschaften, Waffen u. a. äußerst wichtig sind, südlich dieser Grenze fehlen.

Ebenso gibt es mehrere, für die Indianer wichtige, wilde Pflanzen, die zwar südlich der Sta.-Cruz-Grenze, aber nicht nördlich davon Vorkommen. Die bedeutendste dieser Pflanzen ist „caraguata5“. Man verwendet sie zu Tauen, Stricken, Netzen, Hemden, Speisebürsten u. a. Von besonders großer Bedeutung ist sie für alle Chacostämme der Mataco- und Guaycurugruppen. Für die Chiriguano und Chane ist sie weniger wichtig. Südlich der Sta.-Cruz-Grenze gibt es auch mehrere wilde Gewächse, deren Früchte im Haushalt der Indianer eine große Rolle spielen. Diese sind: „algarobo“, „tusca“, „chanar“ und „mistol“. Infolge dieser überall vorkommenden, fruchtreichen Pflanzen ist der Ackerbau bei etlichen Chacostämmen nur wenig entwickelt.

Von den wichtigeren wildlebenden Tieren fehlen die schönen Arara-Papageien südlich der Sta.-Cruz-Grenze, während die Strauße nördlich davon selten sind. In den Urwäldern fehlen diese gänzlich. Den schönsten Schmuck der Indianer südlich der genannten Grenze bilden die Straußfedern, nördlich davon die Federn des Arara. Mehrere von den Haustieren des weißen Mannes haben eine große Bedeutung für einige Stämme gewonnen. So haben die Indianer im Chaco allgemein Schafe, die für sie eine besondere Rolle spielen, da die Weiber aus der Wolle Decken, Bänder, Taschen u. a. verfertigen. In den feuchtwarmen Gegenden nördlich der Sta.-Cruz-Grenze hat die Schafzucht keinen Erfolg, weshalb die dortigen Indianer keine Schafe haben.

Die Temperaturverhältnisse im Gebirge und in der Ebene sind natürlich sehr verschieden voneinander. Eine scharfe Temperaturgrenze finden wir jedoch nicht. Wegen des kälteren Klimas in Südbolivien aber müssen die Indianer dort dickere Kleider tragen. Nach Süden zu verschwindet die Hängematte oder verliert an Bedeutung. Die kalten Nächte in Südbolivien verleiten nicht zum Schlafen in der Hängematte. Während man in dem trockenen Chaco Felle u. dgl., wenn auch mit Schwierigkeit, aufbewahren kann, so ist das beinahe unmöglich in den feuchtwarmen Urwäldern nördlich der Sta.-Cruz-Grenze. Säcke, Sitzmatten, Kleidungsstücke u. a. aus Fellen, die bei den Chacostämmen so gewöhnlich sind, kommen hier nicht vor und werden durch anderes Material ersetzt.

Südlich von Sta. Cruz sind die Flüsse nur wenig schiffbar; die dortigen Indianer haben keine Fahrzeuge. Nordostbolivien dagegen wird von zahlreichen schiffbaren Flüssen durchquert. Längs dieser Flüsse haben die Weißen das Land erforscht; die Mehrzahl von ihnen lebt auch an den Flüssen. Sicher haben auch die Indianer auf die gleiche Weise dieses Gebiet bevölkert. Charakteristisch genug, scheint nur die Verbreitung der Siriono-indianer, die eine Art Urbevölkerung darstellen, von den Flüssen unabhängig zu sein. Wir haben gesehen, daß die bolivianische Ebene durch eine natürliche Grenze in zwei anthropogeographische Gebiete geteilt wird. Wir können also in Bolivien von wenigstens drei natürlichen Kulturprovinzen sprechen:

1. Die Anden und ihre Hochebene.

2. Das Tiefland nördlich des siebzehnten und achtzehnten Breitegrades (der Sta.-Cruz-Grenze).

3. Das Tiefland südlich des siebzehnten und achtzehnten Breitegrades.

Jede Gegend bietet natürlich lokale Eigenheiten, denen sich der Mensch anzupassen suchte. Bisweilen sind sie so groß, daß sie für ihn eine bedeutende Rolle spielen, daß sie ihn zwangen, neue Geräte u. dgl. zu erfinden. Für Mojos, einen Teil des Gebietes, das wir nun bereisen werden, ist das vollständige Fehlen von Stein besonders charakteristisch. In dem steinarmen Mojos hat man in früheren Tagen die Pfeilspitzen mit Topfscherben geschliffen, und gemahlen hat man in Tonschüsseln mit Walzen aus gebranntem Ton. D’Orbigny erzählt, daß er einmal mit Indianern von Mojos ins Gebirge kam. Als sie die ersten Steine sahen, sammelten sie diese mit Begeisterung, als ob sie große Kostbarkeiten gefunden hätten. Schließlich sahen sie allerdings ein, daß sie die Steinriesen der Anden nicht wegtragen könnten. Gibbon2 sagt, daß man in Trinidad, dem Hauptorte des steinarmen Mojos, auf dem* Markte Steine verkauft habe, die aus dem Lande der Yuracäreindianer kamen.

Es ist wichtig, daß die natürlichen anthropogeographischen Kulturgrenzen von ganz Südamerika bekannt werden. Von besonderer Bedeutung ist es, solche Grenzen wie die Sta.-Cruz-Grenze zu kennen, wo so viele für die Indianer wichtige Pflanzen ihre Nord- oder Südgrenze haben, so daß die materielle Kultur zu beiden Seiten sehr verschieden ist.

Wenn wir Kulturgrenzen studieren und Unterschiede in der Kultur der Stämme beobachten, so müßten wir zuerst Zusehen, wie weit diese von der umgebenden Natur verursacht sind. Wenn wir diese notwendigen Unterschiede kennen, können wir leichter die Gegensätze studieren, deren Ursache in dem verschiedenen Entwicklungsgrad der Stämme und in fremden Kultureinflüssen liegt. Wir verlassen jetzt Sta. Cruz de la Sierra, um die zweite der genannten Kulturprovinzen zu durchstreifen. In meinem Buche „Indianerleben“ schilderte ich die dritte.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika

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    10. Januar 2016

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